3. November 2022
Ich repariere etwas mit einem Phasenprüfer, ohne dabei zu sterben
Der nächste Punkt auf E.’s Liste mit Technikproblemen ist der Flachbettscanner. E. scannt oft sehr schöne alte Fotos, eigene und fremde, kann das aber seit einiger Zeit nicht mehr tun, weil der Scanner defekt ist. Ich wackle an allen seinen Kabeln, es sind nur zwei: Eins führt zum Laptop und ein anderes zu einem korrekt in der Steckdose steckenden Netzteil.
Eigentlich sind meine Reparaturkompetenzen mit “überprüfen, ob alle Stecker drin sind” auch schon am Ende. Ich sehe bei eBay nach, ob man vielleicht genau den gleichen Scanner für 10 Euro plus Porto nachkaufen kann. Es ist ein älterer, aber, wie mir E. versichert, professioneller Scanner zum Scannen von Fotos, er kann auch Dias. Der einzige bei eBay Deutschland angebotene baugleiche Scanner kostet 200 Euro.
Vielleicht ist ja nur das Netzteil kaputt, das wäre billiger und leichter zu ersetzen. Das Netzteil ist zwar kalt, aber das muss nichts heißen, was weiß ich schon über moderne Netzteile. Man hört ja, es ist gar nicht mehr so, dass alle Geräte im Standby viel Strom verbrauchen.
Ich sage zu E: “Hast du vielleicht so einen durchsichtigen Schraubenzieher, in dem innen Sachen drin sind?” Sie bringt einen kleinen Pappkarton mit einer sehr überschaubaren Werkzeugauswahl. Es sind etwa sieben Teile, aber eins davon ist wirklich ein Phasenprüfer.
Ich habe noch nie einen Phasenprüfer benutzt, nur anderen dabei zugesehen und nicht aufgepasst. Ich google, wie man einen Phasenprüfer verwendet. Das Ergebnis ist verstörend. Man soll ihn in die Steckdose stecken und dabei den Daumen hinten auf den Metallpunkt halten! Ich frage mich, ob ich gerade auf eine dieser Seiten im Internet reinfalle, auf denen aus Scherzgründen steht, dass man die Bremsbeläge einölen soll. Ich frage es mich aber nicht so intensiv, dass ich auch das zweite Suchergebnis betrachte, denn schließlich will ich den Phasenprüfer ja nicht in eine Steckdose stecken, sondern nur rausfinden, ob das Netzteil geht. Am geräteseitigen Ende, stelle ich mir vor, ist der Strom bestimmt nicht ganz so tödlich. Schließlich ist so ein Scanner ein Präzisionsinstrument und keine Bohrmaschine.*
Ich halte den Phasenprüfer außen an das Metall des Steckers, der in den Scanner gehört. Nichts passiert, ich weiß sowieso nicht, wie da irgendwas passieren soll, schließlich ist mein Daumen mit nichts verbunden und nicht mal geerdet, soweit ich weiß. Allerdings weiß ich auch nichts über Erdung. Ich habe Schuhe an und wir sind im ersten Stock, aber sicher sind auch schon Leute mit Schuhen im ersten Stock an Stromschlägen gestorben. Vielleicht ist Erdung nur ein irreführendes Wort.
Ich stecke den Phasenprüfer in den Stecker hinein. Das geht, weil es so ein Stecker mit Metall außen und einem Pinöppel innen ist (”Hohlstecker mit Innenstift”). Es britzelt und funkt. Das ist zwar nicht der bestimmungsgemäße Gebrauch des Phasenprüfers, dafür hätte ich auch einen ganz normalen Schraubenzieher nehmen können, aber es scheint mir ein gutes Zeichen dafür, dass Strom grundsätzlich vorhanden und das Netzteil nicht kaputt ist. Jedenfalls war es bis gerade eben nicht kaputt.
Ich betrachte die Buchse im Scanner. Sie sieht dubios aus, ich kann gar keine Metallkontakte erkennen, nur bröckeliges schwarzes Schaumzeug, vermutlich die zerfallende Isolierung zwischen der Außenseite des Steckers und dem Pinöppel.
Ohne besondere Basis für diesen Glauben bin ich davon überzeugt, dass praktisch alle Hardwareprobleme mit Wackelkontakten am Stecker zu tun haben. Ich drehe ein bisschen am Stecker und drücke gleichzeitig den Einschaltknopf des Scanners. Ganz kurz blinkt ein grünes Licht am Knopf auf.
Ich muss noch ein paar Minuten am Stecker herumdrehen, bis das Licht dauerhaft leuchtet Dann führe ich E. das Ergebnis vor. “Du darfst den Scanner halt nie mehr bewegen”, sage ich.
* In der Techniktagebuch-Redaktion werde ich nach dem Aufschreiben dieses Beitrags darüber aufgeklärt, dass ein Phasenprüfer nicht, wie ich dachte, ein Allzweckinstrument zum Aufspüren von Strom ist. Er leuchtet erstens nur bei Netzspannung, also wenn man ihn wirklich in eine Steckdose steckt, und nicht bei den paar Volt, die so ein Scanner bekommt. Immerhin ging also meine Vermutung “Präzisionsgerät braucht sicher irgendwie undramatischeren Strom” in die richtige Richtung. Zweitens leuchtet er nur bei Wechselstrom, Netzteile liefern aber ausgangsseitig meistens Gleichspannung. Um etwas über das Funktionieren des Netzteils herauszufinden, hätte man ein Multimeter gebraucht. Das war aber sowieso nicht in E.’s kleinem Werkzeugkarton.
(Kathrin Passig, aufklärende Informationen in der Fußnote von Oliver Laumann)















