Gewalt (via Henning Venske - danke fĂŒr den Text!)
Neoliberalen Betonköpfen ist es zu verdanken: Fast ĂŒberall in der Welt gingen 2013 Menschen aus Protest auf die StraĂe. Die AnlĂ€sse der Massenproteste waren meist Alltagsprobleme: Mangelhafte Stromversorgung, unbezahlbarer oder fehlender Wohnraum, die WillkĂŒr korrupter Behörden, Ăbergriffe von Sicherheitsapparaten.
Die GrĂŒnde fĂŒr Proteste und Massenstreiks aber liegen tiefer: Keine Rechtssicherheit, keine soziale Absicherung, kein allgemein zugĂ€ngliches Bildungs- und Gesundheitssystem, keine Infrastruktur und keine Zukunft.
Weltweit ist nichts so selbstverstĂ€ndlich wie der Einsatz von Gewalt. Es ist der routinierte Gebrauch, diese allgemeine Akzeptanz von Gewalt, die uns kaum noch einen Schritt voran bringt und verhindert, dass wir zivilisiert miteinander umgehen, so dass sich schon Schulkinder auf dem Schulhof mit âdu Opferâ ansprechen.
Sie können mir abnehmen â ich bin dagegen, jemanden, wer immer es auch sei, ob in Uniform oder im Kapuzenpulli, zu ĂŒberfallen, zu verprĂŒgeln und mit Steinen zu beschmeiĂen. Jemandem Gewalt anzutun und ihn zu verletzen, ist ein Verbrechen und zu bestrafen.
Aber wir mĂŒssen reden ĂŒber die Verlogenheit des öffentlichen Diskurses.
Es ist wohl keine Frage: Die sozialen Probleme und Konflikte weltweit spitzen sich zu. Der globale Krieg der Reichen gegen die Armen ist in vollem Gange. Und dabei wird immer deutlicher: Soziale Konflikte kann man weder militĂ€risch wie in Ăgypten, noch mit dem PolizeiknĂŒppel wie in Istanbul oder in Rio de Janeiro lösen, auch nicht in Afrika oder in den VorstĂ€dten von Paris und London.
Deutsche StĂ€dte steuern auf Grund des Versagens der Politik und der PolizeifĂŒhrungen auf Ă€hnliche Situationen zu. Wenn man weiterhin zulĂ€sst, dass die Polizei als politischer Akteur auftritt, geraten Legislative und Exekutive endgĂŒltig durcheinander: Dann begreift sich die Polizei nur noch als BĂŒttel der herrschenden kapitalistischen Interessen und glaubt, das legitimiere ihre Gesetzes-Ăbertretungen und den Missbrauch des staatlichen Gewaltmonopols. Angeheizt wird diese Einstellung durch Leute wie den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt - der diffamiert Demonstranten gewohnheitsmĂ€Ăig als Chaoten. Oder durch den Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Hessen, der auf die Frage, warum die "renommierten" Medien nicht ĂŒber die Zahl der verletzten Demonstranten berichten, antwortete: âDas sind ja keine Demonstranten, sondern gewalttĂ€tiger Abschaum." Oder durch Hamburgs Innensenator Michael Neumann, der auch in der Schill-Partei Bella Figura gemacht hĂ€tte. Der erklĂ€rte, bei uns gĂ€be es keine konkreten politischen Probleme, gegen die man demonstrieren mĂŒsse.
Na prima, dann brauchen wir auch keinen Innensenator, und schon gar nicht diesen Herrn Neumann. Der machte sich vollends lÀcherlich, als er sagte:
âDie Verantwortung tragen allein die Kriminellen.â
Nun, so ganz unrecht hat er ja nicht, der Herr Senator: Auch, wenn die Polizei-Gewerkschaften das gar nicht gerne hören und das Thema weitgehend tabuisiert ist âgenauso wie in anderen Berufsgruppen gibt es auch unter den Polizei-Beamten ĂŒble Typen , die Gewalt suchen, Hooligans in Uniform, also Kriminelle, und es gibt Einsatzhundertschaften, die fĂŒr ihre BrutalitĂ€t berĂŒchtigt sind:
Die Polizei-Gewalt um Wackersdorf, Brokdorf, an der Startbahn West und im Wendland ist unvergessen, ebenso der Hamburger Kessel. Vor einigen Jahren hat sich die Staatsmacht beim G-8-Gipfel in Heiligendamm ausgetobt, dann beim Polizeieinsatz rund um die Baustelle am Stuttgarter Bahnhof, wo ganze Schulklassen zusammengeprĂŒgelt wurden und ein alter Mann bei den Wasserwerfer-EinsĂ€tzen ein Auge verlor, dann beim Polizeieinsatz in Frankfurt gegen Blockupy: Da wertete die Polizei-Einsatzleitung Regenschirme und Sonnenbrillen als VerstoĂ gegen das Vermummungsverbot und begrĂŒndete so ihren massiven Einsatz von Gewalt.
Ob nun bei den Auseinandersetzungen in Hamburg wirklich fliegende Steine und Gewalt der Demonstranten der Anlass fĂŒr den Einsatz von Wasserwerfern, Pfefferspray und KnĂŒppelei war, oder ob es sich nicht genau umgekehrt verhielt â dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. Aber der Verdacht liegt nahe, dass die rechts-und verfassungswidrige Einkesselung der Demonstranten von der Polizei so geplant war, um das Losmarschieren des genehmigten Demonstrationszuges von vornherein zu verhindern.
Man muss schon froh sein, dass solche PolizeieinsĂ€tze wie in den genannten StĂ€dten nicht in Moskau passieren â da mĂŒsste sich die Ăffentlichkeit sonst echt aufregen.
Ich tue wohl niemandem Unrecht mit der Feststellung, dass unsere Medien oft sehr einseitig berichten. Die Statements der Polizeisprecher sind oft die erste und einzige Informationsquelle fĂŒr das, was dann aus den Lokalzeitungen sprudelt und aus dem Lokalsender blubbert. Da wird dann deutlich, dass die Massenmedien ein arg taktisches VerhĂ€ltnis zur Wahrheit pflegen...
Jedoch voller Bewunderung wird uns serviert, wie die Menschen in der Ukraine ihre Barrikaden gegen die EinsatzkrĂ€fte der Polizei verteidigen. TrĂ€nengas- und KnĂŒppel-EinsĂ€tze der Polizei dort gelten als Anzeichen eines Unrecht-Regimes, und die Demonstrationen werden uns als edle Freiheitsbewegung verkauft.
Die Berichterstattung gerÀt zur perfekten Klitschko-Propaganda.
Es wĂ€re ein guter Witz, wĂŒrde Wiktor Janukowitsch mal einige Worte zu PolizeieinsĂ€tzen in Deutschland verlieren.
Unisono empörten sich Medien und Politik auch ĂŒber die BrutalitĂ€t der vom tĂŒrkischen MinisterprĂ€sidenten Erdogan befohlenen PolizeieinsĂ€tze bei Occupy Gezi in Istanbul.
Kanzlerin Merkel wetterte: âEs gab schreckliche Bilder, auf denen man sehen konnte, dass viel zu hart vorgegangen wurdeâ.
Das war leider die pure Scheinheiligkeit: Die Bundesregierung versorgt seit Jahren die tĂŒrkische Polizei mit Waffen und AusrĂŒstung, und tĂŒrkische Polizisten werden in Deutschland trainiert in den FĂ€chern >Einsatz von Wasserwerfern<, >Auflösung von Sitzblockaden<, >Vormarsch von RĂ€umpanzern< und was das staatliche Aggressionspotential sonst noch so zu bieten hat.
Als dann in Syrien, in den VorstĂ€dten von Damaskus, ĂŒber tausend Menschen mit Giftgas umgebracht wurden, sprach Frau Merkel zwar umgehend von einem âKriegsverbrechenâ, aber dass Chemikalien, die fĂŒr die Produktion des dort verwendeten Giftgases Sarin nötig sind, aus Deutschland stammten, war nicht der Rede wert.
Die deutsche Regierung liefert ja auch Panzer an arabische Despoten und heuchelt dann Betroffenheit, wenn diese gegen die dortige Bevölkerung eingesetzt werden.
Dasselbe in Indonesien. Als Indonesien Panzer in den Niederlanden kaufen wollte, lehnte dies das hollĂ€ndische Parlament ab. Aber was fĂŒr die Niederlande nicht in Frage kommt, ist unserer Regierung und unserer Wirtschaft gerade recht...
Und wĂ€hrend unsere Medien Putin Erpressung gegenĂŒber der Ukraine vorwerfen, wird die von Deutschland den sĂŒdeuropĂ€ischen EU-Partnern oktroyierte AusteritĂ€tspolitik als reine Wohltat verkauft. Deswegen werden die massiven Proteste in Griechenland, Spanien oder Portugal nur wenig, und wenn, dann negativ kommentiert, indem man Menschen, denen die sogenannte EuropĂ€ische Sparpolitik die Existenzgrundlage geraubt hat, als Randalierer und linksradikale Krawallmacher diffamiert.
Bei uns ist es kein Thema, dass politische Ziele oft nur mit Demonstrationen auf der StraĂe erreicht werden können. (Die Verhinderung der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf ist dafĂŒr ein gutes Beispiel!) Das will man gar nicht wissen. Demonstranten wird hierzulande fast nie ein ernstzunehmendes Anliegen unterstellt.
Deswegen halten Politik und Wirtschaft in Deutschland es eher fĂŒr erstrebenswert, dass Demonstrationen nur noch nachts, fĂŒnf Kilometer von der nĂ€chsten Siedlung entfernt, in Sandgruben, auf einsamen PanzerĂŒbungsplĂ€tzen oder in stillgelegten Bergwerken stattfinden dĂŒrfen, und dann sollten sie auch noch mit saftigen GebĂŒhren belegt werden.
Staatsanwaltschaften und Gerichte sind einstweilen oft bereit, ĂŒberzogene Bedrohungsszenarien und skandalöse EinsĂ€tze der Polizei im nachhinein zu legitimieren.
Und krasse Opfer von Polizeigewalt bleiben besser in der AnonymitĂ€t: Erfahrene RechtsanwĂ€lte raten davon ab, rechtlich gegen Polizeigewalt vorzugehen, weil dann in aller Regel das volle Programm gegen die Opfer eingeleitet wird: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung und andere VorwĂŒrfe. Und selbstverstĂ€ndlich sind dann auch immer fĂŒnf oder zehn uniformierte Zeuginnen und Zeugen zur Stelle.
Nun lecken die Beteiligten ihre Wunden, die GewalttĂ€ter lĂŒgen sich ihre Version der Ereignisse zurecht, und zum Feierabend, wenn auch die hĂ€usliche Gewalt endlich beendet ist, sichern die Rosenheim-Cops, die sauberen OrdnungshĂŒter von der Hafenkante oder sympathische Tatortkommissare mit Hilfe von âSchutzmann Eifrigâ, unserem stets hilfsbereiten Kontaktbereichsbeamten, den gesellschaftlichen Frieden...
©Henning Venske http://venske.de















