Die East Side Gallery – ein anderthalb Kilometer langes Teilstück der Berliner Mauer, das von Künstlern bemalt wurde (und übrigens der einzige Ort in Berlin, an dem ich bei einem Besuch Ende Januar eine nennenswerte Konzentration von Touristen wahrnehme). Die 1989/90 erstellten Kunstwerke waren nach einiger Zeit offenbar so verwittert, dass sie 2009 ›saniert‹ werden mussten. In einigen Fällen scheinen die Künstler ihre eigenen Arbeiten restauriert zu haben, in anderen wurde Altes einfach überpinselt. Einen technikarchäologischen Wert bekommt die Restaurierung von 2009 dadurch, dass viele Künstler ihre Arbeiten mit Namen und Kontaktdaten signiert haben.
Die Signaturen sind nämlich ein Archiv von E-Mail-Providern des frühen 21. Jahrhunderts: GMX, Yahoo, T-Online, Freenet und web.de scheinen bei deutschen Künstlerinnen und Künstlern gängig gewesen zu sein. Hier und da sieht man Kombinationen aus Buchstaben, Zahlen und Unterstrich vor dem @. Die Knappheit an aussagekräftigen, gut lesbaren Mailadressen bei den üblichen Providern herrschte also womöglich damals schon. Kaum jemand hat Gmail – was nicht verwundert, da der Dienst bis Anfang 2007 nur auf Einladung zugänglich und bis Mitte 2009 in der Testphase war. Künstler aus anderen Ländern verwenden teilweise die dortigen Lokalisierungen auch in Deutschland populärer Provider (z. B. hotmail.co.uk oder hotmail.fr), aber auch Dienste, die mir nicht viel sagen (z. B. wanadoo.fr, mail.ru oder yandex.ru). Das Wissen darum, was die Entscheidung für einen Mailprovider über den Nutzer kommuniziert, endet an der Grenze – oder reicht, zumindest bei mir, nicht bis ins Russland der 2000er. Ich kann nicht dekodieren, ob Michail Serebrjakow damals ein Vorreiter war mit seiner mail.ru-Adresse, einer der letzten Mohikaner oder einfach im Mainstream. Leicht überrascht bin ich, wie viele Künstler damals offenbar schon eine eigene Website hatten – mitunter sogar mit Top-Level-Domains, um deren Existenz ich nicht mal wusste (z. B. .cat für Seiten, die etwas mit katalanischer Sprache oder Kultur zu tun haben). Ich hätte den Prozentsatz niedriger eingeschätzt und den der Myspace-Seiten oder Livejournals höher. Die sind aber auch noch zu finden, wenngleich sporadisch. Bei der nächsten Restaurierung dürften sie verschwunden sein, ebenso wie die Telefonnummern, über die einige Künstlerinnen und Künstler erreicht werden wollen.
Dieser Beitrag wäre besser bebildert gewesen, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Ich hatte schon eisige Finger, als ich an der Warschauer Straße ausstieg, und auf dem Weg Richtung Ostbahnhof wurde es nicht besser. Das Handyfotografieren mit Handschuhen war mir zu fummelig. Zu Hause stelle ich fest, dass die East Side Gallery von Google Arts & Culture mit hochauflösenden Fotos dokumentiert wurde. Statt vor Ort hätte ich die oben verlinkten Ansichten also auch bequem vom Hotelbett aus betrachten können, die warmen Finger um eine Tasse Tee geklammert.