Außerdem hatte sie keine Lust auf irgendwen, den sie kannte. Sie hatte schon lange keine Lust mehr auf Leute, die sie kannte.
Sie betrachtete den Staub im Licht und fühlte sich eben so: als fiele sie ganz langsam; so langsam, dass man das Auftreffen nicht fürchten musste.
"Weg ist keine Richtung, oder?", fragte sie laut. [...] Im Grunde war es egal, wohin sie ging. Es ging ja nicht darum, irgendwohin zu kommen. Es ging darum, von allem wegzugehen.
Und irgendwas in ihr, das auch immer wehtat, was sie nur nicht immer spürte.
Alles Dinge, die einmal einen Zweck gehabt hatten und jetzt in ihrer Vergessenheit nur noch schön aussahen, aber nicht mehr nützlich waren. Manche Menschen waren auch so. Sie war so. Das Mädchen dagegen konnte noch einen Weg in die Welt finden.
Sie hatte die Fäden viel zu spät zerschnitten. Ein Baum wuchs nicht mehr, wie er wollte, wenn er schon groß war.
Wenn man hier aufwuchs, hatte man nicht nur die eigene Geschichte, man hatte immer auch die ganze Dorfgeschichte hinter sich. Vielleicht fühlte es sich manchmal sogar gut an, einfach nur ein Teil des Ganzen zu sein. Das Dorf zu sein und nicht sie selbst. Sie erschrak bei dem Gedanken.
Wie gut es sich manchmal anfühlte, einfach am Leben zu sein. Nichts sonst. Einfach nur am Leben zu sein.
Das Mädchen war gerade da, wo es sein wollte. Und wo es sein sollte. Für heute gab es keinen anderen Platz. Nur hier. Und heute. Irgendetwas hatte angefangen, das es vorher nicht gegeben hatte.
Wenn man die Beste sein soll, dann muss man Dinge wissen, die die anderen nicht wissen.
So ist es immer, dachte Liss. Am Ende ist man immer allein.
Sie brauchte eine Weile, bis sie wusste, warum sich das so gut anfühlte, aber dann wurde ihr fast erstaunt klar, was es war: Freiheit.
Sie hatte keine Lust, tot zu sein. Oder kaputt. Es war ja genau andersherum. Sie wollte klar sein, rein, genau, perfekt, und das war nie möglich. Aber hier oben zu sitzen, auf der Grenze zwischen Fall und Sicherheit, das fühlte sich frei an und gut.
Bei ihr taten alle so, als wollten sie sie haben; sehr gern haben, auf alle Fälle haben, aber was sie wirklich haben wollten, war ein Spiegelbild, das sie Sally nennen konnten. [...] Keiner wollte sie so, wie sie war, dachte sie ohne große Gefühle.
Vielleicht würde Sonnenlicht so schmecken, wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele.
Dinge sein lassen, wie sie sind, war schon gar nicht in seiner Ordnung. Bäume kann man an einen Pfahl binden, damit sie gerade wachsen. Er hat sein Leben lang gedacht, dass man das auch mit Menschen machen kann.
Liss versuchte nachzudenken, aber über Gefühle nachdenken ging nicht, Gefühle hatte man. Manchmal mehr als eines zur gleichen Zeit.
"Bloß weil du irgendwann auch nur noch ... Knochen bist", sie deutete auf die Wand, "deshalb willst du vorher schon innen drin tot sein? Das bist du nicht. Du nicht."
Heim, dachte Liss. Sie hat "heim" gesagt.
Es war so ein eigenartig prickelndes Gefühl gewesen, mitten in einem Herbsttag zu sein und zu wissen, dass danach nicht der Winter, sondern ein Sommer kam.
Ihr Kopf tauchte bis zu den Ohren ins Wasser, ihr Körper hob sich heraus, glänzte nass im schwachen Licht der Badlampe, und Sally holte fast erschreckt Luft, weil sie sich ... sie ließ sich so schnell ins Wasser zurückfallen, dass es an den Rändern überschwappte. Für einen Augenblick hatte sie sich schön gefunden. Sie schloss die Augen, um das Bild für einen Moment zu behalten.
Du hast keine Ahnung, wie sehr du mich ... als wir uns das erste Mal getroffen haben, da bist du zornig den Weinberg hochgestiegen, und es war, als hätte ich mich in einem Spiegel gesehen, der das Bild mit dreißig Jahren Verzögerung zurückwirft.
Und ich weiß, wie es ist, wenn dieses Gefühl, wenn diese Sicherheit, besonders zu sein, Stück für Stück kaputtgeht wie ein Baum, den man in die falsche Erde gepflanzt hat, und ihn mit Stricken und Pfählen dazu zwingt, von der Sonne weg zu wachsen.
Konnte man sich in einem anderen Menschen verwirklichen? Sein Leben von einem Mädchen, das einem so zugelaufen war und das vielleicht stärker war als man selbst, noch einmal leben lassen? Besser leben lassen?
Weil alles andere schlechter war als das hier. Der Gedanke traf sie erst jetzt, mit der vollen Bedeutung. Plötzlich musste sie lachen. Einfach lachen.
Warum konnten die einen nicht einfach in Ruhe lassen? Was sollte das? Weil sie es einfach nicht ertragen konnten, dass andere nicht in derselben Scheißwelt leben wollten wie sie. Weil sie alle anderen in diesen Dreck, in diesen stinkenden Sumpf reinziehen wollten, diesen Sumpf aus kaputten Zielen und Träumen und Wünschen und allem. Und wenn eine es schafft, sich da rauszuziehen, dann kommen sie, weil sie nicht allein in dem Müll sein wollen. Weil sie wollen, dass das Leben der anderen auch kaputtgeht.
Scheiße, ja. Sie wollte nirgendwo anders hin. Der Hof war der beste Platz, an dem sie je gewesen war.
Sie wusste nur, dass sie etwas richtig gemacht hatte, was alle anderen falsch nannten. So wie damals.
Versuch doch ein Mal, nur ein Mal, mit der Realität klarzukommen. Das Leben ist einfach so. Nichts ist einfach. Du brauchst Struktur.
Die meisten kapierten nicht, dass man auch miteinander schweigen konnte und dass das eigentlich das Beste von allem war. Weil man mit allen irgendeinen Scheiß reden kann, und der bedeutet überhaupt nichts, aber die anderen denken, man wäre sich wer weiß wie nah gewesen.
Sie checkten nicht, dass man die ganze Zeit etwas sagte. Nur eben nicht mir Worten.
Und wie genau sie damals auf einmal wusste, dass sie weggehen würde. Dass sie hier nicht leben konnte und dass Sonny und sie es zusammen schaffen würden. Und jetzt? Sie sah in den Himmel und spürte nichts mehr. Nicht einmal die Sehnsucht. Innen war sie schon tot.
"Du ... ich habe gedacht, ich bin kaputt. Und dann bin ich zu dir gekommen, und dir war es egal, wie kaputt ich war und ob ich gegessen habe oder nicht und was ich gemacht habe oder ... oder nein. Du hast es genau richtig gemacht. Dir war es nicht egal, aber du hast mich gelassen. Und irgenwann hab ich dann auch gemerkt, dass es dir nicht egal ist. Dass du gewollt hast, dass ich ... dass ich nciht mehr kaputt bin. Aber du hast nie versucht ... "
"Wenn ... wenn eine Maschine nicht geht, dann nimmt man sie auseinander und nimmt das kaputte Teil raus und setzt sie wieder zusammen. Und das haben sie bei mir auch immer versucht. Mich auseinanderzunehmen und dann wieder zusammenzusetzen. Aber Menschen sind doch keine Maschinen. Und wenn in ihnen was kaputt ist, dann muss es manchmal einfach bloß wieder zusammenwachsen, und man muss ihnen Zeit dafür geben. Das hast du getan. Bei mir."
"Dann ... dann wächst es eben schief zusammen und tut immer ein bisschen weh."
"Es war nicht, dass er mich geschlagen hat. Das ist passiert, und ich habe zurückgeschlagen. Manchmal war es fast, als ob er das gewollt hätte. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass er mich gefangen gehalten hat. [...] Dadurch, dass ich immer noch geglaubt habe, ich würde ihn lieben."
Mitten im Herbst. Mitten im Herbst fühlte es Sich an, als würde etwas Neues beginnen. War ja vielleicht auch so.
Ohne Liss hätte sie das niemals erlebt. [...] Hier sind wir uns begegnet. Sie hatte den Weinberg damals gar nicht gesehen. Er war nur Landschaft gewesen. Ohne Bedeutung. Es war nicht derselbe Weinberg, in dem sie jetzt stand. Dieser Weinberg war wirklich. Sie war wirklich geworden in dieser Zeit.
Es war eine alles erschütternde Sehnsucht danach, auch im richtigen Boden aufgewachsen zu sein, und sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr plötzlich Tränen übers Gesicht liefen.
Vielleicht war Sally bisher einfach am falschen Ort gewachsen.
Die Dinge sind im Gleichgewicht.