Wie man die Crowd ĂŒberzeugt
(Foto: Heinz Heiss fĂŒr stuttgarter-zeitung.de)
Angefangen hat alles mit einer GesetzeslĂŒcke. Ulrich Prediger wollte 2008 statt eines Dienstwagens, den ihm sein Arbeitgeber anbot, ein Dienstfahrrad. âGeht nichtâ, sagte der Arbeitgeber. Das Finanzamt schlug Prediger vor, ein Fahrtenbuch zu fĂŒhren. Der Ă€rgerte sich erst und erkannte dann, dass die GesetzeslĂŒcke auch eine MarktlĂŒcke ist. Die Idee fĂŒr Leaserad war geboren.
Die folgende, bislang fĂŒnfjĂ€hrige Geschichte des Freiburger Unternehmens mit seinen inzwischen zehn Festangestellten und drei freien Mitarbeitern hĂ€lt mehrere Besonderheiten bereit. Dazu zĂ€hlen unter anderem zwei bemerkenswerte Finanzierungsrunden mit Hilfe der Crowd sowie politisches Lobbying, das dem Freiburger Start-up so schnell keiner nachmacht.
Dienstrad kommt Arbeitgeber gĂŒnstiger als Gehaltserhöhung
Der Durchbruch fĂŒr Leaserad war ein Erlass der LĂ€nderfinanzministerien von 2012, der DienstfahrrĂ€der mit Dienstwagen steuerlich gleichstellt. Damit können Arbeitgeber ihren Arbeitnehmern auch FahrrĂ€der als Lohnbestandteil ĂŒberlassen; das kommt sie billiger als eine Gehaltserhöhung. Diese Subvention (beziehungsweise Gleichbehandlung) hat sich Leaserad selbst erkĂ€mpft. Nachdem eine Gesetzesinitiative des baden-wĂŒrttembergischen Verkehrsministers Winfried Hermann im Bundesrat gescheitert war, ging das Unternehmen gemeinsam mit VerbĂ€nden wie dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub und dem Verkehrsclub Deutschland den Weg ĂŒber die Finanzverwaltung. Im November 2012 hatten sie den Erlass. FĂŒr Leaserad, das bis dahin als Dienstleister fĂŒr unternehmenseigene Fahrradflotten tĂ€tig war, tat sich ein neues GeschĂ€ftsfeld auf â eines, auf dem die Freiburger viel Vorerfahrung mitbringen und zunĂ€chst keine Konkurrenz zu fĂŒrchten hatten.
Dank weniger Zeilen BĂŒrokratendeutsch wurde so aus einer preisgekrönten, vom Markt aber nicht frenetisch aufgenommenen GeschĂ€ftsidee ein attraktives Investment fĂŒr Kleinanleger. Zumindest zeigte sich das, als Leaserad das fĂŒr den Aufbau des DienstradgeschĂ€fts nötige Geld aus der Crowd holte â also von einer ĂŒber das Internet organisierten Masse an Kleininvestoren einsammelte.
In den ersten Jahren vermietete Leaserad als Full-Service-Dienstleister Fahrradflotten an kleine und mittelgroĂe Unternehmen oder auch die Stadt Stuttgart. 20 Pedelecs bestellte die Stadtverwaltung; sie sind noch heute im Einsatz. In dieser Zeit finanzierte sich Leaserad klassisch mit Hilfe der Hausbank zusammen mit der BĂŒrgschaftsbank Baden-WĂŒrttemberg sowie ĂŒber die Ausgabe von Genussrechten.
Zwei Runden Crowdfinanzierung waren Ă€uĂerst erfolgreich
Um das GeschĂ€ft bundesweit auszurichten, reichte das nicht mehr aus. Leaserad entschied sich fĂŒr eine Crowdfinanzierung. 100â000 Euro sammelte die Firma im August 2012 ĂŒber die Internetplattform Seedmatch ein; wegen der guten Erfahrungen entschied sich Leaserad im Winter fĂŒr eine zweite Finanzierungsrunde mit der Crowd. Im Januar 2013 sammelten die Freiburger so weitere 220â000 Euro ein. In beiden FĂ€llen erreichte Leaserad die vorab festgelegte maximale Investitionssumme. Das lĂ€sst auf hohes Anlegerinteresse schlieĂen.
Insgesamt rund 400 Investoren brachten in den beiden Finanzierungsrunden diese Summe auf; die groĂe Mehrzahl von ihnen legte zwischen 250 Euro (der Mindestbetrag fĂŒr Anleger) und 1000 Euro an. Keiner legte mehr als 10â000 Euro an. Bei dieser zweiten Finanzierungsrunde konnte Leaserad mit dem selbst erkĂ€mpften Steuervorteil werben â und dem GeschĂ€ftsmodell, das im Trend liegende Themen wie nachhaltige MobilitĂ€t und Gesundheitsförderung sowie ein gĂŒnstiges Rad fĂŒr die Arbeitnehmer betont. Wegen der finanziellen Vorteile ist das Dienstradmodell auch fĂŒr Arbeitgeber attraktiv.
Holger Tumat ist 2011 bei Leaserad eingestiegen. Der Wirtschaftsingenieur war bis dahin ebenfalls bei einem Start-up in der Radbranche aktiv, setzte dann aber auf Ulrich Predigers Firma und kĂŒmmert sich seither an dessen Seite als geschĂ€ftsfĂŒhrender Gesellschafter schwerpunktmĂ€Ăig um steuerliche und rechtliche Dinge; er organisierte maĂgeblich die Crowdfinanzierung des Start-ups.
Firmen wie Leaserad seien fĂŒr die klassische Bankenfinanzierung nicht wirklich geeignet. Vielen Banken sei das Ausfallrisiko bei Start-ups zu hoch; Tumat beziffert es auf 50 Prozent. Diese LĂŒcke kann die CrowdÂfinanzierung fĂŒllen.
Dass Leaserad die Banken nur mĂŒhsam ĂŒberzeugen konnte, bei der Crowd hingegen den maximalen Investitionsrahmen ausschöpfte, ĂŒberrascht Tumat daher nicht. Welche Start-ups können bei der Crowd erfolgreich Geld einsammeln? Wichtig sei zunĂ€chst, so Tumat, dass die Kleininvestoren das GeschĂ€ftsmodell verstehen. Bei dem Dienstradmodell war das wegen der Analogie zum etablierten DienstwagengeschĂ€ft gegeben. Die GeschĂ€ftsidee bedient auĂerdem bei Netznutzern beliebte Trends wie umweltfreundliche MobilitĂ€t oder einen gesunden Lebensstil. In solchen FĂ€llen, sagt Tumat, sei die Crowdfinanzierung fĂŒr einen Bedarf zwischen 100Ââ000 und 500â000 Euro optimal.
Investoren können mit hohen Wachstumsraten rechnen
âWichtig ist, dass die Investoren auf lange Sicht mit hohen Wachstumsraten rechnen könnenâ, sagt Holger Tumat. Nur so können sie das hohe Risiko eines Totalverlusts ausgleichen. Vor allem muss das um Investorengeld werbende Unternehmen die Karten auf den Tisch legen: Jedes Start-up muss einen ausfĂŒhrlichen, fĂŒr Interessenten einsehbaren Businessplan hinterlegen, der klare Wachstumsprognosen formuliert. Zudem mĂŒssen die Unternehmen ausfĂŒhrlich ĂŒber Chancen und Risiken des Investments aufklĂ€ren, und die Regeln fĂŒr die RĂŒckzahlung des von der Crowd gewĂ€hrten Kredits sind fixiert.
Wo kommt fĂŒr den Einzelnen die Rendite her? Im Falle von Investments bei der Plattform Seedmatch schreibt die Bankenaufsicht Bafin eine Mindestverzinsung von einem Prozent vor. âDer Hebel ist aber die Entwicklung des Unternehmenswertsâ, sagt Holger Tumat. Der Anleger erwirbt mit seiner Einlage einen (fiktiven) Anteil am Unternehmen; fiktiv deshalb, weil seine Einlage nicht zum Stammkapital zĂ€hlt. Der Wert des Unternehmens wird dann nach einem vorher festgelegten VerhĂ€ltnis mit Hilfe vom Vielfachen des Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) sowie des Umsatzes ermittelt. Daran bemisst sich der Preis, den das Unternehmen zahlen muss, wenn es nach frĂŒhestens fĂŒnf Jahren seine Anteile von den Investoren zurĂŒckkauft.
Der Break-Even ist im zweiten Quartal 2013 gelungen
Leaserad ist zuversichtlich, dass es seine Investoren nicht enttĂ€uscht. So gelang im zweiten Quartal 2013 wie im Winter angekĂŒndigt der Break-Even. Trotzdem ist das DienstrĂ€der-GeschĂ€ft kein SelbstlĂ€ufer. Die Stadt Stuttgart, ein Kunde der ersten Stunde, ist trotz laufender GesprĂ€che zurĂŒckhaltend. Sie gewĂ€hrt stĂ€dtischen Mitarbeitern bereits jetzt ein gĂŒnstiges Ticket fĂŒr Bus und Bahn; ein zusĂ€tzliches Dienstrad-Modell könnte den Rahmen der steuerlichen Möglichkeiten sprengen, heiĂt es aus dem Rathaus. Auf solche und Ă€hnliche Bedenken stoĂe Leaserad immer wieder, berichtet Holger Tumat â bei Kleinunternehmen wie Dax-Konzernen. Dennoch will die Firma weiteres Wachstum aus dem Cash-Flow oder aus nichtöffentlichen Finanzierungsrunden bezahlen.
FĂŒr die jĂŒngste Wachstumsphase war freilich Crowdfinanzierung die richtige Finanzierungsart, glaubt Tumat. Zwar sei der Aufwand fĂŒr die Informationen, die man im Internet prĂ€sentiert, immens, aber vieles von dem, etwa das Werbevideo, könne man auch an anderer Stelle verwenden. Auch die vielen Fragen von potenziellen Investoren mit höchst unterschiedlichem Hintergrund â vom Banker bis zum Fahrradenthusiasten â habe man gern beantwortet: âDa kommt viel zurĂŒck, auch der Kontakt zu potenziellen Kundenâ, sagt Tumat. Mancher Kleininvestor habe zur Beschaffungs- oder Personalabteilung seines Unternehmens vermittelt.
Ganz am Anfang des Lebenszyklus eines Start-ups hĂ€lt Holger Tumat die Crowdfinanzierung fĂŒr wenig sinnvoll. âDa muss man viele Fragen kompetent beantworten, braucht ein Produkt und Referenzen â man muss eine erste Machbarkeit vorweisenâ, sagt der 39-JĂ€hrige. Leaserad konnte das bei seinen Crowdfinanzierungen tun â und ist ihnen jetzt entwachsen. Das Freiburger Unternehmen hat damit seinen Teil dazu beigetragen, die Crowdfinanzierung in Deutschland weiter in den Mainstream hineinzutragen.
(Stuttgarter Zeitung, Wirtschaft, 6. August 2013)