11. November 2025
Eine mittelgroße Funkuhr
Ich sitze in Roger Stapletons Büro und lasse, während er redet, meine Augen über seine Sammlungen alter Diskettenkästen und noch sehr fester Festplatten schweifen. Als er erwähnt, dass es jetzt Mittag ist und er nach Hause gehen wird, fällt mir zum ersten Mal auf, dass eins der Geräte im Regal eine Uhr ist. Steht ja auch drauf: "RADIOCODE CLOCK".
Ich sage "Oh, das ist ja eine Uhr!" Roger nimmt sie aus dem Regal und zeigt mir ihre Anschlüsse.
Sie wurde benutzt, um an dem Computer, der die Position des James Gregory Telescope berechnet, die Uhrzeit einzustellen. "Gab es noch kein ... Dings ... NTP? Wo man die Zeit über das Netzwerk bezieht?" frage ich. "Wir hatten noch gar kein Netzwerk", sagt Roger.
"Aber wieso ist sie so groß?", frage ich. "Waren Funkuhren damals so groß?"
"Das ist eigentlich eine mittelgroße", sagt Roger.
"Und wie alt ist die?"
Roger dreht die Uhr um. "Also der erste Batteriewechsel war offenbar 1984."
"Wessen Handschrift ist das?"
"Auf dem ersten Aufkleber wahrscheinlich die von <Name eines Kollegen>. Der zweite Aufkleber, das war dann ich." Roger wechselt die Batterien der Uhr seit 37 Jahren. Anfangs waren die Wechselabstände etwas kürzer, vielleicht wurde die Uhr mehr benutzt oder die Batterien waren damals schlechter.
Roger erklärt die sehr unterschiedlichen Wechselabstände – anfangs ein Jahr, in letzter Zeit acht bis zehn Jahre – später in einer Mail: "Batterien sind seit den 1980er Jahren viel besser geworden. Aber vor allem war die Uhr damals an einen Computer angeschlossen, und bei jedem Einschalten des Computers wurde die Zeit mehrmals abgefragt. Damit die Uhr am PC genauer als bis auf eine Sekunde ging (das war für DOS3 mit handeingestellter Uhrzeit das Beste, worauf man hoffen konnte), hat das Programm die Zeit eingelesen, bis die Sekunde umgesprungen ist. Dann wurde mit dieser Zeit die PC-Uhr gestellt. Auf diese Art war die Zeit wahrscheinlich bis auf 0,01 Sekunde genau. Das wiederholte Einlesen hat wahrscheinlich in der Uhr mehr Strom verbraucht, weil das Interface seinen Strom aus den Batterien bezog."
Seine Mail enthält Zusatzinfos über Batterien vor der Zeit dieser Funkuhr: "In den 1980er Jahren waren auslaufsichere Batterien noch ziemlich neu. Die Chemie hatte immer noch Probleme mit Polarisation, wenn ein hoher Strom (sagen wir 0,5 A) gebraucht wurde. Aber sie waren schon viel besser als früher, als die Taschenlampe auch "blinky" hieß (vor 1950 oder so). Man hat sie immer nur ein paar Sekunden lang eingeschaltet, weil sonst die Batterien nachgelassen haben und lange brauchten, um sich zu erholen. Wenn man sie nur jede Minute ein paar Sekunden benutzt hat, ging es. Außerdem waren Batterien damals teuer."
Die Funkuhr ist von 1979 und stammt von der britischen Firma Circuit Services. Das finde ich später heraus, weil die Royal Museums Greenwich auch so eine haben.
Hier gibt es eine Anzeige aus dem Jahr 1979. Die Uhr ist "extremely advanced" und außerdem "portable", offenbar noch keine Selbstverständlichkeit bei Funkuhren.
Roger ergänzt: "Die Anzeige erinnert mich daran, dass wir uns für das richtige Modell für unsere Zwecke entscheiden mussten. Ich weiß aber nicht mehr, was es gab und welche Optionen wir verglichen haben. Der Behauptung in der Anzeige, dass die Uhren unempfindlich gegen elektrische Störungen sind, möchte ich widersprechen. An manchen Stellen im Büro hatte die Uhr keinen Empfang. Sie funktioniert zuverlässiger, seit der Sender von Rugby nach irgendwo in Cumbria umgezogen ist, was viel näher liegt." (Der Umzug war 2007.)
295 Pfund sind im Jahr 1979 ungefähr ein durchschnittliches Monatsgehalt. Aber dafür funktioniert die Uhr halt auch bis heute, und wahrscheinlich noch weitere 100 Jahre, wenn ihr gelegentlich jemand die Batterien wechselt.
(Kathrin Passig mit vielen Auskünften und Mails von Roger Stapleton)










