Auf der Suche nach einer Alternative zu Google Docs
In Google Docs habe ich seit Ende 2006 alle meine Texte geschrieben, ich war zufrieden damit, die Zusammenarbeit mit anderen ging sehr einfach und Google hat in fast zwanzig Jahren keinen meiner Texte verloren. Ich habe Tausende von Dokumenten dort liegen.
Im Rahmen der DemilliardÃĪrisierung habe ich im Februar angefangen, stattdessen in meiner eigenen Nextcloud zu schreiben. Das funktioniert, ich bin aber unzufrieden damit. Die Dokumente bleiben nicht offen, vor dem Schreiben muss ich immer Dinge neu laden, insgesamt fÞhlt sich alles stÃķrrisch an. Das sind alles nur Kleinigkeiten, aber ich sehne mich nach gefÞhlt reibungslosem Schreiben. Schreiben ist schon mÞhsam genug, wenn sich das Schreibwerkzeug willig oder wenigstens unauffÃĪllig benimmt. AuÃerdem gibt es in den Markdown-Textdokumenten der Nextcloud keine MÃķglichkeit fÞr meine Redakteurinnen, ÃnderungswÞnsche an den Text dranzukommentieren. Ich mache mich auf die Suche nach anderen MÃķglichkeiten.
Ich muss Redakteur*innen in die Dokumente einladen kÃķnnen, und diese Redakteur*innen (oder anderen Mitschreibenden) mÞssen dann sofort unangemeldet loseditieren kÃķnnen. So wie bei Google Docs eben.
Diese Redakteur*innen dÞrfen nicht lange Einarbeitung in etwas brauchen, das ganz anders funktioniert als das, womit sie sonst arbeiten. Sie mÞssen meine Texte ohne UmstÃĪnde und ohne Formatierungsverlust in ihr Redaktions-CMS copypasten kÃķnnen.
Es wÃĪre schÃķn, wenn sich das neue Ding geschmeidiger anfÞhlen wÞrde als die Nextcloud.
Ich mÃķchte mich einigermaÃen darauf verlassen kÃķnnen, dass meine Texte nicht eines Tages plÃķtzlich weg sind.
Es muss Versionskontrolle geben, also die MÃķglichkeit, zu ÃĪlteren Versionen eines Textes zurÞckzugehen. Das brauche ich oft, wenn ich irgendwas versehentlich gelÃķscht habe oder wissen mÃķchte, was ich geschrieben habe, bevor es von einer Redaktion geÃĪndert wurde.
Ich hÃĪtte gern, dass es optisch nicht zu mir sagt "Du arbeitest in einer BehÃķrde und brauchst sicher stÃĪndig die Serienbrieffunktion sowie weitere 1000 Funktionen." Ich mÃķchte beim Schreiben so wenig Zeug wie mÃķglich um meinen Text herum sehen.
Es gibt Schreibwerkzeuge, die fÞr ihre SchÃķnheit und Geschmeidigkeit berÞhmt sind, zum Beispiel Scrivener. Damit kann man aber nicht mit anderen zusammenarbeiten.
Am liebsten wÃĪre es mir, wenn ich mein neues Notizen-Tool Obsidian fÞr alles verwenden kÃķnnte, denn darin halte ich mich sehr gern auf. Markdown reicht fÞr meine FormatierungsbedÞrfnisse eigentlich vÃķllig aus. Obsidian eignet sich aber (offenbar auch mit Plugins) nicht wirklich zum Kollaborieren mit Menschen auÃerhalb des Obsidian-Systems.
Als ich Proton Docs entdecke, bin ich erst mal begeistert: Es ist ein Schweizer Produkt, aber alles ist genau wie bei Google Docs / Drive vor etwa fÞnf Jahren (ein paar neuere Features fehlen). Gerade will ich schon auf die Bezahlversion umsteigen und alles nur noch damit machen, da verlinkt mir Angela Heider-Willms diesen Screenshot von ÃuÃerungen des Proton-CEO. Ein Firmensitz in der Schweiz schÞtzt nÃĪmlich gar nicht davor, Trump-AnhÃĪnger zu sein. Da kann ich auch gleich bei Google bleiben und mir die UmzugsmÞhen sparen. Ich kÞndige meinen Testaccount wieder.
Bei Mastodon wird mir eine "neue Open-Source-Alternative zu Google Docs und Notion" empfohlen, unterstÞtzt von der franzÃķsischen und deutschen Regierung. Unter impress-preprod.beta.numerique.gouv.fr kann man es ausprobieren (mit den Login-Daten [email protected] / I'd<3ToTestDocs). Es sieht ganz gut aus und scheint das zu kÃķnnen, was ich suche.
AufgerÃĪumte Dokumentansicht, keine 12 Millionen FormatierungsmÃķglichkeiten stÃĪndig im Bild
Aber was mÞsste ich tun, wenn ich damit arbeiten wollte? "You can easily self-host Docs (check our installation documentation)." wirbt die Seite. Der Dokumentations-Link fÞhrt ohne weitere ErklÃĪrungen zu GitHub, und eine dort liegende Datei namens installation.md fÃĪngt so an:
Welchen Teil von "easily" haben diese Leute nicht verstanden? Ich glaube inzwischen, dass es "easily self-host" Þberhaupt nicht gibt. Es ist immer irgendwas mit Dockercontainer hier und Tieropfer um Mitternacht da.
Erst jetzt finde ich heraus, was in meiner Nextcloud die Punkte "Neue Textdatei" und "Neues Dokument" voneinander unterscheidet. "Neue Textdatei" bedeutet Markdown, das habe ich bisher verwendet und war zufrieden, nur konnten die Redakteurinnen eben nicht kommentieren. "Neues Dokument" bedeutet, dass ich 2,50 pro Monat extra bezahlen muss und dann Collabora Online benutzen kann. Darin kÃķnnten die Redakteurinnen dann kommentieren, es ist aber in Firefox so unbenutzbar langsam, dass ich sofort wieder aufhÃķren werde, dafÞr zu bezahlen. AuÃerdem finde ich es extrem hÃĪsslich, ich mÃķchte in so was keine Texte schreiben, das Auge schreibt doch mit.
ErtrÃĪgliche Markdown-Dokument-Ãsthetik in Nextcloud:
Collabora Online in Nextcloud, optisch eindeutig ein Nachkomme von Microsoft Word:
ErgÃĪnzung: Dan weist mich bei Mastodon darauf hin, dass man in Collabora Online via â Ansicht â Kompaktansicht die OberflÃĪche ÃĪndern kann. So sieht das dann aus:
ErtrÃĪglichere Ansicht von Collabora Online, die mir zwar nichts nutzt, weil es eben in Firefox viel zu langsam ist, aber vielleicht ja anderen.
Hinter OnlyOffice scheint eine russische Firma zu stehen. Andererseits setzen viele eher BÞrgerrechts- und PrivatsphÃĪre-interessierte Organisationen darauf. Ich lese ein bisschen bei Reddit herum, und habe den Eindruck, dass der russische Einfluss Þberschaubar ist und man es wahrscheinlich trotzdem verwenden kann. Ich melde mich an, es sieht fast genauso hÃĪsslich aus wie Collabora Online und noch Þberladener, ist aber schneller. Insgesamt ist meine Begeisterung gering.
OpenSource und gefÃķrdert von der Bundesregierung, darin steckt aber auch wieder nur Collabora Online, deshalb probiere ich es gar nicht erst aus.
Update: SpÃĪter will ich noch mal nachsehen, ob Collabora dort vielleicht besser funktioniert als in meiner "Managed Nextcloud" bei Ionos. Aber OpenDesk scheint gar nichts zu sein, was man als Privatperson Þberhaupt benutzen kann, oder falls doch (mit der selbst zu hostenden "Community Edition") sieht es zu kompliziert fÞr mich aus.
Als ich bei Mastodon herumnÃķrgele, bekomme ich von sehr vielen Seiten CryptPad empfohlen. Und tatsÃĪchlich habe ich verpasst, dass das gar nicht mehr das alte Etherpad aus den Nullerjahren ist, wie der Name andeutet, sondern inzwischen viel mehr Optionen bietet:
Wenn man auf "Document" klickt, gelangt man wieder zu einer OnlyOffice-Installation. "Rich Text" fÞhrt zu so was Ãhnlichem, aber ohne OnlyOffice und mit einem etwas weniger behÃķrdigen Interface.
Sharing mit unangemeldeten Personen scheint mÃķglich zu sein. Es gibt zwei kostenlose NutzungsmÃķglichkeiten und eine kostenpflichtige. Als BegrÞndung, warum man bezahlen soll, steht da "Help CryptPad to become financially sustainable". Das heiÃt, dass es jetzt nicht sustainable ist. Werden sie da meine Texte auch zwanzig Jahre ohne Datenverlust aufbewahren kÃķnnen? Es macht mich ein bisschen skeptisch.
Zwei eigentlich (fÞr andere Anwendungszwecke) wahrscheinlich ganz gute Werkzeuge. Leider fÞr mich nicht brauchbar, weil die Arbeitsweise mit einer Markdown- und einer "so sieht dann das Layout aus"-Spalte nicht redaktionskompatibel ist, das erfordert zu viel ErklÃĪrung und UmgewÃķhnung.
Ein eigentlich ganz gut aussehendes Gemeinsam-Schreib-Ding, aber es verlangt, dass ins Dokument Eingeladene sich erst mal einen Account zulegen mÞssen. (Viele andere Tools tun das auch, sagen es aber so frÞhzeitig, dass ich sie gar nicht erst ausprobieren musste.)
Molinarius weist mich auf die Existenz von Nuclino hin, "A modern, simple, and blazingly fast way to collaborate â bring knowledge, docs, and projects together in one place." Ich melde mich an, es sieht auf den ersten Blick ganz gut aus. Aber fÞr die Zusammenarbeit mit anderen mÞssen diese anderen sich auch wieder erst mal einen eigenen Account zulegen und damit scheidet es aus.
Murena Workspace begrÞÃt mich gleich mit dem Hinweis "Murena Workspace will be back fully soon! Please read this guide to know more." Der verlinkte Guide beginnt mit "Backup my files after the Murena Workspace outage" gefolgt von "The Recovery Process". Dieser Recovery-Prozess wirkt umstÃĪndlich. Ich verliere das Vertrauen in Murena, was die langfristige Aufbewahrung meiner Texte angeht, und verlasse die Seite wieder, ohne herauszufinden, ob Kollaboration mit Unangemeldeten hier Þberhaupt mÃķglich gewesen wÃĪre.
Die Schweizer Firma Infomaniak wirbt mit "Store, share and synchronise your data in an ethical cloud." Ich melde mich an, blicke aber nicht durch. Irgendwie bieten sie alles auf einmal an und wollen als Erstes von mir, dass ich mir eine neue Mailadresse bei ihnen zulege. Ich will aber gar keine neue Mailadresse und gehe wieder.
Update: Via Mastodon erreicht mich der Hinweis von Hotzenplotz: "infomaniak experimentiert die letzten Monate ÃĪusserst mÞhsam mit unterschiedlichem Einstieg in ihr k-suite-Angebot. Bei meinem letzten Versuch konnte ich zuerst einen Account anlegen und danach ohne neue Mailadresse mit der k-suite loslegen. Die funktioniert dann insbesondere fÞr Zusammenarbeit mit newbies ganz nett (sehr granulares Teilen, bearbeiten/lesen ohne Login, Kommentarfunktion, Versionsgeschichte, Zugriff via Mobile)".
Ich versuche es daraufhin noch mal. Der Weg hinein ist wirklich sehr verworren. Ich muss mich zwei Mal Þber einen per SMS zugeschickten Code identifizieren und dann noch eine spezielle App, "infomaniak Check" installieren, die mir einen dritten Code per SMS zuschickt. Aber dann kann ich tatsÃĪchlich ohne neue Mailadresse das kDrive verwenden. Auch hier gibt es wieder die nicht besonders intuitive Auswahl zwischen "Neues Dokument" und "Neuer Text". Bei "Neues Dokument" wird eine .docx-Datei angelegt, bei "Neuer Text" eine .txt-Datei. Beim .docx-Dokument steht zwar "infomaniak" oben links, die OberflÃĪche ist aber exakt die von OnlyOffice, es wird also wohl OnlyOffice unter infomaniak-Branding sein. Die txt-Datei ist eine nackte Textdatei, ohne FormatierungsmÃķglichkeiten, ohne Sharing. Finde ich insgesamt immer noch nicht Þberzeugend, sehr lustiges Feature aber die Preisgestaltung: Lebenslang kostenlos, DANN 1,58 pro Monat.
(ein Tipp von X-tof bei Mastodon): Framapad ist einer von den vielen Etherpad-Klonen, die entstanden sind, nachdem das Original-Etherpad Ende 2009 von Google aufgekauft und stillgelegt wurde. Ich habe einige davon benutzt und wahrscheinlich durch nichts so viele Dokumente verloren wie durch die Nutzung dieser Angebote, die entweder selbst sehr kurzlebig waren oder die Dokumente irgendwann gelÃķscht haben, um Speicherplatz zu sparen. (Ein paar traurige Geschichten hier und hier.) Mach ich nicht noch mal.
Ich mag LaTeX und habe auch mit Overleaf (einem LaTeX-Editor im Browser) schon gearbeitet. Man kann damit Dokumente gemeinsam bearbeiten. Vielleicht, denke ich, kann ich ja das LaTeX vor den Redaktionen verstecken, so dass sie es beim Kommentieren gar nicht merken? Aber leider verlangt auch Overleaf, dass alle Eingeladenen sich erst mal dort einen Account zulegen, und damit endet mein Experiment.
Ich werde CryptPad mal vorsichtig ausprobieren, aber wahrscheinlich bei Nextcloud bleiben, bis sich was an der Gesamtsituation ÃĪndert. Zehn von den zwanzig Jahren, die alles immer dauert, sind ja vielleicht schon rum.
Update einige Tage spÃĪter: CryptPad ist wirklich angenehmer als Nextcloud, ich bin jetzt zahlende Kundin dort (ist nicht nÃķtig, man kann auch viel gratis machen; ich bin es nur aus Begeisterung) und erwÃĪge, dafÞr die kostenpflichtige Nextcloud wieder abzuschaffen.
Update einige Wochen spÃĪter: Ich habe die kostenpflichtige Nextcloud wieder gekÞndigt und nutze CryptPad.
Update Dezember 2025: Ich bin mit CryptPad sehr zufrieden.