Wilhelma (Stuttgart, 2020)

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Spazierengehen hat gerade Hochkonjunktur: Man lernt die Umgebung ganz neu kennen, und es gibt in Corona-Zeiten eh nichts anderes zu tun. Unser Autor war unterwegs in der Geisterstadt Stuttgart, unter anderem mit dem Profiflaneur Joe Bauer. (Stuttgarter Zeitung, Reportage, 4. April 2020)
Die erzwungene Schließung der meisten Geschäfte trifft die Königstraße hart. Unsere Datenauswertung zeigt anschaulich, wie der Shutdown Stuttgarts bisherige Shoppingmeile entvölkert hat. (Stuttgarter Zeitung, Lokales, 1. April 2020)
Täglich aktuelle Corona-Zahlen aus Baden-Württemberg (stuttgarter-zeitung.de, seit 16. März 2019)
Die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten ist in Baden-WĂĽrttemberg auf mittlerweile mehr als 6000 gestiegen. Fast jeder dritte Fall wurd
Coronavirus: Gute Nachrichten sind nicht in Sicht
(Stuttgarter Zeitung, Tagesthema, 25. März 2020)
Weltweit warten die Menschen auf gute Nachrichten zum Virus. Aber die wird es so schnell nicht geben – nicht aus China, nicht aus Deutschla

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Café Hawelka (Wien, 2020)
Stuttgarter Zeitung (Reportage), 26. Februar 2020
Pauls Jets in Stuttgart (2019)
Die Stuttgarter Polizei veröffentlicht jeden Tag Mitteilungen zur Kriminalität. Eine umfassende Datenenalyse zeigt: bestimmte Deliktarten s
Mit den Crimemap-Daten können wir zeigen, dass konventionelle Öffentlichkeitsarbeit der Polizei ein teils schiefes Bild von Kriminalität vermittelt. (Stuttgarter Zeitung, Lokales, 25. Januar 2020)
The Düsseldorf Düsterboys eröffnen im ausverkauften Merlin die Pop-Freaks-Festwochen mit fantastischem Sound und einem postmodernen Verständnis der Kunstform Konzert.
DĂĽsseldorf DĂĽsterboys im Merlin Stuttgart (Stuttgarter Zeitung, Kultur, 18. Januar 2020)

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Voodoo Jürgens trägt im Merlin neue und alte Lieder über schräge Wiener Vorstadtmilieus vor und avanciert zum Publikumsliebling. Sein umjubeltes Konzert wirft aber auch eine Frage auf.
Bericht vom Konzert von Voodoo JĂĽrgens im Merlin Stuttgart (stuttgarter-zeitung.de, 18. Januar 2020)
Voodoo JĂĽrgens in Stuttgart (2020)
Bist du GAL oder TAN?
Die Diskussion über die deutsche Parteienlandschaft hat derzeit wieder Saison. Der Orientierungsbedarf ist groß. Man denke an die Landtagswahlen im Osten, die Umfragewerte der Grünen oder die Parteitage der CDU am vergangenen sowie der SPD am nächsten Wochenende. Auf dem Parteitag der Union grenzte sich Annegret Kramp-Karrenbauer explizit von Links und Rechts ab. Und gewiss wird auf dem SPD-Parteitag wieder analysiert, wie links die Partei eigentlich (noch) ist. Anschließend bewerten Kommentatoren, ob die nächste Bundestagswahl mit linker oder eher mit rechter Politik gewonnen wird.
Leider greifen solche Fragen zu kurz, weshalb die Antworten darauf wenig nützen. Die Unterscheidung zwischen Links und Rechts reicht nicht mehr aus, um das deutsche Parteiensystem zu verstehen. Schließlich ist es, um zwei Beispiele zu nennen, alles andere als links, wenn Teile der Linkspartei scharfe Begrenzungen bei der Zuwanderung fordern. Und es ist auch nicht wirklich rechts, wenn die AfD eine stärkere Begrenzung von Leiharbeit vorschlägt. Parteien sind heutzutage nicht mehr nur links oder rechts. Sie sind auch GAL oder TAN.
Die GrĂĽnen sind GAL, die AfD ist TAN
Liesbet Hooghe und Gary Marks von der University of Chapel Hill haben vor rund 15 Jahren die GAL-TAN-Skala entwickelt: GAL steht für „Grün-Alternativ-Liberal“, TAN für „Traditionalistisch-Autoritär-Nationalistisch“. Man kann Parteien auf dieser Skala verorten: Die Grünen zum Beispiel stehen für eine im weitesten Sinne alternative Politik und liberale gesellschaftliche Positionen. Das politische Programm der AfD kann man traditionalistisch, autoritär und nationalistisch nennen. Die Linkspartei steht, was nur nach der traditionellen Links-Rechts-Unterscheidung paradox wirkt, ebenfalls auf der TAN-Seite des politischen Spektrums – weil sie in ihren Hochburgen im Osten als SED-Nachfolgerin für die Fortsetzung jahrzehntelanger sozialistischer Politik steht und durchaus verstanden hat, dass ihre Klientel weit weniger international orientiert ist als die alten Arbeiterhymnen („Völker, hört die Signale . . .“) weismachen wollen.
„Man konnte das deutsche Parteiensystem schon immer besser verstehen, wenn man neben der Frage von Links oder Rechts eine zweite Dimension betrachtet“, sagt der Politikwissenschaftler Marc Debus von der Universität Mannheim. Schon die Programmatik der FDP aus Zeiten der von 1969 bis 1982 regierenden sozialliberalen Koalition lässt sich nur greifen, wenn man ihre wirtschaftspolitische Haltung (schwacher Staat, niedrige Steuern) mit ihren progressiven gesellschaftlichen Positionen zusammendenkt – das war damals der Anknüpfungspunkt zur Sozialdemokratie.
Dasselbe gilt für jene Parteien, die sich seitdem neu etabliert haben: von den Grünen bis zu den Rechtspopulisten. AfD, FPÖ und andere fordern etwa den Erhalt sozialer Sicherungssysteme und nehmen so gesehen „linke“ Positionen ein. Gleichsam sollen diese Systeme beispielsweise für Zuwanderer nur begrenzt zugänglich sein, womit Rechtspopulisten eine ganz andere Wählergruppe ansprechen als etwa die Grünen. Dafür gibt es leider kein griffiges Label, wie der Politikforscher Marc Debus zugibt. GAL und TAN sind eine Möglichkeit, aber nicht die einzige.
Wählen als Frage des Lebensstils
Der Mannheimer Wissenschaftler unterscheidet in einem Anfang 2020 erscheinenden Text zwischen Kosmopoliten und Parochialen – auch das zwei sperrige Begriffe. Konkreter sind die Lebensstile, anhand derer Debus die beiden Milieus definiert: Kosmopoliten reisen gern ins nicht deutschsprachige Ausland oder besuchen Restaurants mit exotischer Küche – und wählen eher grün. Wer hingegen, so Debus, „nicht die Begegnung mit anderen Kulturen sucht“ und in einem Heimatverein aktiv ist, wählt mit höherer Wahrscheinlichkeit AfD. Bei der Neigung zu allen anderen Parteien spielen die Lebensstile gleichwohl eine deutlich geringere Rolle.
Wie auch immer man es nennt: Der Parteienwettbewerb wird längst nicht mehr von reinen Verteilungsfragen bestimmt, also wer wie viel vom volkswirtschaftlichen Kuchen abkriegt. Zumindest in den wohlhabenden westlichen Gesellschaften sind für die Wahlentscheidung heutzutage kulturelle Aspekte und Werte mindestens genauso wichtig: ob die Grenzen offen sein sollen oder nicht, ob wir mehr oder weniger kulturelle Vielfalt haben wollen, ob individuelle Freiheit das oberste Ziel der Politik sein soll oder vielmehr kollektive Sicherheit – und nicht zuletzt die Frage, ob Greta Thunberg die Klimafrage endlich ganz oben auf der Agenda platziert hat oder ob nicht doch das Fressen vor der (Umwelt-)Moral kommt. Es geht, wie bereits 1989 der einflussreiche US-Politologe Ronald Inglehart bemerkte, zunehmend um postmaterielle Werte wie Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung und Lebensqualität.
FrĂĽher hieĂź es SPD oder CDU
Nicht von ungefähr passen diese Labels besser zu denjenigen politischen Gruppierungen, die die bisherigen Volksparteien seit vielen Jahren in Bedrängnis bringen. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung spielt es wieder eine Rolle, ob man der einen oder anderen Seite zuneigt. Früher hieß es SPD oder CDU: Links der Mitte sammelten sich, vereinfacht gesagt, die Arbeiterschaft und all jene, die sich mit ihr verbunden fühlten, rechts davon das Bürgertum und die Wirtschaft – Parteien als die Vertreter von Arbeit sowie Kapital. FDP und Grüne fügten dem eine gesellschaftspolitische Dimension hinzu, die am anderen Ende des Spektrums auch von der AfD besetzt wird. In der Folge wandelte sich das deutsche Parteiensystem weg von Volks- hin zu Milieuparteien, die kleinere, dafür aber homogenere Wählerschaften ansprechen.
Als Erste rückte Mitte der 1990er-Jahre die SPD politisch in die Mitte, später folgte dann – ebenfalls aus wahltaktischen Gründen – die Merkel-CDU. Die Union gab als Motto des Parteitags am vergangenen Wochenende aus, sie sei „Deutschlands starke Mitte“. Während über die Jahre SPD und CDU immer schwerer unterscheidbar und in der Wahrnehmung mancher Wähler politisch recht beliebig wurden, besetzten AfD und Linkspartei die politischen Ränder – und schnüren seither den einstigen Volksparteien gemeinsam mit den liberal eingestellten Grünen und Freidemokraten die Luft ab.
Man kann das am Beispiel der SPD durchdeklinieren: Stehen die Genossen für Umweltschutz, alternative Lebensentwürfe, liberale Politik? Irgendwie schon, ja. Aber die SPD steht auch für traditionsverhaftete Wähler aus der unteren Mittelschicht und einen starken Staat, der sich mindestens so sehr für das Bewahren hoher nationaler Sozialstandards einsetzt, wie ihm die europaweite Verständigung auf (dann deutlich geringere) Mindeststandards am Herz liegt. Die Union wird mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, je länger sie den doppelten Spagat zwischen liberal und konservativ, links und rechts versucht.
Die Themen von CDU und SPD sind aktuell wenig gefragt
CDU und SPD haben noch ein weiteres Problem, sagt Marc Debus. Sie haben nicht die Themenhoheit über die aktuellen Großkonflikte: In der Klimapolitik sind die Grünen das Original, das Thema Migration hat die AfD mit ihrer aggressiven Rhetorik besetzt. Für die Genossen gebe es genau zwei Auswege, analysiert der Politologe. Entweder sie schaffen es, ihr Kernthema soziale Gerechtigkeit ganz nach oben auf die Agenda zu setzen – oder eine Wirtschaftskrise rückt die Themen, für die die SPD steht, wieder in den Fokus: Arbeitsmarkt, Sozialstaat, Umverteilung.
Natürlich könnte man sagen, dass es – It’s the economy, stupid! – in der Politik weiterhin darum geht, wer wie viel hat und wer wie viel bekommt: Grün und liberal sind dann eben diejenigen, die es sich leisten können sowie jener Teil der Bohème, der sich aus Geld nichts macht und wenigstens ideell von einer kosmopolitischen Politik profitiert. Wer die Öffnung der auch kulturellen Grenzen oder einen Verfall traditioneller Werte beklagt, tut das in dieser Lesart nicht zuletzt deshalb, weil er oder sie sich als Globalisierungsverlierer begreift. Dennoch sollte man die alte Unterscheidung von Links und Rechts mit dieser kulturellen Dimension nicht überfrachten. Man erkennt dann auch viel leichter an, dass schon der Sieg von Rot-Grün bei der Bundestagswahl 1998 nicht nur ein Linksruck nach 16 Jahren Kohl-CDU war, sondern auch der Triumph eines dezidiert auf öko- und sozialliberale Milieus zugeschnittenen politischen Angebots. Fast könnte man sagen: Genau so etwas sollte die SPD nächstes Wochenende wieder beschließen.
Parteien und ihre Programme sind immer auch Antworten auf gesellschaftliche Strömungen. Politstrategen wissen natürlich, dass sich viele Wähler heutzutage eher einem Lebensstil verbunden fühlen als wie früher der Arbeiterklasse oder dem Bürgertum – und dass die Welt damit ein gutes Stück komplexer geworden ist. Die SPD, die unter dieser Entwicklung schon lange besonders stark leidet, sollte auf ihrem Parteitag nicht über Links oder Rechts diskutieren – sondern sich klarmachen, welches Lebensgefühl sie eigentlich vertreten möchte. Sind wir GAL oder TAN? Das ist die seltsam klingende Frage, die sich die Genossen dringend stellen müssen.
(Stuttgarter Zeitung, Die BrĂĽcke zur Welt, 29. November 2019)
Unsere Redaktion wertet regelmäßig die Daten zur Entwicklung der Immobilienpreise in Stuttgart aus. Hier lesen Sie, wie stark die Preise seit 2010 gestiegen sind – und wie viele Wohneinheiten überhaupt auf den Markt kamen.
So entwickeln sich die Wohnkosten in Stuttgart (stuttgarter-zeitung.de, 14. Dezember 2019)
Nach Feinstaub will das OK Lab jetzt Lärm messen. Der Sensor-Prototyp wird in der Hochschule für Technik gebaut und getestet. Erste Daten sind schon im Internet einsehbar.
Bürger können selber Lärm messen (Stuttgarter Zeitung, Lokales, 21. Dezember 2019)

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Schrei der Stille
Die SMS hat Baris Sabunçuoglu noch in seinem Handy. „bro ... die musikwelt vermisst dich :( ...“, schrieb der damals 25-Jährige im November 2014 an seinen Kumpel und Mitmusiker. Er wollte ihm mal wieder einen Auftritt organisieren. Die beiden gingen nicht nur gemeinsam aufs Ludwigsburger Mörike-Gymnasium, der Kumpel war auch begeisterter Sportler und schrieb Popsongs, die er unter einem Künstlernamen vortrug. Er habe eine „eigensinnige Stimme“ gehabt, erinnert sich Sabuncuoglu. Was er damals nicht wusste: Sein Kumpel war tot, als die SMS verschickt wurde. Er war depressiv und hatte sich umgebracht. Baris Sabuncuoglu erfuhr es von einem gemeinsamen Freund, die Beerdigung hatte er verpasst.
Mit dem jüngeren Bruder ging er in dieselbe Klasse, mit dem älteren trank er Bier und machte Musik. Man traf sich oft im Flint, einer Kneipe unweit der Friedenskirche. Hier finden regelmäßig Konzerte statt, hierher lädt der Musiker zum Gespräch. Wenn man sich nicht ganz verguckt, sitzt Bausa am Nachbartisch. „Hier die Straße runter hat Rin sein Studio“, erzählt Sabuncuoglu vom anderen bekannten Bietigheimer HipHopper. Man ist mittendrin in der Szene, in der zumeist junge Männer mal sehr erfolgreich, mal eher für die Nische ihre Vision von Popmusik leben.
SMS an einen Toten
Ein paar Wochen vor der letzten SMS hatte der Freund noch zurückgeschrieben. Auf die kurzfristige Anfrage nach einem Auftritt kam ein knappes „Acker mich halb tot :p“ zurück. Auch diese SMS hat Baris Sabuncuoglu bis heute in seinem Handy gespeichert. „Als ich von seinem Tod erfahren habe, war ich total konfus“, sagt er. „Ich war wütend auf mich selbst, auf alle anderen, auf meinen Freund – warum hat er nichts gesagt?“ Und natürlich fühle es sich nicht gut an, eine SMS an einen Toten geschickt zu haben.
Der Tod drängt meistens ganz plötzlich ins Leben von jungen Menschen. Für Baris Sabuncuoglu spielt er bis zu diesem Ereignis im Spätherbst 2014 keine größere Rolle als für die meisten anderen jungen Erwachsenen. Der lebenslustige Architekt und Musiker mit den türkischen Eltern ist zu dieser Zeit gerade auf dem Weg, sich als Schlagzeuger in der örtlichen Musikszene zu etablieren. Er spielt mal hier, mal dort. Dass er bald ein eigenes Studio direkt neben dem Flint haben würde, konnte er vielleicht damals schon absehen. Dass er einmal Geld für eine Kampagne sammeln würde, die junge Menschen im Leben halten soll, wohl eher nicht.
Eine der Bands, in denen Sabuncuoglu spielt, nennt sich Stur und Dumm. Die Gruppe ist besonders. Wegen ihrer Musik, einer Art live gespieltem Techno. Aber auch, weil Sabuncuoglus gleichaltriger Mitmusiker Deniz Dag Kurde ist. Dieser Umstand spricht zumindest für die weltoffene Haltung der Musiker, die aktuell Geld sammeln für das Musikvideo zu ihrem Song „Screaming Silence“.
Der Clip ist schon halb fertig
Es geht darin um die innere Leere, die depressive Menschen verspüren – und die titelgebende schreiende Stille, mit der sie ihr Leiden der Umwelt mitteilen oder eben nicht. Das Video zeigt eine Frau, die durch das nie fertiggestellte Universitätsklinikum am Rande der kroatischen Hauptstadt Zagreb irrt und so ihre Zerrissenheit ausdrückt. Der Clip, den der Asperger Filmemacher Steffen Böhmer produziert, ist halb fertig. Es fehlen aber noch ein paar Tausend Euro – auch, weil die Band den Clip öffentlich vorstellen und dabei über Depression und Suizid aufklären will. Erste Gespräche mit möglichen Locations habe es bereits gegeben, erklären die Musiker.
„Lasst uns in Zukunft genauer hinschauen und besser zuhören, wenn ihr das Gefühl habt, dass etwas nicht stimmt“, schreibt die Band im Internet zu den Zielen ihrer Kampagne. Auch Baris Sabuncuoglu hörte nach dem ersten verlorenen Freund genauer zu. Informierte sich über Depressionen, auch wegen eines Falls bei einem ihm nahe stehenden Menschen. Er traf in der Psychiatrie zufällig einen ehemaligen Mitspieler aus der Ludwigsburger Fußballjugend, der ebenfalls erkrankt war. Wenig später erfuhr er, dass auch er sich das Leben genommen hatte. Vor knapp drei Jahren war das, auch diese Nachricht hat Baris Sabuncuoglu bis heute im Handy. Er sah das damals auf Facebook, die Botschaft war mit einem Foto versehen. Es zeigt den jungen türkischstämmigen Mann an einem Klavier sitzend. Die Art und Weise, wie er sich das Leben nahm, war schockierend.
Manche halten das Doppelleben nicht aus
Baris Sabuncuoglu vermutet, dass der einstige Teamkamerad sich spätestens seit Beginn seines Studiums zunehmend schwerer tat mit der konservativen Familie. Dass er wie viele Menschen mit Migrationshintergrund zerrissen war zwischen den zwei verschiedenen Kulturen und Lebensweisen, denen er sich zugehörig fühlte. „So etwas kann einen fertig machen, erst recht, wenn die Politik und die Religion mit ins Spiel kommen“, sagt Deniz Dag, der Kurde. Und weiter: „Wenn einer Drogenprobleme hat, wenn er schwul ist oder unter Depressionen leidet – dann redet man in solchen Familien nicht darüber“. Manche halten das Doppelleben nicht aus. Sie suchen sich keine Hilfe. Und inszenieren ihren Tod, damit zumindest dieses eine Mal es alle verstehen. „Diese Menschen nehmen mit ihrem Suizid Rache an uns“, sagt Baris Sabuncuoglu.
Es müsste nicht so weit kommen, finden die Musiker. Man könnte „Wie geht’s dir?“ fragen und es auch so meinen. Sich die Antwort wirklich anhören. „Zwischen den Zeilen lesen“ – und sei es nur beim besten Freund.
Jahr für Jahr nehmen sich laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts dreimal mehr Männer als Frauen das Leben. Von den Männern ist etwa jeder Zehnte unter 30. Allerdings ist unter den jungen Menschen mit Migrationshintergrund das Risiko bei Frauen höher als bei Männern. Häufig seien familiäre Konflikte der Hauptgrund, sagt die Berliner Psychiaterin Meryam Schouler-Ocak, die zu dem Thema seit vielen Jahren forscht und das Berliner Bündnis gegen Depression leitet. Viele hielten die Verbote daheim nicht aus. Und mehr als die Hälfte der betroffenen Heranwachsenden teile Probleme den Eltern oder professionellen Helfern nicht mit, schreibt sie in einer Studie.
Zu stolz, um zu sprechen
Einerseits ist die öffentliche Anteilnahme enorm, wenn sich ein Prominenter in einer Depression das Leben nimmt: Robert Enke, der Fußballtorwart etwa oder Kurt Cobain, der Rockstar. Anderseits müsste man so viel mehr Fälle betrauern. Aber klar: Wo soll die Nähe schon herkommen in einer Zeit, in der „mich ein Kumpel dreimal fragt, ob irgendwas Schlimmes passiert ist, wenn ich nur spontan bei ihm klingele, nur um zu schauen, wie’s ihm geht“, sagt Deniz Dag.
Wenn er und sein Mitmusiker Baris ein wenig überlegen, fällt ihnen mehr als ein gemeinsamer Bekannter ein, der sich schwertut. Mit den Eltern, mit dem Alleinsein. Der austickt, wenn er zu viel getrunken hat. Der glaubt, die Welt habe sich gegen ihn verschworen. Die beiden Musiker sind keine Psychologen. Aber sie wissen, was in jungen Männern vorgeht. „Viele sind zu stolz, um über ihre Probleme zu sprechen, deshalb kommen sie nicht zur Ruhe“, sagt Sabuncuoglu. „Wenn ich das merke, denke ich mir ‚Fuck, hoffentlich ist das kein so ein Kandidat’“.
Was kann ein Song, kann ein Video daran ändern? Die Musiker sagen, es gehe ihnen auch um die Veranstaltung, bei der der Clip präsentiert werden soll. Da wollen sie zeigen, dass zum Beispiel die Musik einen Halt geben kann im Leben. So wie es bei ihnen der Fall ist. Die beiden erzählen von den Klangexperimenten in ihrem Studio, von sündhaft teuren Trommeln und 80 Tonspuren für ihren Song „Screaming Silence“.
Baris Sabuncuoglu sagt, er habe das Lied schon 2014 für seinen verstorbenen Freund geschrieben. Seither ist es gewachsen, jetzt kriegt es ein eigenes Video. Auch der Filmemacher Steffen Böhmer verlor schon jemand durch Selbstmord. Kann ein Musikvideo Suizid verhindern? Den Versuch ist es wert.
(Stuttgarter Zeitung, Reportage, 16. Januar 2020)
Unter „Antischlager“ versteht Kaltenkirchen nicht das Neo-Feelgood einer Helene Fischer. Stattdessen aktualisiert der Stuttgarter Musiker den schlageresken Deutschpop aus der Zeit von Falco, Nena, Klaus Lage und anderen. Kann das gut gehen?
Kaltenkirchen umarmt den Schlager-Feind (stuttgarter-zeitung.de, 27. Dezember 2019)