Ende Dezember 2024
#wasfehlt: Der elektronische Hundeabstandshalter
Der Hund von Aleks hat einen Erzfeind, eine DĂ€nische Dogge, die in der direkten Nachbarschaft lebt. Beide Hunde sind groĂe, starke, unkastrierte RĂŒden und in ihrer Wut nur schwer zu halten, wenn sie sich drauĂen begegnen. Die Menschen, die zur Dogge gehören, haben zwar eigentlich auch ein Interesse daran, dass die beiden sich aus dem Weg gehen, nehmen das Thema aber nicht so richtig ernst. Sie kĂŒndigen an "wir gehen nur zu den und den Zeiten raus", halten sich dann aber nicht dran, weil sie meinen, dass nur mal kurz zum Laden gehen ja nicht zĂ€hlt. Eine Aufteilung des Dorfs in zwei Reviere ist auch keine Option, die beiden Hunde leben nebeneinander an einem Ende des Dorfs.
Ich muss zugeben, dass Bunny hier eher TĂ€ter ist als Opfer. Er hat angefangen (weil er zuerst da war und findet, dass dieses Revier ihm gehört) und die Dogge ist sicher ansonsten ein ganz lieber Hund. Ich verstehe schon, dass die Doggenfamilie da der Meinung ist, sie mĂŒssten sich nicht kĂŒmmern, sondern wir. Aber ohne Kooperation geht das schlecht.
Nach einem Jahr des Doggenterrors denke ich: Vielleicht gibt es ja eine technische Lösung. Mit Hilfe von ChatGPT, meinem Bruder und dem Techniktagebuch-Chat recherchiere ich, ob man herausfinden kann, wann die Dogge drauĂen unterwegs ist.
Esther Seyffarth schlĂ€gt einen Spaziermeldeknopf vor, den jeder Hund drĂŒckt. Aber ich glaube nicht an Lösungen, in denen "da mĂŒssen alle dran denken, und zwar jedes Mal" vorkommt.
NĂ€chster Vorschlag von Esther: "Der HaustĂŒrschlĂŒssel muss einen RFID-Chip bekommen und an einem SchlĂŒsselbrett mit RFID-Leser aufbewahrt werden und sobald der SchlĂŒssel entfernt wird, sendet der angeschlossene Raspberry Pi eine 'wir sind drauĂen' Nachricht an Bunny via Telegram. Aber Moment, dann könntet ihr ja auch nicht raus wenn die Leute einfach mal ohne Hund zum BĂ€cker gehen oder den MĂŒll rausbringen."
AuĂerdem mĂŒssten sie dann den Raspberry immer angeschlossen lassen und sich um sein Funktionieren kĂŒmmern. Wir brauchen was Kooperationsfreies. In anderen Worten: Was Illegales, Unethisches und PrivatsphĂ€renverletzendes.
Nach Beratung durch ChatGPT und meinen Bruder probiere ich Folgendes aus: Ich installiere ein Ding namens Aircrack-ng und noch ein paar andere Sachen, die irgendwie dazugehören. ChatGPT gibt mir ein kleines Pythonscript. Damit kann ich von meinem Laptop aus die MAC-Adressen aller GerĂ€te sehen, die sich in der NĂ€he befinden. Das geht, wenn auf den GerĂ€ten WLAN eingeschaltet ist, weil sie dann stĂ€ndig in der Gegend herumtasten auf der Suche nach einem WLAN, und dabei ihre individuelle GerĂ€tekennung ĂŒbermitteln. Das Pythonscript sieht zwar vor, dass man diese MAC-Adressen nur verschlĂŒsselt, also sowas-wie-anonymisiert zu sehen bekommt. Man kann diesen Teil aber einfach auskommentieren, dann sieht man die MAC-Adressen aller GerĂ€te. Das Ganze klappt nicht auf Anhieb, aber ChatGPT ist sehr hilfreich beim Debuggen, und nach ein, zwei Stunden lĂ€uft es.
Ich bin gerade nicht in Schottland, aber wenn ich dort wĂ€re, wĂŒrde ich jetzt am Fenster warten, bis die Dogge vorbeikommt, und dann nachsehen, welche MAC-Adresse das Handy hatte, das da gerade mit vorbeigegangen ist. In der Annahme, dass es sich um das Handy des Doggenbesitzers handelt und auf diesem Handy WLAN immer eingeschaltet ist, so wie auf meinem ja auch.
Wenn ich diese MAC-Adresse mal habe, mĂŒsste es möglich sein, drauĂen festzustellen, ob das zur Dogge gehörende Handy in unserer NĂ€he ist. Leider erst dann, wenn es 20 bis 100 Meter entfernt ist, aber besser als nichts. Dazu brĂ€uchte ich eine portablere Lösung, ich will ja nicht den Laptop mit rausnehmen, aber ĂŒber die plane ich dann nachzudenken, wenn es so weit ist.
Mein Bruder meint: "Vermutlich hat die Hundenase höhere Reichweite. Aber ein bisschen mĂŒsste man mit einer WLAN Antenne was erreichen. Wenn es dann ein Raspberry mit WLAN-Adapter mit Antenne ist, könnte es besser funktionieren." Ich sehe uns schon mit einer meterhohen Kalter-Krieg-Installation drauĂen herumlaufen.
Im Techniktagebuch-Chat meint Esther: "Schöner wĂ€re eine Lösung, die zwar die anderen völlig passiv bleiben lĂ€sst, mit der sie aber trotzdem einverstanden sind und die nicht hinter ihrem RĂŒcken stattfindet. Dann mĂŒssen sie nicht aktiv kooperieren, aber es wĂ€re trotzdem nicht unethisch."
Gleichzeitig sagen mir Mia Culpa und mein Gewissen, dass es so wirklich nicht geht. Bestimmt denken alle Stalker von sich, dass ihr Stalken ja irgendwie durch die UmstÀnde legitimiert ist.
Deshalb verwerfe ich den Plan wieder und schlage Aleks vor, dass er der Doggenfamilie einen GPS-Hundetracker kauft und das dazugehörige Monatsabo bezahlt (so 5-10 Euro im Monat), unter der Bedingung, dass er den Hund auch damit orten darf. Aber das will er nicht, weil er nicht glaubt, dass die Motivation im Doggenhaushalt groà genug ist, dass sie den Tracker dann auch wirklich immer am Hund haben und aufladen (obwohl sie den Hund, falls er verlorengeht, selbst damit orten könnten).
Thomas Jungbluth schlÀgt vor: "Wenn es ein Apple-Haushalt ist, könnte man auch die AirTracker in einem entsprechenden Hundehalsband nehmen, die integrieren sich etwas aufwandsgeringer in die elektronische Infrastruktur (die Woist-App hat jeder auf seinem GerÀt). Akkudauer laut Apple ein Jahr."
Kirsten Schelper ist derselben Meinung: "Ein kleines AirIrgendwas am Halsband (der Dogge) wĂŒrde ich fĂŒr am vielversprechendsten halten. Die echten GPS Tracker sind vergleichsweise riesig, ich denke die landen schnell in der Ecke. Und der Akku hĂ€lt nicht lange. Ein kleines AirIrgendwas, das klein und unauffĂ€llig ist, bleibt am Halsband, weil keiner mehr dran denkt, dass es da ist."
Aber der Haushalt von Aleks ist kein Apple-Haushalt. AuĂerdem updaten die AirTags ihren Standort wohl eher selten. Beim Hundeerzfeind sind wir aber auf einen prĂ€zisen und aktuellen Standort angewiesen. Ich fĂŒrchte, das vertrĂ€gt sich einfach nicht mit einem Jahr Batterielaufzeit. Und dann funktionieren AirTags nur dadurch, dass sich möglichst viele iPhones um das AirTag herum befinden, die das Signal weitergeben. Die Hunde leben in einem nicht sehr bewohnten Dorf, die Handydichte ist also gering und die iPhone-Dichte sicher noch viel geringer.
Unsere Diskussion gerĂ€t wieder aufs unethische GelĂ€nde, Drohnen und versteckte CCTV-Kameras werden diskutiert. Aber ich fĂŒrchte, das ist noch schlimmer als mein verworfener MAC-Adressen-Erfassungsplan.
Die Suche bleibt ergebnislos. Naja, jedenfalls weiĂ ich dadurch jetzt, wie ich an meinem Laptop die MAC-Adressen aller vorbeikommenden GerĂ€te erfassen, anzeigen und speichern kann. In der Folge suche ich eine Weile nach einer Lösung, wie ich bei meinem eigenen Handy WLAN automatisch ausschalten kann, wenn ich nicht zu Hause bin. Weil man damit nĂ€mlich allen im Umkreis einer WLAN-Reichweite ums eigene Handy herum "Hallo! Hier kommt Kathrin!" sagt. Obwohl ich angenommen hĂ€tte, dass das zu den Standardfunktionen von Android gehört oder es wenigstens 35 verschiedene Apps dafĂŒr gibt, finde ich nichts.
Im Redaktionschat kĂŒndige ich an: "Ich schreibe dann irgendwann die ganzen nichtfunktionierenden Lösungen auf, damit ich auf den Beitrag verweisen kann, wenn es in zehn Jahren eine selbstverstĂ€ndliche, ganz einfache, privatsphĂ€renschonende Lösung fĂŒr genau dieses Problem gibt, eine Art elektronischen Hundeabstandshalter. Mit energy harvesting aus dem Hund natĂŒrlich, so dass man nie den Akku laden muss. Eigentlich mĂŒsste sich aus Bunnys ReiĂen an der Leine eine sehr groĂe Menge Energie gewinnen lassen."
Einige Tage nach dieser Lösungssuche richtet Aleks eine WhatsApp-Gruppe fĂŒr sich und den Doggenbesitzer ein. Sie legen Rausgeh-Zeitslots fĂŒr beide Hunde fest und benutzen WhatsApp, um sich bei Ausnahmen abzusprechen. Seitdem herrscht Frieden.
(Kathrin Passig)

















