On the making of Law/ Love in Chanceries
Ein Kollege sagt einmal nach dem Tod von Cornelia Vismann, das Werk von Cornelia Vismann sei todlangweilig gewesen.
Das war damals von der Art jener kleinen achtlosen Randbemerkungen, die Freundschaften zerstören und Kriege auslösen können. Eine Raserei und Rage hat die Bemerkung ausgelöst. Oft verlieren nicht nur Leute ein Wort gegen das, was man liebt. Das, was man liebt verliert auch selbst, verliert gegen Worte, die dem Lieben und Leben entgegengestellt scheinen - und irgendwann verlieren sie alles auf Erden.
In der Raserei und Rage kann man den Kollegen, die achtlose und wĂŒrdelose Worte gegen dasjenige verlieren, das man liebt, Unruhe bewahrend geschmacklose Worte um's Ohr hauen. Du Arsch habe ich mir gesagt, im Kopf ihm. Geradeso, ebenso habe ich die Fassung in zitternden Lippen zittern lassen.
Wer ein Rad abhat, kann Rad abhaben. Alles hilft nichts, nur kleine Schritte, nur minore Objekte helfen. In dem Fall hilft, die Bemerkung als ein Lob zu verstehen. Bei Vismann wird der Tod langweilig, durchaus, aber nur, weil man mit ihr den Tod langweilig erscheinen lassen kann. Sie lebt ohnehin nach, wen schreckt schon der Tod, wenn jemand so nachlebt wie Vismann? Canceln als Chance: Davon handelt das Buch ĂŒber die langweilenste Kanzleikultur in Europa, ĂŒber Rom, das Aktenbuch. Soll der Kollege sich mit dem Tod, mit Vismann langweilen: In Liebe und Law, Recht und Gesetz ist man ohnehin auf sich gestellt und auf sich auĂer Sinn und Sinnen.
Gestern haben Manuel, Ricardo, Arthur, Sweti und Moses mit mir Tafeln gebrochen. Wir haben eine alte Tafel weggestellt, neue Tafel hingestellt. Dazu musste ich zum fantastischnamigen 'KFZ-Referat' an der Uni, die neue Tafel musste nĂ€mlich am Dom in Frankfurt abgeholt werden, gegenĂŒber vom Italiener. DafĂŒr brauchte ich einen Laster. Das letzte mal, als ich da war, da lebte Cornelia noch und an dem Tag wurde ein Esser (Joseph) zum Papst gewĂ€hlt, ab da hieĂ er Benedikt Nr. 16.
Zwischendurch sind viele Jahre vergangen, aber an dem Tag war ich dann auch mit einem Laster vom KFZ-Referat unterwegs, weil ich ein Atelier in Wuppertal auflösen und lauter, einen Haufen Bildtafeln nach Frankfurt bringen musste. Auf der Autobahn hörte ich im Radio Habemus Papam - und bin zufÀlligerweise auf die irre Idee gekommen, als erstes Cornelia anzurufen.
Hallo Cornelia, wir haben einen neuen Papst, hier spricht Fabian.
Ăstliches Pastorentöchterchen und sogenanntes Plakattier Vismann. Die hat sich am Telephon gar nicht eingekriegt vor thrakischem Lachen, dass ich ausgerechnet sie angerufen habe, um ein bisschen Aufregung zu teilen.
Hast Du ein Rad ab, mich deswegen anzurufen?
Bin gerade auf der A 3, Wuppertal Richtung Frankfurt, kann sein.
Ruf doch lieber spÀter noch mal an.
Hach, Canceln! Hach, Gerechtigkeit als Zufall, so soll es sein, alles just by coincidence.
Vismann ist tot, lange lebe Vismann. ZufĂ€lligerweise, umwegigerweise gibt es jetzt eine Institution, ein 'Institut' fĂŒr die Forschung, die Vismann initiiert hat, genau an dem Ort, an dem sie ein paar Jahre gearbeitet hat.
Zwischendurch mal alles weg, gut so, aber einem Weg ist ohnehin egal, ob er gut ist, er will doch sowieso weg. Jetzt, nur eine kurze Phase lang mit vielen Jahren, die immer zwischendurch vergehen, gibt es am Max-Planck-Institut Forschung, die den Namen Vismann hochhÀlt, wie ein Schild, wie ein Digma und ein Dogma.
In diesem Jahr gab es den ersten Workshop zu Recht und Anthropofagie, VortrĂ€ge und Workshop in Brasilien, wo die Neugierde groĂ ist, wo man vor allem auf produktive und irritierende Weise immer schon mehr ĂŒber das weiĂ, als was die Vortragenden bewuĂt so und nicht anders mitbringen. Das ist ein Zauber Brasiliens, vermutlich auch anthropofage Praxis: Man trĂ€gt jenem professionellen Publikum bewuĂt so und nicht anders vor, das auf nicht hemmende, sondern bezaubernde Weise sowohl signalisieren kann, dass es mehr vom Thema weiĂ, als man gerade sagt und ihnen vortrĂ€gt und die gleichzeitg groĂe Neugierde signalisieren, ob man das denn auch schon weiĂ, was sie mehr wissen. Lockendes Publikum, ein verfĂŒhrerischer Luxus! Immer wissen sie weiter als der, der vortrĂ€gt.
Im Vortragen fallen einem dort lauter Sachen ein, von denen man noch gar nicht wuĂte, dass man sie vortrĂ€gt oder ĂŒberhaupt etwas von ihnen wuĂte. VerrĂŒckt, dafĂŒr bezahlen die einen noch, zahlen FlĂŒge und Hotels, fĂŒhren einen aus, gutes Essen und Strand - und natĂŒrlich law clinic unter Palmen, perfekt.
I wish you were here, i wish you where there: Vismann, weil Vismann die Technik des Cancelns so gut ausĂŒben und wahrnehmen konnte. Das Buch ĂŒber die Akten oder dasjenige Vom Griechenland, dasjenige ĂŒber das Schöne am Recht: Ich lese, also messe, misse und vermisse ich. Gibt es was Schöneres auf der Welt als Frauen, die einem schreiben? Gibt es was brutaleres, grausameres und schrecklicheres auf der Welt als Frauen, die einem nicht schreiben?
In der Schönheit gibt es, wie im Recht und der Liebe Hitparaden, immer wieder Schlag auf Schlag. Mit Superlativen sollte man vielleicht nicht um sich schmeiĂen, den Peinlichkeiten entgeht man auch ohne so eine SuperlativschmeiĂerei schon oft genug nicht.
Was mir erst jetzt, nach zig Jahren auffÀllt: Dass Cornelias Buch die Zweisprachigkeit braucht - und zwar eine Zweisprachigkeit, die bigendert und die binational ist, dabei aber römisch gesprochen wird.
Das ist eine Entzweiung der Sprache, die polarisiert, weil in der Ăbersetzung die Worte zu Gegenworten pendeln. Die Theorie vom Gegensinn der Urworte macht insofern Sinn, wenn man sie sowohl beim Wort nimmt als auch bildlich versteht. So verliert sie auch ihren Sinn, wie sie ihn macht. Am Anfang der Medien des Rechts ist Thomas Vesting Vismann ausgewichen, als er geschrieben hat, der Umkreis um Kittler bringe zu schnell, zu bald (die wörtliche Formulierung ist entscheidend, sie ist auch bildlich entscheidend, prĂ€zise lasse ich sie hier aus, um sie in ihrer PrĂ€zision und Paraphrase zu wĂŒrdigen) Medien in Zusammenhang mit Macht. Vesting hat inzwischen auch Institutionen angepeilt, die Vismann mit dem Verb Instituieren angepeilt hat. Entweder zu frĂŒh, entweder zu spĂ€t, saturiert und darum satyrisch kommen alle daher und laufen vorbei.
Auf einer Tagung, die wir in Weimar unter dem Titel Instituieren organisiert haben, gab es, was sonst?, Anstösse und Anstössiges, eine Kritik der rein VernĂŒnftigen und ihrer BadezusĂ€tze, der WaschbĂ€ren. Viele Jahre sind vergangen, da kann man gerissene FĂ€den gut wieder aufgreifen und nach dem VerhĂ€ltnis zwischen dem Instituieren als einer Technik und einer institutionellen Macht fragen.
Institution wÀre dann etwas, was warten oder erwarten lÀsst, weil es als Gegegebenheit oder Gelegenheit erscheinen kann, als Zufall zum Beispiel. Das ist nur so eine Annahme, nichts als eine Annahme.