Philosophinnen â Frauen in der Philosophie: klug & kritisch
Frauen nehmen in der modernen Philosophie zwar eine Rolle ein, doch in der Philosophie-Geschichte selbst oder im groĂen Kanon der Philosophen sucht man sie vergebens. Dabei gab es schon immer Philosophinnen, die öffentlich bekannt und angesehen waren.
"Philosophinnen gab es in allen Epochen, zu allen Zeiten. Dass diese Philosophinnen nicht Teil des Kanons sind, nie integriert wurden, sind die Relikte von Gewaltgeschichten."Â Â -- Ruth Hagengruber ist Professorin fĂŒr Philosophie in Paderborn (1)
Ăber Sokrates, Aristoteles, Descartes oder Marx wird stĂ€ndig geschrieben und gesprochen. Wer in den Nachschlagewerken zur Philosophie blĂ€ttert, findet eine erschlagende Liste an mĂ€nnlichen Persönlichkeiten. Ganz anders sieht es aus, wenn Namen wie Aspasia von Milet oder Christine de Pizan gesucht werden.
Zum GlĂŒck wissen wir heute mehr: Philosophinnen gibt es seit den AnfĂ€ngen der Philosophie im alten Griechenland. Und sie beteiligten sich engagiert an den philosophischen Diskursen ihrer Zeit.
Mehr zur antiken Philosophie erfahren » Die 7 Weisen der Antike â Milesische Naturphilosophie â Pythagoreer & Eleaten â Die Sophisten
Sie verfassten bedeutende Schriften, waren angesehene Diskussions- und Korrespondenzpartnerinnen, prÀgten die intellektuellen Auseinandersetzungen und brachten eigene Themen zur Diskussion.
"Weil die Schriftsteller auf die schönen Werke der Frauen neidisch sind, haben sie ihre hervorragenden Taten nicht erzĂ€hlt, sondern sind sie mit Schweigen ĂŒbergangen."  -- Lucretia Marinella, 1601 in: âAdel und VorzĂŒglichkeit der Frauen und Fehler und MĂ€ngel der MĂ€nnerâ
Ca. 800 v. Chr. bis ca. 500 n. Chr.
Antike: Intellektuelle Frauen als Huren
Angesichts der patriarchalischen ZwĂ€nge frĂŒher Zeiten wurden Frauen systematisch aus der Geschichtsschreibung verdrĂ€ngt. Nehmen wir das antike Griechenland, in dem neben MĂ€nnern auch viele Philosophinnen wirkten. Hier herrschte das klassische Patriarchat. Nach den sozialen Normen der Zeit waren Frauen entweder brave Hausfrauen oder unanstĂ€ndige HetĂ€ren (Huren).
Obwohl Platon zum Beispiel ĂŒber Aspasia von Milet berichtete, der gelehrten Frau des Perikles, die den alten Sokrates in Rhetorik und Philosophie geschult habe, verunglimpften sie Gegner des Perikles als HetĂ€re.
Deutlich wird das vor allem bei der Epikureerin Leontion (Löwchen), ĂŒber deren Kritik des Theophrast (SchĂŒler des Aristoteles) sich scheinbar viele Philosophen Ă€rgerten. Selbst Cicero empört sich Jahrhunderte spĂ€ter noch darĂŒber. Mehr dazu » Epikur
"Hat nicht ⊠auch diese kleine Dirne, die Leontion, es gewagt, gegen Theophrast zu schreiben â gewiĂ, sie tat es geistreich und in gutem attischen Stil; aber trotz allem: soviel Dreistigkeit gab es im Garten Epikurs."  -- Cicero
Diese Taktik lĂ€sst sich durch die ganze Geschichte hindurch verfolgen, bis in unsere Gegenwart hinein: intellektuellen Frauen (oder auch rivalisierenden Philosophen-Schulen) wurde hĂ€ufig Unzucht / Unmoral vorgeworfen. Philosophinnen wurden entsprechend als Liebhaberinnen oder HetĂ€ren dargestellt. Allerdings dĂŒrfte das nur auf die allerwenigsten Philosophinnen zugetroffen haben.
Philosophinnen der Antike
Ca. 500 n. Chr. bis ca. 1500 n. Chr.
Mittelalter: Frauen im Kloster
Im Mittelalter war die gesellschaftliche Stellung von Frauen stark durch patriarchale Strukturen und religiöse Vorstellungen geprÀgt. Die Abwertung von Frauen zeigte sich in vielen Facetten des tÀglichen Lebens.
Ein zentraler Punkt war sicherlich die christliche Lehre: Eva, als erste Frau, wurde in der biblischen ErzĂ€hlung hĂ€ufig als Verursacherin von SĂŒnde und VerfĂŒhrung angesehen. So hatten Frauen nur begrenzten Zugang zu Bildung und waren auf den privaten Raum beschrĂ€nkt. Aber in den Klöstern fanden Denkerinnen freie RĂ€ume fĂŒr Bildung und intellektuellen Austausch.
Frauen wie Hildegard von Bingen (1098â1179) gehören zu den bedeutendsten Philosophinnen dieser Zeit. Hildegard zum Beispiel verfasste auch theologische und naturphilosophische Schriften und korrespondierte mit den FĂŒrsten und anderen Adligen.
Die christliche Mystik hĂ€tte ohne den Beitrag von Frauen wohl nie so groĂe Wellen geschlagen. Viele gelehrte Frauen beteiligten sich an theologischen Diskursen, darunter: Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg.
Philosophinnen des Mittelalters
Renaissance: âQuerelle des Femmesâ
Die Renaissance war geprĂ€gt von einem wiederauflebenden Interesse an der Antike, dem Humanismus und einer verstĂ€rkten WertschĂ€tzung von Kunst und Wissenschaft. Diese VerĂ€nderungen fĂŒhrten zu neuen Denkweisen, die auch die gesellschaftlichen Vorstellungen ĂŒber Geschlechterrollen beeinflussten.
Der heftig gefĂŒhrte Diskurs ging als zu Deutsch âStreit ĂŒber Frauenâ (âQuerelle des Femmesâ) in die Geschichte ein: Einige gelehrte MĂ€nner vertraten die Ansicht, Frauen seien nicht nur schamlos, sondern auch minderwertige Menschen und nicht intelligent genug.
Das lieĂen viele kluge Denkerinnen nicht auf sich sitzen: Sie veröffentlichten kritische Schriften, engagierten sich fĂŒr Frauenbildung und wehrten sich gegen die biologisch-theologische Frauenfeindlichkeit.
"WĂ€re es ĂŒblich, die kleinen MĂ€dchen an die Schule zu schicken, und lieĂe man sie die Wissenschaften erlernen, wie man es bei den Söhnen zu tun pflegt, dann wĂŒrden sie genauso gut lernen und die Feinheiten aller KĂŒnste und Wissenschaften verstehen wie jene"  -- Christine de Pizan 1405 in: âBuch von der Stadt der Frauenâ
Die âQuerelle des Femmesâ hat bis heute Relevanz als frĂŒher Ausdruck feministischer GedankengĂ€nge und als ein Teil des Diskurses, der die soziale Situation von Frauen wĂ€hrend der Renaissance widerspiegelt. Sie zeigt die grundlegenden Spannungen zwischen den sich entwickelnden Ideen von IndividualitĂ€t und Gleichheit und der noch immer vorherrschenden patriarchalen Ordnung.
Philosophinnen der Renaissance
FrĂŒhe Neuzeit: Frauen werden lauter
Die Forderung nach Frauenbildung war auch ein zentrales Thema im 17. und 18. Jahrhundert. Eine Vielzahl von Schriftstellerinnen und weiblichen Gelehrten mischen sich selbstbewusst in die intellektuellen Diskussionen ein. Laut Frauenforschung haben diese Philosophinnen viel mehr Anteil an den philosophischen Ideen eines Descartes oder Voltaire, als wir denken.
Zum Beispiel Ămilie du ChĂątelet: Sie war eine berĂŒhmte Physikerin des 18. Jahrhunderts und ihre wissenschaftlichen Schriften wurden in ganz Europa verbreitet. Als Philosophin widmete sie sich der Moralphilosophie. Doch noch heute wird sie oft nur als die LebensgefĂ€hrtin Voltaires erwĂ€hnt.
Philosophinnen der frĂŒhen Neuzeit
AufklÀrung: Frauen kÀmpfen um ihre Rechte
Im Zeitalter der AufklĂ€rung treten die Menschenrechte auf den Plan. Doch nicht fĂŒr alle, die mĂ€nnlichen Philosophen interessieren sich nicht fĂŒr Frauenrechte oder bekĂ€mpfen sie aktiv. Entsprechend wenden sich die Philosophinnen immer mehr der Politik zu. Sie fordern neben Frauenbildung auch bĂŒrgerliche und politische VerĂ€nderungen.
Nach der Französischen Revolution gewinnt das Thema unter den weiblichen Intellektuellen noch einmal an Fahrt. SchlieĂlich soll das Regierungssystem verĂ€ndert werden, warum nicht auch die Frauenrechte?
Hier ist es Olympe de Gouges, die sich als VorkĂ€mpferin des Feminismus einen Namen machte: âDie Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermaĂen das Recht haben, die RednertribĂŒne zu besteigen.â 1793 wurde sie hingerichtet.
Selbst ein halbes Jahrhundert spĂ€ter hatte sich nichts getan. So fragt Harriet Taylor Mill (Frau des Utilitaristen John Stuart Mill) um 1850: âIn welchem vernĂŒnftigen Sinn kann man ein Stimmrecht allgemein nennen, von dem die HĂ€lfte der menschlichen Gattung ausgeschlossen bleibt?â
Taylor Mill verfasste Abhandlungen und arbeitete zusammen mit ihrem Mann an philosophischen und politischen Schriften. Als Denker und Urheber liberaler Ideen wird allerdings nur ihr Ehemann gefeiert.
Vgl. auch Jenny Marx â Eine ĂŒbersehene Denkerin
Philosophinnen der AufklÀrung
Moderne: Beginn der Frauenbewegung
Die moderne Frauenbewegung kĂ€mpfte ab Ende des 19. Jahrhunderts fĂŒr Bildungschancen, Rechtsgleichheit und politische Teilhabe. Und ab Mitte des 20. Jahrhunderts entsteht eine eigenstĂ€ndige feministische Philosophie. Leider setzt sich trotz bedeutender Errungenschaften die Marginalisierung von Frauen in der Philosophiegeschichte bis ins spĂ€te 20. Jahrhundert fort.
Ein berĂŒhmtes Beispiel dafĂŒr ist Simone de Beauvoir. Sie gestaltete gemeinsam mit Sartre eine eigene philosophische Strömung (den französischen Existentialismus). Ihre Abhandlung âDas andere Geschlechtâ wird zur bahnbrechenden Kulturanalyse. Sie schrieb philosophische Romane und Essays. Und doch ist sie vielen ânurâ als Feministin und Autorin bekannt bzw. als LebensgefĂ€hrtin Sartres.
Philosophinnen der Moderne
Fazit: Frauen in der Philosophie
Wie ist das heute? Als ich mein Philosophie-Studium 2013 beendete, waren Frauen auf jeden Fall kein wichtiges Thema (auĂer vielleicht Hannah Arendt). Ich hatte auch keine einzige Dozentin in der philosophischen FakultĂ€t.
Heute ist das anders: Im Philosophie-Betrieb sind jetzt viele Frauen beschĂ€ftigt. Und mittlerweile sind aktuelle Philosophinnen ĂŒber die Fachkreise hinaus bekannt, zum Beispiel Marta Nussbaum, Eva Illouz oder Judith Butler.
Doch ob sie eines Tages zum Kanon der wichtigen Philosophien gehören werden, ist fraglich. SchlieĂlich gibt es kaum allgemeine Lexika und Nachschlagewerke, die Philosophinnen in der Geschichte berĂŒcksichtigen â u. a. weil wir uns das Wissen ĂŒber ihr Denken und Wirken wieder erarbeiten mĂŒssen.
Ich bin gespannt, was sich hier noch tut. Denn eines ist sicher: Die neuen Erkenntnisse werden unser Geschichtsbild verÀndern.
1) Catherine Newmark: Eine andere Geschichte der Philosophie. Das gelehrte Frauenzimmer. (Deutschlandfunk Kultur)
2) Ruth Hagengruber (Hg.): âKlassische philosophische Texte von Frauenâ, dtv, 1998
3) Marit Rullmann: âPhilosophinnenâ. 2 BĂ€nde, Suhrkamp, 1998