30. November 2024 / 1995
Die Auslandsauskunft, das Kommunikations-Raumschiff aus der Zukunft
Bis zur Privatisierung der Telekom 1995 habe ich bei der Auslandsauskunft gearbeitet, in fünf Minuten geht sie für immer vom Netz*. Grüße an alle Kolleg*innen von damals!
Während die Inlandsauskunft damals hauptsächlich von Beamt*innen / Angestellten im (vergleichbar) mittleren Dienst besetzt war, die Ausbildungen bei der Bundespost absolviert hatten, war die Auslandsauskunft hauptsächlich von angelernten Studierenden besetzt, die wegen ihrer Fremdsprachenkenntnisse eingestellt wurden und wegen ihres Abiturs im vergleichbar gehobenen Dienst eingruppiert waren. Das gab natürlich Stoff für Konflikte!
Diese Konflikte blieben allerdings weitgehend aus. Zwar fanden einige der Inlandsauskünftler*innen uns Auslandsauskünftler*innen merkwürdig und abgehoben und einige von uns ignorierten die Inlandsauskünftler*innen, aber die meisten von uns auf beiden Seiten waren nett und friedfertig zueinander. Der Grund: Die Bundespost war eine sehr gute Arbeitgeberin. Die Tätigkeit war anstrengend, aber wir wurden alle respektvoll behandelt und unsere Jobs waren sicher (bis zur Privatisierung, halt). Man könnte fast meinen, wenn man Leuten einen Arbeitsplatz bietet, an dem sie wie Menschen behandelt werden und sich keine Sorgen um die Zukunft machen müssen, konzentrieren sie sich auf ihren Job und sind nett zueinander!
Beaufsichtigt wurden wir in der Auslandsauskunft durch „Aufsichten“ — Laufbahnbeamt*innen der Bundespost, die dafür sorgen sollten, dass wir Studierenden unseren Job auch ordentlich machen. Anders als die Kolleg*innen aus der Inlandsauskunft waren viele von ihnen nicht gut auf uns zu sprechen und hatten uns immer im Verdacht, faule Hippies zu sein. Tatsächlich waren wir effiziente und eigenständig arbeitende Hippies, dafür hatten sie keine Kategorie. Da gab es dann wirklich mal Konflikte …
In unseren Pausen durften wir übrigens kostenlos** Fern- und Auslandstelefonate führen — was das für uns bedeutet hat, kann sich die EU-Roaming-/Messenger-App-Generation gar nicht vorstellen. Wir konnten soziale Kontakte im ganzen Land und in der ganzen Welt pflegen, die sich andere schlicht nicht leisten konnten. Wir schwebten im obersten Stockwerk des Hamburger Fernmeldeamtes in der Schlüterstraße 51 wie in einem Kommunikations-Raumschiff aus der Zukunft!
* „Am 1. Dezember 2024 stellte die Deutsche Telekom ihre telefonische Auskunft ein. Zuletzt hatte sie 'deutlich unter zwei Millionen' Anrufe pro Jahr verzeichnet, was einen Rückgang von 99 % gegenüber 550 Millionen Anfragen im Jahr 1995 bedeutet.“ (Wikipedia)
** Wir durften überall hin umsonst telefonieren, wo es Selbstwählferndienst gab, ausgenommen waren nur die INMARSAT-Rufnummern, mit denen man Schiffe per Satellit anrufen konnte …
(Anatol Stefanowitsch, mit freundlicher Genehmigung aus diesem Thread bei Mastodon übernommen)



















