Wie man Schwester eines Autisten ist
Mein Sohn ist bald 5, meine Tochter 3. Nur 1,5 Jahre trennen die beiden. Würde ich das im nächsten Leben nochmal so machen? Wohl eher nicht.
Die erste Zeit war hart. Mein Sohn war selbst noch ein Baby als meine Tochter geboren wurde. Wir wussten noch nicht, dass er besondere Pflege braucht. Er hatte in der ersten Zeit so Stress, dass er sich abends im Mund blutig gebissen hat. Jeden Morgen fand ich einen neuen Blutfleck in seinem Bett und ich wusste erst nicht woher es kommt. Aber was macht man da? (Heute haben wir einen Kauschlauch aus Kautschuck für ihn. Denn das Kauen ist leider als Marotte geblieben.)
Er liebt seine Schwester, aber sie ist eben auch ganz anders als er. Sie liebt Menschen, liebt die Aufmerksamkeit, das Gesellige. Sie mag nicht gern allein sein und Zurückweisung erträgt sie ganz schlecht. Sie ist sehr feinfühlig und schnell verletzt.... ganz schlechte Voraussetzungen, wenn man mit einem Autisten leben muss.
Sie möchte gern bei ihm sein, aber ihn stresst das so sehr, dass er regelmäßig einen Rappel kriegt. Heute zum Beispiel wieder war mein Sohn sehr aufgeregt, da er bei den Großeltern übernachten sollte. Er musste beim Tasche packen helfen. Da kommt seine Schwester ins Zimmer. Seine Aufmerksamkeit ist so sprunghaft, dass ich ihn sehr schnell ”verliere” und wenn dann ein quirliger “Störfaktor” dazwischen funkt, kann er sich gar nicht mehr konzentrieren, was für alle sehr nervig und stressig ist.
Er ist ihr großer Bruder, ihr Vorbild. Leider stößt er sie so oft vor den Kopf und verletzt sie, dass sie schon Angst vor ihm haben muss. Er kann seine Kraft oft nicht einschätzen und wenn er zu aufgeregt ist, dann tut er ihr oft weh. Das will er aber eigentlich nicht. Früßer, als sie noch klein war, war es teilweise gefährlich. Heute macht er sie “nur noch” traurig.
Wie vermittle ich ihr altersgerecht, das ihr Bruder “anders” ist? Das er Therapiestunden braucht und sie nicht, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Wie erkläre ich ihnen beiden, dass sie etwas Besonderes sind, ohne das Besondere negativ klingen zu lassen.
Die beiden lieben sich. Mein Job ist es, das die Liebe sie nicht kaputt macht.