Ungefähr 2008
Alice und Bob und die zwei Fahrradschlösser
Auf meinem Weg zur Arbeit werde ich in Berlin Mitte Zeuge eines Unfalls. Eine Radfahrerin wird von einem Rechtsabbieger umgefahren und bleibt bewusstlos liegen. Ein Rettungswagen ist in Minuten zur Stelle und transportiert die Verletzte ab.
Wer in den nächsten 20 Minuten nicht auftaucht, um den Unfall aufzunehmen, Zeugen zu befragen oder Spuren zu sichern, ist die Polizei. Nun habe ich das Unfallgeschehen selbst nicht gesehen, nur die Situation unmittelbar danach, halte mich also als Zeugen nur für bedingt brauchbar. Außerdem muss ich eigentlich zur Arbeit. Ich hoffe also, meiner Bürgerpflicht ist genüge getan, wenn ich mehreren Umstehenden, die versichern, auf die Polizei warten zu wollen, meine Visitenkarte in die Hand drücke.
Und dann ist da das Fahrrad des Unfallopfers. Es wurde bislang nur von der Straße auf den Bürgersteig geräumt, wirkt aber neu, teuer und kaum beschädigt. Das sollte man hier nicht einfach so stehen lassen, denke ich, sonst hat es ruckzuck einen neuen Besitzer. Es abzutransportieren sähe aber auch verdächtig nach Diebstahl aus und außerdem muss ich selbst noch ein paar Kilometer mit dem Rad zurücklegen.
Ich entscheide mich dafür, auch an dem Rad eine Visitenkarte anzubringen und es mit einem meiner zwei Fahrradschlösser an den direkt an der Ecke befindlichen stabilen Metallzaun eines Verwaltungsgebäudes anzuschließen. Wer auch immer das Rad bergen möchte, kann mich so kontaktieren und ich kann es später immer noch zur Polizei oder zum Fundbüro bringen, falls sich keiner meldet.
Tatsächlich ruft mich am Nachmittag jemand an, der glaubhaft versichern kann, der Freund des Unfallopfers zu sein. Die Verletzte liegt in der Charité und wir überlegen, wann wir uns treffen können, um das Rad zu übergeben, finden aber keinen gemeinsamen Termin in den kommenden zwei Wochen.
Ich schlage daraufhin Folgendes vor: Er schließt das Rad mit einem zweiten Schloss an den Zaun an. Wenn ich in den nächsten Tagen dieses zweite Schloss sehe, kann ich mein Schloss entfernen und er kann dann später das Rad mitnehmen. Und so machen wir es.
Damit haben wir ein mit physikalischen Schlössern einen Vorgang nachgestellt, der in der Kryptographie ständig stattfindet. Wenn ein Verschlüsselungsverfahren kommutativ ist, wenn also eine zweimal verschlüsselte Nachricht auch entschlüsselt werden kann, indem man zuerst den ersten und dann den zweiten Schlüssel wieder anwendet, dann kann eine Nachricht sicher verschlüsselt übertragen werden, ohne dass Sender und Empfänger je den Schlüssel des jeweils anderen kennen müssen.
So war es hier auch – zwei Leute brachten je ein Schloss zum Einsatz, keiner hat je den Schlüssel des anderen gesehen und das Fahrrad war ununterbrochen gesichert.
(Virtualista)


















