platon, das gastmahl oder von der liebe, einleitung von kurt hildebrandt, reclam stuttgart 1949
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platon, das gastmahl oder von der liebe, einleitung von kurt hildebrandt, reclam stuttgart 1949

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Die Lust an der Gerechtigkeit â Oder: Warum es keinen SpaĂ macht, ein schlechter Mensch zu sein.
Kennen Sie das: Sie sehen eine bestimmte Situation, in der ein Mensch offensichtlich ungerecht behandelt wird â und Ă€rgern sich. Sie haben mit der Situation selbst gar nichts zu tun und auch nicht mit dem Opfer der Ungerechtigkeit, trotzdem Ă€rgert Sie das, was sie da erleben. Irgendetwas ist aus den Fugen geraten, das auch Sie betrifft. Etwas gerĂ€t ins Wanken, auf dessen StabilitĂ€t auch Sie angewiesen sind: VerlĂ€sslichkeit in einer Gemeinschaft, das Ringen um Ausgleich und die Geltung des Prinzips rational begrĂŒndeter Unterschiede.
Heute kann man das sogar messen und empirisch nachweisen. In ökonomischen Entscheidungsexperimenten bestraft die Gemeinschaft Trittbrettfahrer.
Im Labor lassen sich physiologische Reaktionen nachweisen, wenn Menschen Filme gezeigt werden, die ungerechtes Verhalten thematisieren: Die Pupillen werden weit, der Blutdruck und die Herzfrequenz steigen. Wir regen uns ĂŒber Ungerechtigkeiten auf, auch, wenn wir persönlich nicht in diese involviert sind. Das heiĂt, wenn unsere empirische Person nicht betroffen ist.
Doch unser Menschsein ist betroffen, soweit wir eben andere Menschen ungerecht behandelt sehen. Die Empathie mit dem Anderen fĂŒhrt bis hin zur Identifikation â das Mit-Leid ist vorprogrammiert (Stichwort: Spiegelneuronen).
Wenn wir also gerecht sind, dann deshalb, weil wir in einer gerechten Welt leben wollen, in der alle (auch wir selbst) gerecht behandelt werden. Auch dann, wenn wir keine Konsequenzen fĂŒrchten mĂŒssen, sind wir gerecht, um die universale Gerechtigkeit zu stĂ€rken. Wir geben etwa Trinkgeld auf der Durchreise, auch, wenn wissen, dass wir höchstwahrscheinlich nie wieder in diesem Restaurant essen werden.
Die Verwirklichung der Gerechtigkeit ist eines der stĂ€rksten Motive menschlichen Handelns â stĂ€rker als Furcht und Egoismus.
Platons idealer Staat
Jemand, der felsenfest von dieser These ĂŒberzeugt war, ist der Philosoph Platon. In seiner Politischen Utopie Politeia beschreibt er nicht nur den idealen Staat als Verwirklichung der Gerechtigkeit, sondern begrĂŒndet auch, warum dessen StĂ€ndeorganisation Gerechtigkeit garantiert.
Die Politeia ist ein sehr komplexes Werk, das mitnichten nur Platons Staatslehre enthĂ€lt. Es ist die Grundlage seiner Philosophie, enthĂ€lt Gedanken zur Ethik, Seelenkunde, Erziehung, Kultur, Soziologie und Eugenik. Weit ĂŒber die akademische Philosophie hinaus bekannte Texte Platons sind darin enthalten, wie das Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis.
Im Kern geht es in der Politeia aber um das Problem der Gerechtigkeit und die Frage, welche Staatsverfassung am ehesten Gerechtigkeit ermöglicht.
Platon zufolge setzt sich der ideale Staat aus drei StÀnden zusammen.
FĂŒr die wirtschaftliche Struktur des Staates ist der Stand der âHandwerker und Bauernâ zustĂ€ndig.
FĂŒr die Sicherheit des Volkes ist der Stand der âWĂ€chterâ da
und die politische Leitung obliegt den Philosophen.
Der jeweilige Stand eines Menschen wird durch seine Erziehung bestimmt
Ziel der Erziehung ist die Weisheit. Diese zu erreichen gelingt aber nicht jedem. TatsÀchlich ist Platons ideales Erziehungssystem so aufgebaut, dass es hauptsÀchlich auf die Ausbildung von Philosophen ausgerichtet ist.
Die Rangordnung basiert auf den antiken Tugenden:
Besonnenheit als Tugend des NĂ€hrstands,
Tapferkeit die typische Tugend des Wehrstands
und Weisheit die des Lehrstands.
Die Gerechtigkeit als vierte Tugend entspricht der ganzen Gesellschaft.
In dem gerechten Staat nimmt jeder einzelne Stand seine Aufgabe wahr, ohne dabei die TÀtigkeit der anderen StÀnde zu beeintrÀchtigen.
Platons Idealstaat liegt damit der Gedanke zugrunde, dass jeder nur eine Sache gut machen kann und sich deshalb allein darauf beschrÀnken sollte.
Deshalb gibt es eine strikte Trennung der StÀnde: NÀhrstand, Wehrstand und Lehrstand sind gesellschaftliche Kasten ohne Aufstiegschance oder Abstiegsrisiko.
Die Basis bildet dabei die Mehrheit der Bevölkerung: der NÀhrstand.
Er umfasst Handwerker und Bauern, die das Volk materiell versorgen. FĂŒr den Wehrstand sollen die besten Leute ausgewĂ€hlt werden, um den Staat nach innen und nach auĂen zu verteidigen.
Aus diesen Kreisen soll wiederum eine Elite ausgesucht werden, die den Lehrstand bildet, um den Staat zu regieren. Dabei ist die wichtigste Forderung Platons, dass die Philosophen herrschen oder die Herrscher wenigstens philosophieren sollen, da nur durch Philosophie die Idee des Wahren, Guten und Schönen erkannt und so der Staat gerecht regiert werden kann.
Das ist der eigentliche Kernsatz der Politeia. Das wird dadurch unterstrichen, dass er genau in der Mitte des Textes steht. Weil der Herrscher aber diese Idee erkannt hat und somit unfehlbar ist, unterliegt er keiner anderen Kontrolle als seiner eigenen Einsicht.
Deshalb ist Platons Idealstaat keine Demokratie, sondern eine Aristokratie.
Platon beschreibt in der Politeia eine Analogie von Staat, Tugenden und Seelenteilen in Bezug auf ihren Aufbau. Die drei StÀnde des Staates entsprechen den drei Tugenden ebenso wie den drei Teilen der Seele.
Die Seele kann nur intakt und somit glĂŒcklich sein, wenn alle Teile im Gleichgewicht sind, also Harmonie vorliegt. Ebenso kann der Staat nur funktionieren, wenn alle drei StĂ€nde im Gleichgewicht sind und alle StĂ€nde gemÀà den ihnen entsprechenden Tugenden ihre spezifischen Aufgaben (regieren, verteidigen, erwerben) erfĂŒllen, ohne sich in die GeschĂ€fte des jeweils anderen Standes einzumischen.
Und dabei nimmt Platon eine klare Hierarchisierung der StĂ€nde vor, die mit dem Wert der Tugenden und der GröĂe der Lust korreliert. An der Spitze stehen nach Platon nicht nur die weisesten, sondern auch diejenigen Menschen mit der gröĂten Lust an der Realisierung ihrer spezifischen FĂ€higkeiten.
Die alles ĂŒbersteigende Lust liegt fĂŒr Platon nĂ€mlich im Streben nach jener Tugend, die die Gerechtigkeit wie keine andere befördert: Weisheit. Also: Weise sein (Lehrstand) â und damit gerecht, das macht SpaĂ! Mehr SpaĂ als alles andere, etwa die Lust an der Ehre (Wehrstand) oder an der Begierde (NĂ€hrstand).
Nur der Gute, der Gerechte kann wirklich glĂŒcklich werden
Interessant ist einerseits die Absage an den Materialismus (den man vom Vater der Idealismus auch erwarten darf), andererseits die Lösung des Motivationsproblems auf einer sehr einfachen Ebene.
Platon wusste nichts von Spiegelneuronen und Empathieforschung, ahnte aber, dass wir selbst etwas âdavon habenâ, wenn wir gerecht sind: einen angenehmen Zustand, den er âLustâ nennt.
FĂŒr die Antike ist das typisch: Zwischen GlĂŒck und GĂŒte wird kein Keil getrieben (wie das spĂ€ter Kant tun wird), sondern sie bedingen einander. Nur der Gute, der Gerechte kann wirklich glĂŒcklich werden.
Und: Wer das GlĂŒck sucht, sollte einfach mal etwas Gutes tun. âGut seinâ als Gesamtheit tugendhafter LebensvollzĂŒge und âGlĂŒcklich seinâ als GefĂŒhlskomponente fielen in der Antike zusammen.
Auf die Frage âGeht es Dir gut?â antwortete man âJa, ich handle gut.â Es geht mir gut, wenn ich gut handle!
Wahrheitsliebe als höchstes Gut
Auf die Lustarten (und die Ăberlegenheit der Weisheitsliebe) geht Platon ein, nachdem er die Dreiteilung seines Staates analog zur Dreiteilung der Seele entwickelt hat. Der Lehrstand, also die Philosophen, regieren das Gemeinwesen, weil sie mit dem bei ihnen besonders gut ausgeprĂ€gten Teils der Seele (der Vernunft) die Tugend der Weisheit am besten verwirklichen können, wobei ihnen ihre Weisheitsliebe hilft.
Der Wehrstand, die WĂ€chter, verteidigen den Staat; ihre Tugend ist die Tapferkeit, getragen von einem ĂbermaĂ an Mut, motiviert durch die Ehrliebe.
Der NĂ€hrstand, also die Handwerker und Bauern, sorgen dafĂŒr, dass in der Gesellschaft die materiellen GrundbedĂŒrfnisse gesichert sind, getragen von der Tugend der Besonnenheit, zugleich jedoch die Begierde als Hauptcharakterzug nutzend, um geschĂ€ftstĂŒchtig und produktiv zu sein â Motiv: die Lust der Begehrlichkeit.
Platon kommt zu dem Schluss, dass die Weisheitsliebe die angenehmste Lust sei, gefolgt von der Ehrliebe und der Begehrlichkeit, die bei Platon an einigen Stellen auch als Gewinnsucht erscheint und damit schon sprachlich abfÀllt.
Die Lust des Weisen sei rein und wahr, die Lust des Ehrliebenden und des GewinnsĂŒchtigen seien dagegen nichts als âSchattenrisseâ.
Platon ĂŒbernimmt hier das Bild aus dem Höhlengleichnis fĂŒr die Klassifizierung der Lustarten: Analog zu der Annahme, nur die Philosophen sĂ€hen die Dinge so, wie sie sind (und nicht bloĂ deren Schatten an der Wand), erscheint ihm auch allein ihre Lust als âechtâ â eben: rein und wahr.
Als reine Lust gilt bei Platon PhĂ€nomene, die ĂŒber dem körperlichen Wohlbefinden (Schmerzfreiheit) liegen, Ausdrucksformen der Ăsthetik, das Schöne an Gestalt, Geruch und Klang.
Philosophen empfinden mehr âwahreâ Lust
Wahr sind Lustempfindung dann, wenn sie den Menschen wirklich erfĂŒllen und dieses GefĂŒhl des ErfĂŒlltseins von Dauer ist. Die Ăberwindung der seelischen Leere durch Erkenntnisse von groĂer Bedeutung und BestĂ€ndigkeit ist nach Platon eine wahre Lust.
Denn der Mensch erhĂ€lt damit mehr Anteil am idealen Sein (dem Ideenhimmel) und richtet sein Leben auf die Ewigkeit hin aus. Das FĂŒllen der inneren Leere mit Wissen ĂŒber die Ă€uĂere Welt sorgt damit fĂŒr wahrhaftes Wohlbefinden und wahre Lust.
Der Philosoph mit seiner Weisheitsliebe hat demnach den gröĂten Genuss, weil er echte Lust empfindet und daher den besten der drei möglichen LebensentwĂŒrfe verwirklicht.
Platon quantifiziert sogar die Ăberlegenheit des Philosophenherrschers hinsichtlich der Lust im Vergleich zu den anderen EntwĂŒrfen und kommt zu dem Ergebnis, dass der Philosoph ein Vielfaches an Lust empfindet und 729-mal glĂŒcklicher sei als der aus dem zur Herrschaft gelangten NĂ€hrstand hervorkriechende Tyrann (Politeia, Vers 587e).
Ausblick: Lust an der Gerechtigkeit
Man muss Platon hier nicht in jedem Detail folgen.
Die platonische Herleitung des Gerechtigkeitsbegriffs ĂŒber die reine und wahre Lust des Weisen ist sicher fĂŒr komplexe Gesellschaften unterbestimmt.
Doch grundsĂ€tzlich ist die BegrĂŒndung des Zusammenhangs von Gerechtigkeit im Gemeinwesen und individuellem Wohlergehen interessant.
Gerade in einer Zeit, in der der Gute als der âDummeâ gilt und egoistische EllenbogenmentalitĂ€t zu herrschen scheint, kann uns Platon etwas Wichtiges mit auf den Weg geben: Wir werden so nicht glĂŒcklich.
Denn: Es macht einfach keinen SpaĂ, schlecht zu sein. Wenn wir hingegen die Weisheit lieben und damit der Gerechtigkeit mehr Bedeutung beimessen als unserem Ansehen und unserem Kontostand, dann können wir wirkliche Lebensfreude erfahren.
05.01.2023
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Rezension
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