"Frankreichs Scheitern" oder Scheitern der EU?
9 Jahre Krieg: Macron hat von Mali die Nase voll
đ·Unter der Ăberschrift "Frankreichs Scheitern" berichtet der Spiegel ĂŒber eine beginnende "Neueausrichtung" der französischen MilitĂ€rpolitik in der Mitte Afrikas. "... PrĂ€sident Emmanuel Macron [hat] am Donnerstag letzter Woche angekĂŒndigt, die MilitĂ€roperation "Barkhane" zu beenden und den GroĂteil der französischen Soldaten aus der Sahelzone abzuziehen."
Grund dafĂŒr sind nicht nur die Rufe und Schilder mit den Worten "Frankreich raus", "Stoppt den Völkermord durch Frankreich in Mali" oder "Tod Frankreichs und seiner VerbĂŒndeten", sondern auch der 2-malige Regierungswechsel innerhalb eines Jahres durch putschende MilitĂ€rs im Land. Nicht nur den Menschen im Land erscheinen Frankreich und seine VerbĂŒndeten als BĂŒttel der einheimischen MilitĂ€es, die sich an der meist militĂ€rischen Entwicklungshilfe laben.
Mitgefangen - mitgehangen ...
Und wie vor 2 Monaten in Afghanistan hat es erneut Deutschland erwischt, denn die Bundeswehr ist in der Sahelzone mit zwei MilitĂ€reinsĂ€tzen beteiligt, den Einsatz im Mali mit 1000 Soldaten, und hat auch diesen Einsatz erst zum Jahresanfang verlĂ€ngert ohne ĂŒber die Konsequenzen nachzudenken.
Nach dem völlig unkoordinierten RĂŒckzug aus Aufghanistan - der nach 20 Jahren Krieg natĂŒrlich viel zu spĂ€t kommt - wird wohl auch der Ruf der Bundeswehr in der Mitte Afrikas ruiniert sein. Die Abgeordneten im Bundestags sollten zukĂŒnftig ganuer hinschauen, was fĂŒr EinsĂ€tze der Bundeswehr sie mandatiert und vor allem zu welchem Zweck ...
Sicherheit fĂŒr wen gegen wen?
Die EinsĂ€tze in der Sahelzone wurden als "Anti-Terror-Krieg" bezeichnet, Frankreich ist dort seit 2012 mit inzwischen ĂŒber 5000 Soldaten im Land. Angeblich wĂŒrden dschihadistische Milizen aus dem Norden die lokale Ordnung zerstören, in Wirklichkeit gibt es in weiten Teilen ĂŒberhaupt keine staatliche Ordnung - und wenn, dann erscheint sie nur in Form von verhassten Statthaltern und Steuereintriebern des fernen Bamako. Schulen und das Gesundheitswesen existieren praktisch nicht oder nur auf Basis von Entwicklungshilfe.
Die französischen (und auch die deutschen) MilitÀrs treten nur in Verbindung mit dem einheimischen MilitÀr auf oder sind durch ihre plötzlichen LuftschlÀge prÀsent. Einer dieser Angriffe am 3. Januar diesen Jahres wird den Menschen vor Ort in Erinnerung bleiben, so wie der Angrif durch den deutschen Oberst Klein auf 2 LKWs bei Kunduz in dessen Folge 142 Menschen starben.
Im IMI Ausdruck 3.21 lesen wir:
Am 3. Januar, fĂŒhrte die französische Luftwaffe gegen 15 Uhr Ortszeit im Zentrum Malis LuftschlĂ€ge durch, bei denen nach französischen Angaben etwa 30 Angehörige einer (nicht nĂ€her benannten) bewaffneten terroristischen Gruppe (groupes armes terroristes, GAT) getötet wurden. Der Angriff sei ĂŒber einen Kilometer auĂerhalb des Ortes Bounti erfolgt, nachdem eine Reaper-Drohne die Personengruppe ĂŒber anderthalb Stunden beobachtet habe. Daraufhin seien zwei ohnehin auf Patrouille befindliche Kampfflugzeuge des Typs Mirage angefordert worden, die drei Bomben auf die Gruppe abgeworfen hĂ€tten. Diese sei durch die Beobachtung eindeutig als GAT identifiziert worden und der Tod von Frauen und Kindern könne ausgeschlossen werden.
Von den Bewohnerinnen das Ortes hingegen wird der Vorfall gÀnzlich anders dargestellt. Demnach habe ein sehr niedrig fliegender, unidentifizierter Helikopter die Bewohner*innen angegriffen und dabei etwa 20 von ihnen, die zu einer Hochzeitsgesellschaft gehört hÀtten, getötet. Eine NGO, welche die Interessen der Volksgruppe der Peul vertritt (Jeunesse de Tabital Pulaaku), hat eine entsprechende Liste der Getöteten veröffentlicht, unter denen demnach auch der Vater des BrÀutigams ist.
Diese VorwĂŒrfe wurden auch von internationalen Medien wie der BBC und dem EU-Observer aufgegriffen und mit Aussagen namentlich genannter Dorfbewohner oder anonymisiert wiedergegebenen Personals einer Gesundheitsstation unterlegt, die sich u.a. gegenĂŒber den Agenturen Reuters, AFP und AP geĂ€uĂert hĂ€tten.
Der Guardian zitiert einen Verwundeten, der gegenĂŒber AP wohl eine dritte Version des Vorfalls geschildert hat. Demnach wĂ€ren âdie Extremisten" auf die zivilen HochzeitsgĂ€ste zugegangen und hĂ€tten diese aufgefordert, die MĂ€nner von den Frauen zu separieren. WĂ€hrend man dies umgesetzt habe, sei ein Flugzeug aufgetaucht und hĂ€tte sofort einen Angriff durchgefĂŒhrt. Danach habe er nichts mehr mitbekommen, weil er bewusstlos gewesen sei.
An der KlĂ€rung der wirklichen VorfĂ€lle sind weder die einheimischen MilitĂ€rs noch Frankreich interessiert. Jedoch haben diese und Ă€hnliche MilitĂ€raktionen die Stimmung im Land gegen die "auslĂ€ndischen Besatzer" aufgebracht, so dass nun auch die französische Regierung um Schadensbegrenzung bemĂŒht ist. Zuwider lĂ€uft Frankreich in jedem Fall der Machtkampf innerhalb des dortigen MilitĂ€rs um die politische Macht. Ein System zu stĂŒtzen, in dem sich wechselseitig irgendwelche MilitĂ€rs an die Macht putschen, macht im Land und auf der WeltbĂŒhne keine gute Figur.
Mehr dazu bei https://www.spiegel.de/ausland/sahelzone-frankreich-beendet-die-anti-terror-operation-barkhane-a-bd92e40f-5253-4952-9e6f-a6aeaaf331bf
und in Ausdruck, Magazin der Informationsstelle militarisierung e.V., MĂ€rz 2021, ISSN 1612-7366, S. 56ff
Link zu dieser Seite: https://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/7678-20210619-frankreichs-scheitern-oder-scheitern-der-eu.htm