Markus Winninghoff will bei mir fßnf Ladegeräte fßr E-Trottinette abholen, fßr die ich keine Verwendung habe, er aber schon. Die Ladegeräte liegen bei mir seit 2019 herum. Wir besprechen die Abholmodalitäten. Ich warne Markus, denn das mit der Tßrklingel ist immer noch kompliziert.
Da er mit dem Auto kommt und man bei mir weder parken noch halten kann (die StraĂe ist eng und beidseitig zugeparkt), schlage ich vor, dass er seinen Standort im Näherkommen mit mir teilt und ich dann pĂźnktlich mit den Ladegeräten an der StraĂe stehen werde. Ich meine eigentlich Teilen im Facebook Messenger, in dem diese Feinabstimmung stattfindet, aber Markus schickt mir stattdessen einen Glympse-Link. Auch gut.
Der sich bewegende Punkt auf der Karte erfreut und fasziniert mich wie immer. âIch schau mir das so gern anâ, sage ich im Chat, âkann jetzt leider 10 Minuten nicht arbeiten, muss den Punkt bestaunenâ.
Das ist schon lange so. âAus unklarem Grund verursacht es mir Schauer des Wohlgefallens, mich selbst als Punkt zu sehen, der sich auf der Karte bewegt, ich habe nur nie Gelegenheit dazuâ, habe ich in einem Beitrag Ăźber das Jahr 2007 berichtet (aufgeschrieben vermutlich 2014). Aber ich sehe auch den Markus-Punkt sehr gern auf der Karte, zumal ich die Strecke kenne:
Erst kĂźrzlich habe ich herausgefunden, dass die Freude am Punktegucken nicht nur mein obskures Privathobby ist. Die ehemalige Fahrradkurierin Emily Chappell berichtet in ihrem bisher nicht ins Deutsche Ăźbersetzten Buch âWhere Thereâs a Willâ Ăźber das Radrennen âTranscontinental Raceâ. Das Rennen gibt es seit 2013, seine wechselnde Strecke fĂźhrt einmal quer durch Europa und ist drei- bis viertausend Kilometer lang. Die Teilnehmenden tragen einen GPS-Tracker am Fahrrad, der auch aus internetlosen Gegenden alle paar Minuten ihren Standort zu einem Satelliten sendet. Unter trackleaders.com lässt sich damit der Stand des Rennens verfolgen. Chappell schreibt:
âIch wusste natĂźrlich, dass die Leute im Internet sehen konnten, wie ich vorankam. Ich hatte sogar mitbekommen, dass dot-watching, wie es inzwischen heiĂt, sich als Hobby mit Suchtpotenzial erwiesen hatte. Transcontinental-Fans auf der ganzen Welt ächzten theatralisch Ăźber den zweiwĂśchigen Einbruch ihrer Produktivität, während sie in einem Browserfenster das Rennen verfolgten und in einem zweiten ihre Arbeit vernachlässigten.â
Sie zitiert aus einer Mail einer Freundin:
âAmazing efforts. I am loving following your dot. Enjoyed armchair following you up Mont Ventoux last night immensely.â
Das dot-watching ist beim Transcontinental Race nicht nur eine Ersatzbeschäftigung fĂźr Leute, die keine Gelegenheit haben, am StraĂenrand zu stehen oder im Fernsehen zuzuschauen wie bei der Tour de France. Es gibt gar keine andere MĂśglichkeit, dafĂźr ist das Rennen viel zu lang und die Fahrenden, die sich ihre Strecke zwischen den Kontrollpunkten selbst suchen, sind zu weit verstreut.Â
âDas konnte sich mehr oder weniger zu einem Vollzeitjob auswachsen, wenn man sich die MĂźhe machte, die Karte gleichzeitig mit den Social-Media-Feeds der Fahrenden, offiziellen Rennverlautbarungen, Street View und lokalen Wetterberichten im Auge zu behalten. Im dritten Jahr des Rennens hatten alle verstanden, wie wichtig das Internet nicht nur fĂźr seine Existenz war, sondern auch dafĂźr, wie es von den Fans erlebt, von der Renncrew entschieden, von den Teilnehmenden erlebt, und nach auĂen dargestellt wurde.â
Später wird Chappell von einer Twitter-Followerin unerwartet aus einem slowenischen Krankenhaus abgeholt:
ââIch dachte, ich komm mal lieber gucken, wie es dir gehtâ, erklärte sie. âIch habe deinen Punkt verfolgt und deine Tweets Ăźber den Krankenhausaufenthalt gesehen, und meine Universität ist gleich nebenan âŚâ
Kurze Zeit später saĂ ich in ihrem Auto und wurde Richtung Norden nach Ĺ kofja Loka gefahren, wo Essen, eine Dusche und ein Bett auf mich warteten.â
Wenn sie nicht gerade auf dem Rad sitzt, guckt sie selbst den Punkten zu:
âMehrmals in dieser Nacht gab ich es auf, mich schlafend zu stellen, beugte mich Ăźber mein Handy und sah zu, wie die beiden Punkte einander immer näher kamen. Ich war ganz wild vor Aufregung, als sie sich gemeinsam weiterbewegten. Weit weg von mir fuhren Mike und Kristof Seite an Seite.â
Mike ist Mike Hall, der Grßnder des Rennens. Wenige Stunden später wird er von einem Auto gerammt und stirbt. Das fällt allen Zuschauenden dadurch auf, dass sich sein Punkt nicht mehr bewegt. Einige Stunden lang wird bei Twitter spekuliert.
âIrgendwann meldete jemand, dass sich Mikes Punkt jetzt mit 100 km/h auf der Autobahn Richtung Canberra bewegte. Danach konnte ich nicht mehr hinsehen.â
Gedenktweet von 2021, twitter.com/TransPyrenees/status/1377162237299712000
Ich weià nicht, ob das Punktegucken eine Zukunft hat. Wahrscheinlich sieht sie so aus: In ein paar Jahren gibt es auch auf dem Fahrrad und in entlegenen Regionen ausreichend Strom und mobiles Internet fßr einen Livestream. Das Publikum braucht sich die Strecke nicht mehr vorzustellen. Dass Menschen es ein paar Jahre lang bewegend gefunden haben, einen Punkt ßber eine Karte wandern zu sehen, wird dann selbst denen, die dabei waren, seltsam und unwahrscheinlich vorkommen. Aber so war es, in der kurzen Zeit zwischen der Einfßhrung von GPS-Trackern und dem flächendeckenden Ausbau des mobilen Internets.
(Kathrin Passig, in Teilen vorher in der Frankfurter Rundschau erschienen)