Spass mit der Packstation
Ich bekomme eine SMS von DHL, dass meine Sendung in einer Packstation liegt und mithilfe der Kundenkarte und der Mobile TAN in der SMS jetzt abgeholt werden kann.
Leider handelt es sich um die falsche Packstation; entweder der Versender hat sich vertippt oder âmeineâ Packstation war voll, jedenfalls soll ich jetzt zwei Stadtteile entfernt mein Paket befreien, fĂŒr dessen korrekte Zustellung ich immerhin 14 EUR Porto gezahlt habe.
Da das Paket sehr schwer ist und ich kein Auto habe, miete ich mir also extra fĂŒr diesen Zweck eins. Normalerweise benutze ich fĂŒr solche FĂ€lle Car2Go, da ich den von diesem Anbieter eingesetzten Smart gerne fahre, jahrelang selbst einen hatte und mich nicht erst teuer mit seiner Bedienung vertraut machen muss (Carsharing Mietautos werden nach genutzter Minute abrechnet). Ausserdem ist die Sicht in dem Elefantenrollschuh besser als in den Minis der Konkurrenz und sie haben Automatik, das ist schon extrem komfortabel in der Stadt. â Ich habe GlĂŒck, es stehen gleich zwei Car2Go Smarts in meiner NĂ€he. Ich reserviere einen davon ĂŒber die iPhone App und habe nun 30 Minuten Zeit, um es abzuholen.
Als ich den Wagen erreiche, sehe ich, dass es sich um einen âSmartphone Onlyâ Wagen handelt â man muss ein Smartphone mit der neuesten App haben, um ihn zu leihen, zu ent- und verriegeln. Die Plastikkundenkarte braucht man dafĂŒr gar nicht mehr. Na gut, die App habe ich ja, auch wenn mir das System reichlich kurz gedacht zu sein scheint: Jetzt muss ich immer das neueste Handy mit der neuesten App haben, eine Ă€ltere Version der App tĂ€te es nicht mehr, die aktuellste Version verlangt aber nach dem neuesten Betriebssystem auf dem Smartphone ⊠mit meinem iPhone 4s unter iOS 7, das ich erst vor kurzer Zeit weitervererbt habe, wĂ€re ich jetzt dumm dran, obwohl das sonst noch völlig ausreicht fĂŒr alles, wofĂŒr man so ein Smartphone braucht.
Ich will die Entleihe starten, aber obwohl ich vor dem Auto stehe und die App lĂ€uft, findet sie das Auto nicht. Die Verbindung scheint nicht ausreichend stark zu sein. In der Statuszeile des iPhones wird zwar LTE angezeigt, ich bin jedoch de facto offline, da es der Monatsletzte ist, mein monatliches Datenvolumen von 500 MB seit ein paar Tagen verbraucht und die Leitung entsprechend gedrosselt wurde. Nur fĂŒr diesen Zweck fĂŒr knapp 5 EUR Datenvolumen nachbuchen, obwohl in wenigen Stunden der nĂ€chste Monat anbricht? Nö.
Schliesslich stĂŒrzt die Car2Go App ab und ich muss das iPhone â das zwischenzeitlich sehr, sehr heiss geworden ist â komplett ausschalten und neu starten. Nach dem Neustart findet die Car2Go App endlich den Wagen, vor dem ich stehe. Und auch der zweite freie Smart zwei ParkplĂ€tze weiter erscheint jetzt auf dem Radar. Ich klicke auf âMiete startenâ und werde gebeten, die PIN aus dem Display des Smarts einzugeben. Doch dort erscheint keine PIN.
Ich gebâs auf und starte ohne grosse Hoffnung die App der Konkurrenz. âDrive Nowâ zeigt mir einen verfĂŒgbaren Mini Countryman ganz in der NĂ€he an, den ich umgehend reserviere â es ist rush hour, ich bin mitten in der Innenstadt, die Menschen kommen aus den umliegenden BĂŒros. Ich gehe zum Fahrzeug, die App sieht es auch und ich kann es mit einem Wisch entriegeln. Ich könnte aber auch einfach die Plastikkarte an den Kartenleser im Fenster halten. Als ich im Wagen sitze, werfe ich zunĂ€chst die Klimaanlage an und justiere die Spiegel und den Sitz. Die Sicht aus den âSchiessschartenâ des Minis ist wie ĂŒblich katastrophal und ich hoffe nur, dass ich niemanden ĂŒbersehe, als ich ausparke.
Das extrem benutzerunfreundliche Navi des Minis weist mir den Weg zur Packstation, die an einer Tankstelle in einem mir völlig unbekannten (und gar nicht mal so hĂŒbschen) Stadtteil liegt. Ich parke so dicht dran, wie es geht, dann stecke ich meine Karte in das LesegerĂ€t. âKarte kann nicht gelesen werdenâ. Ich probiere es noch ein paar Mal, dann erscheint ein Hinweis, die Packstation sei defekt und man möge sich bitte an den Kundendienst der Hotline wenden.
Ich parke den Mini neben der nÀchsten U-Bahn Station und fahre mit der Bahn und ohne Paket nach Hause. Die nun noch unnötiger gewordene Miete des Mini kostet mich knapp 10 EUR und ich bin, gelinde gesagt, ein wenig verstimmt. Zuhause angekommen, recherchiere ich im Netz, ob ich die Sendung aus der falschen Packstation umleiten kann, denn noch einmal diese Odyssee auf mich nehmen und weitere 10 EUR zu investieren? Eine Umleitung geht zwar, aber angeblich nur, wenn die eigentliche Packstation weiter als 3 km weg ist von der Ersatzpackstation.
Ich werfe Google Maps an und lasse mir die Entfernung zwischen den beiden Kisten raussuchen: Wunderbar, es sind ĂŒber 5 km bei der kĂŒrzesten der drei vorgeschlagenen Routen; die lĂ€ngste gibt sogar ĂŒber 8 km an. Ich greife zum Telefon und rufe die DHL-Hotline an. Deren Nummer ist auf der DHL-Homepage sehr gut versteckt, man will ganz offensichtlich die Kunden zur Nutzung des Kontaktformulars zwingen. Ich finde sie nur via Google, auf paketda.de hat sich jemand erbarmt und mal schön ĂŒbersichtlich die Hotlines und das Procedere fĂŒr die gĂ€ngigen Paketdienste hierzulande aufgefĂŒhrt. Danke dafĂŒr!
Nach einer Weile FahrstuhlmusikgeplĂ€tscher antwortet ein gemĂŒtlicher RheinlĂ€nder, dem ich das Problem schildere. Sein Rechner ist sehr, sehr langsam und er entschuldigt sich permanent, dass es so lange dauere, aber dieser Vorgang sei so selten und exotisch, dass er die Umleitung des Pakets von der einen in eine andere Packstation handschriftlich auf einem Zettel in die BĂŒrokratiemĂŒhle geben mĂŒsse. Es könne ein, zwei Tage dauern, bis die Kollegen sich der Thematik annĂ€hmen und ich mit einer Lieferung rechnen könne. Ach ja, und ausserdem sei gerade Streik, ich hĂ€tte ja sicher davon gehört.
Wahrscheinlicher sei es jedoch, dass die Sendung nach 7 Tagen zurĂŒck an den Absender ginge. Er wĂŒrde mir daher wirklich sehr warm ans Herz legen, das Paket in den nĂ€chsten Tagen selbst abzuholen, wenn die Packstation wieder funktionieren wĂŒrde. Wir verabschieden uns freundlich, aber jeweils ratlos, in was fĂŒr einer Welt wir inzwischen eigentlich leben.
Inzwischen ist eine weitere Benachrichtigung per SMS eingegangen, dass eine weitere Sendung in einer Packstation auf mich wartet â diesmal ganz in meiner NĂ€he. Ich schnappe mir das Longboard und rolle hinĂŒber. Dort befreie ich mit grossem Erstaunen â und grosser Erleichterung, dass ich mit dem Brett da bin â das schwere Paket aus der Packstation, das ich eigentlich gerade erst umleiten liess und rolle es erfreut, aber verwundert nach Hause: Was, um Himmels Willen, liegt dann in der anderen Packstation am anderen Ende der Stadt?
Am nĂ€chsten Nachmittag fahre ich â dieses Mal mit der Bahn â hin und sehe nach. Der handschriftliche Vermerk des netten RheinlĂ€nders von der Hotline steckt wohl noch im System: Meine Karte wird anstandslos gelesen, die Mobile TAN funktioniert noch und ich befreie einen kleinen, leichten Umschlag im Format DIN A5 aus dem gelben Stahltresor. Darin die Nachsendung eines Satzes Montageschrauben, die mein Skateborddealer unlĂ€ngst vergessen hatte, mitzuschicken. Und ein kleines TĂŒtchen GummibĂ€rchen als Entschuldigung.
Wir leben schon in seltsamen Zeiten.
(Kiki Thaerigen, erstmals veröffentlicht auf www.e13.de/blog/)