Dies ist im Grunde der Schrottplatz, Ă€h, Gebrauchtwarencenter fĂŒr all die Ideen, die mich hinterrĂŒcks niederknĂŒppeln, als wĂ€re ich fĂŒr Reche
Falls jemand interessiert ist, ich schreibe Drabbles zu den Drei ???.
Momentan Poste ich jeden dritten Tag ein neues Drabbles. Heute kam das 10.
Und fertig geschrieben habe ich im Moment 186, also das wird noch eine Weile so weitergehen.
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Snippet zum Chaostrio, bit sad. Thema: Warum sind sie zur Polizei gegangen?
Tamina und Wespe hatten Schalavsky miteinbezogen, als sie gesagt hatten, dass sie feiern wollten. Schalavsky hatte versucht sich herauszuwinden, aber Wespe hatte sich bei ihm untergeharkt und versprochen, dass sie nur im kleinen Kreise feiern wollten und man es wirklich nicht oft schaffte so einen Erfolg zu erreichen. AuĂerdem wĂŒrde er eingeladen werden.
Schalavsky hatte nachgegeben und so endeten sie in einer Bar, die mitten in der Woche angenehm ruhig war und Tamina und Wespe probierten die verschiedenen Cocktails aus, wÀhrend sich Schalavsky erst an Bier hielt und dann einen der Whiskeys probierte.
Es dauerte nicht lange bis die drei nach einem zu geringen Abendessen deutlich angetrunken durcheinander quatschen. Wespe und Tamina hatten nach dem zweiten Cocktail angefangen Schalavsky zu duzen und er lieĂ es ihnen durchgehen, weil er sich dann nicht so alt fĂŒhlte und nicht als wĂ€re er in der Verantwortung den Moralapostel fĂŒr die beiden zu spielen. Sie sprachen ĂŒber Gott und die Welt und stellten Fragen ĂŒbereinander von den sie manchmal tatsĂ€chlich noch nicht die Antwort kannten.
Irgendwann sah Tamina fragend in die Runde: âWarum seid ihr zur Polizei gegangen?â
âWeil meine Boyband nicht so steil gegangen ist, wie erwartet.â, grinste Wespe und steckte sich sein Cocktailschirmchen in die Haare.
Tamina schlug spielerisch nach ihm: âIch meinâ das ernst. Ich bin zur Polizei gegangân, weil ich was verĂ€ndern wollte. Weil meine Eltern immer Angst hatten sich an die Polizei zu wenden, weil sie nich von hier sind und nie wussten, ob man ihnen helfen wĂŒrde oder nich. Und ich dachte das könnte ich besser machen.â
Wespe lĂ€chelte sie an wie ein stolzer groĂer Bruder und stahl einen Schluck von ihrem Cocktail.
Schalavsky lieĂ sich hinreiĂen zusagen: âIch wollte etwas weniger Ungerechtigkeit. Oder zumindest zur Gerechtigkeit beitragen.â
Zwei Augenpaare richteten erwartend auf Wespe.
Der zeigte ein konzentrierten Ausdruck: âWegen Schalavsky.â
Tamina machte ein fragendes GerĂ€usch. Schalavsky hielt das fĂŒr einen Scherz: âAls wir uns kennengelernt haben, waren Sie bereits ausgelernt.â
Wespe schĂŒttelte etwas zu sehr den Kopf und musste sich am Tisch festhalten: âNein, du hast den Mord an meinem kleinen Bruder aufgeklĂ€rt.â
Tamina runzelte die Stirn: âIch kenne doch deinen Bruder.â
âDas ist mein groĂer Bruder. Ermordet wurde mein kleiner.â, sagte Wespe klang nun erstaunlich nĂŒchtern.
Schalavsky schluckte und fragte: âWann war das?â
âVor einundzwanzig Jahren.â, sagte Wespe ohne auch nur einen Moment darĂŒber nachdenken zu mĂŒssen. Schalavsky brauchte etwas lĂ€nger, um sich an den Fall zu erinnern, weil sein Gehirn ihm eiskalt klar machte, wie alt Wespe vor einundzwanzig Jahren gewesen war. Und dann wĂŒrde ihm klar wie jung der kleine Bruder gewesen sein musste. Und das lieĂ nur noch einen Fall ĂŒbrig, der sich in Schalavskys Gehirn eingebrannt hatte. Er hatte die Eltern des Kindes noch gut im GedĂ€chtnis und den TĂ€ter. Weniger klar erinnerte er sich an die beiden Ă€lteren BrĂŒder des Ermordeten, die noch zur Grundschule gingen und nicht im Kreis der VerdĂ€chtigen waren.
Der JĂŒngere von ihnen wurde stĂ€ndig Spatz genannt und war ein sehr sĂŒĂes Kind gewesen das bittere KrokodilstrĂ€nen geweint hatte und seinen kleinen Bruder zurĂŒck haben wollte.
âSpatz? Das waren Sie?â, fragte Schalavsky entgeistert. Wespe nickte.
âWas ist passiert?â, rief Schalavsky. Wespe runzelte die Stirn und antwortete fragend: âMein Bruder wurde ermordet?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf: âIch meine den Kleidungsstil! Sie waren so ein sĂŒĂes Kind.â
Es kam selten vor, dass Wespe sprachlos war, aber das war so ein Moment. Er starrte seinen Vorgesetzten nur unterwÀltigt an.
Tamina hingegen trat Schalavsky volle Möhre vors Schienbein. Zu seinem GlĂŒck konnte sie im Sitzen nicht viel Schwung holen, sonst wĂ€re das noch stĂ€rker ausgefallen: âWas ist denn falsch mit dir?â
âTschuldigung.â, sagte Schalavsky kleinlaut und schmerzverzehrt. Wespe nickte ein wenig verwirrt, weil er nicht gesehen hatte, was Tamina gemacht hatte, und nur Schalavskys Reaktion als Anhaltspunkt hatte.
Tamina blickte Wespe an: âWillst du drĂŒber reden?â
Wespe zuckte mit den Schultern: âGibt nicht viel darĂŒber zu reden.â
âWie alt war dein Bruder als es passiert ist.â, wagte sich Tamina vor. Wespe nahm einen groĂen Schluck aus seinem Cocktail und Schalavsky antwortete schneller als er: âEr war 5.â
Wespe sah ihn interessiert an. Aber Schalavsky sprach nicht weiter. Er wusste nicht wie viel Wespe ĂŒber den Fall wusste. Seine Eltern hatten ihm damals mit Sicherheit nicht alles gesagt.
Wespe machte eine auffordernde Handbewegung: âIch habe die Akte gelesen.â
âDas ist nicht Ihre Abteilung.â
âIch habe sie in meiner Grundausbildung gelesen.â Damit gab Wespe zu, dass er sich auf irgendeinem Weg Zugang verschafft hatte, der ihm nicht gebĂŒhrte. Aber Schalavsky sagte nichts dazu. Er hĂ€tte nicht weniger gemacht. âUnd Sie sind meinetwegen zur Polizei? Ich war nicht mal der leitende Beamte damals.â
âNein, aber du warst ehrlich. Du hast mir gesagt, was los war und dass du dein Bestes gibst um den TĂ€ter zu finden aber dass du es trotzdem nicht garantieren kannst.â, sagte Wespe. âUnd du warst da, als man den TĂ€ter gefasst hat und hast uns davon zu erzĂ€hlt. Du warst auf der Beerdigung da.â
âSie und ihr Ă€lterer Bruder haben auch in das Opferprofil passen können. Sie hatten die gesamte Ermittlung ĂŒber Personenschutz.â
Wespe nickte: âIch weiĂ. Aber fĂŒr mich als Kind... Du warst dabei, als man uns gesagt hatte, dass man ihn tot gefunden hat und auch als wir uns von ihm verabschiedet haben und du warst derjenige, der uns gesagt hat, dass der TĂ€ter gefasst ist.â
Schalavsky verarbeitete die Information.
âWas ist mit dem TĂ€ter?â, fragte Tamina vorsichtig.
âTot.â, sagte Wespe und Schalavsky horchte auf. âEr war nicht besonders beliebt bei den anderen Insassen nachdem bekannt wurde, was er mit kleinen Kindern machte.â
âMein Bruder war der dritte.â, sagte Wespe dĂŒster. âVon denen, die er gestanden hat.â
âWie ist der TĂ€ter gestorben?â, fragte Schalavsky nun.
âZu Tode geprĂŒgelt.â, sagte Wespe kalt. âVon einem Insasse der lebenslĂ€nglich und eine Herzkrankheit hatte. Er war der Meinung, dass er ohnehin nicht mehr lebend den Knast verlĂ€sst und dass der andere Typ auch nicht weiterleben dĂŒrfte.â
âWoher weist du das?â, fragte Tamina.
âIch habe ihn gefragt. Nachdem ich gehört habe, was geschehen ist, habe ich ihn im GefĂ€ngnis besucht.â, sagte Wespe.
âWarum?â
âUm danke zu sagen.â, sagte Wespe. âDer Mörder meines Bruders wĂ€re irgendwann wieder frei gekommen und hĂ€tte wieder Kinder quĂ€len und töten können⊠das hat er verhindert."
âSie sind doch nicht fĂŒr Selbstjustiz?â, fragte Schalavsky nach.
âNein. Aber ich bin auch froh, dass ich nicht in Versuchung gefĂŒhrt wurde.â, sagte Wespe und trank seinen Cocktail aus.
Tamina runzelte die Stirn und Schalavsky wirkte als hÀtte sein 1000 Teile Puzzle gerade eine alternatives zweites Motiv bekommen.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dĂŒrfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos wĂŒrde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wĂ€re.
Ich kann nicht sagen wie glĂŒcklich mich das macht. Wir haben halt schon ein Pair der Hauptcharakter ĂŒberholt. So gesehen muss wir nur noch die Freundschaft von TKKG in den Schatten stellen und Tim und Gabys Liebe ĂŒbertreffen. Kein groĂes Ding oder?
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Ăberwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nĂŒtzlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein GesprĂ€ch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsĂ€chlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das GesprĂ€ch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens MĂŒhe gegeben, um Bienert von Monologen und unermĂŒdlichen GesprĂ€chsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegĂ€hnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drĂŒckte den RĂŒcken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
âWas ist los, Bienert?â, fragte Schalavsky ruhig.
âIch habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.â, murrte der junge Kollege.
âHaben Sie sich verlegen?â
âNee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.â Bienert hatte allerdings einen ZusammenstoĂ mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert lieĂ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: âHaben Sie ein Schleudertrauma?â
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: âGlaube nicht.â
âSie sollten zum Arzt gehen.â Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: âDoch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.â
âSie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!â
âEntschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.â, schnappte Bienert, etwas schĂ€rfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubĂŒĂen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein NervenkostĂŒm dĂŒnn.
Schalavsky griff ĂŒber und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
âSie sind ziemlich verspannt.â, bemerkte Schalavsky. âHaben Sie Schmerztabletten genommen?â
Bienert sah irritiert rĂŒber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
âKein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.â, sagte Schalavsky tadelnd.
âIch hatte keine Schmerztabletten mehr da.â, verteidigte sich Bienert.
âUnd Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des PrĂ€sidiums reden?â, fragte Schalavsky.
âIch rede nicht mit jedem.â, widersprach Bienert. âIch vermeide die Rassisten und Homophoben.â
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es ĂŒberraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
âIch hatte keine Zeit.â, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen VerdĂ€chtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafĂŒr keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsÀchlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen ĂŒber dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkĂŒrlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rĂŒber: âTuts weh?â
âWird gerade besser.â, sagte Wespe aus BefĂŒrchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte spĂ€ter nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem fĂŒr Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen lieĂ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurĂŒckzog, konnte Wespe sich gegen den KopfstĂŒtze lehnen ohne das GefĂŒhl zu haben seine Position Ă€ndern zu mĂŒssen. FĂŒr den Rest der Ăberwachung saĂ Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das GebĂ€ude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darĂŒber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fĂŒhlte, dass Bienert ĂŒberhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wĂ€re, hatte der VerdĂ€chtige ihn nicht umgerannt. AuĂerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. WĂ€hrend es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen lieĂ. Dass Bienert auĂerdem tatsĂ€chlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen lieĂ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys BeschĂŒtzerinstinkt, wenn Bienert nicht sein ĂŒbliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
âDas hat keinen Sinn mehr. Wir können die Ăberwachung hier abbrechen.â, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurĂŒck zum PrĂ€sidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft ĂŒberlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
âOh, dan-â, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drĂŒckt, was sofort an seiner Haut haftete.
âWĂ€rmepflaster.â, erklĂ€rte Schalavsky. âDas sollte in ein paar Minuten warm sein.â
âDanke.â, sagte Wespe leicht ĂŒberfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: âSchon gut.â
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hĂ€tte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kĂŒmmern wĂŒrde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeintrĂ€chtigte. Und jetzt kĂŒmmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit fĂŒr Teil 5, der noch lĂ€nger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war ĂŒber seinen Mund und ein weiterer ĂŒber seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die GerĂŒche waren ihm unbekannt. Von den GerĂ€uschen her war er in einem gröĂtenteils leeren Raum. Er hörte keine StraĂengerĂ€usche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hĂ€tte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des GefĂŒhls auf der Haut und dem PlastikgerĂ€uschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften wĂŒrde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entfĂŒhren wollte, wĂŒrde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte â mehr nicht.
Schalavsky sah verĂ€rgert zu dem anderem Schreibtisch im BĂŒro, an dem Wespe durch Abwesenheit glĂ€nzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine HĂ€nde zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschrĂ€nkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine HĂ€nde an sein Gesicht bringen, um die KlebebĂ€nder ĂŒber Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den FingernĂ€geln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: âHey, haben Sie was von Wespe gehört?â
âNein.â, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine GesprĂ€che, stellte keine Fragen und hatte fĂŒr seine VerhĂ€ltnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: âEr hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.â
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er lieĂ sich bekannterweise nichts anmerken: âVielleicht schlĂ€ft er.â
âKann sein.â, sagte Tamina unzufrieden.
âWollen Sie heute mit mir kommen?â, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein GerĂ€usch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene TĂŒr, die aufgestoĂen wurde und dann schwere Schritte.
âIst auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wĂŒhlen.â, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen wĂŒrde, wenn er sich nicht bald meldete.
âBiste schon wach, Bulle?â, fragte eine raue Stimme, die klang als trĂŒge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
âOh⊠du bist ja ein hartnĂ€ckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekĂ€mpft.â, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe wĂŒrde schĂ€tzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, wĂŒrde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: âWenn du das ab hast, steht hier Wasser fĂŒr dich.â
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
âEs wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.â Der Mann lachte dĂŒster: âDeine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wĂŒnschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job ĂŒbernimmt, wenn du weiter ausfĂ€llst.â
Wespe lieĂ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieĂ, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsĂ€chlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere TĂŒr wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen wĂŒrde zu weinen, wĂŒrde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall wĂŒrde er ersticken.
âMhm⊠Das ist seltsam.â, sagte Tamina. âSonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.â
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen wĂŒrden, dann musste er es selbst schaffen.
âVielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hĂ€ngt, wĂ€hrend er eigentlich krank ist.â, schlug Schalavsky vor.
âWenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.â, sagte Tamina missbilligend. âIhr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genĂŒgend RĂŒcksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.â
âSchon gut.â, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: âHat er sich bei Ihnen gemeldet?â
Wespe nahm nochmal alle KrĂ€fte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureiĂen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum GlĂŒck hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hĂ€tte er noch lĂ€nger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drĂŒckte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurĂŒck nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband ĂŒber seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureiĂen. Das dauerte zwar lĂ€nger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko fĂŒr Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur HĂ€lfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und TrĂ€nen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, wĂ€hrend sein Körper sich mit leisen Wimmern krĂŒmmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band ĂŒber seinen Augen abzubekommen. Seine TrĂ€nen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsĂ€chlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht nĂ€her an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte GefĂ€ngniszelle beschreiben wĂŒrde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte WĂ€nde und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklĂ€rte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man ĂŒberwachte ihn.
âNein.â sagte Schalavsky bitter. Das wĂŒrde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten SupermĂ€rkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn fĂŒr misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurĂŒck und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit ĂŒber das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut ĂŒber das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spĂŒren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berĂŒhrt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurĂŒck und wĂ€re fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hĂ€tte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten mĂŒsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die WĂ€nde unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. NatĂŒrlich. Er setzte sich auf die Matratze und stĂŒrzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die HĂ€nde. Fuck.
âHey, Klaus.â, sagte Glockner ruhig. âKommst du mal zu mir ins BĂŒro?â
Schalavsky folgte ihm in sein BĂŒro und sah ihn fragend an: âWas gibtâs?â
âIch hab RĂŒckmeldung von der Personalabteilung bekommen.â, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. âScheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefĂ€lscht.â
Schalavsky sah ihn verwirrt an: âWas?â
âDer Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.â, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: âEmil, du glaubst doch nicht-â
âNein!â, sagte Glockner sofort. âIch glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fĂ€lschen wĂŒrde.â
âWofĂŒr auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.â, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: âIch hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.â
Schalavsky legte die Stirn in Falten: âIch werde mal, was anderes probieren.â
Glockner nickte: âDanke, Klaus.â
Schalavsky lief aus dem BĂŒro und rief laut: âTamina!â
Besagte Frau sah ĂŒberrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein BĂŒro.
âWas ist los?â
âWespes Krankmeldung ist gefĂ€lscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.â, sagte Schalavsky schnell. âDu hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?â
âOh ja.â Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
âHallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?â, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: âNicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?â Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, wĂ€hrend sie den Kopf schĂŒttelte. âUnd seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?â Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. âDas wissen wir nicht.â, sagte Tamina sanfter. âWeiĂt du wo er zuletzt hinwollte?â Wieder lauschte sie. âHat er sein Auto genommen?â SchlieĂlich nickte sie: âDanke fĂŒr die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.â
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: âEr ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nĂ€chstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der TĂŒr. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.â
âUnd hier kam er nicht an.â, stellte Schalavsky dĂŒster fest.
âJep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg mĂŒsse.â Tamina atmete tief durch. âIch werde die KrankenhĂ€user anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.â
âBei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlĂŒgt und eine falsche Krankmeldung schickt?â, fragte Schalavsky unglĂ€ubig.
âMeinen Sie, er wurde⊠entfĂŒhrt?â
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: âDas scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.â
âOkay⊠Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die KrankenhĂ€user.â
Er war in der zusammen gekrĂŒmmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er fĂŒr drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das GerĂ€usch der schweren TĂŒr, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nĂ€hertet sich wieder. Die TĂŒr musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
âNa Bulle, wieder wach?â Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch gröĂer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. âLara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der WĂ€sche dran wĂ€rst. DafĂŒr wirst du einen Monat lang den Abwasch machen mĂŒssen.â
Wespe starrte den Mann dĂŒster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: âMach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloĂ ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.â
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die ĂŒberall beworben wurden. Clever. Einfach durch die StĂ€be zu reichen. Kein Grund die TĂŒr aufzuschlieĂen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich auĂerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verrĂ€terische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
âHier ist dein Abendessen.â Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach drauĂen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bĂŒckte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reiĂen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieĂ ihn in Wespes Magen. Er krĂŒmmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbĂ€rmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
âSchlechter Versuch, Bulle.â, sagte der Mann gelassen. âWeiĂ du, ich war nie einer der groĂen PlĂ€neschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.â
Wespe krĂŒmmte sich am Boden.
âLass es dir schmecken, Bulle.â
Glockner brĂŒllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein BĂŒro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden ĂŒbertrug.
âIch habe ein Video erhalten.â, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die HĂ€nde vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kĂ€mpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glĂ€nzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmĂŒhte sich von dem Klebeband zu befreien.
âWissen wir woher es stammt?â, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schĂŒttelte den Kopf: âEs wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.â Schalavsky sah zu Tamina, der TrĂ€nen in den Augen standen: âHat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?â
Tamina schluckte und schĂŒttelte den Kopf. Als sie zunĂ€chst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: âDas Handy bewegt sich stĂ€ndig. Sieht nicht so aus, als wĂŒrde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hĂ€tte jemand es tatsĂ€chlich auf eine Reise geschickt.â
Schalavsky stieĂ Luft aus: âVielleicht ist jemand damit unterwegs.â
Glockner nickte: âZumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.â
âRichtig.â
Tamina stand auf: âIch schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.â Schalavsky nickte und Tamina wischte sich ĂŒber die Augen, als sie das BĂŒro verlieĂ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: âWaren Forderungen beim Video?â
Emil schĂŒttelte den Kopf: âNein, nur ein Videotitel.â Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloĂ.
âIch muss die zustĂ€ndigen Stellen benachrichtigen.â, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: âNatĂŒrlich.â
âWir finden ihn, Klaus.â
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen wĂŒrde dann wĂ€re nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefĂŒttert. Das wĂŒrde sein deutliches HungergefĂŒhl zwischen den Mahlzeiten erklĂ€ren und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig FlĂŒssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
âWie lange bin ich hier?â, fragt er bei seiner nĂ€chsten Mahlzeit.
âHast kein ZeitgefĂŒhl mehr, was?â, lachte der Mann auf. âMacht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.â
Wespe wĂŒrde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe wĂŒrde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
âKann ich etwas mehr Wasser haben?â, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: âDu sĂ€ufst ja wie ein Pferd, Bulle.â
Wespe zuckte mit den Schultern: âIch habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.â
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: âWas ist passiert?
âWurde abgestochen.â Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
âMhm, das ist scheiĂe.â, sagte der Mann mit so etwas wie MitgefĂŒhl. âHab ich auch schon durch.â Er holte tatsĂ€chlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys BĂŒro ohne anzuklopfen oder BegrĂŒĂung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen UmstĂ€nden verzeihen, denn ihre erste Frage war: âWissen Sie schon was von Wespe?â
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: âNein, noch nicht.â Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Ăberstunden schob und gestresst war.
âGibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?â, fragte Karl berechtigter Weise. âUnser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras ĂŒbersĂ€t.â
âDas ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.â
Karl nickte verstÀndig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
âHaben sich die EntfĂŒhrer schon gemeldet?â, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: âDas gehört zu den Dienstgeheimnissen.â
âBitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.â, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. âEs gab noch keine Forderung. Nur ein Video.â
âKönnen wir es sehen?â, fragte Tim sofort.
âNein.â, sagte Schalavsky entschieden. âDas ist nichts fĂŒr eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheiĂen wĂŒrde, dass ihr ihn so seht.â
Tim schien widersprechen zu wollen, aber KlöĂchen mischte sich ein: âVerstĂ€ndlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?â Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurĂŒckzogen: âJa. Er schien okay zu sein.â Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: âEr war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.â
TKKG sahen sich bestĂŒrzt an.
âDer arme Wespe.â, murmelte KlöĂchen betroffen. Karl legte ĂŒberlegend den Kopf schief: âEine Zelle wirkt, als hĂ€tten die EntfĂŒhrer geplanten ihn lĂ€nger zu behalten.â
Schalavsky nickte: âDafĂŒr spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.â
âWahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.â, vermutete Karl.
âStimmt.â, gab Schalavsky frustriert zu. âUnd es funktioniert.â
âSie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?â, fragte Tim.
âSelbstverstĂ€ndlich.â
SpĂ€ter war es Glockner der in sein BĂŒro kam.
âKlaus. Geh nach Hause.â, sagte er. âEs bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.â
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die MĂŒdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
âWenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.â, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten mĂŒssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen TrĂ€umen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemĂ€chtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen wĂŒrde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den FingernĂ€geln unter die heilen FlieĂen kam, bis er diese von den WĂ€nden reiĂen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollstĂ€ndig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befĂŒrchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es ĂŒber die RĂŒckseite der arrangierten Fliesen. AuĂerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten FuĂsohlen. Die ganze Zeit bemĂŒhte er sich die Kamera im RĂŒcken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war ĂŒberraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, ĂŒbergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
âIst mein Bruder hier?â, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit groĂen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: âOh Shit.â Sie griff Thomasâ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres BĂŒro.
âThomas, es tut mir so leid, wir hatten die lĂ€ngst Bescheid sagen sollen.â, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: âIst ihm was passiert?â
Tamina verzog das Gesicht: âEr wurde entfĂŒhrt.â
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: âWann hast du zuletzt was von ihm gehört?â
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: âV-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...â
âNa Bulle, biste wach?â, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
âBin ich.â, sagte Wespe.
Der Mann lachte: âUnd gut geschlafen?â
âWarum bin ich hier? Was willst du von mir?â, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: âEin klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.â
âWer?â
âMorphius.â
âDer Drogenbaron?â, fragte Wespe lachend. âIch wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.â
Der Mann wog den Kopf hin und her: âDie Leute mögen eine Underdogstory.â
âDanke?â, fragte Wespe. âUnd wie laufen die Verhandlungen?â
âNoch gar nicht.â, sagte der Mann. âWir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich spĂ€ter um so schneller.â
Wespe nickte, als wĂŒrde er das als sinnvoll erachten: âWie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?â
âSo lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.â, teilte der Mann mit.
âJa das. Kann mal passieren, wenn man entfĂŒhrt wird.", sagte Wespe.
âKlugscheiĂer.â
Wespe sah sich um: âHast du die Zelle extra fĂŒr mich gebaut?â
âNein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.â Der Mann war der Zelle nĂ€her gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen FuĂ stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsĂ€chlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hÀtte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des EntfĂŒhrers. Irgendwo musste der SchlĂŒssel sein. Der Mann lachte rau auf: âGar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen SchlĂŒssel. Schau dir mal die TĂŒr mal genauer an.â
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der TĂŒr und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die TĂŒr war nicht verschlossen. Sie war verschweiĂt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
âTja, Bulle.â, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. âDu kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.â Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hĂ€tte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wĂŒtend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. âDas ist keine schlechte Idee.â Er schaltete den Strom fĂŒr das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkĂŒrlich einen Schritt nach hinten: âIch bin wie Iron Man.â
âOh Bulle, du hast ja Humor.â, sagte der Mann. âHoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.â
âWĂ€re nicht das erste Mal.â, sagte Wespe verbissen.
âSo Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?â, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, wĂŒrde ihn hier rausholen.
âGut. WeiĂt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal ĂŒbel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiĂ, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
âJa.â, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als wĂŒrde er lĂ€cheln: âGut. Das nĂ€chste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.â
Glockner kam in Schalavskys BĂŒro: âIch hab ein neues Video bekommen. Ich habâs dir weitergeleitet.â
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle MĂŒhe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
âWas ist das da?â, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
âEine Wasserflasche.â, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saĂ nun. Seine Arme waren frei und er kĂ€mpfte mit dem letzten bisschen des Bandes ĂŒber seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schĂŒttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als wĂŒrde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband ĂŒber seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch ĂŒber dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu ĂŒber das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurĂŒck zuckte, als hĂ€tte er einen Schlag bekommen.
âDie haben das Gitter unter Strom gesetzt.â, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. GroĂ und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschrĂ€nkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die SchlĂŒssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natĂŒrlich war es nicht so einfach. Der Mann stieĂ etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrĂŒmmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurĂŒck, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: âGabs eine Nachricht dazu?â
âJa. Sie wollen einen Geiselaustausch.â, erklĂ€rte Glockner.
âWer?â
âHaben sie noch nicht gesagt.â
âScheiĂe.â
Glockner nickte verbissen: âSie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht ĂŒberleben wird.â
Schalavsky biss die ZĂ€hne fest zusammen: âHaben wir Befehle, wie wir verfahren?â
âNoch nicht.â
âWir mĂŒssen was tun, Emil.â, sagte Schalavsky leise.
âGanz meiner Meinung. Aber was?â, fragte Kommissar Glockner.
âKönnen wir ihnen eine Nachricht senden?â, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: âOffiziell sollten wir das nicht.â
Schalavsky nickte: âAber UnfĂ€lle passieren.â
âNatĂŒrlich.â
Wespe saĂ gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: âBaby, you canât stomp me out â You know, you canât even slow me down â You know I spread thsi wild around â so of youâre sure, you better shoot me now-â Wespe unterbrach sich als die TĂŒr sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: âWer ist Schalavsky?â
Wespe horchte auf: â...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.â
âMeinst du, er möchte dich wieder haben?â, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
âWahrscheinlich nicht.â, sagte Wespe dĂŒster.
Der Mann lachte: âMachst Probleme, was?â Wespe zuckte mit den Schultern.
âEr hat versucht anzurufen.â, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
âScheinbar werden deine Freunde nervös.â Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
âWir haben ein Problem.â, sagte Glockner dĂŒster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfĂŒhlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: âSie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.â
âDen Drogenbaron?â
âJa. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.â, sagte Glockner dĂŒster. âWir kommen nicht an den ran.â
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
âWas machen wir jetzt?â, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
âDem TĂ€ter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?â, fragte Glockner. âWobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben mĂŒssen.â
Tamina kam so schnell durch die TĂŒr, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: âIch hab was!â Sie war auĂer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: âIch habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand ĂŒberwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche LĂ€den Kamera ĂŒberwacht sind. Die dĂŒrfen zwar auch rechtlichen GrĂŒnden nicht die StraĂe filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fĂ€hrt. Ein grauer Lieferwagen. GroĂ genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung SĂŒden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurĂŒckgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.â
âDas ist fantastisch, Salah.â, sagte Glockner aufgeregt.
âNur grĂŒndliche Arbeit.â, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles LĂ€cheln. Sie wĂŒrde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dĂ€mmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. âNein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. â Es ist mir schon klar, dass Sie dafĂŒr ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.â
Wespe lieĂ die Schultern hĂ€ngen. Keine Chance, dass das gut fĂŒr ihn ausging.
âHör mal, ich glaube, das lĂ€uft nicht.â, sagte er. âMan tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.â
âGlaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?â, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
âEher nicht.â, sagte Wespe trocken.
âDann mĂŒssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung Ă€ndert.â, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
âKommissar Schalavsky, nehme ich kann.â, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: âJa. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?â
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
âEs geht mir gut.â, sagte Wespe neutral.
âSie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.â, sagte der EntfĂŒhrer.
âDas ist nicht so einfach.â, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem EntfĂŒhrer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. âMorphius ist nicht verhaftet.â
âWas?â, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nĂ€chsten Infromation: âEr ist in einem Zeugenschutzprogramm.â
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
âWas soll das heiĂen?â, sagte der Mann.
âDass dein geehrter Morphius alle verraten hat, fĂŒr einen Neuanfang.â, sagte Wespe bitter. âEr wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafĂŒr entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, wĂ€hrend du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.â
Der Mann stĂŒrmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
âHören Sie auf!â, brĂŒllte Schalavsky durch das Telefon. âWie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.â Wespe krĂŒmmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: âGut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.â
âGut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.â
âIch lasse Ihnen alle Zeit der Welt.â, sagte der Mann ungerĂŒhrt. âWie lange Bienert das allerdings noch mitmachtâŠ.â Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung fĂŒr Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der EntfĂŒhrer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: âKomm mit mir, Klaus.â Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners BĂŒro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der StĂŒhle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenĂŒber saĂ: âKlaus? Tief einatmen.â
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: âDu hast gehört, was Wespe gesagt hat⊠er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.â
âDas ist Bienert. Der hat nur versucht den EntfĂŒhrer aus dem Konzept zu bringen.â, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den HĂ€nden: âIch hab ihn letztens angeschrien.â
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky lieĂ die HĂ€nde in den SchoĂ fallen und den Kopf zurĂŒck sinken: âIch wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hĂ€tte frĂŒher bemerken mĂŒssen, dass er verschwunden ist.â
âBienert weiĂ, was er tut.â, sagte Kommissar Glockner. âUnd du konntest nicht wissen was dieser EntfĂŒhrer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: âEr kĂŒmmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.â
âWenn er das nicht tun wĂŒrde, dann wĂ€re er nicht bis hierher gekommen.â, sagte Glockner entschieden. âDu musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiĂ, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.â
âTut er das?â
âIch hab gehört, er ist besser darin geworden.â, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: âIch will ihn wieder haben.â Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie ĂŒberraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
âKomm, wir mĂŒssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.â, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren EntfĂŒhrer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war mĂŒde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das NĂ€chste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. âWas ist denn jetzt?â
âIch fĂŒrchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.â, sagte der Mann dĂŒster.
âAha.â, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurĂŒck.
âSie haben das Haus umstellt.â
âUnd ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweiĂt hast, tja, scheiĂe gelaufen fĂŒr dich.â Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: âUnd nu?â
âIch kann dich immer noch umbringen.â, sagte der Mann.
âDann hĂ€ttest du gar kein Druckmittel mehr.â, stellt Wespe fest. âClever.â
âWas werden deine Kollegen machen?â, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschĂ€ftig in seinen Taschen wĂŒhlte: âLass mich nur kurz mein unsichtbares FunkgerĂ€t suchen, dann frag ich einfach nach.â Sehr viel schĂ€rfer setzte er hinterher: âIch bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!â
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: âKomm nach vorne.â
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein ĂŒberzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide HĂ€nde von Wespe an Gitterstreben und auĂerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrĂŒckt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
âSo. Wenn deine Kollegen mich erschieĂen, wirst wirst du gebraten.â, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
âKreativ.â, meinte Wespe bissig.
âBrutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen HĂ€nden raus, Sie sind umstellt!â, tönte es von auĂen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das GebĂ€ude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieĂ, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das GebĂ€ude stĂŒrmen wurden. Wespe konnte natĂŒrlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein EinzelgĂ€nger vor. Seine Kollegen drauĂen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: âKeine Reaktion. WĂ€rmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.â Schalavsky bestĂ€tigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky ĂŒberprĂŒfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saĂ. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. GeĂŒbt brachen sie die TĂŒr auf und schwĂ€rmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemÀà leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemÀà um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im RĂŒcken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der WĂ€rmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: âLassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die HĂ€nde und kommen Sie da raus!â
âWenn Sie einen Schritt nĂ€her kommen, brate ich Ihren Kollegen.â, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: âIn Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berĂŒcksichtigt.â
âPah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?â, fragte Brustus. âZunĂ€chst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. AuĂer Ihnen bleibt niemand im Raum.â Schalavsky zögerte. âJETZT!â
âZieht euch zurĂŒck!â, rief Schalavsky. âAlle den Raum verlassen.â Das Team bewegte sich rĂŒckwĂ€rts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die TĂŒr im Totenwinkel lag und sich an die AuĂenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
âIst das Schalavsky?â, fragte Brutus.
âKommissar Schalavsky.â, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: âIhm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?â
âNein, leider nicht.â, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
âKomm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?â, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schĂŒttelt leicht den Kopf: âSie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf: âDas kann ich nicht zulassen.â
âDas funktioniert auch nicht, weil er die TĂŒr zu geschweiĂt hat.â, sagte Wespe hilfreich. âNicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.â
Brutus drĂŒckte kurz den Schalter fĂŒr den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
âAufhören!â, brĂŒllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
âSie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.â, verkĂŒndete Brutus.
âDas kann ich nicht tun.â, sagte Schalavsky.
âHab ich doch gesagt.â, sagte Wespe schlapp, als er seine FĂŒĂe wieder runter sich bekam. âDer bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht fĂŒr mich.â
Brutus starrte Schalavsky an: âWas soll es werden? Wenn Sie mich erschieĂen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschieĂen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.â
Schalavsky verzog das Gesicht: âWas wollen Sie?â
âWaffe runter.â, sagte Brutus.
âDas wird nicht passieren.â, sagte Wespe. âSchalavsky, erschieĂ ihn einfach. Ist schon okay. Ich habâs bisher alles ĂŒberstanden. Testen wir mein GlĂŒck.â
Brustus lachte: âHast ein Todeswunsch, he? HĂ€ttest du mir frĂŒher sagen können.â
âIn Ordnung.â, sagte Schalavsky zur Ăberraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
âMhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.â, sagte Brutus verschwörerisch.
âWie viele Spitznamen hast du eigentlich noch fĂŒr mich?â, fragte Wespe verzweifelt.
âEin paar.â
Schalavsky richtete sich mit offenen HĂ€nden wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
âWeg von der Waffe.â
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutusâ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina â im zweifachen Sinne des Wortes â um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betĂ€tigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang ĂŒber die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina ĂŒberprĂŒfte Brutus Sövit. âEr ist tot.â
âHolen Sie die Kollegen und die NotĂ€rzte. Jemand muss die TĂŒr aufschweiĂen.â, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drĂŒckte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den ZĂ€hnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den HĂ€nden und er lieĂ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafĂŒr, denn wenn der Strom endgĂŒltig sein Herz gestoppt hĂ€tte, hĂ€tte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchfĂŒhren können und er hĂ€tte nur mit ansehen mĂŒssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: âKlaus?â
Schalavskys Herz stoppte fast: âJa?â
âDanke, dass du mich gerettet hast.â Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
âHey, Wespe.â Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. âIch werde dich immer retten. Und ich wĂŒrde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.â Schalavsky traten TrĂ€nen in die Augen. âIch will dich nicht verlieren.â
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lĂ€chelte matt: âWirst du nicht.â
Die anderen Polizisten und die SanitÀter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein SanitÀter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer SanitÀter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung ĂŒberprĂŒft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das SchweiĂgerĂ€t von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der SchweiĂen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky lieĂ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide HĂ€nde verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden â seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben â bevor die TĂŒr geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der SanitĂ€ter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen wĂŒrde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als wĂŒrde er in TrĂ€nen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dĂŒrfe.
Wespe erzĂ€hlte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der StraĂe abgedrĂ€ngt hatte, bis er mit seinem Rad stĂŒrzte und ihn dann irgendwie betĂ€ubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes NacherzĂ€hlung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrĂŒckte einen Laut und presste sich die verbundenen HĂ€nde gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die HĂ€nde vorsichtig runter.
âSchon gut, Wespe.â, sagte er leise. âIch bin fĂŒr dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.â Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er wĂŒrde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
âEntschuldige⊠das ist keine gute Befragung.â, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
âWir können das morgen machen.â, sagte Schalavsky. âDie Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schlĂ€fst.â Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lĂ€chelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn kĂŒsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurĂŒck im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas prĂ€sentabler. Er saĂ halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
âWie gehts dir?â
âNur noch zur HĂ€lfte, wie ein gebratenes HĂ€hnchen.â, sagte Wespe.
Schalavsky lĂ€chelte leicht: âDas klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ărzte?â
âEin paar Verbrennung. Aber wohl keine SchĂ€den an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.â Wespe winkte ab. âWie laufen die Ermittlungen?â
âWir haben genug ĂŒber Brutus, um ihn fĂŒr zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.â, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. âIch bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht⊠Naja.â
Schalavsky lĂ€chelte gezwungen: âDas, ja das auch. Was ich sagen will ist⊠ich weiĂ, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hĂ€tten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spĂ€t bin.â
âBisher hast du mich noch immer gerettet.â, neckte Wespe gutmĂŒtig. âMein edelmĂŒtiger Blaulicht-Ritter.â
âKannst du mal kurz die Klappe halten?!â, fragte Schalavsky halb lachend.
âFĂ€llt mir schwer.â, gab Wespe zu. âVielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.â
âDas wĂ€re aber nichts neues.â, bemerkte Schalavsky. âWillst du mir kurz zuhören?â
âDu musst dir keine Gedanken machen.â, sagte Wespe. âUnser Streit ist schon vergessen. Ich weiĂ, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.â
Schalavsky nickte: âDas ist gut⊠und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wĂ€re dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.â
Wespe deutete an seinen Mund zu verschlieĂen und warf den SchlĂŒssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: âDas hier ist nicht- Ă€hm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, Ă€hm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« Ă€ndern.â Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: âEs ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht⊠aber das. Hat dich ja noch nie gekĂŒmmert.â Wespe verdrehte die Augen. âTschuldige, das war kein Vorwurf. Ăhm⊠Sekunde ich muss mich kurz sammeln.â Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. âĐŻ ŃĐ”Đ±Ń Đ»ŃблŃ. ĐŻ ŃĐ”Đ±Ń Đ»ŃблŃ.â Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: âIch habe GefĂŒhle fĂŒr dich, die ich nicht fĂŒr einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.â
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginĂ€ren SchlĂŒssel fĂŒr seinen Mund hingeworfen hatte und âschlossâ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas unglĂ€ubig an.
âWow.â, sagte Wespe. âIch habe fast erwartet, dass du mich feuerst.â
âWas?â
âDas war die schwierigste Geburt einer LiebeserklĂ€rung, die ich je erlebt habe und unter anderen UmstĂ€nden, hĂ€tte ich nicht die Geduld dafĂŒr gehabt.â, sagte Wespe. âZu deinem GlĂŒck, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.â
âWirklich?â, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu kĂŒssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verlieà Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berĂŒchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefĂŒrchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein LĂ€cheln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur fĂŒr sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte GrĂŒnde fĂŒr Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rĂŒcken. Sie schlĂŒpfte in das BĂŒro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
âWie geht es Wespe?â, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: âGut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut ĂŒberstanden zu haben. Keine HerzschĂ€den oder so. Die Verbrennungen natĂŒrlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.â
Tamina lĂ€chelte: âDas ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glĂŒcklich?â
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: âSicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefĂ€hrlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.â
Tamina schmunzelte: âNatĂŒrlich. Und ich schĂ€tze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?â
âĂhm. Ja.â, bestĂ€tigte Schalavsky. âWir haben uns ausgesprochen.â
âSehr gut.â, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: âUnd hat das zu irgendwelchen persönlichen Ănderungen gefĂŒhrt.â
âPersönliche Ănderungen?â, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schĂŒttelte: âNicht das ich wĂŒsste. Ne.â
âSie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfĂ€llt.â, sagte Tamina und schlenderte zur TĂŒr. âAch und GlĂŒckwunsch.â
âW-wofĂŒr?â, fragte Schalavsky.
âAch nur so.â Tamina grinste und verschwand aus dem BĂŒro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem GefĂŒhl seiner Lippen. WĂ€hrend der Arbeit bemĂŒhte er sich diese Gedanken zurĂŒck zu drĂ€ngen, aber sobald er Zuhause lieĂ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese GefĂŒhle in dieser IntensitĂ€t gespĂŒrt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner TĂŒr klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
âMach auf!â, klang es durch die Anlage.
âWespe?â, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die WohnungstĂŒr. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkĂ€mpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lĂ€chelte ihn auĂer Atem an: âHey.â Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch ĂŒberrascht in die Arme: âWas machst du denn hier?â
âHab, hach, hab ich selbst entlassen.â, sagte Wespe und lieĂ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
âAber du solltest dich doch noch ausruhen.â, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den FĂŒĂen: âIch weiĂ, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.â
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
âIch verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.â, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drĂŒckte ihm einen Kuss gegen die SchlĂ€fe: âHast du Hunger?â
âNee. Alles gut.â, sagte Wespe. âIch muss mich nur Hinsetzten.â
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: âOh, habe ich dich gestört?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf: âIch wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich wĂŒrde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.â
âStimmt.â, lĂ€chelte Wespe. âHey, ich wollte mir dir reden.â
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: âWow, das klang viel dĂŒsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.â
Schalavsky lĂ€chelte und griff nach Wespes Hand: âIch kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, alsoâŠâ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
âMöchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?â
Schalavsky nickte und fragte: âWas möchtest du? Etwas ernstes oderâŠ?â
âIch kenn meinen Ruf, aber ich hĂ€tte gerne was ernstes mit dir.â, sagte Wespe. âAber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?â
Schalavsky sah ernst drein: âIch möchte, das hier nicht aufgaben.â Er griff nach Wespes Hand. âIch musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.â
âUnd wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?â, fragte Wespe vorsichtig.
âDann können wir immer noch eine Lösung finden.â, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und kĂŒsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er kĂŒsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
âDanke.â, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schlieĂlich doch trennten. âDiese Versicherung habe ich gebraucht.â Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
âAlles gut.â Wespe unterdrĂŒckte ein GĂ€hnen. âIch bin nur mĂŒde.â
Schalavsky nickte: âNa dann, ab ins Bett.â
âKommst du mit mir?â, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: âEs ist immerhin mein Bett.â
Wespe nickte: âSehr wahr.â
âGeh schon, ich rĂ€ume noch kurz auf.â, sagte Schalavsky. Und wĂ€hrend er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, lieĂ er in seiner Tasche. So tapste er barfuĂ in die KĂŒche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
âIch brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.â, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lĂ€chelte zufrieden: âIch wĂŒrde jetzt zu Bett gehen.â
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaĂ dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine ZĂ€hne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend lieĂ er beides im WĂ€schekorb zurĂŒck. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, wĂ€hrend Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: âBrauchst du das wirklich?â
âSchĂ€tze nicht.â
Wespe lĂ€chelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rĂŒber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
âIst das hier okay fĂŒr dich?â, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lĂ€chtelte: âJa, sehr okay.â Wespe lĂ€chelte. Sie löschten das Licht und genossen das GefĂŒhl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
âIch habe Angst, dass ich dir zu viel bin.â, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: âWenn dem so wĂ€re, wĂ€re es nie hierzu gekommen.â
âAber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.â, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster ĂŒber Schalavskys Oberkörper.
âDas bekomme ich auch noch hin.â, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit fĂŒr eine Wahrheit ĂŒber ihn war. âIch habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.â
âWas?â
âIch bin Ă€lter als du.â, sagte Schalavsky. âUnd störrisch und nicht so frei wie du.â
âDas war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.â, sagte Wespe. âUnd es hat mich nicht aufgehalten.â
Schalavsky drĂŒckt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Und der finale Teil, leider etwas kĂŒrzer als gewollt, aber mir kam das Leben dazuwischen
6. Gefallen.
Schalavskys Handy klingelte. »Bienert« zeigte das Display mit einer Reihe von Emojis dahinter. Keines davon hatte Schalavsky ausgesucht und dem Kontakt zugefĂŒgt: âJa?â
âEs tut mir so leid, Klausi, ich schaffe es nicht zum Essen.â, sagte Wespe entschuldigend. Er klang auĂer Atem, als wĂŒrde er sich gerade beeilen. âIch wurde leider aufgehalten, ich werde jetzt nach Hause fahren und mich umziehen und dann direkt zum Theater kommen. Wir können uns danach was holen oder essen gehen. Ist das okay?â
âJa, kein Problem.â, sagte Schalavsky beruhigend. Er wusste genug, dass sie in ihrem Job nur selten fest planen konnten.
âDanke.â, sagte Wespe aufrichtig.
âSchlimmer Tag bei der Arbeit?â, fragte Schalavsky.
Wespe lachte bitter auf: âSei froh, dass du frei hattest. Ich erzĂ€hlt dir nachher alles. Sorry, ich muss auflegen. Bis nach her. Liebe dich.â
âLiebe dich auch.â, lĂ€chelte Schalavsky.
Er wartete vor dem Theater. Er hatte einen hellgrauen, dreiteiligen Anzug an, mit einem weiĂen Hemd. Die Krawatte und Einstecktuch waren die farblichen Eyecatcher in einem tiefen, samtigen rot. Es war nicht unbedingt eine Farbe, zu der er tendieren wĂŒrde, aber Wespe schwor, bei allem was ihm heilig war, dass es fantastisch zum Outfit und Anlass passte.
Er trat von einem FuĂ auf den anderen und schaute auf sein Handy. Es war noch zwei Minuten bis der Einlass beginnen wĂŒrde und Wespe hatte nichts weiter geschrieben. Das bedeutete aber in der Regel, dass er auch wie angekĂŒndigt auftauchen wĂŒrde.
Schalavsky sah die ihm bekannten Haare zuerst. Sie waren ungewohnt ordentlich gekÀmmt und kamen gerade die Stufe aus der U-Bahn hoch. Wespe sah sich suchend um und als er ihn sah lÀchelte er breit. Schalavsky sah, dass er seinen fliederfarbenen Anzug anhatte, mit einer dunkelvioletten Krawatte.
Was Schalavsky aber mehr auffiel war, dass Wespes rechter Arm in einer Schlinge war: âWas hast du denn gemacht?â
Wespe steckt ihm seine linke Hand entgegen, weil Schalavsky noch nicht entspannt mit KĂŒssen in der Ăffentlichkeit war. Schalavsky nahm seine Hand halbherzig aber blickte nur auf den rechten Arm.
âIst nicht schlimm.â, versicherte Wespe und betrachtete seinen Partner von oben bis unten: âDu siehst fantastisch aus! Ich muss aufpassen, dass keiner dich stiehlt.â
Schalavsky registrierte kaum das Kompliment und fragte dringlich: âWas ist mit deinem Arm?â
Wespe seufzte und erklĂ€rte dann: âIch habe mir die Schulter ausgekugelt. Aber nach dir keine Sorgen. Ich war schon beim Arzt und habe diese Schlinge bekommen. Hier! Ich habe sogar Tamina als Zeugin.â Er holte umstĂ€ndlich sein Handy hervor und spielte eine Sprachaufnahme ab, in der Tamina sprach: âHallo, Kommissar Schalavsky. Wespe hat sich heute den rechte Schulter ausgekugelt. Er war beim Arzt und die Schulter wurde wieder eingerenkt und geröntgt. Bisher scheint sonst nicht Schlimmes passiert zu sein. Aber er soll fĂŒr sechs bis acht Wochen die Schulter ruhig halten.â
Schalavsky sah noch unentschieden aus: âFĂŒrs erste.â
âGut.â, grinste Wespe unbekĂŒmmert: âDann komm mit. Der Einlass hat begonnen.â Wespe und zog Schalavsky mit sich.
Sie gingen hinein und durch die Taschenkontrolle. Im Vorraum wurden GetrÀnke und Brezeln verkauft.
âWillst du schon was zu essen haben?â, fragte Wespe mit Nicken zu der Theke.
âIch kann auf spĂ€ter warten.â, sagte Schalavsky.
âDann lass uns unsere PlĂ€tze suchen.â Wespe hatte ihnen gute PlĂ€tze besorgt in der fĂŒnften den Reihe relativ mittig.
âWas ist auf der Arbeit passiert?â, fragte Schalavsky. Wespe schĂŒttelte den Kopf: âNicht hier.â Schalavsky neigte einverstanden den Kopf.
âHey, ich danke dir, dass du mit mir hierher kommst. Ich weiĂ, dass das nicht so dein Ding ist.â, sagte Wespe und lehnte sich soweit rĂŒber zu Schalavsky, dass ihre Schultern sich berĂŒhrten.
âDas heiĂt nicht, dass ich es nicht trotzdem genieĂen kann.â, sagte Schalavsky. Er wĂŒrde sich jedes StĂŒck anschauen, dass ein Glitzern in Wespes Augen und ein LĂ€cheln auf seine Lippen zauberten. Deswegen hatte er auch seinen besten Anzug herausgeholt. Wespe hatte mehr als einmal erzĂ€hlt, dass er es schade fand, dass sich die Leute fĂŒrs Theater nicht mehr schick machten. Auch wenn Wespes Style sich stark von dem gemeinhin anerkannten Stil unterschied, schaffte er es trotzdem elegant und besonders auszusehen und nicht als wĂŒrde er an einem Dienstagnachmittag noch schnell ein Brot holen gehen. Wespe hĂ€tte sich wahrscheinlich noch auffĂ€lliger gekleidet, wenn er nicht mit Schalavsky da gewesen wĂ€re. Aber Schalavsky musste ihm recht geben. Die meisten anderen Besucher schienen sich nicht schick gemacht zu haben. Die einzigen bei denen Schalavsky auf Anhieb erkennen konnte, dass Gedanken und Aufwand in ihre Outfits geflossen waren, waren zwei junge Frauen zwei Reihen schrĂ€g vor ihnen. Die beiden tuschelten die ganze Zeit miteinander und hatten permanenten Körperkontakt. Schalavsky fragte sich ob er mit Wespe auch sehr so wirkte, als hĂ€tten sie ein Date. NatĂŒrlich hatten sie ein Date, aber fiel das allen auf? Schalavsky riss seine Gedanken davon los.
âDie scheinen schon mal gut Stimmung zu machen.â Er sah sich im Raum um. Trockeneis kroch in langsamen Wolken durch den Saal und die Lautsprecher spielten gruselige NachtgerĂ€usche ab.
âEs ist zwar Jahre her, dass ich es zu letzte gesehen habe aber damals war es wirklich gut.â, sagte Wespe. âFantastische Effekte.â
âSiehst du dir oft Musicals an?â, fragte Schalavsky. Wespe schĂŒttelte lĂ€chelnd den Kopf: âNicht so oft, wie ich gerne wĂŒrde. Aber ich versuche eines im Jahr zu schaffen.â
âMhm.â, sagte Schalavsky. âIch nehme dich mal zu einem Konzert mit.â
Wespe hatte das GefĂŒhl, dass ihre Definitionen von Konzerten auseinander gingen und fragte deswegen: âWas fĂŒr ein Konzert?â
âEin ordentliches. Ein Orchesterkonzert.â, sagte Schalavsky. Wespe nickte lĂ€chelnd. Ihm war schon klar, dass das, was er als ein Konzert ansah fĂŒr Schalavsky ein Rave wĂ€re. Und das, was fĂŒr Wespe ein Rave war, war eine Katastrophe fĂŒr Schalavsky.
âWorum gehts in dem Musical?â, fragte Schalavsky. Wespe lachte auf: âDu meinst das, was der Titel noch nicht verrĂ€t?â
âIch hoffe, du willst mir nicht sagen, dass wir die nĂ€chsten drei Stunden tanzende Vampire sehen.â
âNein, in der Mitte ist noch ein Pause.â
Schalavsky warf Wespe einen unbeeindruckten Blick zu und Wespe grinste ihn an: âEs gibt noch mehr Story.â
Schalavsky lernte sehr schnell das das Musical ein Komödie war und er musste Wespe recht geben: Die Effekte waren sehr gut. Schlussendlich genoss Schalavsky das Musical mehr, als er erwartet hÀtte.
Als der Applaus endlich vorbei war und die Leute langsam aufstanden, grinste Wespe ihn an. Schalavsky zog eine Augenbraue hoch.
âDu hast gelacht.â, sagte Wespe glĂŒcklich. âDir hat es gefallen.â
Schalavsky nickte: âDas stimmt. Und was gibt es da zu grinsen?â
âIch bin nur froh, dass es dir gefallen hat.â, sagte Wespe. âUnd ich höre dich selten so lachen.â
âEs passiert hĂ€ufiger mit dir.â, gab Schalavsky zu.
Sie schlugen sich durch das Gewimmel der Besucher zu Schalavskys Auto durch und entschieden sich fĂŒr ein Restaurant bei dem sie auch noch zu der fortgeschrittenen Stunde ein gutes Abendessen bekommen wĂŒrden. Das war einer der Vorteile in der Millionenstadt zu leben. Die Auswahl war groĂ genug, um auch spĂ€ter abends noch was zu finden.
âSagst du mir nun, was passiert ist?â, fragte Schalavsky, als sie im Restaurant saĂen und bestellt hatten.
Wespe lĂ€chelte ihn traurig an, weil er verstand, dass er ihn nicht lĂ€nger auf die Folter spannen konnten: âWir waren gerade auf dem Weg zurĂŒck, als wir ĂŒber Funk hörten, dass jemand auf der EisenbahnbrĂŒcke gesehen wurde. Wir waren am nĂ€chsten und sind hin gefahren. Ich bin auf die BrĂŒcke und habe gesehen, dass jemand gerade ĂŒber das GelĂ€nder klettert.â Wespe verzog den Mund. âEin Teenager. 15 oder so. Ich hab mich bemerkbar gemacht und versucht ihn zum RĂŒckzug zu bewegen, aberâŠâ Schalavsky hatte bereits gesehen, wie Wespe solche Situationen hĂ€ndelte. Er konnte von Natur aus gut mit Teenagern und Kindern umgehen und darĂŒber hinaus hatte Schalavsky am Anfang ihrer Zusammenarbeit ĂŒberrascht gelernt, dass Wespe eine Weiterbildung zum Krisenberater abgeschlossen hatte und ziemlich gut darin war. Der Ausdruck, den Wespe jetzt aber auf dem Gesicht hatte, verriet ihm, dass es dieses mal nicht geklappt hatte. âEr war verĂ€ngstigt und hat losgelassen. Ich bin zum GelĂ€nder und bekam ihn gerade noch zu fassen, aber meine rechte Schulter hat es etwas mitgenommen. Zum GlĂŒck konnte ich den Teen mit links genug fest halten, bis Kleinert kam.â
âMir dem warst du schon wieder unterwegs?â, hinterfragte Schalavsky zynisch. Kleinert war immer noch auf dĂŒnnem Eis bei ihm.
âSei froh.â, sagte Wespe schmunzelnd. âDer Riese konnte mit seinen langen Armen den Teen direkt greifen und mit hochziehen. Und! Er hat darauf bestanden mich im Krankenhaus abzuladen.â Wespe machte ein wichtiges Gesicht. Schalavsky erkannte das an. Vielleicht war Kleinert doch kompetenter als gedacht.
Schalavsky seufzte: âDanke, dass du dich besser um dich kĂŒmmerst.â
Wespe zwinkerte ihm zu: âIch kann dich ja nicht ewig in Sorge leiden lassen.â Seine gesunde Hand Griff unter dem Tisch nach Schalavsky Hand: âWenn wir alleine waren, wĂŒrde ich dich jetzt kĂŒssen.â
Schalavskys Mundwinkel zuckte. Einer Seite war er sehr zufrieden das zu hören, andererseits hasste er es dass er immer noch Probleme damit hatte, sich in der Ăffentlichkeit romantisch zu zeigen.
Wespe hatte sich damit abgefunden. Lieber war er im Verborgen mit Schalavsky zusammen, als gar nicht. Und immerhin konnten sie miteinander ausgehen.
Wespe war vorausschauend genug gewesen, dass er sein Essen danach bestellt hatte, dass er es gröĂtenteils einhĂ€ndig essen konnte. Wobei ihm Schalavsky dann doch mit der ein oder anderen Sache half, wenn sie klein geschnitten werden wurde.
Sie waren mit ihrem Essen am Ende, als Schalavsky etwas ansprach, was er schon die ganze Zeit bemerkt hatte: âWespe, warum starrst du mich die ganze Zeit an?â
âMhm?â, macht Wespe ĂŒbertrieben unschuldig. âIch schenke dir nur meine Aufmerksamkeit.â
âDas wĂ€re ja mal was neues.â, sagte Schalavsky. âEs wirkt eher so, als wĂŒrdest du vor dich trĂ€umen, wĂ€hrend du starrst.â
âDu kannst wirklich nicht erwarten, dass du dich so anziehst und ich mich dann noch konzentrieren kann.â, sagte Wespe und einem bedeutungsvollen Blick auf den Anzug.
Schalavsky sah ihn etwas verwirrt an: âDu siehst mich jeden Tag im Anzug.â
âAber nicht in diesem Anzug.â, sagte Wespe bedeutsam. âWarum eigentlich nicht?â
âDen habe ich fĂŒr besondere AnlĂ€sse. Hochzeiten und so.â, sagte Schalavsky.
Wespe blinzelte ihn an: âIch werde morgen sofort einen Ring kaufen gehen.â
Schalavsky schnaubte: âIst klar.â
âDer Anzug macht wirklich was fĂŒr dich. Deine breiten Schultern werden akzentuiert und das blassgrau steht dir richtig gut. Mit dem Einstecktuch und der roten Krawatte könntest du selbst einer der verfĂŒhrerischen Vampire sein.â
âBist du sicher, dass du keine Kopfverletzung hast?â, fragte Schalavsky skeptisch.
âWirklich!â, sagte Wespe. âAuĂerdem hast du dich verĂ€ndert. Du siehst mittlerweile aus, als wĂŒrdest du regelmĂ€Ăig und genug schlafen. AuĂerdem hilft es, dass du mich nicht permanent angrollst. Du siehst junger aus, wenn du lĂ€chelst.â
Der Punkt mit âjĂŒngerâ traf etwas in Schalavsky. Er kam sich oft zu alt fĂŒr Wespe vor, der ohne Bart noch undercover in einer weiterfĂŒhrenden Schule durchgehen konnte. Vielleicht hatte eine Feuchtigkeitscreme fĂŒr MĂ€nner es bis sein Badezimmer und tĂ€gliche Routine geschafft, auch wenn er das unter Eid abstreiten wĂŒrde.
âIch mag es auch, dass deine Haare etwas lĂ€nger sind.â, sagte Wespe.
Schalavsky strich sich verlegen durch die Haare: âIch wollte eigentlich schon lĂ€ngst zum Friseur.â
âIch will dir nichts einreden, Klausi.â, sagte Wespe. âAber ich mag es, wenn deine Haare anfangen sich zu Wellen.â Schalavsky suchte nach der Wahrheit in den Worten und fand sie.
Sie fuhren zu Schalavskys Wohnung. Meistens waren sie da, weil Schalavsky ungerne mit Wespes Mitbewohnern seine Beziehung diskutieren wollte. Wer Wespe kannte sollte wirklich meinen, seine Mitbewohner könnten nicht schlimmer sein, aber da konnte man sich tÀuschen.
Auf der Fahrt legte Wespe eine Hand auf Schalavsky Bein und starrte ihn von der Seite an.
âWas hast du, Wespe?â
âIch hab dich und das macht mich sehr glĂŒcklich.â, sagte Wespe breit lĂ€chelnd.
âSind das die Schmerzmedikamente, die aus dir sprechen?â, fragte Schalavsky kritisch.
âNein. Es ist der Gedanke nach einem ScheiĂtag zu dir zu kommen zu können, was mich sehr glĂŒcklich macht.â
Schalavsky legte kurz seine Hand auf Wespes und drĂŒckte sie.
Wespe hielt Schalavskys Hand, als sie zu seiner Wohnung gingen.
Schalavsky schloss mit seiner freien Hand die TĂŒr auf und sie traten ein. Schalavsky trat sich die Schuhe von den FĂŒĂen und wollte seine Jackett ausziehen, als Wespe ihn stoppte. âWarte noch. Ich habe mich noch nicht satt gesehen.â
Schalavsky hatte die ganze Zeit versucht einzuschÀtzen, wie ernst es Wespe mit dem war, was er sagte und er kam zu dem Schluss, dass es Wespe tatsÀchlich ernst meinte. Und Schalavsky entschied sich das zu testen.
âDu magst den Anzug wirklich sehr?â, fragte Schalavsky und legte einen Arm um Wespe Taille.
Wespe nickte und stahl einen Kuss, wie er es schon die ganze Zeit machen wollte: âDu weiĂt, dass es nicht nur der Anzug ist, aber es hilft, dass du selbst wie ein vampirischer Graf aussieht.â
âIst das so?â Schalavsky hatte nicht oft den Schalk im Nacken aber jetzt war es ein Moment in dem er sich vorbeugte und Wespes Hals kĂŒsste und mit den ZĂ€hnen maltrĂ€tierte.
Wespe schnappte nach Luft wie eine Jungfrau in Nöten und spĂŒrte wie sich eine Hitze durch seinen Körper in seine Mitte wĂ€lzte. Dass Schalavsky ihn dann nach hinten kippte und er ohnehin nur eine Hand hatte um sich festzuhalten machte es aufregend und dass Schalavsky eine besitzergreifende Richtung einschlug war ihm auch neu.
âSchlafzimmer.â, keuchte Wespe und wĂŒrde sogleich wieder aufgerichtet.
Sie drÀngten einander ins Schlafzimmer. Wespe brachte Schalavsky dazu sich auf das Bett zu setzen und kam direkt hinterher in sich auf seinen Schoà zu setzten. Seine gesunde Hand fand Schalavskys Nacken und zog ihn in einen Kuss.
âSei vorsichtig.â, sagte Schalavsky danach und hielt Wespe fest. Er wollte verhindern dass er noch fiel und sich nicht abfangen konnte.
Wespe lĂ€chelte breit. Er liebte es, wie Schalavsky immer auf ihn aufpasste. âNur weil mein Arm kaputt ist, kann ich trotzdem andere Dinge machen.â
Schalavsky schluckte sichtbar. Wespe zog an der roten Krawatte, bis er sie locker genug hatte und schmiss sie achtlos aufs Bett. Dann begann er die Hemdknöpfe zu öffnen, was nicht ganz so einfach war, wenn man nur eine Hand hatte. Aber er schaffte es die ersten paar Knöpfe zu öffnen und setzte seinen Kuss gegen Schalavskys Kehle. Schalavsky hob das Kinn und schloss genieĂerisch die Augen. Er bot Wespe noch mehr AngriffsflĂ€che und konnte dessen Shampoo riechen.
Wespe rutschte langsam nach hinten und bis er in einer geschmeidigen Bewegung vor Schalavsky auf den Boden sinken konnte.
âWe-â Schalavsky wollte etwas einwenden, aber Wespe schaffte es ihn verstummen zu lassen. Denn er brauchte nicht beide HĂ€nde um einen Hosenknopf zu öffnen. Er brauchte nicht mal eine. Er war absolut fĂ€hig Schalavsky Hosenknopf nur mit seinen ZĂ€hnen zu öffnen. Er grinste frech zu Schalavsky und der fluchte in seiner Muttersprache. Wespe zog am Bund von Schalavskys Unterhose, bis ihm das entgegen sprang, was Schalavskys Gehirn schon seit einer Weile verzweifelte Signale sendete. Wespe war selten zaghaft oder ging nicht all-in. Dies war keiner dieser Momente. Wespes Mund umschloss Schalavsky mit einer Hitze, die in unwillkĂŒrlich aufstöhnen lieĂ. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, um selbige nicht in Wespes Haaren zu vergraben und mehr zu verlangen. Obwohl das nicht mal schlecht angekommen wĂ€re. Wespes nĂ€chste Handlung lieĂ ihn nach hinten aufs Bett fallen. Er hatte nicht bemerkt, dass Wespe heute sein Zungenpiercing trug und Wespe bewies, dass er damit umgehen konnte.
Schalavsky kĂ€mpfte sich hoch und auf seine Ellenbogen gestĂŒtzt, vergrub er nun doch die Finger einer Hand in Wespes Haaren, aber nur um seine Aufmerksamkeit zu bekommen: âWespe, wenn du so weiter machst ist es gleich vorbei.â
Wespe entlieĂ ihn aus seinem Mund und grinste ihn stolz an. Seine Lippen glĂ€nzen feucht und rot und Schalavsky wollte nichts lieber als diese Lippen zu kĂŒssen.
Wespe schien Ă€hnliches zu denken. Und kletterte wieder zu Schalavsky aufs Bett. Er stĂŒtzte seinen linken Arm neben Schalavsky ab und lehnte sich vor bis er ihn in einem Kuss treffen konnte. Schalavsky vertiefte den Kuss, um das Piercing genauer zu untersuchen, was Wespe ihm schwer machte, so wie er die meisten Dinge etwas schwieriger machte, als nötig war.
Allerdings zog Wespe sich schneller als gewĂŒnscht wieder aus dem Kuss zurĂŒck und verzog ein bisschen das Gesicht. Die Schlinge, die seine Schulter ruhig halten sollte, arbeitete am Besten wenn er senkrecht stand und nicht wenn er halb ĂŒber seinen Kollegen kroch.
Schalavsky sah den Gesichtsausdruck und konnte sich schon denken was es war, als Wespe sich zurĂŒck lehnte und sich wieder entspannte.
âSchulter?â
Wespe nickte leicht: âKein Doggy style.â
Schalavsky verdrehte die Augen: âIch seh dich dabei ohnehin lieber an.â
âAww.â, sagte Wespe. Schalavsky griff nun nach ihm und lenkte ihn von der hockenden Position dahin, dass sich Wespe hinlegte.
âIst das okay?â
Wespe nickte: âJa. So kann ich sogar die doofe Schlinge abnehmen.â Er löste die KlettverschlĂŒsse und schmiss die Schlinge von sich.
Schalavsky trat sich nun die Anzughose und Unterhose von den Beinen, da sie mehr im Weg waren und streifte sich das Jackett ab. Er lehnte sich nun langsam ĂŒber Wespe und kĂŒsste ihn wieder. Er begann die Knöpfe an Wespes Hemd zu öffnen und die zwei gelegte Haut mit seinem Mund zu erkunden.
Eine Sache die Wespe ĂŒberrascht hatte, als es intimer zwischen ihnen beiden geworden war, war wie viel Zeit sich Schalavsky nahm. Wespe hatte einige Exen, wo er mehr die Aktion gebracht hatte und dann hatte er welche gehabt, die irgendwann versucht hatten der Effizienz wegen Schnell-Ficker Hose ins Spiel zu bringen und da hatte Wespe dann auch alles weitere beendet.
Wespe griff nach Schalavsky, weil er ihn gerne durch die Haare strich, aber Schalavsky fing seine Hand ein und drĂŒckte sie sanft wieder aufs das Bett. âNicht mit dem Arm.â
Wespe lachte leicht auf und lieĂ seine rechten Arm wieder locker auf dem Bett liegen.
âMhm. Sehe ich nicht.â, sagte Schalavsky neckend und strich mit einem Finger bedĂ€chtig ĂŒber den ReiĂverschluss an Wespes Hose, hinter der sich mittlerweile schmerzhaft etwas merkbar machte.
âOh, wenn du so nett fragst, muss ich dich auch belohnen.â
Wespe schnappte nach Luft: âWo hast du das gelernt?â
Schalavsky zuckte mit den Schultern: âSchien dir gefallen zu haben.â
âJa, offensichtlich.â Wespe schluckte und versuchte seinen Atem zu kontrollieren. Er setzte sich langsam auf. Seine Muskeln fĂŒhlten sich noch sehr weich an und zog das mittlerweile vollkommen zerknitterte Hemd und Jackett aus. Schalavsky beĂ€ugte dabei genau, dass er vorsichtig mit der rechten Schulter war. Dann zog auch er das Hemd und die Weste aus, die noch um seine Schultern hingen und legte sich neben Wespe: âWir werden morgen kleben.â
âDas ist okay fĂŒr mich.â, sagte Wespe. âDann kannst du das Gleiche nochmal unter der Dusche machen.â
Schalavsky lachte auf: âGanz bestimmt nicht. Das ist viel zu gefĂ€hrlich und du bist schon verletzt.â
Wespe grummelte unzufrieden aber akzeptierte das auch.
âIch kann andere Dinge in der Dusche mit dir machen.â, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn an: âWie was?â
âDas erfĂ€hrst du morgen.â, sagte Schalavsky. âVielleicht.â
âWillst du mich wirklich zu hĂ€ngen lassen?â
âWieso? Könntest du nochmal?â
ââŠ.definitiv nicht.â, gab Wespe zu.
âDann ist morgen noch frĂŒh genug.â
Wespe sah ein, dass er in diesem Moment nicht weiter kommen wurde und kuschelte sich stattdessen an Schalavsky. Er legte seinen verletzten Arm ĂŒber dessen Oberkörper ab und schwang ein Bein ĂŒber dessen HĂŒfte.
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5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Ăberwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nĂŒtzlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein GesprĂ€ch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsĂ€chlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das GesprĂ€ch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens MĂŒhe gegeben, um Bienert von Monologen und unermĂŒdlichen GesprĂ€chsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegĂ€hnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drĂŒckte den RĂŒcken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
âWas ist los, Bienert?â, fragte Schalavsky ruhig.
âIch habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.â, murrte der junge Kollege.
âHaben Sie sich verlegen?â
âNee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.â Bienert hatte allerdings einen ZusammenstoĂ mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert lieĂ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: âHaben Sie ein Schleudertrauma?â
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: âGlaube nicht.â
âSie sollten zum Arzt gehen.â Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: âDoch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.â
âSie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!â
âEntschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.â, schnappte Bienert, etwas schĂ€rfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubĂŒĂen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein NervenkostĂŒm dĂŒnn.
Schalavsky griff ĂŒber und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
âSie sind ziemlich verspannt.â, bemerkte Schalavsky. âHaben Sie Schmerztabletten genommen?â
Bienert sah irritiert rĂŒber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
âKein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.â, sagte Schalavsky tadelnd.
âIch hatte keine Schmerztabletten mehr da.â, verteidigte sich Bienert.
âUnd Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des PrĂ€sidiums reden?â, fragte Schalavsky.
âIch rede nicht mit jedem.â, widersprach Bienert. âIch vermeide die Rassisten und Homophoben.â
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es ĂŒberraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
âIch hatte keine Zeit.â, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen VerdĂ€chtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafĂŒr keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsÀchlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen ĂŒber dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkĂŒrlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rĂŒber: âTuts weh?â
âWird gerade besser.â, sagte Wespe aus BefĂŒrchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte spĂ€ter nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem fĂŒr Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen lieĂ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurĂŒckzog, konnte Wespe sich gegen den KopfstĂŒtze lehnen ohne das GefĂŒhl zu haben seine Position Ă€ndern zu mĂŒssen. FĂŒr den Rest der Ăberwachung saĂ Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das GebĂ€ude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darĂŒber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fĂŒhlte, dass Bienert ĂŒberhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wĂ€re, hatte der VerdĂ€chtige ihn nicht umgerannt. AuĂerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. WĂ€hrend es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen lieĂ. Dass Bienert auĂerdem tatsĂ€chlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen lieĂ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys BeschĂŒtzerinstinkt, wenn Bienert nicht sein ĂŒbliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
âDas hat keinen Sinn mehr. Wir können die Ăberwachung hier abbrechen.â, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurĂŒck zum PrĂ€sidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft ĂŒberlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
âOh, dan-â, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drĂŒckt, was sofort an seiner Haut haftete.
âWĂ€rmepflaster.â, erklĂ€rte Schalavsky. âDas sollte in ein paar Minuten warm sein.â
âDanke.â, sagte Wespe leicht ĂŒberfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: âSchon gut.â
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hĂ€tte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kĂŒmmern wĂŒrde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeintrĂ€chtigte. Und jetzt kĂŒmmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Zeit fĂŒr Teil 5, der noch lĂ€nger als alle anderen wurde
5. Eingefangen.
Wespe stemmte sich gegen das Panzerband. Er lag auf einer muffigen Matratze, seine Arme waren vor seinem Körper zusammen geklebt und ein Streifen Panzerband war ĂŒber seinen Mund und ein weiterer ĂŒber seine Augen geklebt worden. Er hatte keine Ahnung, wo er war aber die GerĂŒche waren ihm unbekannt. Von den GerĂ€uschen her war er in einem gröĂtenteils leeren Raum. Er hörte keine StraĂengerĂ€usche oder Vogelgesang, die man vielleicht durch ein geschlossenes Fensterge hört hĂ€tte. Nicht mal ein Uhrticken. Vielleicht ein elektrisches Summen, wie eine Lampe. Sonst nur seinen eigener Atem und das Rascheln auf der Matratze. Dass er mit Panzerband gefesselt war, war ehrlich gesagt nur eine Vermutung aufgrund des GefĂŒhls auf der Haut und dem PlastikgerĂ€uschen.
Eigentlich war es klar, dass er an keinem Ort war, den er kannte. Niemand von seinen rechtschaffenen Bekanntschaften wĂŒrde ihn gegen seinen Willen fesseln und dann einfach irgendwo liegen lassen. Und niemand der ihn entfĂŒhren wollte, wĂŒrde ihn in einer bekannten Umgebung lassen. Also wer zur Hölle hatte ihn gefangen? Wespe versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Er wusste, dass er zur Arbeit wollte â mehr nicht.
Schalavsky sah verĂ€rgert zu dem anderem Schreibtisch im BĂŒro, an dem Wespe durch Abwesenheit glĂ€nzte.
Wieder stemmte er sich gegen das Panzerband. Irgendwer hatte sich Gedanken gemacht, als man ihn gefesselt hatte. Man hatte nicht einfach seine HĂ€nde zusammengelegt und mit dem Klebeband umwickelt, sondern seine Unterarme aneinander gelegt, fast wie man es bei verschrĂ€nkten Armen machte und dann alles mit Klebeband umwickelt. Auf diese Art konnte Wespe nicht mal seine HĂ€nde an sein Gesicht bringen, um die KlebebĂ€nder ĂŒber Mund und Augen zu entfernen. Das einzige, was er versuchen konnte war, seine Finger soweit freizuwackeln, dass er mit den FingernĂ€geln unter das Panzerband an seinen Ellenbogen kam und es langsam abzog.
Salah trat in den Raum und hatte einen besorgten Gesichtsausdruck: âHey, haben Sie was von Wespe gehört?â
âNein.â, antwortete Schalavsky mit einem harten Klang. Seit ihrem Streit war es Wespe gelungen ihm weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm mal nicht entgehen konnte, war Wespe ungewöhnlich wortkarg. Er begann keine GesprĂ€che, stellte keine Fragen und hatte fĂŒr seine VerhĂ€ltnisse Kleidung an, die kaum die Vorschriften verletzte.
Tamina brummte unzufrieden: âEr hat Kommissar Glockner eine Mail geschickt, dass er krank ist. Aber er hat nicht auf meine Nachrichten geantwortet.â
Schalavsky runzelte die Stirn. Er hatte nicht krank gewirkt, aber er lieĂ sich bekannterweise nichts anmerken: âVielleicht schlĂ€ft er.â
âKann sein.â, sagte Tamina unzufrieden.
âWollen Sie heute mit mir kommen?â, sagte Schalavsky, er war die letzten Tage die meiste Zeit alleine unterwegs gewesen, weil Wespe einerseits nicht mitkommen wollte und andererseits nach seinem letzten Stunt auch noch nicht seinen Schreibtisch verlassen durfte.
Ein GerĂ€usch riss Wespe aus seinen Versuchen sich zu befreien. Eine metallene TĂŒr, die aufgestoĂen wurde und dann schwere Schritte.
âIst auf jeden Fall besser, als mich weiter durch die Akten zu wĂŒhlen.â, sagte Tamina und schickte Wespe eine freche Nachricht, dass sie seinen Platz einnehmen wĂŒrde, wenn er sich nicht bald meldete.
âBiste schon wach, Bulle?â, fragte eine raue Stimme, die klang als trĂŒge der Mann eine Maske. Wespe drehte seinen Kopf in die Richtung in der er den Mann vermutete.
âOh⊠du bist ja ein hartnĂ€ckiger Bulle. Haste dich schon fast durch das Klebeband gekĂ€mpft.â, sagte der Mann. Er war nicht besonders nah heran gekommen. Wespe wĂŒrde schĂ€tzen, dass er vier Meter von ihm entfernt war. Aber Wespes Hoffnung schwand, wenn er wieder und noch mehr verklebt wurde, wĂŒrde er hier nie raus kommen. Aber der Mann machte keine Anstalten zu ihm zu kommen, um ihn weiter zu fesseln: âWenn du das ab hast, steht hier Wasser fĂŒr dich.â
Wespe runzelte die Stirn. Er durfte sich befreien? Was wurde hier gespielt?
âEs wird wohl noch eine Weile dauern, bis du hier wieder rauskommst, Bulle.â Der Mann lachte dĂŒster: âDeine Bullenfreunde sind zumindest nicht besonders helle. Ach ja, Kommissar Glockner und Tamina wĂŒnschen dir Gute Besserung. Tamina sagt auch, dass sie deinen Job ĂŒbernimmt, wenn du weiter ausfĂ€llst.â
Wespe lieĂ den Kopf auf die Matratze sinken. Scheinbar glaubten seine Kollegen, dass er krank war, was hieĂ, dass niemand nach ihm suchte. Ihm wurde etwas schlecht. Aber wenn der Mann das wusste, hatte er Wespes Handy und das konnte nachverfolgt werden. Zumindest wenn man ihn irgendwann tatsĂ€chlich vermisste.
Er hörte nur halb, dass sich die Schritte wieder entfernten und die schwere TĂŒr wieder verschlossen wurde. Er schluckte die Panik runter. Noch ging es ihm gut, wenn er jetzt verzweifelte und anfangen wĂŒrde zu weinen, wĂŒrde seine Nase anfangen zu laufen und im schlimmsten Fall wĂŒrde er ersticken.
âMhm⊠Das ist seltsam.â, sagte Tamina. âSonst kann ich immer sehen, wann er eine Nachricht gelesen hat, jetzt hat er das aber ausgeschaltet.â
Kein Grund zur Panik. Wenn seine Kollegen ihm nicht zur Hilfe eilen wĂŒrden, dann musste er es selbst schaffen.
âVielleicht hat er Angst, dass man bemerkt, dass zu sehr am Handy hĂ€ngt, wĂ€hrend er eigentlich krank ist.â, schlug Schalavsky vor.
âWenn er krank sich krank meldetet, dann ist er es auch.â, sagte Tamina missbilligend. âIhr ganzes Problem mit ihm war doch, dass er nicht genĂŒgend RĂŒcksicht auf sich nimmt und auch in schlechter gesundheitlicher Verfassung weiter arbeiten will.â
âSchon gut.â, lenkte Schalavsky ein. Tamina sah ihn fragend an: âHat er sich bei Ihnen gemeldet?â
Wespe nahm nochmal alle KrĂ€fte zusammen und versuchte seine Arme von dem Klebeband loszureiĂen und endlich nach Stunden des Probierens, Aufgebens, Einnickens und wieder Probierens, löste sich das Band schmerzhaft von seiner Haut. Zum GlĂŒck hatten ihm seine Hobbys ordentliche Armkraft eingebracht, sonst hĂ€tte er noch lĂ€nger gebraucht, um sich davon zu befreien. Er drĂŒckte sich sofort hoch in eine sitzende Position und rollte seine Schultern zurĂŒck nachdem sie eine Ewigkeit nach vorne gezwungen geworden war. Dann griff er nach dem Klebeband ĂŒber seinem Mund und begann das zu lösen. Den Mund freizubekommen verringerte das Risiko zu ersticken. Er war dabei vorsichtig. Er hatte kein Bock sich auch noch Bart und Haut abzureiĂen. Das dauerte zwar lĂ€nger, aber mehr Wunden bedeuteten mehr potentielle Probleme und ein höheres Risiko fĂŒr Infektionen. Als er das Klebeband schon mal zur HĂ€lfte ab hatte, atmete er erstmals wieder richtig durch. Jetzt konnte er sich ein bisschen seiner Verzweiflung hingeben und TrĂ€nen wallten in ihm auf. Er zog sich langsam weiter das Klebeband vom Gesicht, wĂ€hrend sein Körper sich mit leisen Wimmern krĂŒmmte. Endlich war es ab und Wespe verschwende keine Zeit und versuchte auch das Band ĂŒber seinen Augen abzubekommen. Seine TrĂ€nen machten es leichter das es von den Wimpern los zu bekommen, aber an seinen Augenbrauen und Piercing hing es schmerzhaft. Als seine erstes Auge frei war blinzelte er dem Licht entgegen. Er stellte fest, dass das Summen, das er zu Beginn wahrgenommen hatte, tatsĂ€chlich zu einer Neonröhre unter der Decke gehörte und er verstand auch warum der Mann nicht nĂ€her an ihn heran gekommen war. Vor Wespe war ein Gitter. Er war in das, was er wohl als improvisierte GefĂ€ngniszelle beschreiben wĂŒrde, vier Meter lang und anderthalb tief. Die Matratze am Boden und eine Toilette in der Ecke, sonst drei gekachelte WĂ€nde und ein Gitter, welches die vierte darstellte. Vor ihm in dem weiten Raum, der nicht seine Zelle war stand eine Kamera auf einem Stativ. Das erklĂ€rte, warum Licht die ganze Zeit an war. Man ĂŒberwachte ihn.
âNein.â sagte Schalavsky bitter. Das wĂŒrde Wespe auch nicht machen. Sie sprachen noch nicht wieder miteinander.
Am Gitter stand eine Wasserflasche einer Marke, die man bei hunderten SupermĂ€rkten in der Millionenstadt bekommen könnte. Wespe kroch etwas nach vorne und griff nach der Flasche. Sie war noch immer komplett verschlossen. Aber das war nicht die einzige Art, wie man die Flasche manipulieren konnte. Und man mochte ihn fĂŒr misstrauisch halten, aber er vertraute niemanden der ihn ohne Erlaubnis fesselte. Wespe zog sich auf die Matratze zurĂŒck und öffnete die Flasche. Er beobachtete, ob sich irgendwo ein Leck bildete, aber die Flasche wirkte intakt. Gierig trank er ein paar Schlucke, dann kippte er eine kleine Menge in eine Hand und fuhr sich damit ĂŒber das Gesicht. Endlich begann er auch den Rest das Klebebands abzuziehen. Und als er es geschafft hatte wischte er sich erneut ĂŒber das Gesicht. Die Klebereste waren deutlich zu spĂŒren. Als letzte Fessel löste er noch das Klebeband um seine Beine. Dann stand er endlich auf und streckte sich.
Zeit einen Ausweg zu finden.
Wespe trat an das Gitter und wollte es untersuchen, aber kaum, dass er es berĂŒhrt hatte, zog er die Hand mit einem Japsen zurĂŒck und wĂ€re fast umgefallen.
Er betrachtete seine Hand. Es sah so aus als hĂ€tte er sich verbrannt. Dieser Wichser hatte das Gitter unter Strom gesetzt und wenn Wespe wetten mĂŒsste, vermutete er, dass es Starkstrom war. Er verzweifelte etwas. Wie sollte er hier raus kommen, wenn er nicht mal das Gitter anfassen konnte? Boden und Decken waren aus massiven Beton und die WĂ€nde unter den Fliesen wahrscheinlich auch. Wespe klopfte sich seine Hosentaschen ab. Leer. NatĂŒrlich. Er setzte sich auf die Matratze und stĂŒrzte die Arme auf die angezogenen Knie und den Kopf in die HĂ€nde. Fuck.
âHey, Klaus.â, sagte Glockner ruhig. âKommst du mal zu mir ins BĂŒro?â
Schalavsky folgte ihm in sein BĂŒro und sah ihn fragend an: âWas gibtâs?â
âIch hab RĂŒckmeldung von der Personalabteilung bekommen.â, sagte Glockner in einen angespannten Tonfall. âScheinbar ist Bienerts Krankmeldung gefĂ€lscht.â
Schalavsky sah ihn verwirrt an: âWas?â
âDer Arzt, der die AU ausgestellt hat, existiert nicht.â, sagte Kommissar Glockner deutlich.
Schalavsky wurde unwohl: âEmil, du glaubst doch nicht-â
âNein!â, sagte Glockner sofort. âIch glaube nicht, dass Bienert eine Krankmeldung fĂ€lschen wĂŒrde.â
âWofĂŒr auch? Er könnte behauptet, dass seine Stichverletzung beim langen Sitzen im Innendienst mehr wehtut und sich deswegen krankschreiben lassen.â, sagte Schalavsky. Er hatte ohnehin die Vermutung, das Wespe das lange Sitzen noch nicht bekam. Glockner nickte: âIch hab versucht ihn anzurufen, aber bisher konnte ich ihn nicht erreichen. Seine Mailbox geht direkt ran. Sonst war er immer zu erreichen.â
Schalavsky legte die Stirn in Falten: âIch werde mal, was anderes probieren.â
Glockner nickte: âDanke, Klaus.â
Schalavsky lief aus dem BĂŒro und rief laut: âTamina!â
Besagte Frau sah ĂŒberrascht auf, weil sie sonst nicht mit dem Vornamen von Schalavsky angeredet wurde, aber sie folgte seinem Fingerzeig sofort und ging in sein BĂŒro.
âWas ist los?â
âWespes Krankmeldung ist gefĂ€lscht. Glockner kann ihn per Handy nicht erreichen.â, sagte Schalavsky schnell. âDu hast du Kontakte zu seinen Mitbewohnern, ja?â
âOh ja.â Tamian holte ihr Handy aus der Tasche und suchte sich die Nummer von Wespes Mitbewohnern raus.
âHallo Marco, hier ist Tamina. Bist du gerade Zuhause?â, fragte sie als der Anruf angenommen wurde. Sie hörte kurz zu und sagte dann: âNicht jetzt, es ist ernst, ist Wespe auch da?â Wieder lauschte sie und sah Schalavsky mit alarmierten Ausdruck an, wĂ€hrend sie den Kopf schĂŒttelte. âUnd seit dem hast du nichts mehr von ihm gehört?â Sie wartete wieder und kritzelte etwas auf einen Zettel auf Wespes Schreibtisch. 2-3 Tage verschwunden. âDas wissen wir nicht.â, sagte Tamina sanfter. âWeiĂt du wo er zuletzt hinwollte?â Wieder lauschte sie. âHat er sein Auto genommen?â SchlieĂlich nickte sie: âDanke fĂŒr die Infos. Ich melde mich, wenn sich was ergibt.â
Sie beendete das Telefonat und sah Schalavsky verbissen an: âEr ist vor drei Tagen zuletzt in seiner WG gewesen und wollte als nĂ€chstes nur zur Arbeit. Sein Auto steht noch vor der TĂŒr. Wahrscheinlich hat er sein Fahrrad genommen.â
âUnd hier kam er nicht an.â, stellte Schalavsky dĂŒster fest.
âJep. Seine Mitbewohner haben eine Nachricht bekommen, dass er beruflich weg mĂŒsse.â Tamina atmete tief durch. âIch werde die KrankenhĂ€user anfragen. Vielleicht hatte er einen Unfall.â
âBei dem jemand dann seinen Mitbewohnern was vorlĂŒgt und eine falsche Krankmeldung schickt?â, fragte Schalavsky unglĂ€ubig.
âMeinen Sie, er wurde⊠entfĂŒhrt?â
Schalavsky verzog unzufrieden des Gesicht: âDas scheint am Wahrscheinlichsten. Ich sag Emil Bescheid.â
âOkay⊠Ich versuche sein Handy zu orten. ...und ich probiere trotzdem die KrankenhĂ€user.â
Er war in der zusammen gekrĂŒmmten Position eingenickt und konnte nicht sagen, ob er fĂŒr drei Tage geschlafen hatte oder drei Sekunden. Was ihn weckte war das GerĂ€usch der schweren TĂŒr, die wieder geöffnet wurde. Der Mann mit den schweren Schritten nĂ€hertet sich wieder. Die TĂŒr musste irgendwo in Wespes toten Winkel liegen. Rechts von seiner Zelle.
âNa Bulle, wieder wach?â Der Mann trug wirklich eine Maske und er war noch gröĂer als Schalavsky und bestimmt doppelt so breit. Er trug einen schwarzen Anzug, der schick, aber nicht teuer war, er hatte einen Stock in einer Hand, eine Flasche unter dem Arm und ein Handy in der anderen Hand. âLara ist sauer auf dich, dass du einfach so zu einem Spezialeinsatz abhaust, wenn du eigentlich mit der WĂ€sche dran wĂ€rst. DafĂŒr wirst du einen Monat lang den Abwasch machen mĂŒssen.â
Wespe starrte den Mann dĂŒster an. Seine Mitbewohner dachten also er war dienstlich unterwegs. Wespe betrachtete das Handy. Es war schwarz. Ein Smartphone Allerweltsmodell und ganz bestimmt nicht sein eigenes.
Der Mann bemerkte seinen Blick und lachte: âMach dir keine Gedanken, Bulle. Dein Handy macht gerade eine schöne Rundreise. Das hier ist bloĂ ein Klon, dass mir all deine Nachrichten anzeigt.â
Er steckte das Handy wieder weg und nahm die Flasche in die Hand. Es war eine Flasche dieser Trinkmahlzeiten, die ĂŒberall beworben wurden. Clever. Einfach durch die StĂ€be zu reichen. Kein Grund die TĂŒr aufzuschlieĂen. Nicht mal einen Löffel musste man dem Gefangenen geben. Gar nicht mal schlecht geplant. Wespe war sich auĂerdem sehr sicher, bei der Bewegung die verrĂ€terische Abzeichnung einer versteckten Waffe im Jackett gesehen zu haben.
âHier ist dein Abendessen.â Abend? War es Abend? Fragte sich Wespe innerlich. Dieses Mal stellte der Mann die Flasche vor dem Gitter, ab sodass Wespe die Hand nach drauĂen stecken musste, um sie zu erreichen. Als sich der Mann noch bĂŒckte schnellte Wespe vor, griff mit einer Hand nach dem Kragen der Anzugjacke und versuche ihn gegen das Stromgitter zu reiĂen. Der Mann war aber zu schwer, um sich einfach so bewegen zu lassen. Stattdessen riss er seinen Stock hoch und stieĂ ihn in Wespes Magen. Er krĂŒmmte sich unter Schmerzen zusammen und fiel wie ein Sack um. Sein Kopf schlug hart auf den Boden auf und vielleicht brauchte er deswegen erbĂ€rmlich lange, um den Stock als Viehtreiber zu identifizierten.
âSchlechter Versuch, Bulle.â, sagte der Mann gelassen. âWeiĂ du, ich war nie einer der groĂen PlĂ€neschmieder, aber ich kann mit Rindvieh ganz gut umgehen.â
Wespe krĂŒmmte sich am Boden.
âLass es dir schmecken, Bulle.â
Glockner brĂŒllte nicht durch das Revier. Er bewegte sich geschmeidig und bestimmt durch die Kollegen, und holte sich Salah und Schalavsky in sein BĂŒro. Seine Anspannung war so deutlich zu sehen, dass sie sich auf die anderen beiden ĂŒbertrug.
âIch habe ein Video erhalten.â, sagte Glockner und bedeutete seinen Kollegen sich vor den Schreibtisch zusetzen. Er drehte den Bildschirm herum und spielte das Video ab.
Schalavsky schluckte, Tamina machte einen erstickten Laut und schlug die HĂ€nde vor den Mund. Das Video wurde zeigte einen Ausschnitt eines Raumes, der vergittert war. Hinter dem Gitter lag eine Person auf einer Matratze und kĂ€mpfte gegen die Fesseln an. Sowohl Augen als auch Mund waren verklebt, aber es war keinen Zweifel, dass die mehrfarbigen Haare und das gemusterte T-Shirt mit den glĂ€nzenden Jeans zu Wespe gehörte. Das Video hatte keinen Ton, aber es zeigte, wie sich Wespe Minuten lang damit abmĂŒhte sich von dem Klebeband zu befreien.
âWissen wir woher es stammt?â, fragte Schalavsky mit belegter Stimme. Glockner schĂŒttelte den Kopf: âEs wird gerade untersucht. Es wurde scheinbar von Wespes Handy geschickt.â Schalavsky sah zu Tamina, der TrĂ€nen in den Augen standen: âHat die Suche nach dem Handy schon was ergeben?â
Tamina schluckte und schĂŒttelte den Kopf. Als sie zunĂ€chst versuchte zu sprechen, versagte ihr die Stimme und sie musste ein weiteres Mal ansetzen: âDas Handy bewegt sich stĂ€ndig. Sieht nicht so aus, als wĂŒrde jemand versuchen digital die Spuren zu verwischen, sondern eher, als hĂ€tte jemand es tatsĂ€chlich auf eine Reise geschickt.â
Schalavsky stieĂ Luft aus: âVielleicht ist jemand damit unterwegs.â
Glockner nickte: âZumindest hat noch jemand Zugriff darauf und konnte mir das Video schicken.â
âRichtig.â
Tamina stand auf: âIch schau mir die Verkehrskameras an. Wespes Arbeitsweg.â Schalavsky nickte und Tamina wischte sich ĂŒber die Augen, als sie das BĂŒro verlieĂ. Schalavsky sah Kommissar Glockner an: âWaren Forderungen beim Video?â
Emil schĂŒttelte den Kopf: âNein, nur ein Videotitel.â Schalavsky sah auf den Bildschirm.
Was verloren?, fragte der Titel bloĂ.
âIch muss die zustĂ€ndigen Stellen benachrichtigen.â, sagte Emil sachlich.
Schalavsky nickte: âNatĂŒrlich.â
âWir finden ihn, Klaus.â
Schalavsky schwieg.
Wespe war sich nicht sicher, wie viel Zeit verging. An Hand der Flaschen, die sich in seiner Behausung ansammelten, wusste er, dass er bisher 2 Mahlzeiten bekomme hatte. Wenn er drei Mahlzeit am Tag bekommen wĂŒrde dann wĂ€re nicht mal ein Tage vergangen aber das kam vorne und hinten nicht hin. Vielleicht wurde er nur ein Mal am Tag gefĂŒttert. Das wĂŒrde sein deutliches HungergefĂŒhl zwischen den Mahlzeiten erklĂ€ren und den Durst. Der Typ erwartete nicht, dass er mit einer Flasche einen Tag lang auskam, oder? Gut, er verlor wenig FlĂŒssigkeit, weil er sich nicht bewegte oder schwitzte, aber er hatte eben auch vor Kurzem erst eine kleinere Menge Blut verloren, die sein Körper noch immer wieder aufbauen musste.
âWie lange bin ich hier?â, fragt er bei seiner nĂ€chsten Mahlzeit.
âHast kein ZeitgefĂŒhl mehr, was?â, lachte der Mann auf. âMacht nichts. Hast keine Termine, die du verpasst.â
Wespe wĂŒrde versuchen seinen Rhythmus den des Mannes anzupassen. Er hatte bemerkt, dass er manchmal viele Stunden nicht da war und vermutlich schlief er dann oder arbeitete. Wespe wĂŒrde es so abzupassen, dass er in dieser Zeit auch schlief.
âKann ich etwas mehr Wasser haben?â, fragte Wespe.
Der Mann lachte leicht auf: âDu sĂ€ufst ja wie ein Pferd, Bulle.â
Wespe zuckte mit den Schultern: âIch habe vor Kurzem viel Blut verloren und mein Körper baut es noch auf.â
Der Man wirkte so interessiert, wie es hinter der Maske möglich war: âWas ist passiert?
âWurde abgestochen.â Wespe hob sein Shirt und zeigte die Narbe.
âMhm, das ist scheiĂe.â, sagte der Mann mit so etwas wie MitgefĂŒhl. âHab ich auch schon durch.â Er holte tatsĂ€chlich mehr Wasser.
TKKG kamen in Schalavskys BĂŒro ohne anzuklopfen oder BegrĂŒĂung. Aber das konnte Schalavsky unter den aktuellen UmstĂ€nden verzeihen, denn ihre erste Frage war: âWissen Sie schon was von Wespe?â
Schalavskys Nerven waren gespannt, aber er sah auch ihre besorgten Gesichter und verstand wie hilflos sie sich vorkommen mussten: âNein, noch nicht.â Sie hatten wahrscheinlich erst am letzten Abend von Kommissar Glockner erfahren, warum er heillos Ăberstunden schob und gestresst war.
âGibt es denn keine Spuren? Keine Aufzeichnungen?â, fragte Karl berechtigter Weise. âUnser Millionenstadt ist doch von Verkehrskameras ĂŒbersĂ€t.â
âDas ist richtig, aber nicht Bienerts Hinterhofeingang. Und von da an hat er schon drei mögliche Wege. Und wir kennen nicht genaue die Uhrzeit, zu der er unterwegs war. Also haben wir sehr viel Material zu sichten. Salah ist dabei.â
Karl nickte verstÀndig. Wenn es um Datenanalyse ging, hatte er eine sehr genaue Vorstellung, wie aufwendig die Arbeit war.
âHaben sich die EntfĂŒhrer schon gemeldet?â, fragte Gaby besorgt.
Schalavsky sah sie streng an: âDas gehört zu den Dienstgeheimnissen.â
âBitte, wir wollen nur wissen, wie es um Wespe steht.â, bat Gaby.
Schalavsky verzog den Mund. Wahrscheinlich wussten die Kinder ohnehin schon mehr, als sie sollten. âEs gab noch keine Forderung. Nur ein Video.â
âKönnen wir es sehen?â, fragte Tim sofort.
âNein.â, sagte Schalavsky entschieden. âDas ist nichts fĂŒr eure Augen und ich bezweifle, dass Wespe es gutheiĂen wĂŒrde, dass ihr ihn so seht.â
Tim schien widersprechen zu wollen, aber KlöĂchen mischte sich ein: âVerstĂ€ndlich. Wie war Ihr Eindruck von Wespe? Sah er unverletzt aus?â Schalavsky sah ein, dass er den Kindern irgendwas geben musste, damit sie sich zurĂŒckzogen: âJa. Er schien okay zu sein.â Nach den erwartungsvollen Blicken sagte er: âEr war zu Beginn mit Klebeband gefesselt, konnte sich aber davon befreien. Er ist in einer Zelle eingesperrt.â
TKKG sahen sich bestĂŒrzt an.
âDer arme Wespe.â, murmelte KlöĂchen betroffen. Karl legte ĂŒberlegend den Kopf schief: âEine Zelle wirkt, als hĂ€tten die EntfĂŒhrer geplanten ihn lĂ€nger zu behalten.â
Schalavsky nickte: âDafĂŒr spricht auch, dass die uns bisher keine Forderungen geschickt haben.â
âWahrscheinlich will man Sie nervös machen, damit Sie leichter den Forderungen nachgeben.â, vermutete Karl.
âStimmt.â, gab Schalavsky frustriert zu. âUnd es funktioniert.â
âSie werden alles tun um Wespe frei zubekommen?â, fragte Tim.
âSelbstverstĂ€ndlich.â
SpĂ€ter war es Glockner der in sein BĂŒro kam.
âKlaus. Geh nach Hause.â, sagte er. âEs bringt nichts, wenn du nicht bei klarem Verstand bleibst.â
Schalavsky nickte. Er wusste ja da Emil Recht hatte. Er selbst hatte Tamina nach Hause geschickt, weil er ihr die MĂŒdigkeit ansehen konnte. Schalavsky packte seine Sachen.
âWenn was wichtiges kommt, melde ich mich bei dir.â, versprach Glockner. Er war den Abend zuvor Zuhause gewesen und hatte da wahrscheinlich seiner Tochter beichten mĂŒssen, dass Wespe weg war. Schalavsky konnte nicht mal mehr sagen, wann er zuletzt Zuhause gewesen war. Selbst wenn, schlief er dort nur unruhig, sah in seinen TrĂ€umen Wespe in den schlimmsten Szenarien und machte sich sobald er wach war wieder auf den Weg zur Arbeit.
Da war eine Hoffnungslosigkeit die sich Schalavsky langsam bemĂ€chtigte mit jedem Tag, der verging, war er nicht sicher, ob er seinen Kollegen jemals wieder sehen wĂŒrde.
Die Video waren das einzige Lebenszeichen und von dem wussten sie nicht, ob es noch aktuell war.
Wespe gab noch nicht auf. Er hatte sich auf den Boden gelegt und auf die Fliesen eingetreten, bis diese zerbrochen waren. Dann hatte er sich sein Augenbrauenpiercing entfernt und mit dem kleinen Stahlbogen durch die Fugen gekratzt, bis er die Fugenmasse raus gelöst hatte und er mit den FingernĂ€geln unter die heilen FlieĂen kam, bis er diese von den WĂ€nden reiĂen konnte. Er hatte sechs halbwegs vollstĂ€ndig rausgelöst, bevor er entschied, dass es genug war. Hinter den Fliesen war, wie befĂŒrchtet, die Betonwand. Aber Wespe wollte die Fliesen haben. Er zog das Panzerband, dass ihn gefesselt hatte auseinander und klebte es ĂŒber die RĂŒckseite der arrangierten Fliesen. AuĂerdem klebte er etwas von den Panzerband auf seine nackten FuĂsohlen. Die ganze Zeit bemĂŒhte er sich die Kamera im RĂŒcken zu haben, damit nicht so schnell ersichtlich war, was er da trieb.
Es war ĂŒberraschend, als Wespes Bruder Thomas plötzlich in Revier stand. Da man nicht so richtig wusste, was man mit ihm anfangen sollte, ĂŒbergab man ihn an Tamina. Sie kannte einander zumindest ein wenig.
âIst mein Bruder hier?â, fragte Thomas besorgt.
Tamina sah ihn mit groĂen Augen an und realisierte, dass sie etwas vergessen hatten: âOh Shit.â Sie griff Thomasâ Arm und zog ihn in Schalavskys momentan leeres BĂŒro.
âThomas, es tut mir so leid, wir hatten die lĂ€ngst Bescheid sagen sollen.â, sagte sie aufrichtig geknickt.
Thomas wurde bleich: âIst ihm was passiert?â
Tamina verzog das Gesicht: âEr wurde entfĂŒhrt.â
Tamina bedeutete ihm sich zu setzten: âWann hast du zuletzt was von ihm gehört?â
Thomas blickte verwirrt mir leerem Blick umher: âV-vor einer Woche. Er hat sich heute nicht zum Videocall mit unseren Eltern eingeloggt und war nicht zu erreichen. Deswegen bin ich ihn suchen gegangen, bei ihm Zuhause hat niemand aufgemacht...â
âNa Bulle, biste wach?â, fragte der Mann mit der tiefen Stimme.
âBin ich.â, sagte Wespe.
Der Mann lachte: âUnd gut geschlafen?â
âWarum bin ich hier? Was willst du von mir?â, fragte Wespe in einem versöhnlichen Tonfall. Der Mann hatte den Viehtreiber dabei. Und eine Bekanntschaft damit reichte.
Er deutete ein Schulterzucken an: âEin klassischer Geiselaustausch. Dein Bullenarsch, gegen jemanden, den ich wieder frei sehen möchte.â
âWer?â
âMorphius.â
âDer Drogenbaron?â, fragte Wespe lachend. âIch wusste nicht, dass ich so hoch gehandelt werde.â
Der Mann wog den Kopf hin und her: âDie Leute mögen eine Underdogstory.â
âDanke?â, fragte Wespe. âUnd wie laufen die Verhandlungen?â
âNoch gar nicht.â, sagte der Mann. âWir lassen deine Bullenfreunde noch etwas zappeln. Dann bewegen sie sich spĂ€ter um so schneller.â
Wespe nickte, als wĂŒrde er das als sinnvoll erachten: âWie lange ist meine Anwesenheit hier noch geplant?â
âSo lange, wie es braucht. Dein Bruder macht sich Sorgen, weil du nicht eure Eltern angerufen hast.â, teilte der Mann mit.
âJa das. Kann mal passieren, wenn man entfĂŒhrt wird.", sagte Wespe.
âKlugscheiĂer.â
Wespe sah sich um: âHast du die Zelle extra fĂŒr mich gebaut?â
âNein, ich musste nur ein bisschen Hand anlegen.â Der Mann war der Zelle nĂ€her gekommen und Wespe versuchte das, was man als Wahnsinn definierte: Das Gleiche wie zuvor. Er packte sich den Kragen des Mannes und zog ihn mit alle Kraft gegen die Gitter. Einen FuĂ stemmte er von innen dagegen, um mehr Kraft aufbauen zu kommen und er schaffte es tatsĂ€chlich, dass der Mann gegen das Gitter kam und aufschrie. Der Viehtreiber zuckte nach vorne, unkoordiniert aber er erwischte Wespe dennoch an der Brust.
Und rutschte mit einem Klonk ab. Der Mann warf sich zur Seite, so dass Wespe beinah seinen Halt verloren hÀtte. Der Mann griff zur Seite, wo anscheinend so etwas wie ein Notausschalter verborgen war. Plötzlich war das Gitter nicht mehr unter Strom. Der Mann sackte herab. Wespe zog sein Shirt aus, schlang es um den Hals des Mannes und knotete es so fest er konnte.
Dann tastete er nach den Taschen des EntfĂŒhrers. Irgendwo musste der SchlĂŒssel sein. Der Mann lachte rau auf: âGar nicht schlecht, Bulle. Aber ich habe keinen SchlĂŒssel. Schau dir mal die TĂŒr mal genauer an.â
Wespe hatte alle Taschen leer vorgefunden. Nicht mal die Waffe hatte er gerade bei sich. Er trat zu der TĂŒr und sah sie sich an. Und etwas stockte in ihm. Die TĂŒr war nicht verschlossen. Sie war verschweiĂt. Wespe wurde kalt. Er kam hier nicht raus.
âTja, Bulle.â, sagte der Mann und riss das T-Shirt um seinen Hals durch. âDu kommst hier nicht raus bevor, ich es nicht will.â Er griff nach dem Viehtreiber, den Wespe wirklich aus seiner Reichweite hĂ€tte entfernen sollte, und stand wieder auf. Wespe starrte ihn wĂŒtend an. Der Mann deutete mit dem Viehtreiber beeindruckt auf Wespes Oberkörper auf dem mit dem Panzerband die Fliesen angebracht worden waren. âDas ist keine schlechte Idee.â Er schaltete den Strom fĂŒr das Gitter wieder ein und Wespe trat unwillkĂŒrlich einen Schritt nach hinten: âIch bin wie Iron Man.â
âOh Bulle, du hast ja Humor.â, sagte der Mann. âHoffen wir mal, dass der dich nicht noch umbringt.â
âWĂ€re nicht das erste Mal.â, sagte Wespe verbissen.
âSo Bulle, hast du endlich verstanden, dass du keinen Ausweg hast?â, fragte der Mann, als er sich seinen Anzug abklopfte.
Wespe nickte stockend. Er hatte ja recht. Nichts, was er noch tat, wĂŒrde ihn hier rausholen.
âGut. WeiĂt du, ich nehm dir deinen Ausbruchsversuch nicht mal ĂŒbel. Jedes Tier versucht sich zu befreien, bevor es weiĂ, dass die Konsequenzen schlimmer sind. Aber du hast das jetzt gelernt, oder?"
âJa.â, sagte Wespe verbissen.
Der Mann klang als wĂŒrde er lĂ€cheln: âGut. Das nĂ€chste Mal, dass ich den Viehtreiber benutzen muss, hat er volle Power. Und du kannst doch nicht ewig hinter Fliesen verstecken.â
Glockner kam in Schalavskys BĂŒro: âIch hab ein neues Video bekommen. Ich habâs dir weitergeleitet.â
Schalavsky schluckte und sah auf seine Nachrichten. Als er das Video aufrief bemerkte er sofort, dass Wespe sich alle MĂŒhe gab sich von seinen Fesseln zu befreien.
âWas ist das da?â, murmelte Schalavsky und deutete auf einen Fleck.
âEine Wasserflasche.â, sagte Glockner. In diesem Moment gab es einen Schnitt und Wespe saĂ nun. Seine Arme waren frei und er kĂ€mpfte mit dem letzten bisschen des Bandes ĂŒber seinem Mund. Er schien mittlerweile zu weinen. Sein Körper schĂŒttelte sich. Alles in Schalavsky zog sich zusammen. Als wĂŒrde er den emotionalen Zusammenbruch seines Körpers nicht bemerken, begann Wespe methodisch auch das Klebeband ĂŒber seinen Augen zu lösen und als er das eine Auge aufhatte, bewegte er sich nach vorne zu dem Fleck, der sich als Wasserflasche herausstellte. Er untersuchte sie genau und trank erst, als er mit seiner Untersuchung zufrieden war. Guter Junge, dachte sich Schalavsky. Wespe wischte sich etwas von dem Wasser ins Gesicht und löste das Klebeband auch ĂŒber dem anderen Auge. Er befreite seine Beine und stand auf. Sich streckend sah er sich bereits um und dann ging er dazu ĂŒber das Gitter zu untersuchen, von dem er aber sofort zurĂŒck zuckte, als hĂ€tte er einen Schlag bekommen.
âDie haben das Gitter unter Strom gesetzt.â, sagte Schalavsky fassungslos. Glockner brummte in einem Tonfall der verriet, dass das noch nicht alles war.
Wieder war da ein Schnitt und Wespe horchte aus seiner sitzenden Position heraus auf. Er beobachtete etwas jenseits der Kamera. Wespe bewegte nicht den Mund. Es gab ohnehin keinen Ton. Hörte er zu? Ein Schatten trat an der Kamera vorbei. GroĂ und breit und komplett unscharf. Er stellte etwas vor die Gitter und in dem Moment griff Wespe an. Schalavsky stellte anerkennend fest, dass es nicht der schlechteste Plan in einer so eingeschrĂ€nkten Situation war. Den Mann packen, gegen das Gitter ziehen, bis er gebrutzelt wurde und dann versuchen ihm die SchlĂŒssel abzunehmen wenn er sich nicht mehr wehren konnte.
Aber natĂŒrlich war es nicht so einfach. Der Mann stieĂ etwas nach Wespe, es blitzte und Wespe fiel zusammen gekrĂŒmmt zu Boden. Der Mann zog den Stock zurĂŒck, denn Schalavsky als einen Viehtreiber erkannte und schlenderte davon. Das Video endete.
Schalavsky atmete tief durch und sagte beherrscht: âGabs eine Nachricht dazu?â
âJa. Sie wollen einen Geiselaustausch.â, erklĂ€rte Glockner.
âWer?â
âHaben sie noch nicht gesagt.â
âScheiĂe.â
Glockner nickte verbissen: âSie schreiben auch, dass wir uns beeilen sollen, weil Bienert weitere Angriffe, wie diesen nicht ĂŒberleben wird.â
Schalavsky biss die ZĂ€hne fest zusammen: âHaben wir Befehle, wie wir verfahren?â
âNoch nicht.â
âWir mĂŒssen was tun, Emil.â, sagte Schalavsky leise.
âGanz meiner Meinung. Aber was?â, fragte Kommissar Glockner.
âKönnen wir ihnen eine Nachricht senden?â, fragte Schalavsky. Glockner verzog das Gesicht: âOffiziell sollten wir das nicht.â
Schalavsky nickte: âAber UnfĂ€lle passieren.â
âNatĂŒrlich.â
Wespe saĂ gegen die Wand gelehnt auf der Matratze und summte vor hin. Gelegentlich kam auch etwas Songtext mit durch: âBaby, you canât stomp me out â You know, you canât even slow me down â You know I spread thsi wild around â so of youâre sure, you better shoot me now-â Wespe unterbrach sich als die TĂŒr sich öffnete.
Der Mann kam ungewöhnlicher Weise ohne etwas zubringen, was seltsam war: âWer ist Schalavsky?â
Wespe horchte auf: â...mein Dienstpartner und Vorgesetzter.â
âMeinst du, er möchte dich wieder haben?â, fragte der Mann und starrte auf sein Handy.
âWahrscheinlich nicht.â, sagte Wespe dĂŒster.
Der Mann lachte: âMachst Probleme, was?â Wespe zuckte mit den Schultern.
âEr hat versucht anzurufen.â, sagte der Mann. Wespe versuchte nicht zu reagieren. Aber vielleicht sah man ihm seine Hoffnung an.
âScheinbar werden deine Freunde nervös.â Der Mann ging wieder und Wespe hatte die Vermutung, dass er vorerst sein Recht auf Wasser und Essen verspielt hatte.
âWir haben ein Problem.â, sagte Glockner dĂŒster noch bevor Schalavsky seinen Morgenkaffee hatte. Nicht, dass es sich wie ein Morgen anfĂŒhlte, weil er gar nicht erst Zuhause war: âSie wollen Wespe gegen Morphius tauschen.â
âDen Drogenbaron?â
âJa. Der ist nur leider im Zeugenschutzprogramm.â, sagte Glockner dĂŒster. âWir kommen nicht an den ran.â
Schalavsky fluchte auf Russisch. Glockner nickte zustimmend.
âWas machen wir jetzt?â, fragte Schalavsky, aber bekam keine Antwort.
âDem TĂ€ter beibringen, dass er das alles umsonst gemacht hat?â, fragte Glockner. âWobei wir das wahrscheinlich jetzt abgeben mĂŒssen.â
Tamina kam so schnell durch die TĂŒr, dass die Scheibe darin bedenklich klapperte: âIch hab was!â Sie war auĂer Atem und platzierte ihren Laptop auf der Tisch und zeigte auf etwas: âIch habe Wespes Arbeitsweg am Tag, als er verschwand ĂŒberwacht und konnte eingrenzen, wo er verschwunden ist. Wer auch immer ihn geschnappt hat, hatte eine Idee wo die Verkehrskameras sind. Aber! Nicht welche LĂ€den Kamera ĂŒberwacht sind. Die dĂŒrfen zwar auch rechtlichen GrĂŒnden nicht die StraĂe filmen, ein bisschen was ist trotzdem zu sehen und ich konnte durch die Zeiten feststellen, wo Wespe mit samt Fahrrad verschwindet und welches Auto von da aus weiter fĂ€hrt. Ein grauer Lieferwagen. GroĂ genug, um Wespe und Fahrrad zu verstauen. Und von da aus konnte ich auch den Wagen mit den Verkehrskameras verfolgen und das Kennzeichen feststellen. Ich lasse bereits danach fahnden. Das Auto ist Richtung SĂŒden gefahren, als es mit Wespe abgehauen ist. Der Wagen selbst gehört einer Mietwagenfirma und wurde noch nicht zurĂŒckgegeben. Ich versuche die Mietwagenfirma dazu zu bringen den Wagen zu orten, weil wir vermuten, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist.â
âDas ist fantastisch, Salah.â, sagte Glockner aufgeregt.
âNur grĂŒndliche Arbeit.â, sagte Tamina entschlossen. Sie wollte ihren besten Freund wieder haben. Schalavsky schenkte ihr ein hoffnungsvolles LĂ€cheln. Sie wĂŒrde wahrscheinlich in einer freien Minute auch TKKG stecken, dass sei einen kleinen Fortschritt gemacht haben. Aber das dĂ€mmte die Sorge nur ein.
Wespe hörte den Mann wieder in den Raum kommen. Er redete bereits. âNein, ich will mit seinem Partner sprechen. Schalavsky. â Es ist mir schon klar, dass Sie dafĂŒr ausgebildet sind, aber ich mag es Dinge im kleinen Kreis zu halten. Geben Sie mir Schalavsky.â
Wespe lieĂ die Schultern hĂ€ngen. Keine Chance, dass das gut fĂŒr ihn ausging.
âHör mal, ich glaube, das lĂ€uft nicht.â, sagte er. âMan tauscht keine Geiseln. Das ist Bullen-Ein-mal-Eins. Und Schalavsky ist einer der korrektesten Polizisten, den es je gab.â
âGlaubst du nicht, dass dein Partner dich wieder haben will?â, fragte der Mann spielerisch erstaunt.
âEher nicht.â, sagte Wespe trocken.
âDann mĂŒssen wir mal schauen, ob sich nach ein paar Einzelteilen seine Meinung Ă€ndert.â, sagte der Mann. Wespe warf den Arme hoch und lehnte sich an die hintere Wand.
âKommissar Schalavsky, nehme ich kann.â, sagte der Mann in einem ungewöhnlich höflichen Tonfall. Er hatte das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und so konnte Wespe hören, wie Schalavsky antwortete: âJa. Das ist richtig. Bienert ist wohl auf, wie ich höre?â
Der Mann nickte ihm auffordernd zu.
âEs geht mir gut.â, sagte Wespe neutral.
âSie wissen, dass ich bereit bin Morphius gegen Bienert zu tauschen.â, sagte der EntfĂŒhrer.
âDas ist nicht so einfach.â, sagte Schalavsky und Wespe warf seinem EntfĂŒhrer seinen besten Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick zu. âMorphius ist nicht verhaftet.â
âWas?â, fragte der Mann ehrlich skeptisch.
Schalavsky stockte ein wenig vor der nĂ€chsten Infromation: âEr ist in einem Zeugenschutzprogramm.â
Wespe lachte bitter auf. Damit war auch diese Hoffnung dahin.
âWas soll das heiĂen?â, sagte der Mann.
âDass dein geehrter Morphius alle verraten hat, fĂŒr einen Neuanfang.â, sagte Wespe bitter. âEr wird irgendwo vollkommen frei unter neuem Namen leben und hat sich dafĂŒr entschieden keinen Kontakt zu seinen alten Freunden zu haben. Wahrscheinlich hat er dich mit verraten, wĂ€hrend du hier deinen Masterplan abziehst und auf den besten Weg bist, selbst in den Knast zu wandern.â
Der Mann stĂŒrmte nach vorne, schaltete den Strom auf dem Gittern ab und stocherte mit dem Viehtreiber nach Wespe bis er ihn trotz Fliesen erwischte und Wespe schreiend zu Boden ging.
âHören Sie auf!â, brĂŒllte Schalavsky durch das Telefon. âWie gesagt, es ist schwierig, aber wir können herausfinden wo Morphius mittlerweile lebt.â Wespe krĂŒmmte sich. Das war gelogen. Sie hatten keinen Zugriff auf das Zeugenschutzprogramm.
Der Mann schien kurz nachzudenken und nickte dann: âGut, Sie verraten mir, wo er sich befindet und ich lasse Ihren nervigen Kollegen frei.â
âGut. Wir brauchen nur etwas mehr Zeit.â
âIch lasse Ihnen alle Zeit der Welt.â, sagte der Mann ungerĂŒhrt. âWie lange Bienert das allerdings noch mitmachtâŠ.â Er erwischte Wespe wieder mit dem Viehtreiber. Wespe wand sich am Boden als seine Muskeln unkontrolliert zuckten. Zerbrochene Fliesen schnitten in seinen Oberkörper, aber nicht mal das nahm er wahr.
Schalavsky sah auf das Handy, als der Anruf endete. Die Abteilung fĂŒr Geiselnahmen hatte ihn nur widerwillig an das Telefon gelassen, aber der EntfĂŒhrer hatte darauf bestanden.
Glockner legte Schalavsky eine Hand auf die Schultern: âKomm mit mir, Klaus.â Glockner konnte ihn ohne Widerwehr aus dem Raum,, der die neue Zentrale der Wespe-Operation war, lenken und sie endeten in Glockners BĂŒro, wo er die Jalousie vor den Fenstern schloss.
Schalavsky setzte auf einen der StĂŒhle ohne dazu gezwungen zu sein und atmete zu flach.
Glockner zog den zweiten Stuhl, so dass er ihn direkt gegenĂŒber saĂ: âKlaus? Tief einatmen.â
Schalavsky zwang sich tiefer zu atmen: âDu hast gehört, was Wespe gesagt hat⊠er glaubt nicht, dass ich ihn wieder hier haben möchte.â
âDas ist Bienert. Der hat nur versucht den EntfĂŒhrer aus dem Konzept zu bringen.â, sagte Emil sanft.
Schalavsky vergrub das Gesicht in den HĂ€nden: âIch hab ihn letztens angeschrien.â
Glockner brummte. Das war ihm durch aus bewusst. Wie auch dem Rest des Hauses.
Schalavsky lieĂ die HĂ€nde in den SchoĂ fallen und den Kopf zurĂŒck sinken: âIch wollte doch nur, dass er mehr Acht auf sich gibt und jetzt das. Ich hĂ€tte frĂŒher bemerken mĂŒssen, dass er verschwunden ist.â
âBienert weiĂ, was er tut.â, sagte Kommissar Glockner. âUnd du konntest nicht wissen was dieser EntfĂŒhrer geplant hatte.
Schalavsky lachte schwach auf: âEr kĂŒmmert sich nicht um seine eigene Sicherheit.â
âWenn er das nicht tun wĂŒrde, dann wĂ€re er nicht bis hierher gekommen.â, sagte Glockner entschieden. âDu musst ihm ein bisschen vertrauen, dass er weiĂ, was er sich zumuten kann. Und dass er nach Hilfe fragt, wenn er sie braucht.â
âTut er das?â
âIch hab gehört, er ist besser darin geworden.â, sagte Glockner mit bedeutungsvollen Blick. Schalavsky verzog das Gesicht, aber sah auch ein, dass Emil recht hatte: âIch will ihn wieder haben.â Es schwang eine Wahrheit in den Worten, die Glockner nicht ganz so erwartet hatte. Aber sie ĂŒberraschte ihn auch nicht. Wenn irgendjemand eine so harte Nuss wie Schalavsky knacken konnte, dann wohl Bienert.
âKomm, wir mĂŒssen schauen, dass wir Bienert da endlich raus bekommen.â, sagte Emil freundlich und Schalavksy nahm sich zusammen. Wespe ging vor. Und sie hatten endlich einen Anhaltspunkt in wessen Dunstkreis sie ihren EntfĂŒhrer suchen mussten.
Wespe lag auf dem Boden und hatte die Augen geschlossen. Sein Muskeln brannten. Er war mĂŒde und wollte schlafen. Und vielleicht tat er das auch, denn das NĂ€chste, was er merkte war der mittlerweile vertraute Schmerz, wenn er mit dem Viehtreiber erwischt wurde.
Wespe streckte mit einem erstickten Atem hoch. âWas ist denn jetzt?â
âIch fĂŒrchte deine Kollegen halten sich nicht an Abmachungen.â, sagte der Mann dĂŒster.
âAha.â, machte Wespe und zog sich zur hinteren Wand zurĂŒck.
âSie haben das Haus umstellt.â
âUnd ich bin jetzt deine Geisel, hinter der du dich nicht verstecken kannst, weil du mich hier drin eingeschweiĂt hast, tja, scheiĂe gelaufen fĂŒr dich.â Wespe setzte sich so bequem, wie es ging gegen die Wand: âUnd nu?â
âIch kann dich immer noch umbringen.â, sagte der Mann.
âDann hĂ€ttest du gar kein Druckmittel mehr.â, stellt Wespe fest. âClever.â
âWas werden deine Kollegen machen?â, fragte der Mann. Wespe sah ihn kurz an bevor er geschĂ€ftig in seinen Taschen wĂŒhlte: âLass mich nur kurz mein unsichtbares FunkgerĂ€t suchen, dann frag ich einfach nach.â Sehr viel schĂ€rfer setzte er hinterher: âIch bin seit Tagen hier eingesperrt, woher soll ich das wissen?!â
Der Mann schwieg kurz, dann grollte er: âKomm nach vorne.â
Wespe bewegte sich nicht. Der Mann machte den Storm aus und richtete eine Waffe auf Wespes Kopf. Das war ein ĂŒberzeugendes Argument. Wespe trat nach vorne an das Gitter. Das Panzerband kam wieder zum Einsatz und dieses mal klebte er beide HĂ€nde von Wespe an Gitterstreben und auĂerdem mehrere Streifen des Klebeband so um seinen Hals, dass er direkt gegen das Gitter gedrĂŒckt wurde. Er holte mehrere Schwerlastregale, die er zu einer Barrikade aufeinander legte.
âSo. Wenn deine Kollegen mich erschieĂen, wirst wirst du gebraten.â, sagte der Mann und setzte sich genau gegen den Stromhebel, eine Hand auf dem Schalter.
âKreativ.â, meinte Wespe bissig.
âBrutus Sövit, kommen Sie mit erhobenen HĂ€nden raus, Sie sind umstellt!â, tönte es von auĂen her. Es war nur leise zu hören. Scheinbar war das GebĂ€ude gut isoliert. Am Megafon war es Glockner gewesen, was wahrscheinlich hieĂ, dass Schalavsky zu den gehörte, die bald das GebĂ€ude stĂŒrmen wurden. Wespe konnte natĂŒrlich nicht sagen, ob es noch weitere Komplizen gab, aber bisher kam ihm Brutus wie ein EinzelgĂ€nger vor. Seine Kollegen drauĂen wussten wahrscheinlich schon mehr.
Schalavsky war per Funk mit Glockner verbunden: âKeine Reaktion. WĂ€rmebild Kameras zeigen nur zwei Personen, eine steht unbeweglich, möglicherweise gefesselt, die andere sitzt zwei Meter weiter. Startet den Zugriff.â Schalavsky bestĂ€tigte den Befehl und sah sich nach seinem Team um. Salah war dabei, weil sie darauf bestanden hatte. Schalavsky ĂŒberprĂŒfte mit einem kurzen Blick, ob ihre Schutzweste richtig saĂ. Dann deutete er dem Team an, dass es los ging. GeĂŒbt brachen sie die TĂŒr auf und schwĂ€rmten in den Raum. Die untere Etage war erwartungsgemÀà leer. Sie sahen sich trotzdem vorschriftsgemÀà um und stiegen dann die Treppe hinauf. Im oberen Geschoss war ein Raum scheinbar provisorisch zum Leben gebraucht worden und ein weiterer war abgeschlossen und wurde auch aufgebrochen. Schalavsky lief mit der Waffe im Anschlag in den Raum. Er behielt die Wand im RĂŒcken und drehte sich in die Richtung, in der er die beiden Personen von der WĂ€rmebildkamera vermutete. Er sah zuerst Wespe, der an das Gitter gefesselt stand.
Dann sah er den Kopf von Brutus hinter seiner Barrikade und dessen Knarre: âLassen Sie die Waffe fallen, heben Sie die HĂ€nde und kommen Sie da raus!â
âWenn Sie einen Schritt nĂ€her kommen, brate ich Ihren Kollegen.â, warnte Brutus. Schalavsky blieb stehen: âIn Ordnung. Brutus Sövit, Sie kommen hier nicht mehr raus. Wenn Sie sich jetzt ergeben, wird das vor Gericht berĂŒcksichtigt.â
âPah, liegt Ihnen so wenig an dem Jungen, dass Sie mich damit abspeisen wollen?â, fragte Brustus. âZunĂ€chst mal schicken Sie Ihre Kollegen weg. AuĂer Ihnen bleibt niemand im Raum.â Schalavsky zögerte. âJETZT!â
âZieht euch zurĂŒck!â, rief Schalavsky. âAlle den Raum verlassen.â Das Team bewegte sich rĂŒckwĂ€rts aus dem Raum, bis auf Tamina, die es nutzte, dass die TĂŒr im Totenwinkel lag und sich an die AuĂenwand von Wespes Zelle presste. Sie konnte zwar nicht sehen, was Sövit machte aber sie konnte Schalavsky beobachten. Schalavsky nahm die Bewegung wahr, aber sah nicht hin.
âIst das Schalavsky?â, fragte Brutus.
âKommissar Schalavsky.â, korrigierte Wespe.
Brutus lachte auf: âIhm scheint ja doch was an dir zu liegen. Ist er dein Lover?â
âNein, leider nicht.â, sagte Wespe trocken. Brutus ging nicht drauf ein, weil er versuchte sich auf die Situation zu konzentrieren.
âKomm schon, Brutus, was ist dein Plan? Mich umzubringen, in dem ich eine Thrombose vom Stehen bekomme?â, fragte Wespe missbilligend.
Brutus schĂŒttelt leicht den Kopf: âSie werden mich mit meiner Geisel gehen lassen.â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf: âDas kann ich nicht zulassen.â
âDas funktioniert auch nicht, weil er die TĂŒr zu geschweiĂt hat.â, sagte Wespe hilfreich. âNicht mal er bekommt mich hier einfach so raus.â
Brutus drĂŒckte kurz den Schalter fĂŒr den Strom und Wespe schrie und wand sich ohne los kommen zu können.
âAufhören!â, brĂŒllte Schalavsky und feuerte einen Warnschuss ab. Brutus hatte den Schalter wie der ausgestellt und Wespe erschlaffte an den Gittern.
âSie sehen, Ihr Liebling hier, wird es nicht lange mitmachen, wenn Sie mich nicht gehen lassen.â, verkĂŒndete Brutus.
âDas kann ich nicht tun.â, sagte Schalavsky.
âHab ich doch gesagt.â, sagte Wespe schlapp, als er seine FĂŒĂe wieder runter sich bekam. âDer bricht keine Regeln und ganz bestimmt nicht fĂŒr mich.â
Brutus starrte Schalavsky an: âWas soll es werden? Wenn Sie mich erschieĂen, wird ihr Verehrer gebraten oder ich könnte immer noch schauen, wie viele ich erschieĂen kann, bevor mich einer von euch erwischt und dann der Kleine gebraten wird.â
Schalavsky verzog das Gesicht: âWas wollen Sie?â
âWaffe runter.â, sagte Brutus.
âDas wird nicht passieren.â, sagte Wespe. âSchalavsky, erschieĂ ihn einfach. Ist schon okay. Ich habâs bisher alles ĂŒberstanden. Testen wir mein GlĂŒck.â
Brustus lachte: âHast ein Todeswunsch, he? HĂ€ttest du mir frĂŒher sagen können.â
âIn Ordnung.â, sagte Schalavsky zur Ăberraschung von beiden und hielt seine Waffe hoch. Langsam ging er in die Hocke und legte sie auf den Boden.
âMhm, vielleicht hast du doch noch eine Chance, Casanova.â, sagte Brutus verschwörerisch.
âWie viele Spitznamen hast du eigentlich noch fĂŒr mich?â, fragte Wespe verzweifelt.
âEin paar.â
Schalavsky richtete sich mit offenen HĂ€nden wieder auf. Unbewaffnet. Zumindest scheinbar.
âWeg von der Waffe.â
Schalavsky ging einige langsame Schritte von seiner Waffe weg weiter in den Raum. Brutusâ Augen folgten ihm genau. In diesem Moment schoss Tamina â im zweifachen Sinne des Wortes â um die Ecke: Sie wirbelte aus ihrem Versteck und verpasste Brutus eine zielsichere Kugel in die Schulter, der schrie auf, betĂ€tigte den Stromhebel und riss seine Waffe herum. In diesem Moment war Schalavsky in die Hocke gegangen, hatte seine Zweitwaffe aus dem Knöchelholster gezogen und erschoss ihn zielsicher.
Wespe schrie nicht mehr, sondern zuckte nur. Tamina rannte vor und sprang ĂŒber die Ecke der Barrikade, um den Strom wieder abzuschalten. Wespe wurde still und hing nur dank der Fesseln noch aufrecht. Schalavsky rannte nach vorne. Tamina ĂŒberprĂŒfte Brutus Sövit. âEr ist tot.â
âHolen Sie die Kollegen und die NotĂ€rzte. Jemand muss die TĂŒr aufschweiĂen.â, rief Schalavsky, als er vor Wespe zum Stehen kam und einen Arm um ihn schlang. Er zog ihn etwas hoch und drĂŒckte ihn an das Gitter, damit er nicht noch erstickte. Mit der anderen Hand zog er sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den ZĂ€hnen und schnitt das Klebeband, dass Wespes Hals an die Streben zwang, durch. Dann auch die Fesseln an den HĂ€nden und er lieĂ sich langsam mit Wespe auf die Knie sinken. Wespe atmete noch, und Schalavsky dankte den Sternen dafĂŒr, denn wenn der Strom endgĂŒltig sein Herz gestoppt hĂ€tte, hĂ€tte niemand aus dieser Position eine Herzdruckmassage durchfĂŒhren können und er hĂ€tte nur mit ansehen mĂŒssen, wie sein Freund langsam starb.
Wespe blinzelte ihn langsam an und sagte mit leiser Stimme: âKlaus?â
Schalavskys Herz stoppte fast: âJa?â
âDanke, dass du mich gerettet hast.â Die Stimme war schwach. Wespe lehnte sich gegen die Gitter.
âHey, Wespe.â Schalavsky griff nach Wespes Wangen und streichelte sie sanft um, die verbrannte Haut nicht noch mehr zu irritieren. âIch werde dich immer retten. Und ich wĂŒrde alles tun, um dich zu retten. Es tut mir leid, dass du daran gezweifelt hast. Es tut mir leid, dass ich dir Grund zum Zweifeln gegeben habe.â Schalavsky traten TrĂ€nen in die Augen. âIch will dich nicht verlieren.â
Wespe griff durch die Gitter nach Schalavskys Hand und lĂ€chelte matt: âWirst du nicht.â
Die anderen Polizisten und die SanitÀter und der Notarzt kamen in den Raum. Der Notarzt und ein SanitÀter kam direkt zu Wespe. Schalavsky rutschte aus dem Weg. Ein anderer SanitÀter sah sich Brutus an, aber Schalavsky hatte zu gut getroffen. Bei dem war nichts mehr zu machen.
Durch das Gitter hindurch wurden die ersten Werte erhoben und Wespes Atmung ĂŒberprĂŒft. Salah koordinierte im Hintergrund, das man das SchweiĂgerĂ€t von Brutus finden und dazu einen der Kollegen, der SchweiĂen konnte. Oder die Feuerwehr nach zu ordern.
Schalavsky lieĂ Wespes Hand los zeigte sie den medizinischen Helfern. Die Gitter hatten beide HĂ€nde verbrannt.
Wespe war bereits so gut wie möglich versorgt worden â seine Verbrennungen und Verletzungen verbunden, Wasser und Nahrung gegeben â bevor die TĂŒr geöffnet werden konnte.
Wespe kam steif und langsam laufend aus der Zelle und durfte sogleich auf der Liege der SanitĂ€ter Platz nehmen. Schalavsky blieb an seiner Seite und fuhr auch mit zum Krankenhaus. Glockner erwartete ohnehin, dass er Wespes Aussage aufnehmen wĂŒrde.
Schalavsky blieb die ganze Zeit bei ihm und Wespe sah ihn oft so an, als wĂŒrde er in TrĂ€nen ausbrechen, wenn er sich nicht stark zusammen riss.
Als Wespe komplett durchuntersucht worden war und alles weitere warten musste, wurde Schalavsky erlaubt die Aussage aufzunehmen unter dem Vorbehalt, dass es nicht lange dauern dĂŒrfe.
Wespe erzĂ€hlte ihm alles an das er sich erinnerte, was viel war. Er glaubte, dass Brutus ihn auf der StraĂe abgedrĂ€ngt hatte, bis er mit seinem Rad stĂŒrzte und ihn dann irgendwie betĂ€ubt hatte. Und den Rest der Zeit hatte er in der Zelle verbracht. Ein paar Dinge aus Wespes NacherzĂ€hlung kannte Schalavsky aus den Videos. Aber nicht wie er zum zweiten Mal versucht hatte Brutus mit dem Gitter auszuschalten und fest gestellt hatte, dass er hoffnungslos verloren war. Wespe unterdrĂŒckte einen Laut und presste sich die verbundenen HĂ€nde gegen die Augen. Schalavsky war an seiner Seite und zog die HĂ€nde vorsichtig runter.
âSchon gut, Wespe.â, sagte er leise. âIch bin fĂŒr dich da. Ich werde dich nie einfach so aufgeben.â Er erinnerte sich, wie er Wespe nach der Explosion im Krankenhaus gehalten hatte. Warum hielt er ihn eigentlich nur, wenn er davor fast drauf gegangen war. Er wĂŒrde ihn gerne auch sonst so halten können. Aber das war nicht der Moment, um diese Diskussion anzufangen.
âEntschuldige⊠das ist keine gute Befragung.â, murmelte Wespe gegen seine Schulter.
âWir können das morgen machen.â, sagte Schalavsky. âDie Krankenschwestern möchten ohnehin, dass du schlĂ€fst.â Wespe nickte schwach und löste sich von Schalavsky, um sich hinzulegen. Schalavsky lĂ€chelte ihm aufmunternd zu und sagte einer der Schwestern Bescheid, dass sie Wespe seine verordneten Schlaftabletten bringen konnten und dann verabschiedete sich Schalavsky, in dem er Wespes Stirn kĂŒsste. Wespe seufzte zufrieden, aber sagte nichts mehr dazu.
Es war Nachmittag des Folgetages als Schalavsky zurĂŒck im Krankenhaus war. Wespe war mittlerweile wieder etwas prĂ€sentabler. Er saĂ halbwegs aufrecht im Bett und war wohl gewaschen worden. Tamina hatte ihm wohl wieder seine Sachen gebracht.
âWie gehts dir?â
âNur noch zur HĂ€lfte, wie ein gebratenes HĂ€hnchen.â, sagte Wespe.
Schalavsky lĂ€chelte leicht: âDas klingt zumindest viel versprechend. Was sagen die Ărzte?â
âEin paar Verbrennung. Aber wohl keine SchĂ€den an meinem Herz. Sie testen noch Nervenströme oder so.â Wespe winkte ab. âWie laufen die Ermittlungen?â
âWir haben genug ĂŒber Brutus, um ihn fĂŒr zwei Leben einzuknasten. Und das ohne das was er dir angetan hat.â, sagte Schalavsky. Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf Wespes Oberschenkel. âIch bin echt froh, dass du wieder da bist und nicht⊠Naja.â
Schalavsky lĂ€chelte gezwungen: âDas, ja das auch. Was ich sagen will ist⊠ich weiĂ, dass du auf dich aufpassen kannst. Und ich habe dich mehrfach von Dingen wieder aufstehen sehen, die andere zerstört hĂ€tten. Ich habe Angst, dass es irgendwann nicht mehr klappt. Ich habe Angst, dass ich irgendwann zu spĂ€t bin.â
âBisher hast du mich noch immer gerettet.â, neckte Wespe gutmĂŒtig. âMein edelmĂŒtiger Blaulicht-Ritter.â
âKannst du mal kurz die Klappe halten?!â, fragte Schalavsky halb lachend.
âFĂ€llt mir schwer.â, gab Wespe zu. âVielleicht ist doch irgendwas in meinem Gehirn durchgeschmort.â
âDas wĂ€re aber nichts neues.â, bemerkte Schalavsky. âWillst du mir kurz zuhören?â
âDu musst dir keine Gedanken machen.â, sagte Wespe. âUnser Streit ist schon vergessen. Ich weiĂ, dass du es nur gut mit mir meinst. Und dich sorgst. Manchmal zu viel.â
Schalavsky nickte: âDas ist gut⊠und teil von dem, was ich sagen wollte, aber ich wĂ€re dir sozusagen persönlich verbunden, wenn du mir kurz nur zuhören könntest.â
Wespe deutete an seinen Mund zu verschlieĂen und warf den SchlĂŒssel weg.
Schalavsky holte tief Luft: âDas hier ist nicht- Ă€hm. Meine Sorge um dich ist nicht nur beruflicher Natur. Uuund, Ă€hm w-wie soll ich sagen? We-wenn du das gestern ernst gemeint hast, könnten wir was an dem dem »leider« Ă€ndern.â Wespe zog verwirrt eine Augenbraue hoch und Schalavsky versuchte deutlicher zu werden: âEs ist nicht direkt was die Dienstordnung vorsieht⊠aber das. Hat dich ja noch nie gekĂŒmmert.â Wespe verdrehte die Augen. âTschuldige, das war kein Vorwurf. Ăhm⊠Sekunde ich muss mich kurz sammeln.â Wespe konnte hören, wie er kaum hörbar etwas murmelte. âĐŻ ŃĐ”Đ±Ń Đ»ŃблŃ. ĐŻ ŃĐ”Đ±Ń Đ»ŃблŃ.â Schalavsky sah Wespe wieder an und schluckte: âIch habe GefĂŒhle fĂŒr dich, die ich nicht fĂŒr einen Kollegen haben sollte und ich kann sie nicht ignorieren. Und ich hoffe, dass du mir eine Chance gibst, mir zu beweisen, dass ich das alles ernst meine.â
Wespe warf sich slapstickartig zur Seite, wo er zuvor den imaginĂ€ren SchlĂŒssel fĂŒr seinen Mund hingeworfen hatte und âschlossâ seinen Mund wieder auf. Schalavsky sah ihn etwas unglĂ€ubig an.
âWow.â, sagte Wespe. âIch habe fast erwartet, dass du mich feuerst.â
âWas?â
âDas war die schwierigste Geburt einer LiebeserklĂ€rung, die ich je erlebt habe und unter anderen UmstĂ€nden, hĂ€tte ich nicht die Geduld dafĂŒr gehabt.â, sagte Wespe. âZu deinem GlĂŒck, bin ich noch als Bett gefesselt und habe auf so was schon sehr lange gehofft.â
âWirklich?â, fragte Schalavsky erstaunt.
Wespe griff nach seinen Nacken und zog ihn an sich heran, um ihn endlich so zu kĂŒssen, wie er es schon seit langer Zeit wollte.
Das mit der Aussage aufnehmen wurde etwas ungewöhnlich gestaltet. Normalerweise gab es dabei weniger Körperkontakt und Speichelaustausch. Aber die Arbeit wurde gemacht und was die Vorgesetzten nicht wussten, konnten sie einem nicht vorwerfen. Schweren Herzens verlieà Schalavsky seinen neuen Freund, aber er hatte noch einiges zu tun und Wespe musste sich ohnehin noch auskurieren.
So berĂŒchtigt Schalavskys schlechte Laune auch war, genau so gefĂŒrchtet war seine gute Laune. Niemand war sich sicher, was sie mit einem Schalavsky anfangen sollten, der beschwingten Schrittes durch das Revier lief und beinahe ein LĂ€cheln auf dem Gesicht hatte. Glockner sah ihn zwar aber schmunzelte nur fĂŒr sich selbst und entschied sich, dass er nicht alles wissen musste. Es konnte hunderte GrĂŒnde fĂŒr Schalavskys gute Laune geben.
Tamina hatte weniger Probleme damit einem Kollegen auf die Pelle zu rĂŒcken. Sie schlĂŒpfte in das BĂŒro, in dem Schalavsky eine Pflanze goss, die seit Wespes Verschwinden keine Zuwendung mehr erfahren hatte.
âWie geht es Wespe?â, fragte Tamina unverbindlich.
Schalavsky sah zu ihr und stellte den Kaffeebecher, mit dem er die Pflanze gegossen hatte ab: âGut. Also besser. Wird noch etwas dauern. Aber soweit scheint er es gut ĂŒberstanden zu haben. Keine HerzschĂ€den oder so. Die Verbrennungen natĂŒrlich aber da wird sich zeigen, wie die sich entwickeln.â
Tamina lĂ€chelte: âDas ist ja schön zu hören. Sind Sie deswegen so glĂŒcklich?â
Schalavsky sah sie mit offenen Mund an und suchte nach einer Antwort: âSicher. Bienert geht es gut, wir haben einen gefĂ€hrlichen Verbrecher hinter Schloss und Riegel. So sollte es doch sein.â
Tamina schmunzelte: âNatĂŒrlich. Und ich schĂ€tze ihr Streit mit Bienert ist nun beigelegt?â
âĂhm. Ja.â, bestĂ€tigte Schalavsky. âWir haben uns ausgesprochen.â
âSehr gut.â, sagte Tamina und fragte betont unschuldig: âUnd hat das zu irgendwelchen persönlichen Ănderungen gefĂŒhrt.â
âPersönliche Ănderungen?â, wiederholte Schalavsky und sah sehr nachdenklich drein, bevor er den Kopf schĂŒttelte: âNicht das ich wĂŒsste. Ne.â
âSie können mir das ja mitteilen, falls es Ihnen noch einfĂ€llt.â, sagte Tamina und schlenderte zur TĂŒr. âAch und GlĂŒckwunsch.â
âW-wofĂŒr?â, fragte Schalavsky.
âAch nur so.â Tamina grinste und verschwand aus dem BĂŒro.
Schalavsky stellte fest, dass er Probleme hat seine Gedanken von Wespe wegzubewegen und dem GefĂŒhl seiner Lippen. WĂ€hrend der Arbeit bemĂŒhte er sich diese Gedanken zurĂŒck zu drĂ€ngen, aber sobald er Zuhause lieĂ er sie zu. Sie kamen mit einer konstanten Aufregung, die vermutlich Verliebtsein mit sich brachte und ein bisschen Panik mit sich, wie es in Zukunft laufen sollte.
Schalavsky griff sich einen Rotwein, der solange in seiner Wohnung war, dass er eine sehr deutliche Staubschicht hatte. Möglicherweise war er mal ein Einzugsgeschenk gewesen. Normalerweise trank er mal ein Bier nach der Arbeit. Aber Schalavsky hatte noch nie diese GefĂŒhle in dieser IntensitĂ€t gespĂŒrt, zumindest nicht seit er alt genug war zu trinken und manchmal musste man neue Dinge ausprobieren.
Er war durch ein halbes Glas Rotwein, als es an seiner TĂŒr klingelte. Schalavsky antwortete durch die Gegensprechanlage.
âMach auf!â, klang es durch die Anlage.
âWespe?â, fragte Schalavsky verwirrt und öffnete die WohnungstĂŒr. Er hörte Schritte und das schwere Atmen von jemanden der sich nicht in best Verfassung die Treppe hochkĂ€mpfte.
Wespe tauchte auf der letzten Treppe auf und lĂ€chelte ihn auĂer Atem an: âHey.â Die letzten Schritte nahm er schneller und streckte seine Arme nach Schalavsky aus. Dieser nahm ihn sofort, wenn auch ĂŒberrascht in die Arme: âWas machst du denn hier?â
âHab, hach, hab ich selbst entlassen.â, sagte Wespe und lieĂ Schalavsky genug los, damit sie beide in die Wohnung treten konnten.
âAber du solltest dich doch noch ausruhen.â, sagte Schalavsky und nahm Wespe seine kleine Reisetasche von der Schulter. Wespe nickte und trat sich im Flur die Schuhe von den FĂŒĂen: âIch weiĂ, und ja ich sollte besser auf mich Acht geben, aber ich kann da nicht schlafen und schon gar nicht nach heute.â
Schalavsky sah ihn sprachlos an.
âIch verspreche, ich gehe zu all meinen Behandlungen, aber ich will nicht den ganzen Tag im Krankenhaus sitzen.â, sagte Wespe, in der Hoffnung eine Standpauke abzuwenden.
Schalavsky fasste sanft seinen Hinterkopf und drĂŒckte ihm einen Kuss gegen die SchlĂ€fe: âHast du Hunger?â
âNee. Alles gut.â, sagte Wespe. âIch muss mich nur Hinsetzten.â
Schalavsky deutete ihm ins Wohnzimmer. Wespe sah das Weinglas und fragte: âOh, habe ich dich gestört?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf: âIch wusste ohnehin nicht, was ich mit mit anfangen sollte. Ich wĂŒrde dir, was anbieten aber du bist wahrscheinlich noch voll medikamentiert.â
âStimmt.â, lĂ€chelte Wespe. âHey, ich wollte mir dir reden.â
Schalavsky zog die Augenbrauen hoch und Wepse runzelte die Stirn: âWow, das klang viel dĂŒsterer, als ich es gemeint habe. Ich möchte wissen, wie es mit uns weiter geht. Weil ich hoffe, dass es weiter geht.â
Schalavsky lĂ€chelte und griff nach Wespes Hand: âIch kann nicht behaupten, dass ich besonders viel Erfahrung mit Beziehungen, geschweige den erfolgreichen Beziehungen habe, alsoâŠâ Schalavsky zuckte mit den Schultern.
âMöchtest du denn dass es eine erfolgreiche Beziehung wird?â
Schalavsky nickte und fragte: âWas möchtest du? Etwas ernstes oderâŠ?â
âIch kenn meinen Ruf, aber ich hĂ€tte gerne was ernstes mit dir.â, sagte Wespe. âAber wie wirst du das in Bezug auf unseren Job finden?â
Schalavsky sah ernst drein: âIch möchte, das hier nicht aufgaben.â Er griff nach Wespes Hand. âIch musste den ganzen Tag an dich denken und daran, wie froh ich bin, dass du noch lebst. Ich will dich nicht verlieren, und ich denke, wir können es schaffen uns weiterhin auf der Arbeit professionell zu verhalten.â
âUnd wenn wir das irgendwann nicht mehr schaffen?â, fragte Wespe vorsichtig.
âDann können wir immer noch eine Lösung finden.â, sagte Schalavsky. Wespe sah ihn kurz an bevor er sich vorbeugte und kĂŒsste.
Schalavsky lehnte sich mehr zu Wespe, weil er ihn nicht einfach zu sich ziehen wollte, solange er noch verletzt war. Aber er kĂŒsste ihn tiefer als noch im Krankenhaus, und leidenschaftlicher.
Wespe seufzte in den Kuss und öffnete einladend seine Lippen, was Schalavsky sogleich ausnutzte.
âDanke.â, sagte Wespe, als sich ihre Lippen schlieĂlich doch trennten. âDiese Versicherung habe ich gebraucht.â Er lehnte sich erschöpft gegen Schalavsky.
âAlles gut.â Wespe unterdrĂŒckte ein GĂ€hnen. âIch bin nur mĂŒde.â
Schalavsky nickte: âNa dann, ab ins Bett.â
âKommst du mit mir?â, fragte Wespe ein wenig zwischen verlegen und frech.
Schalavsky schmunzelte: âEs ist immerhin mein Bett.â
Wespe nickte: âSehr wahr.â
âGeh schon, ich rĂ€ume noch kurz auf.â, sagte Schalavsky. Und wĂ€hrend er sich daran machte die Spuren seines Abendessens zu beseitigen, machte sich Wespe bettfertig.
Wespe kam aus dem Schlafzimmer, weil er bemerkt hatte, dass er mehr Durst hatte, als er gewillt war zum Schlafen gehen zu akzeptieren. Er hatte sich mittlerweile seine Schlafhose angezogen, die eigentlich nur eine alte Jogginghose war, irgendwo aus den 90ern, mit zu vielen intensiven Farben und von Wespe in einem Second Hand Shop als das bunteste Item vor Ort aufgegriffen worden war.
Sein Schlafshirt, ein Bandshirt, dass zwar schwarz war aber die abstruse Zeichnung von zwei halb ineinander gemorphten bewaffneten Kaninchen zeigte, lieĂ er in seiner Tasche. So tapste er barfuĂ in die KĂŒche, wo Schalavsky gerade noch eine angefangene falsche Wein verstaute.
âIch brauche etwas Wasser bevor ich Schlafen kann.â, sagte Wespe und Schalavsky begann sogleich ihm ein Glas einzuschenken. Wespe trank es in einem Zug auf und lĂ€chelte zufrieden: âIch wĂŒrde jetzt zu Bett gehen.â
Schalavsky blinzelte bei dem Tonfall etwas fasziniert und folgte Wespe die Lichter in der Wohnung ausmachend. Im Schlafzimmer machte es sich Wespe auf dem Bett bequem. Schalavsky zog sich sein Hemd aus und bemerkte das Wespe nicht die Scham besaĂ dabei weg zu schauen.
Schalavsky ging noch seine ZĂ€hne putzen (und sich sammeln) und betrachtete sich im Spiegel. Noch trug seine Anzughose und das Unterhemd. Einer Eingebung folgend lieĂ er beides im WĂ€schekorb zurĂŒck. Nur in Boxershorts ging er wieder ins Schlafzimmer. Sein Schlafanzug lag auf dem Bett und er zog sich die Hose an, wĂ€hrend Wespe ihm zuschaute.
Als er nach dem Shirt griff zog es Wespe aus seiner Reichweite: âBrauchst du das wirklich?â
âSchĂ€tze nicht.â
Wespe lĂ€chelte und warf das Shirt zu einem Stuhl rĂŒber.
Schalavsky stieg zu Wespe in das Bett und hielt sich noch höflich Abstand, doch Wespe kuschelte sich an ihm und legte seinen Kopf auf Schalavskys Schulter.
âIst das hier okay fĂŒr dich?â, fragte Wespe.
Schalavsky legte einen Arm um Wepse und lĂ€chtelte: âJa, sehr okay.â Wespe lĂ€chelte. Sie löschten das Licht und genossen das GefĂŒhl in de Dunkelheit nicht alleine zu sein.
âIch habe Angst, dass ich dir zu viel bin.â, sagte Wespe leise aber aufrichtig. Schalavsky hatte ihn deutlich gehört: âWenn dem so wĂ€re, wĂ€re es nie hierzu gekommen.â
âAber bisher hast du mich nur auf der Arbeit um dich und jetzt auch noch privat.â, sagte Wespe und strich in einem verschlungenen Muster ĂŒber Schalavskys Oberkörper.
âDas bekomme ich auch noch hin.â, versicherte Schalavsky und entschied, dass es Zeit fĂŒr eine Wahrheit ĂŒber ihn war. âIch habe Angst, dass ich dir kein guter Partner bin.â
âWas?â
âIch bin Ă€lter als du.â, sagte Schalavsky. âUnd störrisch und nicht so frei wie du.â
âDas war mir durchaus bewusst, bevor ich mich in dich verliebt habe.â, sagte Wespe. âUnd es hat mich nicht aufgehalten.â
Schalavsky drĂŒckt ein der Dunkelheit einen Kuss auf Wespes Scheitel.
Gaby: *zu KlöĂchen* warum fragst du eigentlich immer direkt nach wenn du ein Wort von Karl nicht verstehst? Meistens erklĂ€rt er es doch ohnehin in seinen VortrĂ€gen oder es ergibt sich im Kontext.
KlöĂchen: ja aber wenn ich frage wird seine ErklĂ€rung ausfĂŒhrlicher.
Gaby: und das brauchst du warum?
KlöĂchen: ich höre ihn so gerne reden... âșïž
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Ăberwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nĂŒtzlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein GesprĂ€ch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsĂ€chlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das GesprĂ€ch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens MĂŒhe gegeben, um Bienert von Monologen und unermĂŒdlichen GesprĂ€chsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegĂ€hnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drĂŒckte den RĂŒcken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
âWas ist los, Bienert?â, fragte Schalavsky ruhig.
âIch habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.â, murrte der junge Kollege.
âHaben Sie sich verlegen?â
âNee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.â Bienert hatte allerdings einen ZusammenstoĂ mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert lieĂ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: âHaben Sie ein Schleudertrauma?â
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: âGlaube nicht.â
âSie sollten zum Arzt gehen.â Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: âDoch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.â
âSie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!â
âEntschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.â, schnappte Bienert, etwas schĂ€rfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubĂŒĂen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein NervenkostĂŒm dĂŒnn.
Schalavsky griff ĂŒber und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
âSie sind ziemlich verspannt.â, bemerkte Schalavsky. âHaben Sie Schmerztabletten genommen?â
Bienert sah irritiert rĂŒber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
âKein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.â, sagte Schalavsky tadelnd.
âIch hatte keine Schmerztabletten mehr da.â, verteidigte sich Bienert.
âUnd Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des PrĂ€sidiums reden?â, fragte Schalavsky.
âIch rede nicht mit jedem.â, widersprach Bienert. âIch vermeide die Rassisten und Homophoben.â
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es ĂŒberraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
âIch hatte keine Zeit.â, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen VerdĂ€chtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafĂŒr keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsÀchlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen ĂŒber dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkĂŒrlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rĂŒber: âTuts weh?â
âWird gerade besser.â, sagte Wespe aus BefĂŒrchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte spĂ€ter nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem fĂŒr Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen lieĂ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurĂŒckzog, konnte Wespe sich gegen den KopfstĂŒtze lehnen ohne das GefĂŒhl zu haben seine Position Ă€ndern zu mĂŒssen. FĂŒr den Rest der Ăberwachung saĂ Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das GebĂ€ude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darĂŒber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fĂŒhlte, dass Bienert ĂŒberhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wĂ€re, hatte der VerdĂ€chtige ihn nicht umgerannt. AuĂerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. WĂ€hrend es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen lieĂ. Dass Bienert auĂerdem tatsĂ€chlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen lieĂ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys BeschĂŒtzerinstinkt, wenn Bienert nicht sein ĂŒbliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
âDas hat keinen Sinn mehr. Wir können die Ăberwachung hier abbrechen.â, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurĂŒck zum PrĂ€sidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft ĂŒberlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
âOh, dan-â, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drĂŒckt, was sofort an seiner Haut haftete.
âWĂ€rmepflaster.â, erklĂ€rte Schalavsky. âDas sollte in ein paar Minuten warm sein.â
âDanke.â, sagte Wespe leicht ĂŒberfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: âSchon gut.â
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hĂ€tte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kĂŒmmern wĂŒrde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeintrĂ€chtigte. Und jetzt kĂŒmmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Es folgt Teil 2 von dem ich das GefĂŒhl habe, dass er nicht an zweiter Stelle stehen sollte, aber ich hab ihn halt schon fertig und... keiner hat je behauptet, dass ich mich an einen linearen Zeitablauf halten mĂŒsste.
2. Durchgeschleudert.
âGehen Sie zum Arzt!â, hatte Glockner in einem ungewöhnlich strengen Tonfall angeordnet. Er hatte das allerdings auch schon zweimal zuvor gesagt. Wespe hatte genickt und das auch ernst gemeint. Allerdings hatte die Zusammenarbeit mit Schalavsky ihre Spuren hinterlassen und Wespe bevorzugte mittlerweile seine Berichte zu schreiben, bevor er einen Arzt aufsuchte und womöglich sediert wurde, was seine Erinnerungen beeintrĂ€chtigen könnte. Wie es so oft bei der Arbeit war, kam eines zum anderen und plötzlich hĂ€uften sich die Aufgaben, die er noch erledigen wollte.
Eine der Neulinge schlich sich an einem Punkt in sein BĂŒro und fragte ihn wie sie ihre Arbeit richtig machte. Wespe war zwar nicht fĂŒr die junge Danielle zustĂ€ndig, aber er kannte ihren tatsĂ€chlichen Partner, der zwar ein guter Bulle war, aber weder Empathie, noch Geduld oder die Gabe hatte, etwas verstĂ€ndlich zu erklĂ€ren. Wespe hatte Mitleid und so erklĂ€rte er Danielle, warum und wie sie ihre Arbeit machten sollten, damit alle Kollegen es nachvollziehen konnten. Das kostete ihn mindestens eine halbe Stunde, aber wenig spĂ€ter tauchte Danielle auch mit einem Kaffee als Dankeschön in seinem BĂŒro auf, bevor sie sich an ihre eigene Arbeit machte. Wespe trank dankbar den Kaffee, versuchte die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren und tippte seinen Bericht.
âHey Wespeâ, erklang es als sich die BĂŒrotĂŒr erneut öffnete. Tamina sah ihn kritisch an und runzelte die Stirn. âhat Glockner dir nicht vor 2 Stunden oder so gesagt, dass du zum Arzt sollst?â
So lange war es bestimmt noch nicht her, versuchte sich Wespe einzureden.
âJa, ich hab nur schnell meinen Bericht getippt.â, winkte Wespe ab.
âSoll ich dich zum Arzt fahren?â, bot Tamina an.
Wespe schĂŒttelte den Kopf: âNein, Quatsch. Ich mach das nur schnell fertig und dann fahre ich selbst.â
Tamina sah ihn unzufrieden an: âMir wĂ€re es lieber, wenn du nicht selbst fahren wĂŒrdest.â
âOkay, ich ruf mir nen Uber.â, lenkte Wespe ein. âIch mach das nur fertig und pack dann meine Sachen ein.â
âOkay. Gute Besserung.â, sagte Tamina und brachte ihren Kollegen nur zum Schmunzeln, denn so schlimm war das ganze nicht.
Wespe konzentriere sich wieder auf seine Arbeit, in dem Versuch die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er tippte etwas langsamer als sonst, weil seine linke Hand bei manchen Bewegungen wehtat.
âHey Wespe.â, erklang nun die Stimme von Jeske. Wespe nickte ihm fragend zu.
âKannst du runterkommen? Ich hab da ein MĂ€del sitzen, die ihre Aussage nur bei dir machen will.â, erklĂ€rte Jeske. Bienert hatte diesen Tag bereits abgeschrieben, also ĂŒberraschte ihn auch das nicht mehr: âWer ist es denn?â
âSie nennt sich Monstera. Aber ihr richtiger Name ist Lena.â, verriet Jeske und Wespe ging ein Kronleuchter auf. Monstera hatte wie ihr Name schon verriet einen grĂŒnen Daumen. Leider nicht nur bei ihren Namensvettern, sondern vor allem bei Gras, dass sie illegal unter die Leute brachte und gelegentlich dabei auch an die falschen geriet. Wespe wusste dass sie einige Vertrauensprobleme hatte und nachdem er ihre Strafakte, sowie die Strafakten ihrer Eltern gelesen hatte, wunderte ihn das auch kein StĂŒck. Wann immer Monstera von der Polizei aufgegriffen wurde, weigerte sie sich mit jemanden zu reden, es sei denn Wespe sprach mit ihr. Er hatte ihr Vertrauen auf die harte Weise erworben und existierte in ihrer Vorstellung nun als einziger guter Bulle der gesamten Millionenstadt. Auch wenn Wespe versprochen hatte lĂ€ngst beim Arzt zu sein und sein Dienst eigentlich schon vorbei war, so konnte er nicht Monstera einfach so sitzen lassen. Also steuerte er im GroĂraumbĂŒro den Tisch an, an dem die junge Frau mit den grĂŒnen Haaren saĂ. Dass sie hier war und nicht in einem Vernehmungsraum, verriet Wespe schon, dass man sie erst mal nur fĂŒr eine Aussage hier hatte.
Wespe setzte sich an den Tisch und begrĂŒĂe Monstera.
âSie sehen ja ScheiĂe aus.â, sagte Monstera seltsam mitfĂŒhlend klingend, trotz ihrer kruden Wortwahl.
âEs ist einer dieser Tage.â, lenkte Wespe ein.
Monstera lachte auf: âDavon können Sie ein Lied singen.â
âWie wĂ€râs wenn du fĂŒr mich singst?â, schlug Wespe vor. âWas ist los?â
Es war anderthalb Stunde spĂ€ter, als Wespe sichergestellt hatte, dass Monstera sicher nach Hause kam und machte er sich auf zurĂŒck in sein BĂŒro zu gehe, um alles was er gerade durch Monstera erfahren hatte nochmal ins Reine zuschreiben. Auf dem Weg besorgte er sich noch einen Kaffee und legte dann los.
âGuten Morgen, Bienert.â, sagte Schalavsky, als er das gemeinsame BĂŒro betrat und seine Anzugjacke ĂŒber seine Stuhllehne hĂ€ngte. Schalavsky wollte gerade einen Kommentar dazu abgeben, dass sein Kollege ungewöhnlich frĂŒh dran war, als ihm die drei Kaffeebecher auf dem Tisch auffielen und die Berichte, die fertiggestellt und bereit zum abheften dalagen.
âWaren Sie Zuhause?â, fragte Schalavsky misstrauisch.
Bienert schĂŒttelte den Kopf: âIch mach das nur schnell fertig.â
Schalavsky seufzte: âWaren Sie beim Arzt?â
âWieso denn?â Wespe versuchte dumm zu spielen.
âSalah hat mir geschrieben, dass es sein kann, dass Sie heute nicht da sind, weil Sie einen Autounfall hatten.â, sagte Schalavsky. âUnd dass Glockner Sie drei Mal aufgefordert hat zum Arzt zu gehen.â
âAh⊠ja. Das.â, sagte Wespe abfĂ€llig. âEs ist nichts schlimmes. Wenn heute passt wĂŒrde ich gerne etwas frĂŒher Feierabend machen.â
âHackts bei Ihnen?â, fragte Schalavsky unglĂ€ubig.
âIch habe genĂŒgend Ăberstunden und ich bin seit ⊠15 Stunden im Dienst?â, verteidigte sich Wespe, doch er hatte seinen Kollegen missverstanden: âSie machen sofort Feierabend und begeben sich zum Arzt!â
âAber ich hab noch was zu tun.â Wespe deutete auf den Computer. âUnd der Unfall war nicht schlimm.â
Schalavsky sah ihn kritisch an: âHat sich das Auto nicht ĂŒberschlagen?â
Wespe zuckte mit den Schultern: âNur einmal. Schauen Sie, ich hol mir nur einen Kaffee dann kann ich meine Schicht normal antreten.â Sehr schnell trat Schalavsky ihm in den Weg und hielt ihn auf: âSie gehen heute nur noch zum Arzt.â
âDas ist nicht nötig.â, sagte Wespe und versuchte Schalavsky aus seinem Weg zu drĂŒcken. Schalavsky, der ein gutes StĂŒck gröĂer und ausgeschlafen war und sich nicht mit den Nachwirkungen eines Unfalls umschlagen musste, lieĂ sich nicht wegschieben.
Im Gegenteil schob er Wespe zurĂŒck bis die Wand in seinem RĂŒcken war. Wespe starrte seinen Kollegen an, als sein Gehirn einen Kurzschluss hatte. Anders war es nicht zu erklĂ€ren, warum sein Gehirn sofort die Erinnerung hochholte, als Wespe das letzte Mal gegen eine Wand gepresst wurde. Auch da war es ein Mann gewesen, der etwas gröĂer als Wespe war und der anschlieĂend noch einiges gemacht hatte, dass ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Eben dieser Erinnerung gab Wespe jetzt auch die Schuld, dass seine Knie versagten. Oder es waren die Nachwirkungen des Unfalls. Wespe hielt sich reflexartig an Schalavsky Schulter fest, um nicht zu fallen und musste etwas verĂ€ngstigt aussehen, denn Schalavskys Blick wurde sogleich sanfter. Er geleitete Wespe zu seinem BĂŒrostuhl, damit er sich hinsetzte.
âHey Wespe.â Oh verdammt, dachte sich der Angesprochene. Schalavsky nannte ihn nur Wespe, wenn er befĂŒrchtete, dass etwas wirklich falsch war. âHast du Schmerzen?â Duzen auch noch? Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er musste praktisch im Sterben liegen.
âKopf.â, sagte Wespe einsilbig.
âKannst du mir erzĂ€hlen was passiert ist?â, fragte Schalavsky.
âMusste einem Geisterfahrer ausweichen.â, sagte Wespe. âWollte ihn stoppen, aber er hatte einen Kind auf dem RĂŒcksitz. Dann war da ein Baum und ein Graben.â
âVerstehe.â Schalavsky begann durch Wespes Haare zu streichen.
Wespes Augen fielen ihm halb zu: âWas machen Sie?â
âIch schaue, ob du eine Kopfverletzung hast.â Right. Keine Streicheleinheiten. Methodische ĂberprĂŒfung seiner Gesundheit. Wespe drehte den Kopf leicht zur Seite, um die Stelle zu zeigen, die ihm am meisten wehtat und die vor einigen Stunden auch definitiv noch feucht gewesen war. Schalavsky sah blutverkrustete Haare und darunter etwas das mindestens eine Platzwunde war.
âSo was ist Ă€uĂerst gefĂ€hrlich. Du hĂ€ttest lĂ€ngst beim Arzt sein sollen.â, seufzte Schalavsky und schaute ob sich noch weitere Verletzungen unter Wespes Haaren verbargen. Als er sich soweit sicher war, dass Wespe nur eine Platzwunde hatte.
âTut dir sonst etwas weh?â, fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab und schĂŒttelte den Kopf, wobei er bewusst vermied Schalavsky direkt anzuschauen. Das war eine schlechte Entscheidung, wenn man bedachte, dass Schalavsky ein sehr aufmerksamer Polizist war und ein Experte, wenn es um Verhöre ging. Nun kannte er Wespe auch noch gut genug, dass er mit ihm anders umging, als mit einem VerdĂ€chtigen. Schalavsky griff nach Wespes Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben bis er ihn ansehen musste. Wespe schluckte, wĂ€hrend sich sein Magen auf links drehte und sein Puls deutlich zunahm.
âWas tut dir weh?!â, fragte Schalavsky streng.
Wespe sah ihn mit groĂen Augen an, versank in dem intensiven Blick und schafft es nicht sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Sein ohnehin schon loses Mundwerk, endete mit der Wahrheit: âMeine linke Hand, generell meine linke Seite.â Als der Ăberschlag passierte hatte es Wespe Kopf und Hand gegen die Seitenscheibe gehauen. Der Gurt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt und nur leicht seinen Oberkörper gequetscht. Der Airbag hatte ihm seine Sonnenbrille im Gesicht zerbrochen und damit seine Wange ein wenig aufgeschnitten. Aber der Schnitt war nach alle den Stunden schon vergessen.
âSonst noch was?â
âKnie. Hab sie aufgeschnitten beim raus klettern aus dem Auto. Sonst nur mein Kopf.â
âOkay.â, sagte Schalavsky sanfter und lieĂ Wespe los. âKannst du stehen?â
Wespe nickte und bemĂŒhte sich sofort aufzustehen. Zum GlĂŒck war Schalavsky da um ihn zu stabilisieren als er schwankte und er zog Wespes rechten Arm ĂŒber seine Schultern und hielt ihn mit einem Arm dicht an seiner Seite. Wespe lieĂ den Kopf hĂ€ngen als mĂŒsse er sehen wohin er trat, wenn er einfach nur hoffte dass seine Haare ihm genug ins Gesicht fielen um seine Rötung zu verstecken.
âIch kann alleine gehen.â, sagte Wespe schwach. âIch gehe zum Arzt, jetzt. Versprochen.â
Schalavsky schnaubte: âDie Chance hattest du. Ich fahre dich jetzt.â Schalavsky fĂŒhrte ihn so aus dem BĂŒro.
Wespe wusste, was jetzt kam. Stundenlanges Warten im Krankenhaus darauf, dass man ihn untersuchte. Dabei wollte er gerade nur ins Bett, seine Schmerzen ignorieren und auch all die Gedanken, die er in Bezug auf Schalavsky hatte. Warum musste dieser Mann so verlĂ€sslich sein? So fĂŒrsorglich? Wespe hatte wirklich gedacht, dass er ihn genug genervt hatte, dass man ihn im Falle des Falles in seinem eigenen Blut liegen lieĂ. Aber Schalavsky sah das anders. Egal, wie sehr Wespe auch nervte, wenn er Hilfe brauchte war er da. Mit sanften HĂ€nden und bestimmter Strenge. Immer im Versuch dafĂŒr zu sorgen, dass es Wespe besser ging. Wie konnte man es da verĂŒbeln, dass sich in Wespe etwas regte.
Beim Krankenhaus bemĂŒhte sich Wespe selbststĂ€ndig in die Notaufnahme hineinzulaufen, auch wenn Schalavsky an seiner Seite blieb, als wĂŒrde er jeden Moment erwarten, dass er zusammenklappte.
âGuten Tag. Was ist passiert?â, fragte die Dame hinter dem Tresen.
Schalavsky nickte zu Wespe: âDer Idiot hatte vor etwa 10 Stunden einen Autounfall und hat sich noch nicht untersuchen lassen, obwohl er eine Kopfwunde hat.â
Wespe nickte der Krankenschwester zu, die sehr ruhig blieb und ein Klemmbrett aushĂ€ndigte: âBitte Platz nehmen und ausfĂŒllen.â
Schalavsky nahm das Klemmbrett an sich und schob Wespe zu einigen Sitzen. Zum GlĂŒck war nicht allzu viel los, was ein wenig seine Hoffnung steigerte schnell nach Hause zu kommen, um endlich zu schlafen. Sie setzten sich und Wespe nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Schalavsky begann das Formular auszufĂŒllen. Er dachte noch, dass es seltsam war, dass sein Kollege seine gesamten Daten kannte, aber dann lieĂ er schon den Kopf an die Wand hinter ihm sinken und nickte ein. Er wusste nicht wie lange er so geschlafen hatten, als eine sanft Hand an seiner Schulter ihn weckte: âKomm mit, Wespe.â
Wespe gĂ€hnte leicht und folgte Schalavsky und einem anderen Mann, der anscheinend sein Doktor war. Sie gingen in ein Behandlungszimmer, in dem sich Wespe auf die Liege setzen sollte. Dann begann der Arzt seinen Kopf zu untersuchen, und ihm dabei Fragen zustellen. Wespe versuchte sie so gut wie möglich zu beantworten, aber schon bald antwortete Schalavsky fĂŒr ihn, wenn er selbst die Antwort nicht kannte. Der Arzt begann mit einem feuchten Tupfer die Kopfverletzung zu reinigen, da das Blut dort mittlerweile einiges an Schmutz festgeklebt hatte. Zwar blutete die Verletzung dadurch wieder geringfĂŒgig, aber wenigstens musste man nicht befĂŒrchten, dass noch Glassplitter oder Steinchen einwuchsen. DafĂŒr bekam Wespe nun einen schicken Kopfverband. Bevor auch die Wunden an seiner Wange, und Knien gereinigt und versorgt wurden. Seine Hand war nur geprellt.
Als der Arzt ihm mit einer Lampe in die Augen leuchtete, zuckte Wespe zurĂŒck.
âDas könnte eine leichte GehirnerschĂŒtterung sein.â, sagte der Arzt aber er sprach so, als wĂŒrde er nicht mit Wespe reden. âEr sollte eine Weile wach bleiben.â
âEr ist seit ĂŒber 20 Stunden wach. Viel GlĂŒck damit.â, sagte Schalavsky.
âWie lange ist der Unfall her?â, fragte der Arzt.
âEtwa 11 Stunden.â, sagte Schalavsky.
âOkay.â, sagte der Arzt mit kritischem Blick auf Wespe. âDann machen wir einen CT-Scan. Warten Sie kurz.â
Einen Moment spÀter kam der Arzt mit einem Rollstuhl wieder.
Schalavsky griff nach Wespes Arm und zog ihn hoch, damit er sich in den Rollstuhl setzte. Er war ganz froh, dass sein Kollege nicht weiterhin Gefahr lief umzukippen.
Sie wechselten den Raum, waren fĂŒr einen Moment in einem Fahrstuhl und dann in einem neuen Raum und Wespe konnte nicht im Geringsten sagen, wo sie hergekommen waren.
Jemand rief nach ihm, aber irgendwas war daran falsch.
âNennen Sie ihn Wespe.â
Man hatte ihn bei seinen Vornamen gerufen. Aber niemand nannte ihn mehr so.
Es war der Name seines UrgroĂvaters gewesen und seine Eltern hatten ihn ausgewĂ€hlt, obwohl seine GroĂmutter dagegen gewesen war. In seiner Kindheit war er schon aufmerksam genug gewesen, um festzustellen, dass Oma ihn nie beim Namen nannte. Liebling, SchĂ€tzchen und andere Kosewörter waren an der Tagesordnung gewesen, aber nicht sein Name. Als er Oma danach fragte, sah sie unendlich traurig aus und eröffnete ihm dann ein lange gehegtes Geheimnis. Ihr Vater, sein UrgroĂvater, war ein SchlĂ€ger gewesen, wobei man ihm zu seiner Zeit das als seine Pflichten ausgelegt hatte, wenn er Ehefrau und Kinder zĂŒchtigte. Im Alter war er ruhiger geworden und so immobil, dass er niemanden mehr gefĂ€hrlich werden konnte. Und Mutter und Tochter hatten beschlossen diese Gewalt nicht an die nĂ€chste Generation weiterzutragen. Sie hatten es geschafft, denn bis auf die kindischen Raufereien mit seinen Bruder hatte Wespe keine Gewalt in seiner Familie gekannt. Ebenso wenig wie seine Eltern, als sie sich unwissend fĂŒr seinen Vornamen entschieden. Seine Oma gab ihm zu verstehen, dass sie nichts davon ihm ankreidete, aber dass sie es bedauerte, dass er den gleichen Namen wie dieser Mistkerl trug, wo er doch so ein sanfter und liebenswĂŒrdiger Junge war. In diesem Moment bot er ihr damals an, dass sie ihn Wespe nennen könnte, wie es schon sein Onkel machte. Und von da an wurde er langsam von allen Wespe genannt. Wenn er die Chance hatte gelb-schwarze Kleidung zu bekommen nutzte er das um seinen Spitznamen zu zementieren. Es war Scherz, dann ein Fakt und schlieĂlich eine unangezweifelte Gegebenheit. Vielleicht waren es auch diese Farben, die zuerst sein Interesse an der Punk-Bewegung geweckt hatten.
âWespe? Wissen Sie wo Sie sind?â, fragte die Stimme. Wespe nickte: âMhm, Krankenhaus.â
âJa, wir möchten einen CT-Scan mit Ihnen machen.â, erklĂ€rte der Arzt. Wespe nickte.
âBitte legen sie alle MetallgegenstĂ€nde ab. Ich hole jemanden, der damit hilft, wĂ€hrend ich das GerĂ€t vorbereite.â
âSchon gut, ich helfe ihm.â, sagte Schalavsky und sah Wespe an: âIst das okay?â
Wespe nickte dĂŒmmlich grinsend. Somit half Schalavsky ihm. Er begann damit die Ohrringe und Augenbrauenpiercings zu entfernen, weil Wespe zu unkoordiniert war, um das selbst zu machen.
Schalavsky sammelte alles in einer kleinen Schale, die bereitstand und dann half er Wespe aus seinem Shirt. Dabei fiel ihm auf, dass Wespe noch mehr Piercings an sich hatte.
Schalavsky sah ein bisschen entgeistert auf die beiden Barbells, die jeweils Wespes Nippel zierten. Wespe lĂ€chelte noch immer dĂŒmmlich vor sich hin. Vielleicht verstand er nicht mehr was los war, vielleicht fand sein ĂŒbermĂŒdeter Verstand es witzig. (Vielleicht war er sogar in diesem Zustand erfreut darĂŒber, wenn sein Kollege ihn sanft anfasste und langsam auszog.)
âSag mir bitte, das das die letzten beiden Piercings sind.â, sagte Schalavsky, als er sich vor Wespe hinkniete. Der schaute an sich herab und stellte fest: âKein Bauchnabelpiercing, dann ja.â
âHast du ein Bauchnabelpiercing?â Schalavsky versuchte sich und seinen Kollegen abzulenken, wĂ€hrend er vorsichtig die Barbells aufschraubte und dabei ignorierte, dass der Körper seines Kollegen darauf reagierte. Nicht nur, dass Wespes gute trainierte Brustmuskeln zuckten, die Brustwarzen verhĂ€rteten sich unter den BerĂŒhrungen und luden dazu ein sie ein wenig zu maltrĂ€tieren.
Schalavsky hielt die Luft an. Vielleicht wĂŒrde sein Gehirn ohne Sauerstoff nicht so einen Blödsinn verzapfen.
âJa.â, sagte Wespe versonnen. âMeine Freundin in der Oberstufe wollte eines, aber hatte auch Angst davor.â
âAlso hast du es dir auch stechen lassen.â, stellte Schalavsky fest als er die Piercings auch in die Schale fallen lieĂ und endlich wieder aufstand.
âJa.â
âWar klar.â Schalavsky seufzte bevor er ĂŒber seinen Schatten sprang und Wespes Hose öffnete. Dann zog er Wespe aus dem Stuhl hoch und lieĂ ihn aus seiner Hose steigen. Nach einem kurzen Blick zu seiner UnterwĂ€sche, war Schalavsky froh, dass er die ihm nicht auch noch ausziehen musste.
âDu bist dir sicher, dass du keine weiteren Piercings hast?â, fragte Schalavsky um absolut sicher zu gehen.
Wespe zog den Bund seine Boxershorts auf und warf einen prĂŒfenden Blick nach unten: âNe, alles gut.â
Schalavsky, der gerade wesentlich mehr gesehen hatte als erwartet, starrte die Decke an. Vielleicht sollte er sich selbst einfach bei der Dienstaufsicht melden und woandershin versetzten lassen. Wenn Bienert auch nur einen Bruchteil von dem erzÀhlte, was hier abhing konnte ihn das seinen Job kosten. Und er konnte nicht mal behauptet, dass es zu unrecht wÀre.
Schalavsky griff nach der Krankenhausbekleidung und zog sie Wespe ĂŒber, bevor er sich wieder setzen durfte. Schalavsky ging in den nĂ€chsten Raum, um den Doktor mitzuteilen, dass sie bereit waren. So ging es als nĂ€chstes fĂŒr Wespe in den CT-Raum, in dem er sich auf die Liege legen durfte. Schalavsky und der Rollstuhl mussten in den angrenzenden Raum, von dem der Arzt und ein Helfer alles steuerten.
âMuss ich dabei wach bleiben?â, fragte Wespe.
âJa, das wĂ€re gut.â, sagte der Arzt.
Wespe seufzte: âKönnen Sie mir was erzĂ€hlen?â
Der Arzt sah zu Schalavsky: âWollen Sie?â
Schalavsky nickte und trat zum Mikrofon: âWenn man dich heute noch entlĂ€sst, kannst du dir schon mal ĂŒberlegen, was du gerne zum Essen hĂ€ttest. Ich habe nĂ€mlich die Vermutung das du schon zu lange nichts mehr gegessen hast. Ich wĂŒrde dir sogar diese ĂŒberzuckerten Waffeln mit den AlibifrĂŒchten holen, die du magst. Oder die Ente von dem Asialaden in der Plaza Mall.â
Wespe brummte, als Zeichen, dass er noch zuhörte, wĂ€hrend Schalavsky ihm belanglose Dinge erzĂ€hlte. Schalavsky sprach von allem, was so getan werden musste, und versuchte nicht daran zu denken, was er gerne tun wĂŒrde.
Als die Untersuchung endlich vorĂŒber war, konnte sich Wespe wenigstens mit Schalavskys Hilfe wieder die Hose anziehen, bevor sie auf die RĂŒckmeldung warteten, ob Wespe hier bleiben musste, oder nach Hause konnte.
âSie haben GlĂŒck gehabt.â, sagte der Arzt. âBis auf die Platzwunde, scheint Ihrem Kopf nichts weiter passiert zu sein.
âHeiĂt das, ich kann nach Hause und schlafen?â, fragte Wespe hoffnungsvoll.
âJa, das wĂ€re sogar meine Empfehlung. Und Wasser trinken.â, ermahnte der Doktor.
Wespe seufzte erleichtert: âDanke, Doc.â
Schalavsky nickte dem Arzt dankbar zu.
âIch mache noch den Papierkram fertig. Sie können sich schon wieder anziehen.â, sagte der Arzt. Wespe lieĂ sich das nicht zweimal sagen, auch wenn er Hilfe brauchte und Schalavsky seine Piercings bloĂ in eine Tasche seiner Jacke stopfte. Der Arzt ĂŒbergab ihnen die Unterlagen, lieĂ sich das was nötig war unterschreiben und schickte sie dann ihres Weges. Wespe weigerte sich wieder in den Rollstuhl zusetzen. Er sagte, er könnte selbst laufen und so ein bisschen MĂŒdigkeit wĂŒrde ihn nicht daran hindern. Schalavsky argumentierte, dass es nicht das bisschen MĂŒdigkeit war, dass ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, sondern der Autounfall, der bewiesen hatte, dass Wespe mehr GlĂŒck als Verstand hatte. Aber das hielt Wespe nicht davon ab zu laufen. Schalavsky fiel auf jeden Fall ein Stein von Herzen als er ihn wieder sicher im Auto hatte.
âWeiĂt du, was du essen möchtest?â, fragte Schalavsky.
âEnte klingt sehr gut.â
âIn Ordnung.â, sagte Schalavsky und fuhr los. WĂ€hrend ihrem Zwischenstopp lieĂ er Wespe im Auto, der vor sich hin schlummerte. Davon dort aus war es nicht mehr weit zu Wespe. Es war noch knapp vormittags und Wespes Mitbewohner waren auĂer Haus. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und Schalavsky sah Wespe dabei zu wie er Ente und Reis in sich rein schaufelte und noch etwas mehr als der HĂ€lfte des Gerichts aufgab: âOkay. Das war sehr gut. Jetzt: Bett.â
Schalavsky nickte und bot Wespe eine Hand an um ihn vom Sofa hoch zu sehen.
Nun wirklich nur noch wenige Meter von seinem Bett entfernt, ĂŒberkam Wespe die volle MĂŒdigkeit. Er taumelte an Schalavskys Seite ins Schlafzimmer und bekam wieder ein mal Hilfe von Schalavsky sich auszuziehen. Als er in seiner Boxershorts vor Schalavsky stand, schwang er einen Arm um dessen Schulter und grinste ihn an: âVielen Dank, dass Sie immer fĂŒr mich da sind. Sie sind der Beste.â Mit diesen Worten platzierte Wespe einen Kuss, der vermutlich auf die Wange gehen sollte, aber halb noch Schalavskys Lippen erwischte und den Ă€lteren Kollegen starr vor Schock hinterlieĂ. Wespe bemerkte das nicht mal und löste nur seinen Arm von den breiten Schultern, bevor er ins Bett kroch.
Schalavsky schluckte und zog mit mechanischen Bewegungen die Decke hoch bis zu Wespes Schultern. Dann stellte er noch eine Flasche Wasser an sein Bett, bevor er das Jalousien schloss und Wespe alleine lieĂ. Auf dem Flur stĂŒtzte er sich am TĂŒrrahmen ab und atmete stoĂweise durch die Nase aus. Was war das gewesen? Was hatte das zu bedeuten? Und warum löste diese BerĂŒhrung so viel in ihm aus?
Als er bestimmt vier Minuten unbeweglich auf dem Flur gestanden hatte, zwang er sich, zur Ruhe und rĂ€umte methodisch noch kurz das Wohnzimmer auf, stellte das Essen in den KĂŒhlschrank und machte sich dann auf den Weg zurĂŒck zur Arbeit.
Wespes Handy machte einen kurzen Laut. Groggy sah Wespe auf die Nachricht, die er bekommen hatte. Sie war von Tamina und es war ein Foto. Von dem Moment als Schalavsky ihn aus dem BĂŒro gefĂŒhrt hatte, er hing an ihm wie ein Schluck Wasser und Schalavsky sah zu tiefst unzufrieden mit der Welt aus. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, musste es Tamina zukommen gelassen haben. Der Text dazu las: WĂ€rst du mal alleine zum Arzt gegangen, als wir es dir gesagt haben.
Wespe lieà das Handy neben sich aufs Bett fallen. Wenn er tatsÀchlich alleine zum Arzt gegangen wÀre, hÀtte er nie erlebt, wie Schalvsky seine Piercings entfernte, dachte er und fasste nach seinen Brust. Vielleicht hÀtte er unter anderen UmstÀnden noch mehr gemacht, fantasierte Wespe mit einem wohligen Schauern. Vielleicht hÀtte er mit seinem Mund-
Wespe schreckte hoch und saĂ senkrecht im Bett. Hatte er seinen Kollegen gekĂŒsst?!
Und hier ist Teil 3 der so viel lÀnger geworden ist als erwartet, und bestimmt noch fehler drin hat, weil ich beim Durchlesen bestimmt zehn mal eingenickt bin
3. Umgerissen
Wespe blinzelte gegen gleiĂendes Licht an. Seine Haut schmerzte, wie bei einer ĂŒblen Verbrennung und er spĂŒrte die Hitze von etwas in der NĂ€he ausgehend. Er hob den Kopf und musste sich korrigieren: Seine Knochen taten auch weg. Und seine Muskeln. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch seine Mitochondrien nicht glĂŒcklich waren.
Er blickte sich um, in der Hoffnung sich orientieren zu können, aber er konnte kaum die Augen öffnen. Staub und Rauch hing in der Luft und schon die kleine Bewegung war ihm zu viel. Er lieà seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
Eine Hand packte seine Schulter und drehte ihn herum. Mehr Schmerzen schossen durch seinen Körper. Wespe schnappte nach Luft und sah erschrocken hoch zu demjenigen, der ihn angefasst hatte.
Wespe registrierte langsam, dass ĂŒber ihm ein wĂŒtender Schalavsky stand.
Er schien ihn anzuschreien, aber er wirkte nicht auf die Art wĂŒtend, wie er es war, wenn Wespe ihn auf die Palme brachte. Es war mehr die Wut, wenn jemand Wespe angriff und er ihm danach das Blut aus dem Gesicht wischen mussten. Wobei das nicht ganz stimmte, dieses Mal wirkten seine Augen feucht, als hĂ€tte er Angst um Wespe.
Wespe versuchte seinen Atem zu kontrollieren, er hustete und spuckte Dreck und Staub aus. Dabei krĂŒmmte er sich noch mehr in sich zusammen und griff nach seinen Ohren, in denen er ein stechendes GefĂŒhl hatte. Zwei HĂ€nde griffen nach seinen und vor ihm kniete mittlerweile Schalavsky und suchte seinen Blick. Wespe sah seinen Kollegen noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schalavskys Lippen bewegten sich, aber bei Wespe kam nichts an.
âIch höre Sie nicht.â, sagte Wespe und er spĂŒrte seine eigenen Worte mehr in seinen Knochen, als dass er sie hörte. Schalavsky sah ihn entgeistert an und bewegte wieder die Lippen.
Wespe schĂŒttelte leicht den Kopf: âWirklich nicht.â
Schalavsky musterte ihn von oben bis unten. Dann machte er so was wie zwei Peace-Zeichen und deutete eine Schnittbewegung an. Wespe runzelte die Stirn und erinnerte sich dunkel, dass das die GebĂ€rde fĂŒr Verletzung war.
âOb ich verletzt bin?â, fragte Wespe und Schalavsky Gesichtsausdruck fiel, als er ungeduldig auf ihn deute.
âOh⊠Ja. Wie sehr ich verletzt bin?â Schalavsky nickte.
Wespe seufzte: âĂhm, meine Ohren⊠offensichtlich. Rede ich zu laut?â
Schalavsky verzog das Gesicht und deutete ein kleines Bisschen an. Wespe bemĂŒhte sich leiser zu reden: âIch hab ein paar Roadburns.â Wespe zeigte seine HĂ€nde, die schön ĂŒber den Asphalt geschlittert waren. Das erinnerte ihn an seine Jugend, als er gelegentlich beim BMX fahren die Fleischbremse gezogen hatte. âIch glaube, es ist nichts gebrochen. Aber trotzdem tut mir alles weh.â
Schalavskys Blick huschte aufgeregt umher und er fummelte aus seiner Tasche eine Packung TaschentĂŒcher, von der er eines Wespe unter die Nase hielt. Wespe griff irritiert danach und stellte fest, dass er das Taschentuch sehr schnell rotfĂ€rbte. Wespe fluchte und drĂŒckte sich seine Nase zu.
âWas ist passiert?â, fragte Wespe undeutlich und Schalavsky deutete zur Seite, wo ein GebĂ€ude in Flammen stand und wo gerade ein weiteres Feuerwehrfahrzeug ankam. Wespe sah wieder zu Schalavsky, der eine Explosion mimte.
âWars eine Bombe?â, fragte Wespe. Schalavsky zuckte mit den Schultern und deutete auf Wespe und hielt einen Finger hoch.
âIch war der Erste? Okay. War das Haus leer?â
Schalavsky verzog das Gesicht nickte etwas unsicher. Wahrscheinlich.
Schalavsky stand vom Asphalt auf und hielt Wespe eine Hand hin. Er nahm das Angebot an und lieĂ sich auf die FĂŒĂe ziehen. Kaum stand er griff er nach Schalavsky und presste sich eine Hand vor den Mund.
âUhhh, mir ist schwindelig.â, sagte Wespe. âOh man, ich glaub mir wird schlecht.â
Schalavsky griff ihn an beiden Schultern, um ihn zu stabilisieren. Wespe machte ein paar schwerfĂ€llige AtemzĂŒge, bis er nicht mehr das GefĂŒhl hatte sich ĂŒbergeben zu mĂŒssen. Schalavsky hatte ihn dabei ruhig beobachtet, oder vielleicht ihm auch gut zugeredet, aber das wĂŒrde Wespe nie wissen. Sein Kollege nickte rĂŒber zu seinem Auto und sah fragend aus.
âJa, Auto ist gut. Hinsetzen.â, sagte Wespe abgehackt und wurde von Schalavsky zu seinem Auto gebracht. Auf dem Beifahrersitz verstaut konnte Wespe die Augen schlieĂen und den Schwindel bezwingen.
Wespe lag noch immer bewegungslos auf dem Beifahrersitz, als plötzlich etwas fest auf sein Bein klopfte. Wespe schrecke hoch und sah sich einem fremden Mann gegenĂŒber, woraufhin er noch mehr erschrak und die HĂ€nde zur Verteidigung hochzog. Der Mann zuckte nun auch zurĂŒck und hob die HĂ€nde. Er sagte etwas, was Wespe nicht verstand, aber er erkannte das der Mann die Uniform eines SanitĂ€ters an hatte. Hinter ihm tauchte Schalavsky wie ein böser Schatten auf und sprach mit dem Gesichtsausdruck, mit dem er sonst Neulinge belehrte. Der SanitĂ€ter sah zu Wespe und sagte was.
âWas?â, erwiderte Wespe.
Der SanitÀter sagte noch etwas.
âWas?â, fragte Wespe nochmal wieder und fragte sich, ob das ein lĂ€ngeres Spiel werden wĂŒrde. Der SanitĂ€ter hatte noch nicht genug und bevor er dieses Mal ausgeredet hatte, fuhr Wespe schon auf: âHimmel nochmal, ich kann nichts hören!â
Schalavsky verdrehte die Augen, weil er ihm zuvor bestimmt genau das gesagt hatte.
Ein zweiter SanitÀter tauchte mit einer Liege auf und der erste ging Wespe aus dem Weg und deutete auf die Liege.
âAber-â Wespe unterbrach sich selbst, als er Schalavskys Gesichtsausdruck sah und seinen deutlichen Fingerzeig, dass er sich gefĂ€lligst auf die Liege legen sollte. Grummelnd folgte er dem Befehl. Der zweite SanitĂ€ter sagte etwas zu ihm. Wespe stellte fest, dass es ihm schwerer fiel nachzuvollziehen was die Sanis zu ihm sagten, weil ihre GesichtsausdrĂŒcke professionell neutral blieb. Also blickte er stattdessen Schalavsky an. Seinen Gesichtsausdruck konnte er wesentlich besser lesen. Schalavsky sah nicht besorgter als vorher aus, wobei er Wespes Aufmerksamkeit auf ihm bemerkte und genervter wurde, als er verstand, dass die Sanis Wespe nicht viel gaben, mit dem er arbeiten konnte. NatĂŒrlich hĂ€tte Wespe nachfragen können, aber er wusste nicht genau welche Fragen er stellen sollte. Schalavsky deutete auf Wespe, dann auf seinen Mund und die beiden SanitĂ€ter. Dann machte er wieder die GebĂ€rde fĂŒr Verletzungen.
âAh.â, machte Wespe. âSie haben nach meinen Verletzungen gefragt.â Die SanitĂ€ter nickten.
âAlso meine Ohren tun weh und ich höre nichts, ich habe Roadburns und vielleicht auch normale burns. Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist. Aber ich wurde ordentlich umgehauen.â
Die SanitÀter nickten und machten sich an die Arbeit Wespe zu verkabeln und zu untersuchen.
Wespe hatte wirklich wenig Lust ins Krankenhaus zu kommen, wo er keinen Anhaltspunkt hatte, was los war. Aber als die Sanis ihn abfahrbereit machen, kam kletterte Schalavsky mit an Bord. Und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.
Das Gute an Explosionen war, dass man nicht erst warten musste, bis man untersucht wurde und dass man umfassend das Personal des Krankenhauses kennenlernen durfte. Der HNO-Arzt kam zu erst und dann der Unfallchirurg, der irgendwas gegen Schalavsky hatte. Wespe wusste nicht woran es lag. Vielleicht, weil Schalavsky ihm ein bisschen im Weg war und ihn genau beobachtete. Wespe war umso dankbarer dafĂŒr. Er fĂŒhlte sich unsicher. Er versuchte die ganze Zeit seine Umgebung im Blick zuhalten. Sein Gehör fehlte ihm besonders, wenn andere Menschen, um ihn waren. Mehr als einmal hatte Wespe sich erschrocken wenn jemand zu dicht an ihm vorbeigegangen war oder ihn angefasst hatte, bevor er die Bewegung gesehen hatte.
Schalavsky bemerkte das natĂŒrlich, was auch sonst? Er war nicht umsonst gut in seinem Job. Seit er das gemerkt hatte, war er immer in Wespes NĂ€he. Entweder hatte er eine Hand an Wespes Schulter oder Arm oder er stand so nah bei ihm, dass Wespe seine KörperwĂ€rme spĂŒren konnte. Wenn er doch mal etwas weiter wegging, blieb er in Wespes Sichtfeld und stellte sicher, dass er ihn erst sah bevor er ihm zu nahe kam. Wespe fand es erleichternd sich auf Schalavsky zu konzentrieren. Er war eine Konstante in dem, was die Explosion von ihm hinterlassen hatte. Beinahe hĂ€tte sie gar nichts von ihm hinterlassen.
Sein Ăberlebensinstinkt schob seit der Explosion Ăberstunden, obwohl er wusste, dass niemand im Krankenhaus ihm etwas tun wollte, aber das hier war nicht logisch. Das hier war, dem Tod so knapp zu entgehen, wie er nur wenige Male erlebt hatte. (Jedes Mal war davon zu viel.) Aber es war das erste Mal, dass er mit einer Verletzung endete, die er nicht versorgen konnte. Er konnte mit einer Schuss- oder Stichwunde umgehen, er konnte gebrochene Knochen schienen, aber wie rettete man einen Sinn?
AuĂerdem hatte er das GefĂŒhl, dass sich eine Gefahr anschlich, die er nicht sehen konnte. Wespe hatte diese Beschreibung schon in der Vergangenheit gehört. Sie kam von Leuten, die Panikattacken hatten. Wespe hatte oft genug die Hand von jemanden auf seine Brust gelegt und deutliche AtemzĂŒge vorgefĂŒhrt. Jetzt könnte er nicht mal Schalavsky atmen hören. Aber er war da. Bei seiner rechten Schulter. Er strahlte WĂ€rme ab und Wespe wollte von dieser WĂ€rme in gewickelt werden. Am Rande seines Bewusstseins realisierte Wespe, dass ihm ein Zettel hingehalten wurde. Nach einen Blick darauf stellte Wespe fest, dass er nichts davon lesen konnte.
Schalavsky klopfte sanft gegen seine Schulter. Er deutete auf den Arzt, sich selbst und die TĂŒr.
âEr will, dass Sie gehen?â Die Vermutung lag nahe, wenn man die Körpersprache der beiden sah. âWarum? Es wĂ€re mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.â Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und redete wieder mit dem Arzt.
Dann geschah etwas seltsames. Schalavsky hatte diese leicht steife Haltung, die sein Tell bei LĂŒgen war. Warum log er den Arzt an? Der Arzt sah nun zwischen ihnen hin und her.
Bevor Wespe erraten konnte, was los war, hockte sein Kollege auf einmal vor ihm und zwinkerte ihm zu, als hĂ€tte nicht bemerkt, dass etwas im Busch war. Schalavsky sprach zu ihm in einer Art und Weise, die sicherlich aufmunternd gewesen wĂ€re, wenn er hören könnte. Als Schalavsky wieder aufstand, beugte er sich etwas mehr vor und kĂŒsste Wespes Stirn.
Möglicherweise war Wespe doch tot. Das hier konnte das letzte Delirium sein, dass sein Gehirn noch durchspielte wĂ€hrend es ihm schon durch die durchbrochene SchĂ€deldecke auf den Asphalt tropfte. Das Problem war, das hier fĂŒhlte sich nicht nach Sterben an, das fĂŒhlte sich nach dem Anfang von einigen sehr langen Wochen des Heilungsprozesses an.
âStimmt was nicht?â In dem er all seine schauspielerischen FĂ€higkeiten zusammennahm schaffte er es die Frage gĂ€nzlich unbedarft zu stellen. Zumindest glaubte er das, er konnte sich ja nicht hören. âDu siehst besorgt aus.â
Wieder war da die Hand auf seiner Schulter. Warm. VerlĂ€sslich. Vielleicht war das hier gar nicht der schlechteste Weg zu gehen, dachte Wespe und lehnte seine Wange gegen Schalavsky Arm. Wieder war da dieses GefĂŒhl, es wĂ€re da eine Gefahr.
Schalavsky trat in sein Blickfeld und sah ihn kritisch an. Er legte eine Hand auf seine Brust und rieb in beruhigenden Kreisen darĂŒber. Wespe hatte was sagen sollten. Dass alles in Ordnung war, aber die Luft zum sprechen fehlte. Schalavskys Hand stoppte ihre Bewegung und drĂŒckte stattdessen, leicht gegen das Brustbein, bis Wespe seinen Atem ausstieĂ, dann hob sich die Hand wieder und Wespe zog einen Atemzug ein, um nahe bei der Hand zu bleiben. Nach ein paar Mal war es einfacher, weil ihm nicht mehr schwindelig war und Sauerstoff wieder bei seinem Gehirn ankam. Es war besser, sicherer sich auf Schalavsky zu konzentrieren und alles andere auszublenden.
Leider war Wespe noch nicht fertig damit das Krankenhauspersonal kennenzulernen. Der Dermatologe kam im Anschluss und als dann noch die Psychiaterin auftauchte und Wespe ihre Karte ĂŒbergab, sah er sie verwirrt an: âSie sind sich bewusst, dass ich Sie nicht hören kann, ja? Weil⊠ich weiĂ ehrlich gesagt nicht, was Sie hier vorhaben.â
Wespe sah zu Schalavsky: âLieg ich falsch? Macht es Sinn, dass sie hier ist?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf und beruhigte Wespe damit. Anscheinend komplimentierte Schalavsky sie dann auch aus dem Zimmer und sie wurden damit alleine gelassen.
SpĂ€ter lag Wespe in dem Krankenhausbett, was man ihm zugeteilt hatte in einem Einzelraum. Er war sich nicht ganz sicher warum, aber wahrscheinlich hatte Schalavsky da was gedreht. Wenn er das richtig gesehen hatte, stand mittlerweile auch ein uniformierter Beamter vor seiner TĂŒr.
Wespe spĂŒrte sein Handy an seiner Seite vibrieren und zog es hervor. Tamina rief an.
âKönnen Sie ran gehen?â, fragte er Schalavsky.
Schalavsky nahm das Telefon und auch ohne Gehör wusste Wespe, dass Tamina zuerst fragen wĂŒrde, warum Schalavsky an sein Handy ging. Schalavskys erzĂ€hlte ihr, was passiert war. Wespe könnte an seinen Lippen Bewegungen âExplosionâ ausmachen und als Schalavsky seinen Blick sah, versuchte er mit seiner freien Hand zu untermalen was er erzĂ€hlte. Er deutete auf sein Ohr, als er von Wespes Verletzung erzĂ€hlte. Dann lauschte er Taminas Worten und hob demonstrativ eine Daumen von unten nach oben und deutete auf Wespe. Gute Besserung.
âDanke.â, sagte Wespe. Schalavsky hörte kurz Tamina zu, dann legt er das Handy auf Wespes Bauch und machte eine auffordernde Bewegung: âOkay? Schalavsky zeigt mir gerade an, dass ich reden soll. Also gehe ich davon aus, dass ich erzĂ€hlen soll, was passiert ist. Also, ich wollte eigentlich nur dieses leerstehende GebĂ€ude untersuchen, wegen den anonymen Tipp und oh... Schalavsky bedeutet mir leider zu reden. Sorry. Ăhm ja, ich hab die Bombe gefunden und gesehen dass es keine ist, mit der ich vertraut bin. Schalavsky sieht mich fragend an. Oh ja, ich hab mich mal mit Bomben vertraut gemacht. Aber ich hatte keine Chance die zu zuordnen, also habe ich das GebĂ€ude gerĂ€umt und am Auto nach UnterstĂŒtzung gefunkt. Ich glaube, dabei wurde ich beobachtet weil die Bombe so ziemlich sofort danach gezĂŒndet wurde. Ich stand zum GlĂŒck hinter dem Auto aber die Druckwelle hat mich trotzdem umgehauen. Das hat ganz schön gescheppert. Oh, Schalavsky schaut, als sollte ich die Klappe halten.â
Wespe schwieg und Schalavskys hörte Tamina zu und runzelte die Stirn bevor er antwortete. Einen Moment spĂ€ter vibrierte das Handy mit einer neuen Nachricht. Tamina war anscheinend darĂŒber ĂŒbergegangen die komplizierten Fragen direkt zu stellen.
,Hast du gesehen, wer die Bombe gezĂŒndet hat?â
âIch glaub nicht. Aber um ehrlich zu sein, vertraue ich meinen Erinnerungen von diesem Momenten nicht mehr ganz.â, sagte Wespe und kratzte sich am Kopf.
,Warum wurde die Bombe erst gezĂŒndet, als du aus dem GebĂ€ude raus warst?â
âWow, das lieĂt sich als wĂ€rst du richtig froh, dass ich ĂŒberlebt habe.â, sagte Wespe sarkastisch. âEntweder wollte man mich nicht umbringen oder sie haben nicht gesehen, dass ich ins Haus gegangen bin. Ich bin hintenrum rein und vielleicht haben sie mich erst fĂŒr einen Jogger gehalten, der am Haus vorbei in den Park will.â Schalavsky bewegte seinen Mund und Wespe sah ihm fragend an. âTamina, was hat er gesagt? Er hat den Gesichtsausdruck, mit dem er mich sonst auch immer beleidigt.â
,Er sagte, man hat sich wohl eher fĂŒr einen Junkie gehalten.â
âNa danke. Egal. Ich bin hinten rein aber vorne wieder raus, weil ich keine Zeit verlieren wollte. Vielleicht haben sie mich da erst gesehen und gezĂŒndet. Und weil es die Werkstatt der Pyros war hat das den ganzen Block umgehauen.â
,Du hast echt mehr GlĂŒck als Verstand.â
Schalavsky sprach wieder mit einem frechen Funkeln in den Augen.
âHat er gerade gesagt, das das keine Kunst ist weil ich keinen Verstand habe?â, fragte Wespe, aber er musste nicht auf Taminas Antwort warten, weil Schalavsky bereits antwortete und nickte. âFrechheit!â
Nach dem sich sie sich von Tamina verabschiedet hatten, lieĂ sich Wespe ein bisschen mehr in die Kissen sinken. Er dachte angestrengt, darĂŒber nach ob er doch etwas gesehen hatte, vor der Explosion, die ihn fast das Leben gekostet hatte. War jemand in der NĂ€he gewesen? Er versuchte sich daran zu erinnern, wie alles abgelaufen war. Nach einigen Minuten seufzte er und schĂŒttelte den Kopf: âIch erinnere mich nicht daran irgendwas verdĂ€chtiges gesehen zu haben. Keine Ahnung, wer die Bombe gezĂŒndet hat.â
Schalavsky klopfte ihm sanft aus Bein zur Aufmunterung.
âSie mĂŒssen aber nicht die ganze Zeit hier bleiben. Ich komm schon klar.â, sagte Wespe tapfer. Schalavsky schĂŒttelte den Kopf und blieb demonstrativ sitzen.
Wespe lĂ€chelte und schaute auf sein Handy, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob er irgendwelche Hinweis ein seinen Nachrichten oder der Bildergalerie fand. Er stellte fest, dass er ein Foto von der Bombe gemacht hatte. Nicht schlecht, Vergangenheits-Wespe.
Als er auf sah, bemerkte er, dass Schalavsky ihn amĂŒsiert ansah und fragend eine Augenbraue hob. Wespe sah fragend zurĂŒck. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Fingerspitzen gegen Wespes Hals. Erst da bemerkt Wespe die Vibration. Anscheinend hatte er unbewusst gesummt. Wespe lĂ€chelt rund zuckte mit den Schultern: âSorry. Hab ich gar nicht bemerkt.â Schalavsky sagte etwas. âJaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.â Schalavsky lachte leicht auf. Und Wespe wollte mehr davon sehen, aber bevorzugt wenn er wieder hören könnte. Falls er wieder hören konnte. Wespe verzog ein bisschen das Gesicht und drĂŒckte diesen Gedanken wieder runter.
Schalavsky klopfte ihm aufs Bein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wespe rĂ€usperte sich und zeigte das Bild von der Bombe, dass er gemacht hatte. âScheinbar habe ich ein Bild gemacht.â
Schalavsky griff nach dem Handy und sah sich das Bild an. Er deutete auf das Bild und dann auf sich.
âJa, ich schicke Ihnen das.â, sagte Wespe.
âIch glaub, ich werde versuchen ein bisschen zu Schlafen. Sie mĂŒssen nicht die ganze Zeit hier bleiben. Es ist schon spĂ€t.â
Schalavsky winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurĂŒck. Wespe lĂ€chelte ein wenig und schloss seine Augen. Er brauchte definitiv etwas Schlaf.
Wespe wurde aus seinem nahendem Schlummer gerissen, als er einen Luftzug spĂŒre. Er öffnete die Augen und sah, wie Glockner in den Raum spazierte.
âHey, Kommissar Glockner.â, begrĂŒĂte Wespe seinen Vorgesetzten und konnte an seinen Lippenbewegungen einen Ă€hnlichen GruĂ ablesen. Dann sah Glockner fragend aus und Wespe schaute nur zu Schalavsky, der in eine ErklĂ€rung ĂŒberging, was geschehen war, welche Informationen sie bisher hatten und wie der aktuelle Stand war. Zumindest vermutete Wespe das. Das war am Wahrscheinlichsten. Als sie zu einer Pause gekommen waren sah meldete Wespe sich: âWarum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige der ihnen in die Quere kam.â
Glockner sagte etwas und Schalavsky machte eine eine GebÀrde mit beiden FÀusten.
Wespe runzelte die Stirn und dachte scharf nach: â...Sicherheit? Zu meiner Sicherheit oder nur um sicher zu gehen?â
Schalavsky zeigte zwei Finger fĂŒr die zweite Option.
Glockner nickte ihm anerkennend zu und schien sich dann zu verabschieden, weil er Wespe winkte.
âNehmen Sie ihn endlich mit?â, fragte Wespe und deutete auf Schalavsky. âEr sollte auch etwas Schlaf bekommen.â Glockner blickte Schalavsky an und eine kurze Diskussion entbrannte, in der Schalavsky wohl den KĂŒrzeren zog. Seine Schultern sackten etwas ab, als er seufzte und seine Jacke nahm. Er klopfte Wespe zum Abschied auf das Bein. (Kein Gute-Nacht-Kuss?)
âGute Nacht!â, rief Wespe ihnen nach und winkte. Schalavsky hob die Hand und schaute nochmal zu Wespe bevor er die Deckenbeleuchtung aus machte, sodass nur doch die kleiner Lampe ĂŒber dem Bett Licht spendete.
Dann fiel die TĂŒr zu und Wespe war alleine. Es war seltsam, dass sich nicht viel verĂ€nderte. Da er die ganze Zeit in Stille war, konnte er jetzt nicht mal den Unterschied ausmachen.
Er gĂ€hnte. Er sollte schlafen. Am nĂ€chsten Tag wĂŒrde er mehr Untersuchungen und Therapien ĂŒber sich ergehen lassen. Aber nach der Erfahrung zu schlafen fiel ihm auch schwer. Zu Hause hĂ€tte er sich vielleicht Meeresrauschen oder RegengerĂ€usche angemacht, aber auch das ging jetzt nicht mehr. Vielleicht wĂŒrde er nie wieder etwas hören.
Etwa 16 Stunden zuvor:
FĂŒr Schalavsky hatte dieser Tag wie so viele angefangen. FrĂŒhstĂŒck, (dass aus einer Tasse Kaffee bestand), Fahrt zur Arbeit, (die ihn den Glauben an die Menschheit kostete), Eintreffen im PrĂ€sidium (ein weiterer Kaffee), sich bei Salah darĂŒber beschweren, dass Wespe beinahe zu spĂ€t war (nur um dann festzustellen, dass Wespe scheinbar privat Ermittlungen angestellt hatte). Aber natĂŒrlich wĂŒrde der Tag nicht wie so viele andere enden.
âWir hatten doch letztens diesen Einbruch bei dem Chemikalienhersteller.â, sagte Wespe aufgeregt und kaute einen knusprigen Toast herum. âMhm, und ich habe erfahren, dass es DiebstĂ€hle in einem Baumarkt gegeben hat.â
Schalavsky beobachtete missbilligend die fallenden KrĂŒmmel: âUnd?â
âSehen Sie nicht die Sachen, die gestohlen wurden?â, fragte Wespe und hielt ihn demonstrativ die Liste hin.
Schalavsky blickte auf die Liste, die lauter Wörter hatte, die er nicht aussprechen konnte: âIch sehe sie...â
âHimmel noch mal!â, rief Bienert und warf die Arme in die Luft. âTamina! Siehst du es?â
âDass du mal wieder zu wenig Schlaf hattest?â, fragte Tamina und klaute Wespes halbes Toast aus der Hand. âJa, sehe ich.â
âIhr beide habt im Chemieunterricht nicht aufgepasst.â, beschwerte sich Wespe Ă€rgerlich. Schalavsky könnte dem nicht wieder sprechen. Von Chemie verstand er nur rudimentĂ€re AblĂ€ufe. âDas hier sind die Grundbausteine fĂŒr eine Bombe.â Schalavsky richtete sich auf. Tamina fiel fast das Toast aus dem Mund: âIm Ernst?â
âJaha!â
âWie groĂ sprechen wir hier?â, fragte Schalavsky.
Wespe kratzte sich in Nacken: âMit den Materialien und der richtigen Zusammensetzung kann es bestimmt ein Mehrfamilienhaus platt machen. Wenn allerdings noch mehr besorgt wurde, dessen Spuren wir noch nicht gefunden haben...â Wespe machte ein unglĂŒckliches Gesicht. âBig Boom.â
âWir mĂŒssen schnell was unternehmen.â, sagte Tamina.
âIm besten Fall finden wir die Bombenwerkstatt, aber wie wir das machen ist eine andere Frage.â, sagte Wespe.
âWie haben Sie ĂŒberhaupt das hier gefunden?â, fragte Schalavsky. Wespe machte eine beilĂ€ufige Handbewegung. âSeit ich den zweiten Einbruch bearbeitet habe, hat irgendwas in meinem Hinterkopf geklingelt. Ich hab aber eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich an dem âZufallâ störe, dass genau diese Komponenten zur fast gleiche Zeit gestohlen wurden.â
âBeeindruckend.â, sagte Schalavsky aufrichtig. Bienert lachte ĂŒberrascht auf, als wĂŒsste er nicht, ob er das Kompliment annehmen sollte oder nicht: âIch werde mich mal ein bisschen umhören. Vielleicht weiĂ jemand von meinen Bekannten was."
Bienerts Bekannte waren die Kriminellen, die ihn genug mochten, um sich an ihn mit Problemen zu wenden und im Gegenzug auch halfen wenn er ein Anliegen hatte. Schalavsky hieĂ das nicht gut aber er kannte Wespe mittlerweile genug, um zu wissen, dass er niemanden aus falsch geleiteten GefĂŒhlen der Verbundenheit laufen lieĂ.
âGut.â Schalavsky seufzte. âIch werde mal die höheren Instanzen anklingeln, dass wir vielleicht bald ein BombenrĂ€umkommando brauchen.â
Es war gegen Mittag, als sich Wespe sich seine Jacke ĂŒber schmiss und ankĂŒndigte, dass er mit jemanden reden wollte.
Schalavsky hatte ein schlechtes GefĂŒhl bei der Sache und fragte, ob er mitkommen sollte, aber Bienert winkte ab. Erstmal mĂŒsse er nur mit einer Topfpflanze reden. Es war dann schon Nachmittags, als Schalavsky einen Anruf bekam in dem Wespe angespannter klang. Er hatte einen Tipp zu einem GebĂ€ude bekommen und wollte dem nachgehen.
Schalavsky hatte ihm noch gesagt, dass er warten sollte und ohne Durchsuchungsbefehl ohnehin nicht in ein privates GebĂ€ude eindringen durfte, aber er kannte seinen Kollegen zu gut, um zu glauben, dass das Bienert tatsĂ€chlich aufhalten wĂŒrde. Dennoch hatte er sich eilig aufgemacht zu der mitgeteilten Adresse.
Er war nicht mehr weit entfernt, als er den Knall hörte und einen Moment spĂ€ter spĂŒre, wie sein Auto durchgeschĂŒttelt wurde, als wĂ€re plötzlich eine Sturmfront an ihm vorbeigezogen.
Schalavsky suchte die Skyline ab und erkannte wo in der Ferne Rauch aufstieg.
Kurz darauf kam die Ansage von der Zentrale: âExplosion im Industriegebiet beim Westbahnhof. Möglicherweise Beamter Vorort verletzt.â
Schalavsky trat das Gaspedal durch, als noch die weiteren Anweisungen gefunkt wurden und stellte das Blaulicht aufs Dach. So schnell wie er könnte, aber ohne andere allzu sehr Verkehrsteilnehmer zu gefÀhrden, fuhr er zu dem Ort, den Wespe ihm genannt hatte. Hinter ihm tauchte die Feuerwehr mit dem gleichen Ziel auf.
Schalavsky sah die RauchsĂ€ule nun dunkler und dichter ĂŒber den DĂ€chern der Millionenstadt aufsteigen. Drei endlose Minuten spĂ€ter sah er das Flackern und dann das brennende GebĂ€ude. Er lenkte seinen Wagen ĂŒber die entgegen kommende Fahrbahn und parkte auf dem weitlĂ€ufigen Vorplatz einer der alten Fabriken, damit er der Feuerwehr nicht im Weg stand. Dann sprangt er aus dem Auto und lief die StraĂe weiter runter. Der Boden war mit Geröll ĂŒbersĂ€t und er musste aufpassen nicht zu stolpern, aber sein Ziel hatte er schon gesehen. Bienerts Wagen stand halb auf der StraĂe mit zerbrochenen Fenstern und offensichtlich von der Druckwelle aus seiner Parkposition geschoben. Der Wagen war leer.
Schalavsky sah sich um und erkannte einige Meter weiter eine Gestalt deren schwarz gelbes Shirt und auffĂ€llige Lederjacke, die so wirkte als hĂ€tte sich ein Kleinkind darauf in Graffiti geĂŒbt, er immer erkannt hĂ€tte. Schalavsky rannte die letzten Meter im Sprint und kam schlitternd zum Stehen. Noch war kein Rettungswagen da, obwohl er auch angefordert worden war. Schalavsky war sich unsicher, ob er Wespe anfassen konnte. Wenn die Explosion sein RĂŒckgrat verletzt hĂ€tte, könnte eine falsche Bewegung ihn umbringen. Wenn er denn noch lebte. Schalavsky presste seine Finger an Wespes Hals und spĂŒrte einen schnellen Puls.
Dann rĂŒhrte sich Wespe. Er bewegte Arme und Beine, aber schaffte es nicht sich herumzudrehen. Wenn er sich noch bewegen kommt, war er wenigstens nicht schwerwiegend am RĂŒckgrat verletzt, dachte/hoffte Schalavsky und packte Wespes Schulter, um ihn herumzuziehen. Wespe stieĂ einen schmerzverzerrten Fluch aus und sah ihm verwirrt an. Blut tropfte aus seinen Haare. Blut war auch unter ihm im sandigen Kiesboden, der in diesem Gebiet die FuĂwege und VorplĂ€tze darstellte.
Schalavsky brĂŒllte nach einem Notarzt. Wespe versuchte tiefer einzuatmen und begann zu Husten, was kein Wunder war bei dem Staub, der in der Luft hing. Schalavsky selbst spĂŒrte schon das GefĂŒhl von Sand und Staub auf der Haut.
âBienert, wie geht es Ihnen?â Wespe reagierte nicht. âWissen Sie, wo Sie sind? Oder wer Sie sind?â
Es kam keine wirkliche Antwort, auĂer dass Wespe plötzlich sich zusammen krĂŒmmte und die HĂ€nde zu den Ohren zog: âScheiĂe!â
Der Knall, dachte sich Schalavsky, Bienert hatte den Knall aus nÀchster NÀhe erlebt. Schalavsky sank auf seine Knie und griff nach den HÀnden seines Kollegen. Wespe hob seinen Blick wieder.
âDer Notarzt ist schon verstĂ€ndigt.â, versuchte Schalavsky ihn zu beruhigen. Dieses Mal bekam er eine Antwort und sie lieĂ ihn eiskalt werden: âIch höre Sie nicht.â
âWas?â, fragte Schalavsky und sah Wespe suchend an. Da waren Blutspuren an seinen Ohren. Mindestens geplatzte Trommelfelle.
âWirklich nicht.â, sagte Bienert kopfschĂŒttelnd. Schalavsky betrachtete seinen Kollegen und versuchte nachzudenken, was er mit einem Kollegen machte, mit dem er nicht mehr reden konnte. Dann erinnerte er sich an eine der wenigen GebĂ€rden, die er konnte. Verletzung. Schalavskys Kenntnisse in der GebĂ€rdensprache reichten gerade mal, um sich mit Vornamen vorzustellen und als Polizist auszuweisen und nach Verletzungen zu fragen. Bienert konnte wohl noch etwas mehr, weil sein letzter Kurs nicht so lange her war, wie Schalavskys. Er hoffte nur, dass Bienert aufgepasst hatte.
âOb ich verletzt bin?â, riet Wespe und Schalavsky war etwas genervt, dass er verletzt war, verriet das Blut.
âOh⊠Ja. Wie sehr ich verletzt bin?â, verstand Wespe nun und seufzte: âĂhm, meine Ohren⊠offensichtlich. Rede ich zu laut?â TatsĂ€chlich sprach Wespe unnatĂŒrlich laut, aber das war verstĂ€ndlich, wenn er sich selbst nicht mehr korrigieren konnte. Dennoch war die nĂ€chste Aussage ruhiger: âIch habe ein paar Roadburns. Ich glaube, es ist nicht gebrochen, aber trotzdem tut mir alles weh.â Bienert HĂ€nde waren blutig von der StraĂe und seine Hose hatte es auch an einigen Stellen zerfetzt, wenigstens die Lederjacke hatte ihn ein bisschen vor dem harten Grund geschĂŒtzt. Allerdings begann nun Blut auch aus Wespes Nase zu laufen. Schalavsky griff schnell ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es ihm unter die Nase. Wespe griff danach und schien erst beim Anblick des Blutes zu verstehen, dass seine Nase blutete: âFuck.â
âWas ist passiert?â, fragte Wespe wĂ€hrend, er sich das Tuch unter die Nase drĂŒckte. Schalavsky deutete auf das brennende GebĂ€ude, dass auch bisher Hitze abstrahlte. Als er wieder angesehen wurde mimte Schalavsky eine Explosion.
âOh Shit.â, sagte Wespe beeindruckt und erschrocken, als er verstand. âWarâs eine Bombe?â Schalavsky wusste das nicht mit Sicherheit und versuche Wespe verstehen zu geben, dass er der erste vor Ort gewesen war.
NatĂŒrlich reichte das Wespe nicht, er wollte auch noch wissen, ob er der Einzige war, der im Gefahrenradius war. Das wusste Schalavsky auch nicht mit Sicherheit. Es wahr kein bewohntes GebĂ€ude, so viel war sicher. Aber ob sich jemand trotzdem innerhalb des GebĂ€udes befunden hat, war schwer zu sagen.
Schalavsky stand mit protestierenden Knien auf (er war zuvor etwas zu schnell auf die Knie gefallen, sonst war er noch ganz gut in Schuss, dankeschön) und bot Wespe eine Hand zum hoch helfen an. Wespe hob den Arm aber hielt seine verletzte Hand lieber geschlossen, also packte Schalavsky seinen Unterarm und zog ihn hoch.
âVerdammt.â, raunte Wespe und presste die frei Hand vor den Mund. âUhhh, mir ist schwindelig. Oh man, ich glaub mir wird schlecht.â
Schalavsky griff ihn an den Schultern, um ihn zu stabilisieren: âEntschuldigung, ich hĂ€tte mir denken können, dass du keinen Gleichgewichtssinn mehr hast.â Er bekam keine Antwort, nur angestrengtes Atmen und einige FlĂŒche, bis Bienert sich vorsichtig aufrichtete, weil er nicht mehr der Meinung war sich jeden Moment zu ĂŒbergeben.
Schalavsky nickte zum Auto und sein Vorschlag wurde angenommen. Auf dem Beifahrersitz konnte Bienert wenigstens bequem abwarten, bis ein Notarzt endlich da war. Schalavsky sah sich besorgt um. Kollegen von der Verkehrspolizei hatten das Gebiet gesperrt, wahrscheinlich war bereits die halbe Stadt in Panik verfallen und der Verkehr zu verstopft, dass er Rettungswagen extra lange brauchte.
Als Schalavsky endlich sah, dass der Rettungswagen kam, winkte er mit beiden Armen, um sie direkt zu ihm zu lotsen.
Einer der SanitÀter sprang aus dem Wagen und kam auf Schalavsky zu.
âEr war direkt vor dem Haus, als die Explosion passierte. Er ist bei Bewusstsein und konnte hier rĂŒber laufen. Aber er hört wohl nichts.â, erklĂ€rte Schalavsky.
Der SanitĂ€ter nickte und kniete sich vor in die offene BeifahrertĂŒr. Er sprach Wespe laut an, aber es kam keine Reaktion. Erst als er Wespe aufs Bein klopfte schreckte, dieser hoch und zog die FĂ€uste in einer Verteidigungsposition. Der SanitĂ€ter hob die HĂ€nde: âHey, hey, ganz ruhig. Ich bin vom Rettungsdienst und will Ihnen helfen.â
âEr ist Polizist und verletzt. Wenn Sie ihn erschrecken, wird er natĂŒrlich versuchen sich zu verteidigen.â, sagte Schalavsky missbilligend.
âOkay.â, sagte der SanitĂ€ter ruhig. âVersuchen wir es nochmal. Was tut Ihnen weh?â
âWas?â, erwiderte Wespe.
âIch werde mir einmal Ihren Kopf ansehen.â, erklĂ€rte der SanitĂ€ter ruhig.
âWas?â, fragte Wespe etwas ungeduldiger.
Der SanitĂ€ter blieb ruhig: âIch möchte mir ansehen woher das Bl-â
Wespe unterbrach ihn: âHimmel nochmal, ich kann nichts hören!â
Schalavsky verdrehte die Augen und bemerkte, dass nun der zweite SanitÀter mit der Liege aufgetaucht war. Der erste SanitÀter stand auf und deutete auf die Liege. Immerhin hatte er nun verstanden, wie er sich mit Bienert verstÀndigen konnte.
Als Bienert nun aber Widerworte gab sah Schalavsky ihn streng an. DafĂŒr hatten sie nun wirklich keine Zeit. Bienert erkannte, dass es keinen Sinn hatte und stand schwerfĂ€llig aus dem Auto auf. Als der SanitĂ€ter sah, wie sehr er dabei schwankte, hielt er ihn sofort fest und sorgte dafĂŒr, dass er sicher auf die Liege kam. Der zweite SanitĂ€ter griff bereits nach Wespes Gesicht und sah ihm mit einer kleinen Stablampe in die Augen: âWas tut Ihnen weh?â
Wespe sah ihn und dann den anderen nachdenklich an. SchlieĂlich blickte er zu Schalavsky. Schalavsky verstand, dass Wespe es schwerer fiel bei den beiden professionellen Fremden zu erraten, was sie wollten. Er entschied sich einzuschreiten und machte erneut die GebĂ€rde fĂŒr Verletzung.
Sobald er verstand, erklĂ€rte Wespe, was ihm wehtat und die Sanis machten sich daran ihn ins Auto zu verfrachten und zu verkabeln. Schalavsky sagte zu ihnen: âIch werde mit Ihnen mitkommen. Geben Sie mir nur eine Sekunde.â
Schalavsky zog den SchlĂŒssel vom Auto ab, schloss die offenen TĂŒren und verschloss sie. Dann joggte er zu der nĂ€chsten Absperrung, wo Kollegen von der Verkehrspolizei eine Sperre errichtet haben.
âHey, ich bin Schalavsky vom City Revier 1. Mein Partner ist derjenige, der verletzt wurde und ich werde jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahren. Könnten Sie sich darum kĂŒmmern, dass jemand mein Auto zum PrĂ€sidium fĂ€hrt und dort den SchlĂŒssel abgibt? Sie können ansonsten auch Kommissar Glockner deswegen informieren, vielleicht schickt er dann jemanden her.â
Der Verkehrspolizist hatte einen harten Ausdruck, und nickte gehorsam. Er fĂŒhlte wohl so was wie MitgefĂŒhl, dass Schalavsky Partner im Dienst verletzt worden war. âIch kĂŒmmere mich darum.â
âDanke.â, sagte Schalavsky und joggte zurĂŒck zum Rettungswagen. Er kletterte hinein und sah, dass sich Wespes Gesichtsausdruck aufhellte, offensichtlich freute er sich, dass Schalavsky hier war. Schalavsky klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und setzte sich so hin, dass er den SanitĂ€tern nicht im Weg war.
Im Krankenhaus blieb Schalavsky an Bienerts Seite, wĂ€hrend allen Untersuchungen. Damit machte er sich nicht besonders beliebt, aber der HNO-Arzt hatte am meisten VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass ein Patient in dieser Situation gerne eine vertraute Person bei sich haben möchte. Der Unfallchirurg hingegen fand Schalavsky nicht gut.
âSie können jetzt gehen.â, sagte der Arzt. âViel können Sie hier ohnehin nicht mehr tun.â
Schalavsky verschrĂ€nkte die Arme und nickte zu Wespe: âIch werde nicht gehen, bevor er mir nicht sagt, dass ich gehen soll.â Der Art sah unzufrieden aus und kritzelte etwas auf einen Zettel. Wespe wurde der Zettel hingehalten.
âMannomann. Das kann ja keiner lesen!â, stellte Wespe erstaunt fest. Schalavsky klopfte gegen Wespes Schulter. Als Wespe ihn ansah zeigte er auf den Arzt, dann auf sich selbst und auf die TĂŒr.
âEr will, dass Sie gehen?â, fragte Wespe. âWarum? Es wĂ€re mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.â Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und drehte sich zum Arzt: âWie sie sehen, möchte er, dass ich hier bleibe!â
Der Arzt schien einen anderen Plan zu hegen: âGut, sobald wir ihn aber auf die Intensivstation legen, dĂŒrfen nur noch Angehörige zu ihm... keine Kollegen.â
Schalavsky machte der Job zu lange, um nicht im Angesicht von Arschlöchern ruhig zu bleiben und schnell mit einem Bluff bei der Hand zu sein: âWie gut, dass ich sein Verlobter bin.â Schalavsky ging ganz stark davon aus das der Unsinn mit den Angehörigen erlogen war und daher hatte er kein Problem auch zu lĂŒgen.
Der Arzt sah zwischen ihnen umher. Wespe sah nachdenklich zurĂŒck, als wĂŒrde er erraten wollen worum es ging.
Schalavsky hockte sich vor ihm hin und zwinkerte ihm auffĂ€llig zu: âMach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir.â Wespe lĂ€chelte und nickte, obwohl er noch nicht ganz verstand was los war. Als Schalavsky wieder aufstand, kĂŒsste er Wespes Stirn und der schaffte es haarscharf nicht seinen Shit zu verlieren.
âStimmt was nicht?â Wespe wusste, dass etwas nicht stimmen konnte, weil er gerade von Schalavsky gekĂŒsst worden war. Aber Wespe wĂ€re auch fĂŒr seinen Job ungeeignet gewesen, wenn er nicht die deutliche Anspannung gesehen hĂ€tte, die zwischen den Arzt und Schalavsky herrschte. Und man mochte eine Menge ĂŒber Wespe sagen, aber ein schlechter Polizist war er nicht. âDu siehst besorgt aus.â
Schalavsky nickte leicht, aber legte eine Hand auf Wespe Schulter: âEs wird alles wieder gut."
Wespe seufzte erleichtert und legte sein Wange gegen Schalavsky Arm in einer oscarreifen Performance. Schalavsky dachte gerade, fĂŒr den Moment waren sie in einer guten Situation, als er bemerkte, dass Wespe nicht richtig Atmete. Schalavsky versuchte erst mit sanften Kreisen auf seiner Brust ihn zu beruhigen, bevor er ihm einen richtig Rhythmus vorgab, an dem sich Wespe orientieren konnte.
Nach dem der Unfallchirurg, kam noch der Dermatologe, der zum GlĂŒck entspannt war und die Psychiaterin, die um diese Zeit eigentlich bestimmt keine Schicht mehr hatte. Vielleicht hĂ€tte sie mit der Panikattacke besser helfen können, aber nicht ohne ein Möglichkeit richtig zu kommunizieren.
Knalltrauma, beziehungsweise Explosionstrauma, hieĂ die erwartete Diagnose. Schalavsky hatte immer wieder nachgefragt, wie die Prognose aussah und es stellte sich raus, dass Wespe wie so hĂ€ufig sehr viel GlĂŒck gehabt hatte. Dadurch dass er hinter seinem Auto gestanden hatte, war er vor der Druckwelle gröĂtenteils geschĂŒtzt gewesen, sonst hĂ€tte es schlimmer Enden können. Eine solche Druckwelle fĂŒhrte zu Rupturen und Kontusionen und im schlimmeren FĂ€llen zu inneren Blutungen. Bienerts schlimmste Verletzung schien sein Gehör zu sein. Die aufgeschĂŒrfte Haut und Platzwunde am Kopf, waren keine groĂen Probleme. Selbst vor den Splittern, war er gröĂtenteils geschĂŒtzt gewesen.
Das rechte Ohr war mehr betroffen gewesen als das linke, wahrscheinlich weil Wespe seitlich zum GebĂ€ude gestanden hatte. Allerdings hatten beide Ohren gerissene Trommelfelle und waren nun zum Schutz abgedeckt. Wespe wurde an Infusionen gehĂ€ngt und möglicherweise wĂŒrde man ihm am nĂ€chtens Tag operieren.
Es hatte einige Stunden gedauert, bis sie endlich in einem Einzelzimmer gebracht wurde, das fĂŒr die nĂ€chsten Wochen Wespes neue Heimat sein wĂŒrde. Schalavsky hatte dafĂŒr gesorgt, dass es ein Einzelzimmer war, weil sie noch nicht wussten, ob die Bombe ein gezielter Anschlag auf Bienert gewesen war, weil er vielleicht zu viel heraus gefunden hatte. Abgesehen davon, hielt der HNO-Arzt es auch besser ihn in einer möglichst ruhigen Umgebung zu halten. Schalavsky zog den Stuhl nĂ€her, sodass er neben dem FuĂende des Bettes stand und ihn anblickte. Er hatte bemerkt, dass Wespe sprunghaft war, wenn jemand ihn plötzlich berĂŒhrte, ohne dass er ihn vorher sehen konnte. Deswegen blieb Schalavsky nĂ€her bei Wespe, damit er ihn in seiner NĂ€he spĂŒren konnte, auch wenn er sich nicht in dessen Sichtlinie befand. Und das schien Wespe zu beruhigen. Dort beim FuĂende, hatte Wespe ihn die ganze Zeit im Blick, und wenn er seine Aufmerksamkeit erregen wollte, konnte er ihn gegen ein Bein klopfen.
âKönnen Sie ran gehen?â, fragte Wespe plötzlich und Schalavsky sah von seinem eigenen Handy auf und sah dass Wespe ihm seines reichte. Tamina rief an.
âSchalavsky hier.â
âWa-warum gehen Sie an Wespes Handy?â, fragte Tamina und Besorgnis tropfte durch ihre Stimme.
âWeil sich unser lieber Kollege dachte, er sieht sich mal eine Explosion vom Nahem an.â Schalavsky bemerkte Bienerts interessierten Blick und begann zu zeigen ĂŒber was er sprach. âEr hört aktuell nichts mehr. Wir mĂŒssen schauen, wie lange das anhĂ€lt.â
âOh, richten Sie ihm Gute Besserung aus.â, sagte Tamina und Schalavsky versuchte das symbolisch rĂŒberzubringen.
âDanke.â, sagte Wespe erfreut.
Tamina seufzte: âEs tut gut seine Stimme zu hören. Können Sie ihn bitten zu erzĂ€hlen, was passiert ist?â
âIch versuche es.â Schalavsky legte das Hand auf Lautsprecher geschaltet (aber sehr leise eingestellt) auf Bienerts Bauch und deutete ihm an zu reden.
Wespe verstand und begann seine Ermittlungsarbeit wiederzugeben. Selbst in diesem Zustand brachte man ihn nur mit einem bösen Blick wieder zum Schweigen, aber Tamina wollte auch noch was sagen. âWarten Sie, ich schick ihm einfach meine Frage. Hast⊠du⊠gesehen⊠wer die⊠Bombe⊠gezĂŒndet... hat. Fragezeichen.â
Wespe antwortet und es war definitiv die bessere Version eine Konversation zu fĂŒhren, als mit HĂ€nden und FĂŒĂen zu gestikulieren. Aber Schalavsky war bei weitem nicht so schnell dabei auf seinem Handy Nachrichten zu schreiben wie die jĂŒngere Generation.
,Du hast echt mehr GlĂŒck als Verstand.â, schickte Tamina zum Ende ihres GesprĂ€chs.
âBei dem bisschen Verstand, wĂ€re weniger auch schwer möglich.â, murmelte Schalavsky und Tamina kicherte. Wespe sah das sofort und fragte nach, ob er gerade veralbert wurde, was Schalavsky mit einem ehrlichen Nicken bejahte.
Nach der seltsamen Kommunikation, war Bienert nachdenkliche, scheinbar schien er zu ĂŒberlegen ob er irgendwas vergessen hatte oder eine Schlussfolgerung ziehen konnte. Erfolgreich war er dabei scheinbar nicht, denn ab und zu murmelte er einen Fluch vor sich hin. Schalavsky war sich nicht sicher, ob er sich darĂŒber im Klaren war, dass er immer wieder fluchte. Er schien das fast beilĂ€ufig zu machen.
Wespe ging dazu ĂŒber mit seinem Handy zu spielen und auf einmal summte er. Schalavsky beobachtete ihn interessiert. Bienert konnte sich zwar nicht hören, aber dennoch summte er eine Melodie leise vor sich hin.
Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Schalavsky ihn unentwegt ansah. Schalavsky hob amĂŒsiert eine Augenbraue und Wespe sah fragend zurĂŒck. Offenbar hatte er wirklich nicht bemerkt, dass er summte. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Finger gegen Wespes Hals. Das Summen verstummte. âSorry hab ich gar nicht bemerkt.â
âIhr Spitzname passt zu Ihnen.â, sagte Schalavsky sanft.
Wespe verdrehte ĂŒbertrieben die Augen: âJaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.â Schalavsky lachte leicht auf. Wenigstens kannte Bienert seine SchwĂ€chen. Dann verflog dieser leichte Moment. Bienert Gesichtsausdruck wurde auf eine Weise besorgt, die Schalavsky nicht mochte. Aber wer konnte ihm das verĂŒbeln? Er lag hier im Krankenhaus und wusste nicht, ob er gerade einen seiner wichtigsten Sinne eingebĂŒĂt hatte. Selbst wenn sein Gehör sich wieder besserte, bestand das Risiko so viel Schaden davon getragen zu haben, dass er seine Arbeit nicht mehr ausfĂŒhren könnte. Schalavsky mochte nicht daran denken. Endlich hatte er Bienert so weit ein brauchbarer Partner zu sein und sich mit ihm verstĂ€ndigen zu können und da könnte das alles schon wieder vorbei sein?
Aber anstatt ĂŒber mögliche Sorgen zu sprechen, zeigte Wespe ihm ein Bild von der Bombe, das er scheinbar nur Minuten vor der Explosion gemacht hatte. Das war sehr gut fĂŒr die Ermittlungen. Schalavsky lieĂ sich das Bild schicken und mache sich dann daran Glockner zu informieren und das Bild an die zustĂ€ndigen Stellen weiterzuleiten. Bienert entschied sich dafĂŒr etwas Schlaf zu bekommen.
Er schien nicht besonders schnell Schlaf finden zu können und wenn er einnickte, war er kurz darauf wieder wach. Schwierig nach so einem Trauma Schlaf zu finden.
Die TĂŒr öffnete sich und Glockner kam ins Krankenzimmer.
âHey, Kommissar Glockner,â, sagte Wespe und klang hellwach. Selbst ohne sein Gehör war er immer noch sehr aufmerksam.
âHallo Wespe, wie geht es Ihnen?â, fragte Kommissar Glockner.
âEr hört nichts mehr.â, sagte Schalavsky. âEs wird sich in den nĂ€chsten Tagen zeigen, wie sich das entwickelt.â Schalavsky erzĂ€hlte was sie bis hierher wussten.
Als er fertig war fragte Wespe: âWarum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige, der ihnen in die Quere kam.â SelbstverstĂ€ndlich musste Bienert sogar in diesem Zustand erkennen, dass ein Beamter in Uniform vor der TĂŒr stand.
âSie haben das zu seiner Sicherheit angeordnet?â, fragte Glockner. Schalavsky nickte und machte eine Geste mit beiden FĂ€usten, die Sicherheit bedeutete.
âGut, dann mach ich mich jetzt auf den Weg.â, sagte Glockner und winkte Wespe zu.
âNehmen Sie ihn endlich mit?â Wespe deutete auf Schalavsky. âEr sollte auch etwas Schlaf bekommen.â
âEr hat recht. Kommen Sie mit, Kollege.â, sagte Glockner freundlich. âIch fahre Sie nach Hause.â
âAber ich sollte Bienert nicht alleine lassen.â, sagte Schalavsky besorgt.
âDas ehrt Sie, Herr Kollege, aber wenn Sie hier auf dem Stuhl schlafen, gehtâs Ihnen morgen schlechter als ihm.â, sagte Glockner neckend.
Schalavsky wollte nochmal widersprechen aber Glockner hielt ihn auf: âSie können morgen wieder herkommen.â
Schalavsky gab sich geschlagen. Er nahm seine Jacke vom Stuhl und klopfte Bienert auf das Bein zum Abschied.
âGute Nacht noch. Und danke.â, sagte Wespe. Schalavsky nickte ihm lĂ€chelnd zu und schaltete beim Rausgehen das Deckenlicht aus, sodass Wespe nur noch das Leselicht ĂŒber seinem Bett hatte.
Als die TĂŒr sich schloss, schaltete Wespe auch das Licht an seinem Bett aus. Er versuchte zu schlafen. Irgendwie. Die Gedanken auszublenden, die sich mit einem möglichen permanenten Hörverlust beschĂ€ftigten und die absolute Stille ignorieren, die ihn langsam nervös machte. Es war selten, dass Wespe wirklich nicht schlafen konnte, aber dann machte er sich ein Hörbuch an, oder RegengerĂ€usche. Das ging nun nicht.
âFuck!â, sagte Wespe in den leeren Raum und hasste es, dass er nicht mal das hören konnte.
Schalavsky hatte eine kurze Nacht. Mit Sicherheit hĂ€tte er auch spĂ€ter zur Arbeit kommen können als sonst, aber nach fĂŒnf Stunden unruhigem Schlafs war er wieder wach und konnte genau so gut zur Arbeit kommen. Das er das heute auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tun musste, störte ihn immens.
Dementsprechend verzweifelt sah Schalavsky die Kaffeemaschine im Pausenraum an, die heute entschieden hatte in den Streik zu gehen.
âGuten Morgen!â, rief Tamina zu glĂŒcklich. Schalavsky grummelte ein leises âMorgen.â und wunderte sich, warum er den Geruch von Kaffee halluzinierte. Als er sich umdrehte, stand da Tamina mit vier groĂen Kaffeebechern in einer Hand. Sie zog einen aus der Transportpappe und reichte ihn Schalavsky: âIch dachte mir schon, dass Sie dringend einen brauchen. Wie gehtâs Ihnen?â
âOkayâŠ?â, antwortete Schalavsky verwirrt. âMir ist ja nichts passiert.â
Tamina warf ihm einen ihrer nachdenklichen Blicke zu. Schalavsky war sich sicher, dass sie mit diesem Blick versuchte herauszufinden, ob einer ihrer Kollegen wirklich so doof war, wie er/sie sich stellte. Bienert und er bekamen diese Blicke regelmĂ€Ăig ab.
âSie haben gesehen, wie ein Kollege ernsthaft verletzt wurde und haben sich die ganze Zeit um ihn gekĂŒmmert. Das kann einen auch mitnehmen.â
Schalavsky nickte: âJa⊠ich⊠ich hab schlecht geschlafen, aber ich komme klar.â
âOkay.â, sagte Tamina. âIch hab heute morgen schon mit Wespe getextet. Ihm gehtâs soweit gut. Sie wollen ihn heute Vormittag noch operieren, weil auf seinem rechten Ohr das Trommelfell zu sehr gerissen ist.â Schalavsky nickte verstehend.
âHeute Nachmittag können wir ihn besuchen, wenn Sie möchten.â, sagte Tamina. Schalavsky nickte dankbar. FĂŒr den Moment musste er sich zusammenreiĂen. Er musste den Mistkerl finden, der die Bombe gebaut hatte.
âIch habe die Beweise, der EinbrĂŒche mit nochmal angesehen und ein paar VerdĂ€chtige, denen wir auf den Zahn fĂŒhlen können.â, sagte Tamina. âDie Spurensicherung ist noch nicht besonders weit.â Schalavsky trank einen Schluck Kaffee: âSehr gut, lassen Sie uns loslegen.â
âFuck.â Wespe schloss das verlorene Snake-Game auf seinem Handy. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er hatte die Operation hinter sich, aber er sollte noch nicht viel herum laufen. Also war er brav in seinem Bett, zurĂŒck gelehnt, aber nicht flach liegend, weil er auch das nicht durfte und zĂ€hlte die Deckenpaneele und ĂŒberlegte, ob die Fenster den Regularien entsprachen, schĂ€tzte den InfusionsstĂ€nder auf seine Funktion als mögliche Mordwaffe ein und begann seine Augen absichtlich zu akkommodieren und die gegenĂŒberliegende Wand scharf und unscharf zu stellen. Mit anderen Worten, er war wahnsinnig gelangweilt und etwa eine dreiviertel Stunde davon entfernt sich mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo zu stechen.
Zu seiner Rettung kamen seine Kollegen.
âHallo!â, sagte Wespe erfreut.
âHey, Wespe.â, sagte Tamina lĂ€chelnd.
âHallo.â, sagte Schalavsky zurĂŒckhaltender.
Wespe schmunzelte: âIch war selten so froh Ihre Stimme zu hören.â Schalavsky sah ihn ĂŒberrascht an: âSie können wieder hören?â
Bienert wog eine Hand hin und her: âBisschen ja. Ist alles noch sehr wattig und ich hab konstantes Piepsen, aber immerhin höre ich ein bisschen.â
Tamina stemmte die HĂ€nde in die HĂŒften: âMoment mal, ĂŒber meine Stimme freust du dich nicht?â
âDu bist wie ne kleine nervige Schwester.â, gab Wespe sofort zurĂŒck: âOhne deine Stimme hĂ€tte ich noch ein paar Tage verkraftet.â
Tamina lachte auf: âSehr frech.â
âWie gehtâs Ihnen?â, fragte Schalavsky. Bienert verzog ein wenig das Gesicht: âUnkraut vergeht nicht und so. Es hilft aber auch, dass sie mir die guten Drogen geben.â Wespe zwinkerte Schalavsky zu.
âWow. Das ist ja schlimm.â, stellte Tamina fest. âIch cringe mich weg. Wie lange musst du noch hierblieben?â
âEin paar Tage wohl noch.â, sagte Wespe. âIrgendwie machen Explosion die Leute nervös. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, aber manche haben einfach dĂŒnne NervenkostĂŒme.â
Tamina lachte auf. Sie war sich bewusst, dass Wespe sie nicht besorgt oder traurig sehen wollte und aus diesem Grund absichtlich sich selbst unbeschwerter darstellte. âIch dachte, ich fahre bei dir vorbei und hole dir deine Sache. Willst du irgendwas bestimmtes?â
âBitte bring mir ein paar BĂŒcher.â, bat Wespe aufrichtig. âMir ist sooo langweilig.â
âSonst noch was?â, fragte Tamina.
âNur meine Reisetasche fĂŒr NotfĂ€lle.â, sagte Wespe. Tamina nickte: âAlles klar, ich bin bald wieder da.â Tamina verlieĂ den Raum und lieĂ Schalavsky und Wespe alleine.
âEs freut mich, dass es dir besser geht.â, sagte Schalavsky und setzte sich an auf den Besucherstuhl. Wespe nickte: âIch auch⊠hören Sie, vielen Dank fĂŒr alles. Das Sie gestern bei mir waren, hat das Ganze so viel ertrĂ€glicher gemacht. Und mich vor mehreren Panikattacken bewahrt.â
Schalavsky schĂŒttelte leicht den Kopf: âDu musst sich nicht bedanken.â
âOh doch.â, sagte Wespe. âAls die Bombe hoch ging, dachte ich wirklichâŠ.. das warâs jetzt. Und ich war mir danach noch nicht sicher, ob es nicht doch noch zu Ende gehen könnte mit mir. Aber Sie waren da, die ganze Zeit. Und ganz ehrlich⊠ich weiĂ nicht, wie ich das ohne Sie geschafft hĂ€tte.â Wespe zwang sich zu einem langsamen Durchatmen, um die TrĂ€nen zurĂŒckzuhalten.
Schalavsky griff nach seiner Hand: âHey⊠du hast das ganz alleine geschafft. Ich war nur dafĂŒr da, ein paar Fragen zu beantworten.â Wespe lachte schwach auf, als nun doch die TrĂ€nen ĂŒber seine Wangen rollten, er schĂŒttelte den Kopf: âDu bist immer fĂŒr mich da, wenn ich jemanden brauche. Als einziger.â
Schalavsky lĂ€chelte traurig und setzte sich auf Wespes Bettkante. Er griff nach dessen Gesicht und wischte die TrĂ€nen weg: âDu bist so beliebt und du hast so viele, die fĂŒr dich da wĂ€ren. Gestern war schlimm, und du wirst ein bisschen Zeit brauchen um das zu verarbeiten, aber das schaffst du auch.â
Wespe holte zittrig Atmen: âSorry⊠das ist-â
âDas ist okay.â, sagte Schalavsky ruhig und zog ihn in seine Arme. Wespe legte seine Arme um Schalavskys Schultern und hing halb an ihm, als er weiter stockend einatmete und versuchte seine TrĂ€nen zu stoppen.
Schalavsky strich ihm mit einer Hand langsam ĂŒber den RĂŒcken und hatte die andere Hand in seinen Haaren vergraben.
Er lieà Wespe alle Zeit, um wieder zu Ruhe zu kommen und sich langsam aus der Umarmung zu lösen. Als er sich mit einer verbundenen Hand die TrÀnen aus dem fleckigen Gesicht wischte, hielt die andere weiter Schalavskys Hand fest.
âIch versteht jetzt, warum die wollten, dass ich mit einer Psychiaterin rede.â, schniefte Wespe halb scherzend. Schalavsky nickte: âJa. Wobei das nicht deine einzige Option ist.â
Wespe sah ihn fragend an.
âErzĂ€hl deinen Freunden davon.â, sagte Schalavsky aber Wespe verzog das Gesicht, als wolle er das nicht.
âRuf deine Eltern an.â, riet Schalavsky als Alternative.
Wespe machte eine wegwerfende Bewegung: âGeht nicht.â
Schalavsky horchte auf: âWieso?â Hatte er ein FettnĂ€pfchen erwischt? Nein, Bienerts Eltern lebten noch. HĂ€tte er sich deswegen Sonderurlaub genommen, hĂ€tte Schalavsky das mitbekommen.
âDie sind in einem Dschungel ohne Empfang.â, erklĂ€rte Wespe. Schalavsky atmete auf: âNa du hast ja ein GlĂŒck. Du findest hier fast dein Ende und deine Eltern machen Urlaub.â
Wespe schĂŒttelte schwach den Kopf: âQuatsch. Die machen keinen Urlaub. Die leben da.â
âDeine Eltern leben im Dschungel? Ohne Empfang?â, fragte Schalavsky.
âMeistens ohne Empfang.â, gab Wespe zu.
Schalavsky runzelte die Stirn: âDie wissen aber schon, dass du einen gefĂ€hrlichen Beruf hast?â
Wespe nickte: âJa. Schon. Aber sie haben uns so aufgezogen, dass wir unsere Leben eigenstĂ€ndig leben können. Ihr Lebenstraum war es auszuwandern, und als wir groĂ genug waren, haben sie das gemacht.â Schalavsky hatte das GefĂŒhl, das klĂ€rte eine Frage, die er bisher nicht gehabt hatte: âWie alt warst du, als deine Eltern ausgewandert sind.â
âNeunzehn.â, sagte Wespe.
âWann hast du deine Eltern zuletzt gesehen?â, fragte Schalavsky.
âIn einem Videoanruf vor vier Monaten. In Echt? Ăhm⊠dreieinhalb Jahre.â, sagte Wespe und sah ihn amĂŒsiert an: âBist du wirklich ĂŒberrascht, dass meine Eltern alternde Hippies und Globetrotter sind?â
âNein.â, sagte Schalavsky und hĂ€ngte nicht an, dass es ihm darum nicht ging.
Schalavsky dachte an die Dienste, die er zu Weihnachten mit Wespe verbracht hatte und dass Wespe zwar mal einen freien Tag fĂŒr den Geburtstag seinens Bruders genommen hatte, dass er aber nie die Geburtstage seine Eltern gefeiert hatte. Schalavsky fragte sich, ob er so offen mit allen war, weil ihm die nĂ€here Bindung mit seiner Familie fehlte.
Schalavsky tastete sich weiter vor, obwohl er damit sehr persönlich wurde: âUnd warum möchtest du nicht mit deinen Freunden sprechen?â
Wespe verzog das Gesicht: âIch mag es nicht andere traurig zu machen.â Schalavsky sah seinen Kollegen nachdenklich an. Hatte Bienert keine Freunde, an die er sich bei Problemen wandte? Aber gut. Scheinbar hatte Bienert sein gesamtes Erwachsenesleben alleine bewĂ€ltigt. Und auch wenn Schalavsky in dieser Hinsicht nicht anders, war tat es ihm leid, dass Bienert alleine durch all das gegangen war.
âVielleicht solltest du doch mit der Psychiaterin sprechen. Oder generell mit jemanden.â, sagte Schalavsky. Wespe blickte ihn an, als hĂ€tte Schalavsky ihn betrogen: âUnd das von dir.â
âNur weil ich schlechte Gewohnheiten habe, musst du die nicht auch haben.â
âSo schlecht sind deine Gewohnheiten nicht.â, sagte Wespe. âDu bist immer da, wenn man dich braucht.â
Schalavsky nickte: âIch versuche es.â
Wespe sah ihn nun fragend an: âWas war die Nummer mit dem Stirnkuss?â
Schalavsky merkte wie seine Ohren rot wurde: âAh. Das. Die wollten mich raus werfen, aber ich wollte dich nicht alleine nicht lassen. Also habe ich behauptet, ich sei dein Verlobter.â
Wespe lĂ€chelte: âAch so.â Er begann zu lachen: âIch hab wirklich angefangen an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln.â Schalavsky lĂ€chelte, halb aus Humor, halb weil er erleichtert war, dass Wespe es entspannt aufnahm. Wespes Lachen verebbte schnell wieder, als sein Kopf es noch nicht mochte: âUrgh, das sollte ich noch nicht machen.â
âTut noch weh?â, fragte Schalavsky mitfĂŒhlend.
âOh ja.â, sagte Wespe. âDas wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.â
âWeiĂt du schon, wie es weiter geht?â, fragte Schalavsky.
Wespe nickte: âEin paar mal Sauerstofftherapien und wenn das gut anschlĂ€gt, darf ich in ein paar Tagen nach Hause und dann bin ich noch eine Weile krankgeschrieben, bis hoffentlich alles wieder in Ordnung ist.â
Schalavsky nickte: âGlaubst du, du bekommst in deiner WG Ruhe?â
Wespe verzog das Gesicht: âWahrscheinlich nicht. Ich kann ja die Kollegen rufen, wenn die anderen zu laut werden.â
âDie Kollegen werden sich freuen.â, schmunzelte Schalavsky.
âIn der Zwischenzeit muss du dir keine Sorge machen, dass jemand wieder die Dienstvorschriften verletzt.â, sagte Wespe.
âDas stimmt wohl.â, gab Schalavsky zu. âDa wird mir direkt was fehlen.â
Wespe lachte beinahe auf, aber hielt sich zurĂŒck: âNicht zum Lachen bringen, bitte.â
âEntschuldige.â, sagte Schalavsky. âDann sage ich halt nicht, dass ich dich vermissen werde.â
âAch?â
âJa, Salah ist unertrĂ€glich, wenn sie sich nicht tĂ€glich ĂŒber Klatsch und Tratsch austauschen kann.â, sagte Schalavsky. Wespe grinste und sagte fest leidend: âJa, das ist wahr⊠Wenn du mich aber tatsĂ€chlich vermisst, können wir uns nach deiner Arbeit treffen und was Essen gehen.â
Schalavsky schien einen Moment lĂ€nger als nötig darĂŒber nachzudenken: âDu willst mit mir Essen gehen?â
Wespe zuckte mit den Schultern: âIch hab gehört, das machen Freunde so. AuĂerdem kann niemand in meiner WG auĂer mir kochen und mich lassen sie nicht krank oder verletzt kochen.â
âGut.â, sagte Wespe. âDann haben wir ein Date.â
Schalavsky erstarrte und Wespe hÀtte sich gegen die Stirn geschlagen wenn das nicht zu den Dingen gehörte, die er im Moment nicht machen sollte.
âDa bin ich wieder!â, rief Tamina, als sie die TĂŒr aufstieĂ. âHabt ihr euch vertragen?â Schalavsky stand von der Bettkante auf. Wespe hĂŒstelte und nickte schnell: âKlar. Immer.â
âHier ist deine Tasche mit fĂŒnf BĂŒchern, die bereits Lesezeichen drin hatten.â Tamina stellte die Tasche mit einem lauten Rumpsen auf den Tisch. Wespe zuckte zusammen: âMhm⊠danke?â
âAh. Sorry.â
âSchon gut.â, sagte Wespe.
Schalavsky rĂ€usperte sich: âIch wĂŒrde mich auf den Weg machen. Ăhm⊠wir sehen uns.â
âZum Essen?â, fragte Wespe hoffnungsvoll.
â...ja.â
Wespe strahlte, wĂ€hrend Schalavsky das Zimmer verlieĂ.
Tamina verschrĂ€nkte die Arme: âSpuckâs aus. Was geht hier ab?â
Wespe sah sich die gut gezĂ€hlten Deckenpaneele an. Als Tamina nicht aufhörte ihn anzustarren, bot er an: âWillst du mir mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo stechen?â
Und hier kommt Teil 4, nicht solang wie der vorherige Teil aber mit ein bisschen mehr reiberein
4. Abgestochen.
Wespe wusste, dass er nicht gut darin war Hilfe anzunehmen. Die einzigen, bei denen er das ĂŒberhaupt durchgehen lieĂ, waren Tamina und Schalavsky. Bei letzterem hatte er auch keine groĂe Wahl, da Schalavsky aus Prinzip das tat, was nötig war und das inkludierte sich um ihn zu kĂŒmmern, auch wenn er sonst immer eine NervensĂ€ge war. Mittlerweile fiel es Wespe auch leichter, Probleme nicht einfach mit sich selbst auszumachen. Das lag auch daran, dass sie mittlerweile mehrfach miteinander Essen waren, wĂ€hrend Wespe sich von seinem Bombenstunt erholt hatte. In dieser Zeit war Wespe etwas dĂŒnnhĂ€utig gewesen, aber das war fĂŒr Schalavsky kein Problem gewesen. Er hatte genug Geduld und Aufmunterung fĂŒr ihn parat gehabt. Schnell wurden diese gemeinsamen Essen zum Highlight in Wespes Genesungstagen. Ihm fiel auch auf, dass nach einigen dieser Dates Schalavsky seine guten Hemden anzog. Vielleicht weil sie sich fĂŒr ein vornehmeres Restaurant entschieden hatten, als Ricoâs Saloon & Bar in dem man Rippchen, Burger und Cocktails zum Bowlen, Billard und Darts spielen gereicht bekam. Wespe selbst hatte sich fĂŒr dieses Essen auch mehr herausgeputzt. Sein Hemd war zwar immer noch leuchtend orange, aber auch körperbetont und voller spitzer Nieten, weswegen er es sonst nicht zur Arbeit trug. Schalavsky schien es zu zusagen. Zumindest beklagte er sich nicht ĂŒber das Shirt. Aber bei weiteren gemeinsamen Essen, blieben die besseren Hemden, trotz anderer Lokale.
Wegen diesen Erfahrungen fand Wespe es nun leichter sich an Schalavsky zu wenden, wenn etwas schief lief. Was nicht hieĂ, dass er das auf die normale Weise machte. Das war ihm von Natur aus zu wider.
Wespe schlenderte in ihr BĂŒro, wo Schalavsky an seinem Schreibtisch saĂ, und fragte beilĂ€ufig: âHey, Lieblingskollege! WĂŒrdest du meinen Antrag fĂŒr eine neue Stichschutzweste unterschreiben?â
Schalavsky sah langsam von seinem Bildschirm auf und musterte Wespe warnend: â....wenn das deine Art ist mir mitzuteilen, dass du abgestochen wurdest, gibt's Ărger.â
Wespe hatte eine Hand in die Seite gestemmt und winkte mit der anderen Hand ab: âAch Quatsch.â
Schalavsky seufzte und fragte: âWarum stemmst du die Hand in die Seite?â
âWeil ich von Natur aus sassy bin.â, sagte Wespe stolz. âKönntest du mir bei der Gelegenheit, völlig zufĂ€llig natĂŒrlich, auch noch den Erste-Hilfe-Kasten geben? Ich wĂŒrde den ja selbst holen, aber der liegt oben auf dem Schrank und ich muss mir was gezerrt haben, das Strecken fĂ€llt mir gerade schwer.â
Schalavsky erhob sich von seinem Stuhl und zeigte befehlend auf Wespes BĂŒrostuhl: âDu setzt dich jetzt sofort in diesem Moment hin!â
Wespe zuckte noch immer ruhig mit den Schultern: âWenn du das unbedingt willst. Ich hab ja nicht das GefĂŒhl, dass ich sitzen mĂŒssteâŠâ
Schalavsky deutete auf den Teppich vor Wespes FĂŒĂen: âUnd das Blut ist auch kein Grund?â
âDas ist nur dieser neue TikTok Trend. Aderlass. Der letzte Schrei.â
âIch schreie auch gleich.â, sagte Schalavsky trocken und deutete auf den Stuhl. âHinsetzten. Ich holte den Kasten.â
Wespe setzte sich sehr langsam auf seinen Schreibtischstuhl und manipulierte ihn so dass er sich weiter zurĂŒck legen konnte. Er atmete zittrig aus. Schalavsky kam mit dem Erste-Hilfe-Kasten ins BĂŒro und zog sich Einmalhandschuhe an, obwohl es ein Wunder wĂ€re, wenn Wespe sich nicht schon alle Bestandteile fĂŒr eine klassische Infektion zugelegt hatte. Schalavsky ging auf die Knie und er zog vorsichtig Wespes Hand weg. Dann hob er das T-Shirt hoch und Wespe hielt es mit der Hand von der kein Blut tropfte hilfreich fest. Schalavsky besah sich die Wunde, was sich schwierig gestaltete, da mittlerweile der ganze Bereich mit verwischtem Blut beschmiert war. Es wirkte so als sei der Stich von vorne gekommen und dann zur Seite hin aus Wespes Fleisch gerissen worden.
âAh.â, sagte Schalavsky, im Versuch ruhig zu wirken. âDas Messer hatte nicht rausgezogen werden sollen.â
âOh danke.â, sagte Wespe sarkastisch. âDas sage ich dem NĂ€chsten, der etwas von meinem Bacon haben will.â
Schalavsky brummte nur. Zum GlĂŒck war die Stichwunde soweit auĂen, dass sie nur Fleisch erwischt hatte, aber es blieb die Frage, wie viel Blut Wespe schon verloren hatte.
âWarum bist du nicht direkt zum Arzt?â, fragte Schalavsky, wĂ€hrend er sich im Kopf fĂŒr einen Schlachtplan entschied.
âWar mit Kleinert unterwegs.â, sagte Wespe. âKonnte ihn nicht seine erste Verhaftung ganz alleine regeln lassen.â
âHimmel nochmal, Wespe. Eigensicherung geht vor!â, tadelte Schalavsky und drĂŒckte eine Kompresse auf die Wunde. âHalt das fest. Mit der sauberen Hand, bitte.â
Wespe lieĂ seine blutverschmierte Hand wieder sinken: âZu Befehl, Herr SanitĂ€ter.â Er schob sich den Saum seines Shirts zwischen die ZĂ€hne, um die saubere Hand auf die Kompresse zu drĂŒcken.
âVielleicht ist es dein Mundwerk, dass viele Leute dazu verleitet dich abstechen zu wollen.â, sagte Schalavsky dĂŒster und wischte einiges von dem Blut weg.
âDu kennâ noch mehr die das wollân?â, fragte Wespe undeutlich.
Schalavsky antwortete ungerĂŒhrt, als er die Kompresse mit Tape aus dem Verbandskasten festklebte, damit Wespe seine Hand wegnehmen konnte: âMindestens einen.â
âOh meinste Messer-Matze. Der will alle abstechân."
âDann kenne ich zwei.â, sagte Schalavsky und nahm eine Verbandsrolle.
Wespes nĂ€chster Kommentare blieb ihm Hals stecken, als Schalavsky die Rolle auf die Wunde drĂŒckte und auch festklebte.
âKannst du dich ein bisschen aufsetzten?â Wespe griff nach Schalavskys Schulter, um sich hochzuziehen.
âDu hattest echt Schwein, dass es nur ein bisschen Haut und Polster erwischt hat.â, sagte Schalavsky, wĂ€hrend er den Verband um Wespe wickelte.
Wespe fiel sein Shirt aus dem Mund. Er wusste, dass er in den letzten Wochen regelmĂ€Ăig gut essen war und keine seiner ĂŒblichen Sportarten betreiben könnte, aber hatte Schalavsky ihn gerade beleidigt? âWillst du mir gerade sagen, dass mich das Messer nicht getroffen hatte, wenn ich nicht so fett wĂ€re?â
Schalavsky schnaubte und drĂŒckte ihm das Shirt wieder in die Hand: âIm Gegenteil, mit noch weniger auf den Knochen hĂ€ttest es wahrscheinlich deine Organe erwischt.â
Schalavsky wickelte den Verband weiter um Wespe und zog ihn unangenehm fest. Wespe stockte der Atem.
âIch weiĂ, sorry.â, sagte Schalavsky. âAber du hast schon zu viel Blut verloren und wir mĂŒssen dich noch lebendig zum Arzt bringen.â
Wespe seufzte: âIch weiĂ...â
âHeiĂt das ich muss dich mal nicht zum Arzt treten?â Schalavsky wirkte erstaunt.
â.. fĂ€hrst du mich?â
âKlar.â
Wespe hielt eine Hand hoch und Schalavsky ergriff sie, um ihm aus dem Stuhl zu helfen. Das laufen fiel etwas einfach, wenn er nicht selbst den Druck auf die Wunde aufrecht erhalten musste.
Als Wespe im Auto Probleme damit hatte sich anzuschnallen, ohne alles mit Blut voll zu schmieren, gab Schalavsky ihm feuchte ReinigungstĂŒcher aus dem Handschuhfach, den denen er behauptete sie aus Prinzip immer dabei zu haben, aber tatsĂ€chlich hatte er sie erst, seit er öfter mit Wespe und Salah zusammen arbeiten musste und die beiden wie Kleinkinder sein konnten.
Wespe schnallte sich an, aber hielt den Gurt von seiner Wunde weg. Sonst starrte er nur aus dem Fenster und summte leise vor sich hin. Schalavsky hatte nun schon mehrfach bemerkt, dass Wespe oft summte. Meistens wenn er alleine war und dann hörte er auch auf, sobald jemand zu ihm kam. Manchmal aber auch, wenn er in Gedanken war oder sich nicht gut fĂŒhlte. Wahrscheinlich war es eine Art Selbstberuhigung, die er da betrieb. Am Krankenhaus parkte Schalavsky und Wespe blieb solange im Wagen sitzen bis er herum gekommen war, um ihn raus zu helfen. Das nahm Schalavsky als Erfolg wahr. Normalerweise probierte Wespe erst und gab dann auf wenn er keine Wahl mehr hatte.
Schalavsky ging zum Empfang der Notaufnahme zeigte seinen Ausweis, was meistens ein wenig mit der Wartezeit half und teilte mit was mit Wespe war. Wespe griff sich den Fragebogen und fĂŒllte ihn in einer so hohen Geschwindigkeit aus, dass Schalavsky sich wunderte, wie oft Wespe tatsĂ€chlich in der Notaufnahme auftauchte.
Warten mussten sie auch dieses Mal nicht lange, was wahrscheinlich daran lag, dass keiner sagen konnte wie viel Blut Wespe zuvor verloren hatte.
Sie wurden in eines der Zimmer gefĂŒhrt.
Eine junge Ărztin kam energisch in den Raum: âGuten Tag, ich bin Dr. Sticherle, was gibt es denn?â
âGuten Tag.â, sagte Wespe höflich und zog sein Shirt aus. âIch hĂ€tte gerne 7 bis 9 Stiche auf der linken Seite.â
Die Ărztin sah ihn kritisch an und griff sich eine Schere, um den Verband zu durchtrennen, als sie die Wundeauflage hob nickte sie anerkennend: âDas war keine schlechte EinschĂ€tzung der nötigen Stiche. Wie ist das passiert?â
âJemand hat mein Style mit Handschellen nicht gefallen.â, sagte Wespe ironisch.
âWir sind Polizisten und er wurde wĂ€hrend einer Verhaftung angegriffen.â, sagte Schalavsky trocken. Der Ărztin nickte: âVerstehe. Na dann wollen wir das mal wieder zumachen.â
Als Wespe wieder zusammen genĂ€ht und medikamentiert war bestand er darauf, dass Schalavsky ihn wieder mit zum Revier nahm, obwohl er es sich verdient hĂ€tte nach Hause zu gehen. Sie einigten sich drauf, dass Wespe seinen Bericht schreiben durfte, nachdem er sich etwas auf dem Sofa in ihrem BĂŒro ausgeruht hatte.
WĂ€hrend Wespe es sich auf dem Sofa bequem machte, dass niemals zum Liegen konzipiert worden war, lieĂ Schalavsky ihn etwas Ruhe. Er wollte da ohnehin noch etwas rausfinden.
Schalavsky stellte fest, dass die Beschreibung von Wespe nicht ganz der Wahrheit entsprach. Zuvor war er sich nicht mal sicher, ob die Anfrage nach einer neuen Weste nur ein GesprĂ€chsanfang gewesen war oder ob der Angriff mit dem einen GlĂŒckstreffer tatsĂ€chlich den seitlichen Gurt erwischt hatte und damit die Weste unbrauchbar geworden war. Aber nun da er sich die Schutzweste ansah, wusste er es besser. Es war nicht nur ein GlĂŒckstreffer der Wespe erwischt hatte. Es war einer von mindestens 10 Messerstichen, nur das die anderen von der Weste aufgehalten worden waren. Nur der eine hatte das Seitenband getroffen und durchtrennt. Das brachte Schalavsky aber auch den Gedanken, dass Wespe nicht vor dem TĂ€ter gestanden hatte, sondern dass er am Boden gelegen haben musste, wĂ€hrend mehrfach auf ihn eingestochen worden war. Schalavsky atmete tief durch. Er war sehr unzufrieden.
Schalavsky fand Max Kleinert im GroĂraumbĂŒro und kommandierte ihn in einen leeren Vernehmungsraum. Kleiner, der ihn ansah, wie ein getretener Welpe, der noch mehr Ărger erwartete, folgte anstandslos. Kleinert war annĂ€hernd so groĂ wie Schalavsky, aber schlaksig und auĂerdem stand er nie gerade, sondern machte sich gerne etwas kleiner. Schalavsky sah ihn mit strengen Blick an: âErzĂ€hlen Sie mir was passiert ist.â
Kleinert verzog schuldig das Gesicht und trat nervös von einem Bein aufs andere: âIch bin eingefroren. Wir hatten gerade die drei gestellt, als einer der drei auf Inspektor Bienert losging und ihn Umriss. Und dann sah ich das Messer und ich bin einfach eingefroren. Es tut mir leid.â Schalavsky runzelte die Stirn. Er hoffte, dass Kleinert seine Berichte strukturierter schrieb. âWas ist dann passiert?â
âInspektor Bienert hat irgendeinen⊠Ringkampfmove gemacht und den Typen mit seinen Beinen von sich runter gerissen. Erst da hab ich meine Waffe auf ihn gerichtet.â, sagte Kleinert nervös.
Schalavsky war einerseits froh, dass Kleinert seine Waffe nicht schon vorher auf Wespe und den Angreifer gerichtet hatte, denn wer konnte ahnen was dann passiert wÀre? Schalavsky nickte und lieà Kleinert stehen.
âBienert!â, polterte Schalavsky, als er ins BĂŒro trat. Wespe, der nicht mehr auf dem Sofa lag, sondern an seinem Schreibtisch saĂ und trotz allem arbeitete, sah ĂŒberrascht auf: âWas hab ich denn jetzt angestellt?â
âIch habe die Weste gesehen.â, verkĂŒndete Schalavsky dĂŒster. Wespe runzelte die Stirn und versuchte den Grund fĂŒr die VerĂ€rgerung zu erraten: âAh. Sorry, dass ich eine neue brauche?â
Schalavsky machte einen ungeduldigen Laut: âWarum hast du mir nicht gesagt, dass du am Boden lagst und mehrfach auf dich eingestochen wurde?â
âWeil das nicht weiter wichtig war.â, sagte Wepse sofort.
Wespe zuckte mit den Schultern: âDas ist unser Arbeitsalltag. DafĂŒr haben wir die Westen.â
âDer Typ hatte sich umbringen können!â, schimpfte Schalavsky.
âWenn das passiert, sage ich sofort Bescheid.â, versprach Wespe flapsig.
Schalavsky ballte frustriert die FĂ€uste: âDas ist nicht lustig.â
Wespe verdrehte die Augen: âDas ist aber auch kein Grund sich aufzuregen.â HĂ€tte der Angreifer nicht versucht Wespes Seite zu treffen, sondern den Hals wĂ€re es so schnell zu Ende gewesen, dass Wespe es nicht mal ins BĂŒro geschafft hatte.
âDu sollst mir Bescheid sagen, wenn du verletzt wirst!â, zĂŒrnte Schalavsky.
âHab ich doch!â
Schalavsky reichte das nicht, denn er wetterte weiter: âIn vollem Umfang! Was ist, wenn er dir die Rippen gebrochen hĂ€tte und du mit Knochensplitter in deiner Lunge endest?â
âEr hat mir aber nichts gebrochen.â, sagte Wespe matt.
Schalavsky zog die Augenbrauen zusammen und sagte entschlossen: âGeh nach Hause.â
Wespe sah ihn verwirrt an und deute auf den PC mit dem halb fertiggestellten Bericht: âWas? Ich dachte, ich-â
Schalavsky unterbrach ihn: âGeh nach Hause! Lass dich von Salah fahren oder ruf dir ein Taxi.â
Wespe schĂŒttelte den Kopf: âIch kann selbst fahren.â
âKannst du nicht einmal RĂŒcksicht auf dich nehmen!â, grollte Schalavsky.
Wespe war verwirrt woher all diese Wut kam: âWas?â
âDu kĂŒmmerst dich nicht um Dienstvorschriften und nicht um dich selbst! Ist dir irgendwas nicht egal?â
Wespe sah seinen Kollegen entgeistert an: âWas ist denn falsch mit dir? Vorhin war alles gut und jetzt drehst du durch?â
âWeil ich jetzt weiĂ, was du mir vorhin verschwiegen hast. Warum bist du nicht direkt zum Arzt gefahren?â, tobte Schalavsky. âUnd komm mir nicht mit Kleiner nicht alleine lassen. Den hĂ€ttest du an einen Kollegen verweisen können.â
âAls wĂŒrdest du nicht jedem Arzt Spinnenfeind sein.â, zankte Wespe sauer. âIch habe gesehen wie du versucht hast eine Schusswunde zu einem Nadelstich runter zu spielen. Verdammter Heuchler.â
âIch hab mein Blut nicht einmal quer durchs Revier verteilt!â, brĂŒllte Schalavsky.
âJa, dieses Mal nicht.â, rief Wespe bissig.
Schalavsky schĂŒttelte wĂŒtend ĂŒber so viel fehlende Einsicht den Kopf: âGeh nach Hause! Und mach dir mal Gedanken zu deiner Arbeitseinstellung!â
Wespe schnaubte und griff nach seiner Jacke: âDie konntest du bei mir doch noch nie leiden.â Er stĂŒrmte aus dem Raum.
Einerseits wollte Schalavsky wissen, wenn er sich verletzte und dann wurde er sauer, wenn ihm Wespe nicht jedes Detail erzĂ€hlte? Als wĂŒrde er es nicht ohnehin im Bericht lesen. Oder vertraute er Wespes Berichten nicht? Er mochte nicht immer die beste Arbeitsmoral haben und seine Berichte hatten manchmal noch Tippfehler drin, wenn er zu mĂŒde war aber an Details und KohĂ€renz konnte ihm noch nie jemand was vorwerfen.
Wespe hatte wirklich gehofft, dass sie einander mittlerweile besser verstanden. Schalavsky hatte nichts gesagt, als Wespe ihn im halb weg getretenen Zustand gekĂŒsst hatte, er war bei Wespe geblieben, als dieser sich komplett verloren gefĂŒhlt hatte. Er war mit ihm Essen gegangen, obwohl Wespe es als Dates bezeichnet hatte und das waren Dates gewesen. Sie hatten ĂŒber Persönliches geredet, nicht nur ĂŒber die Arbeit und es war wirklich nett gewesen so die Zeit miteinander zu verbringen. Mit einer anderen Person hĂ€tte Wespe am Ende eines solchen Abends einen Kuss geteilt. Bei Schalavsky beschrĂ€nkte er sich auf neckende Kommantere.
Wespe endete in seinem Auto und taufte die sich die mehrfarbigen Haare.
Schalavsky wollte nicht, dass er noch Auto fuhr, aber Wespe war sauer. Er versuchte wirklich sich in Schalavskys Augen zu beweisen, aber das schien nichts zu bringen. Egal, was er machte es schien Schalavsky nicht zu reichen. Wespe schlug gegen das Lenkrad und fluchte farbenfroh.
Vor einigen Monaten hĂ€tte Wespe noch nicht mal den Angriff vor seinen Kollegen erwĂ€hnt. Er hĂ€tte den Vorgesetzten Bescheid gegeben, die es wissen mĂŒsste und den Papierkram erledigt. Damit wĂ€re es dann durch gewesen. Es war auch kein groĂer Deal gewesen. Wespe war jahrelang auf Steife gewesen und von allen möglichen Leuten angegriffen worden. Wichtig ist nur, dass man sich selbst verteidige und den Angreifer verhaftete. Und genau das hatte er gemacht.
Wespe war sich bewusst, dass es gefĂ€hrlicher war mit dem jungen GemĂŒse unterwegs zu sein, als mit erfahrenen Kollegen. Deswegen tat es ihm fĂŒr Kleinert leid. So frĂŒh in seiner Karriere so etwas erlebt zu haben.
Wespe fluchte nochmal und startete dann den Motor. Vielleicht sollte er sich doch krankschreiben lassen. Bisher hatte er sich nur zur Schreibtischarbeit verdonnern lassen. Aber bei so einem BĂŒropartner wĂŒrde das unertrĂ€glich werden.
Schalavsky wurde den Rest des Tages von den meisten Kollegen gemieden. Seine schlechte Laune war legendĂ€r und gefĂŒrchtet. Wer nichts mit ihm zu besprechen hatte, ging ihm aus dem Weg.
Die Ausnahme dazu war Salah.
Tamina trat in sein und Wespes BĂŒro und setzte sich auf den Stuhl vor Schalavskys Schreibtisch. Sie betrachtete kurz den Blutfleck, den Wespe im Teppich hinterlassen hatte, und sah dann zu Schalavsky: âWas ist passiert?â
âNichts.â Schalavsky wusste, dass die TĂŒren nicht dicht genug waren, dass man ihr StreitgesprĂ€ch nicht auch davor gehört haben musste. Und natĂŒrlich hatte es sich herum gesprochen.
âSie haben sich mit Wespe angeschrien. Das ist seit Jahren nicht mehr passiert.â, sagte Tamina ruhig. âIch hab schon mitbekommen, dass Wespe verletzt wurde, aber das ist noch kein Grund fĂŒr einen Streit.â
Schalavsky raufte sich die Haare. Er wollte doch nur, dass Bienert mehr auf sich Acht gab und ehrlich erzĂ€hlte, was passiert war. Was wenn sich eine Verletzung erst spĂ€ter zeigt sind keiner wusste was passiert war? Schalavsky war nicht gut darin sich zu öffnen. Lieber entfernte er sich eine Kugel, als ĂŒber seine GefĂŒhle zusprechen. Das hatte er auch schon öfter gemacht. Aber dann wiederum war es vielleicht Zeit was Neues auszuprobieren und Salah hatte eine gute emotionale Intelligenz. Also begann er zu erzĂ€hlen: âEr hat mir zwar gesagt, dass er verletzt wurde, aber als ich die Weste gesehen habe, habe ich verstanden, dass er am Boden war und mindestens 10 Mal auf ihn eingestochen worden war.â
Tamina stockte der Atmen und sah ihn mit groĂen Augen an: âWas? War er allein?â Wenigstens sie hatte eine angemessene Reaktion dazu, stellte Schalavsky zufrieden fest: âKleinert war bei ihm. Ist eingefroren.â
Taminas Blick verdĂŒsterte sich und unter anderem UmstĂ€nden hĂ€tte er Mitleid mit Kleinert gehabt. Wenn Tamina diesen Blick hatte, wusste jeder dass man richtig Mist gebaut hatte und dass Konsequenzen haben wĂŒrde.
âWespe hat es so dargestellt, als wĂ€re es nichts weiter gewesen, nicht dass sich jemand alle MĂŒhe gegeben hatte, ihn durch die Schutzweste hindurch umzubringen.â, sagte Schalavsky. âWarum kann er denn nicht auf sich selbst aufpassen?â
Tamina hatte eine steile Falte auf der Stirn und schien sich Ă€hnliches zu fragen. Aber sie war auch verstĂ€ndnisvoller. âWespe erkennt Gefahr bei sich selbst nicht an. Er ist da etwas stumpf. Das heiĂt aber nicht, dass er zu viel Risiken eingeht. Nur, dass er seine Gesundheit nicht an oberster PrioritĂ€t steht. Er macht das gerne mit sich selbst ab, ohne jemanden zu informieren.â
âSie mĂŒssen mir nicht sagen, dass er ein guter Polizist ist.â, sagte Schalavsky versöhnlich. âDas weiĂ ich. Ich wĂŒrde es nur begrĂŒĂen, wenn er das noch ein paar Jahre bleiben könnte.â
Tamina seufzte: âGeben Sie ihm etwas Zeit. Er wird schon noch verstehen, dass er so nicht weiter machen kann, ohne uns zu verĂ€rgern.â
âUns?â, harkte Schalavsky nach.
âOh ja. Sie sind nicht der Einzige, der dem Idioten den Kopf waschen möchte.â, sagte Tamina.
Schalavsky nickte dankbar. Wenigstens war er mit seiner Sorge nicht alleine.
Es war sehr viel spĂ€ter und Schalavsky saĂ auf seinem Bett, bereit sich Schlafen zu legen, als ihm der Gedanke kam, dass das was Tamina gesagt hatte nicht stimmte. Sie meinte Wespe wĂŒrde niemanden informieren, wenn er verletzt war. Aber Wespe war zu ihm gekommen. Spezifisch zu ihm ins BĂŒro, wo er nichts anderes zu tun hatte. Auf seine eigene verschrobene Art war Wespe tatsĂ€chlich zu ihm gekommen, als er Hilfe brauchte. Schalavsky seufzte.
Nur mal so unter uns... Die 28 zuschlagen dĂŒrfte doch kein Problem sein, oder? Ich meine, ich hab 2 die ich heute Abend direkt posten werde und dann arbeite ich an einer dritten. Nur so aus Liebe zum Chaos wĂŒrde ich das schon feiern, wenn Wesky toppairing wĂ€re.
5 Times Schalavsky takes care of Wespe, +1 time he doesn't have to
Umgenietet.
Ăberwachungen waren bei Schalavsky nicht sehr beliebt. Sie waren nötig und manchmal auch nĂŒtzlich. Aber stundenlanges Herumsitzen, langweilte sogar jemanden mit Schalavskys Stoizismus. Es war einfacherer, wenn man jemanden dabei hatte, mit dem man sich unterhalten konnte, aber Schalavsky konnte nur unter Idealbedingungen ein GesprĂ€ch am Leben erhalten. Dazu gehörten jemanden, mit dem er sich tatsĂ€chlich unterhalten wollte (selten) und jemand, der das GesprĂ€ch mit Schalavsky suchte (seltener). Im Moment jedoch genoss Schalavsky die Stille. Er musste sich meistens MĂŒhe gegeben, um Bienert von Monologen und unermĂŒdlichen GesprĂ€chsversuchen abzuhalten.
Bienert war aber Ausnahmsweise ruhig. Er hatte schon vier mal gegĂ€hnt und versuchte immer wieder seine Position im Beifahrersitz zu verbessern. Er drĂŒckte den RĂŒcken durch, wog seinen Kopf vorsichtig hin und her und zuckte zusammen, wenn er seinen Kopf oder linken Arm falsch bewegte.
Er versuchte halbherzig seine linke Schulter zu massieren und gab das wieder auf, wenn er dabei nur vor Schmerzen Luft einsog.
âWas ist los, Bienert?â, fragte Schalavsky ruhig.
âIch habe Nackenschmerzen und meine Schulter tut weh.â, murrte der junge Kollege.
âHaben Sie sich verlegen?â
âNee, das kommt von den Typen, der mich umgenietet hat.â Bienert hatte allerdings einen ZusammenstoĂ mit einem Verbrecher gehabt, der dachte er könne ihn einfach umrennen. Konnte er auch, aber am Boden war er am Ende auch, und Bienert lieĂ ihn nicht mehr entkommen.
Schalavsky sah nun zu seinem Kollegen: âHaben Sie ein Schleudertrauma?â
Bienert zuckte mit den Schultern und bereute es sofort: âGlaube nicht.â
âSie sollten zum Arzt gehen.â Schalavsky war wohl der Letzte, der freiwillig zum Arzt ging. Aber Bienert stand ihm in nichts nach: âDoch nicht wegen ein bisschen Schmerzen.â
âSie machen mich wahnsinnig mit ihrem Herumzappeln!â
âEntschuldigung, dass ich nicht entspannt bin.â, schnappte Bienert, etwas schĂ€rfer als sonst. Er musste wirklich Schmerzen haben, um seinen frechen Humor einzubĂŒĂen. Und nach mehreren Stunden mit den Schmerzen wurde sein NervenkostĂŒm dĂŒnn.
Schalavsky griff ĂŒber und legte seine rechte Hand in Bienerts Nacken.
Der zuckte ein wenig zusammen aber hielt sonst still. Schalavsky Hand war warm und bestimmt als er begann in kleinen Kreisen die verspannten Muskeln zu massieren.
âSie sind ziemlich verspannt.â, bemerkte Schalavsky. âHaben Sie Schmerztabletten genommen?â
Bienert sah irritiert rĂŒber zu seinem Kollegen, der stur nach vorne schaute und weiterhin das Haus observierte. Wespe machte einen verneinenden Laut und schaute auch wieder nach vorne und
âKein Wunder, dass Sie so verspannt sind, wenn Ihr Körper den ganzen Tag die Schmerzen ausgleichen musste.â, sagte Schalavsky tadelnd.
âIch hatte keine Schmerztabletten mehr da.â, verteidigte sich Bienert.
âUnd Sie sind nicht auf die Idee gekommen, jemanden zu fragen? Obwohl Sie mit so ziemlich jeden des PrĂ€sidiums reden?â, fragte Schalavsky.
âIch rede nicht mit jedem.â, widersprach Bienert. âIch vermeide die Rassisten und Homophoben.â
Schalavsky warf ihm kurz einen fragenden Blick zu. Aber es ĂŒberraschte ihn auch nicht, dass einige ihrer Kollegen sehr engstirnig sind.
âIch hatte keine Zeit.â, sagte Bienert leiser und Schalavsky erinnerte sich, dass es heute etwas stressig war und sie kaum einen Moment zum Atmen gehabt hatten. Deswegen sagte er nichts weiter und zwischen ihnen bildete sich eine Stille, in der Wespe versuchte sich einzureden, dass es ganz normal war, dass sein Kollege ihm den Nacken massierte.
Wohlgemerkt der Kollege, der Körperkontakt nur dann hatte, wenn er jemanden die Hand reichte (was auch nur bei Vorgesetzten vorkam), einen VerdĂ€chtigen festhielt oder an ein oder zwei Momenten in denen er Bienert gegen den Hinterkopf geschlagen hatte und dafĂŒr keine Akte oder Zeitung zu Hand hatte.
Wespe wusste nicht, ob es seltsamer war, dass Schalavsky ihm half (wobei das noch irgendwo unter Schadenbegrenzung fallen könnte, wenn er nicht wollte, dass Bienerts Zappeln ihn weiter nervte), oder dass Schalavsky tatsÀchlich ziemlich gut darin war die verspannten Stellen zu bearbeiten.
Wespe versuchte möglichst ruhig zu sitzen und seine Schultern soweit wie möglich zu entspannen.
Innerlich arbeitete er an einem Masterplan Schalavsky dazu zubringen ihm eine richtige Massage mit Massageöl zugeben. Mit weniger Kleidung involviert.
Schalavsky ging von den kleinen Kreisen ĂŒber dazu Wespes Nacken zu greifen und seine Muskeln etwas anzuheben. Wespe machte einen kleinen unwillkĂŒrlichen Laut und Schalavsky sah fragend zu ihm rĂŒber: âTuts weh?â
âWird gerade besser.â, sagte Wespe aus BefĂŒrchtung sein Kollege, könnte aufhören aus Angst ihm mehr wehzutun.
Wespe konnte spĂ€ter nicht mehr sagen, wie lange Schalavsky ihn massiert, es war definitiv zu lange um noch bequem fĂŒr Schalavsky zu sein. Als Schalavsky die Massage langsam ausklingen lieĂ in dem er die Muskeln entlangstrich waren Bienerts Schultern deutlich aus ihrer angespannten Position runter gesunken. Als Schalavsky seine Hand zurĂŒckzog, konnte Wespe sich gegen den KopfstĂŒtze lehnen ohne das GefĂŒhl zu haben seine Position Ă€ndern zu mĂŒssen. FĂŒr den Rest der Ăberwachung saĂ Wespe still neben seinem Kollegen und starrte auf das GebĂ€ude. Innerlich versuchte er das zu verarbeiten, was passiert war und aufkeimende Hoffnungen im Zaum zu halten.
Schalavsky streckte seine Hand, die mindestens eine halbe Stunde seinen Kollegen massiert hatte und versuchte sich selbst darĂŒber klar zu werden, warum er das gemacht hatte. Vielleicht weil er sich schuldig fĂŒhlte, dass Bienert ĂŒberhaupt verletzt wurde. Wenn er etwas schneller gewesen wĂ€re, hatte der VerdĂ€chtige ihn nicht umgerannt. AuĂerdem hatte sich Bienert mittlerweile auch in sein Herz gemogelt. WĂ€hrend es anfangs sehr irritierend war einen Partner zu haben, der nur Unsinn redete und nichts ernst nahm, stellte sich nach einer Weile raus, dass es auch Vorteile hatte jemanden zu haben, der sich nicht von grummeliger Stimmung unterkriegen lieĂ. Dass Bienert auĂerdem tatsĂ€chlich ziemlich gut in seinem Job war und gelegentlich durchscheinen lieĂ wie er ernst er seine Arbeit nahm, half auch.
Und vielleicht triggerte es mittlerweile Schalavskys BeschĂŒtzerinstinkt, wenn Bienert nicht sein ĂŒbliches unbeschwertes Selbst war. Er konnte es einfach nicht mit ansehen. Vollkommen egal, ob es daran lag das eine Ermittlungen nicht ideal verlief oder Bienert eine schlechte persönliche Erfahrung gemacht hatte.
âDas hat keinen Sinn mehr. Wir können die Ăberwachung hier abbrechen.â, entschied Schalavsky nach einem Blick auf die Uhr und startete das Auto. Sie fuhren zurĂŒck zum PrĂ€sidium, um ihre Berichte zuschreiben und dann in den wohl verdienten Feierabend zu gehen.
Bienert hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt und ernsthaft ĂŒberlegt einen ergonomischen Stuhl anzufragen, als Schalavsky hinter ihm auftauchte und Schmerztabletten mit einem Glas Wasser vor ihm stellte.
âOh, dan-â, Wespe brach ab als Schalavsky plötzlich an seinem Kragen zog und ihm ein etwas in den Nacken drĂŒckt, was sofort an seiner Haut haftete.
âWĂ€rmepflaster.â, erklĂ€rte Schalavsky. âDas sollte in ein paar Minuten warm sein.â
âDanke.â, sagte Wespe leicht ĂŒberfordert.
Schalavsky setzte sich an seinem Schreibtisch: âSchon gut.â
Wespe starrte seinen Kollegen noch an, als dieser sich einloggte. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, dass Schalavsky so sanft mit ihm war? Er hĂ€tte Geld darauf gewettet, dass Schalavsky es nicht im Geringsten kĂŒmmern wĂŒrde wie es ihm ging, solange es nicht seine Arbeit beeintrĂ€chtigte. Und jetzt kĂŒmmerte er sich um ihn. Wespe musste bei Zeiten mit Tamina beratschlagen. Die hatte immer gute Ideen.
Es folgt Teil 2 von dem ich das GefĂŒhl habe, dass er nicht an zweiter Stelle stehen sollte, aber ich hab ihn halt schon fertig und... keiner hat je behauptet, dass ich mich an einen linearen Zeitablauf halten mĂŒsste.
2. Durchgeschleudert.
âGehen Sie zum Arzt!â, hatte Glockner in einem ungewöhnlich strengen Tonfall angeordnet. Er hatte das allerdings auch schon zweimal zuvor gesagt. Wespe hatte genickt und das auch ernst gemeint. Allerdings hatte die Zusammenarbeit mit Schalavsky ihre Spuren hinterlassen und Wespe bevorzugte mittlerweile seine Berichte zu schreiben, bevor er einen Arzt aufsuchte und womöglich sediert wurde, was seine Erinnerungen beeintrĂ€chtigen könnte. Wie es so oft bei der Arbeit war, kam eines zum anderen und plötzlich hĂ€uften sich die Aufgaben, die er noch erledigen wollte.
Eine der Neulinge schlich sich an einem Punkt in sein BĂŒro und fragte ihn wie sie ihre Arbeit richtig machte. Wespe war zwar nicht fĂŒr die junge Danielle zustĂ€ndig, aber er kannte ihren tatsĂ€chlichen Partner, der zwar ein guter Bulle war, aber weder Empathie, noch Geduld oder die Gabe hatte, etwas verstĂ€ndlich zu erklĂ€ren. Wespe hatte Mitleid und so erklĂ€rte er Danielle, warum und wie sie ihre Arbeit machten sollten, damit alle Kollegen es nachvollziehen konnten. Das kostete ihn mindestens eine halbe Stunde, aber wenig spĂ€ter tauchte Danielle auch mit einem Kaffee als Dankeschön in seinem BĂŒro auf, bevor sie sich an ihre eigene Arbeit machte. Wespe trank dankbar den Kaffee, versuchte die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren und tippte seinen Bericht.
âHey Wespeâ, erklang es als sich die BĂŒrotĂŒr erneut öffnete. Tamina sah ihn kritisch an und runzelte die Stirn. âhat Glockner dir nicht vor 2 Stunden oder so gesagt, dass du zum Arzt sollst?â
So lange war es bestimmt noch nicht her, versuchte sich Wespe einzureden.
âJa, ich hab nur schnell meinen Bericht getippt.â, winkte Wespe ab.
âSoll ich dich zum Arzt fahren?â, bot Tamina an.
Wespe schĂŒttelte den Kopf: âNein, Quatsch. Ich mach das nur schnell fertig und dann fahre ich selbst.â
Tamina sah ihn unzufrieden an: âMir wĂ€re es lieber, wenn du nicht selbst fahren wĂŒrdest.â
âOkay, ich ruf mir nen Uber.â, lenkte Wespe ein. âIch mach das nur fertig und pack dann meine Sachen ein.â
âOkay. Gute Besserung.â, sagte Tamina und brachte ihren Kollegen nur zum Schmunzeln, denn so schlimm war das ganze nicht.
Wespe konzentriere sich wieder auf seine Arbeit, in dem Versuch die pochenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er tippte etwas langsamer als sonst, weil seine linke Hand bei manchen Bewegungen wehtat.
âHey Wespe.â, erklang nun die Stimme von Jeske. Wespe nickte ihm fragend zu.
âKannst du runterkommen? Ich hab da ein MĂ€del sitzen, die ihre Aussage nur bei dir machen will.â, erklĂ€rte Jeske. Bienert hatte diesen Tag bereits abgeschrieben, also ĂŒberraschte ihn auch das nicht mehr: âWer ist es denn?â
âSie nennt sich Monstera. Aber ihr richtiger Name ist Lena.â, verriet Jeske und Wespe ging ein Kronleuchter auf. Monstera hatte wie ihr Name schon verriet einen grĂŒnen Daumen. Leider nicht nur bei ihren Namensvettern, sondern vor allem bei Gras, dass sie illegal unter die Leute brachte und gelegentlich dabei auch an die falschen geriet. Wespe wusste dass sie einige Vertrauensprobleme hatte und nachdem er ihre Strafakte, sowie die Strafakten ihrer Eltern gelesen hatte, wunderte ihn das auch kein StĂŒck. Wann immer Monstera von der Polizei aufgegriffen wurde, weigerte sie sich mit jemanden zu reden, es sei denn Wespe sprach mit ihr. Er hatte ihr Vertrauen auf die harte Weise erworben und existierte in ihrer Vorstellung nun als einziger guter Bulle der gesamten Millionenstadt. Auch wenn Wespe versprochen hatte lĂ€ngst beim Arzt zu sein und sein Dienst eigentlich schon vorbei war, so konnte er nicht Monstera einfach so sitzen lassen. Also steuerte er im GroĂraumbĂŒro den Tisch an, an dem die junge Frau mit den grĂŒnen Haaren saĂ. Dass sie hier war und nicht in einem Vernehmungsraum, verriet Wespe schon, dass man sie erst mal nur fĂŒr eine Aussage hier hatte.
Wespe setzte sich an den Tisch und begrĂŒĂe Monstera.
âSie sehen ja ScheiĂe aus.â, sagte Monstera seltsam mitfĂŒhlend klingend, trotz ihrer kruden Wortwahl.
âEs ist einer dieser Tage.â, lenkte Wespe ein.
Monstera lachte auf: âDavon können Sie ein Lied singen.â
âWie wĂ€râs wenn du fĂŒr mich singst?â, schlug Wespe vor. âWas ist los?â
Es war anderthalb Stunde spĂ€ter, als Wespe sichergestellt hatte, dass Monstera sicher nach Hause kam und machte er sich auf zurĂŒck in sein BĂŒro zu gehe, um alles was er gerade durch Monstera erfahren hatte nochmal ins Reine zuschreiben. Auf dem Weg besorgte er sich noch einen Kaffee und legte dann los.
âGuten Morgen, Bienert.â, sagte Schalavsky, als er das gemeinsame BĂŒro betrat und seine Anzugjacke ĂŒber seine Stuhllehne hĂ€ngte. Schalavsky wollte gerade einen Kommentar dazu abgeben, dass sein Kollege ungewöhnlich frĂŒh dran war, als ihm die drei Kaffeebecher auf dem Tisch auffielen und die Berichte, die fertiggestellt und bereit zum abheften dalagen.
âWaren Sie Zuhause?â, fragte Schalavsky misstrauisch.
Bienert schĂŒttelte den Kopf: âIch mach das nur schnell fertig.â
Schalavsky seufzte: âWaren Sie beim Arzt?â
âWieso denn?â Wespe versuchte dumm zu spielen.
âSalah hat mir geschrieben, dass es sein kann, dass Sie heute nicht da sind, weil Sie einen Autounfall hatten.â, sagte Schalavsky. âUnd dass Glockner Sie drei Mal aufgefordert hat zum Arzt zu gehen.â
âAh⊠ja. Das.â, sagte Wespe abfĂ€llig. âEs ist nichts schlimmes. Wenn heute passt wĂŒrde ich gerne etwas frĂŒher Feierabend machen.â
âHackts bei Ihnen?â, fragte Schalavsky unglĂ€ubig.
âIch habe genĂŒgend Ăberstunden und ich bin seit ⊠15 Stunden im Dienst?â, verteidigte sich Wespe, doch er hatte seinen Kollegen missverstanden: âSie machen sofort Feierabend und begeben sich zum Arzt!â
âAber ich hab noch was zu tun.â Wespe deutete auf den Computer. âUnd der Unfall war nicht schlimm.â
Schalavsky sah ihn kritisch an: âHat sich das Auto nicht ĂŒberschlagen?â
Wespe zuckte mit den Schultern: âNur einmal. Schauen Sie, ich hol mir nur einen Kaffee dann kann ich meine Schicht normal antreten.â Sehr schnell trat Schalavsky ihm in den Weg und hielt ihn auf: âSie gehen heute nur noch zum Arzt.â
âDas ist nicht nötig.â, sagte Wespe und versuchte Schalavsky aus seinem Weg zu drĂŒcken. Schalavsky, der ein gutes StĂŒck gröĂer und ausgeschlafen war und sich nicht mit den Nachwirkungen eines Unfalls umschlagen musste, lieĂ sich nicht wegschieben.
Im Gegenteil schob er Wespe zurĂŒck bis die Wand in seinem RĂŒcken war. Wespe starrte seinen Kollegen an, als sein Gehirn einen Kurzschluss hatte. Anders war es nicht zu erklĂ€ren, warum sein Gehirn sofort die Erinnerung hochholte, als Wespe das letzte Mal gegen eine Wand gepresst wurde. Auch da war es ein Mann gewesen, der etwas gröĂer als Wespe war und der anschlieĂend noch einiges gemacht hatte, dass ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Eben dieser Erinnerung gab Wespe jetzt auch die Schuld, dass seine Knie versagten. Oder es waren die Nachwirkungen des Unfalls. Wespe hielt sich reflexartig an Schalavsky Schulter fest, um nicht zu fallen und musste etwas verĂ€ngstigt aussehen, denn Schalavskys Blick wurde sogleich sanfter. Er geleitete Wespe zu seinem BĂŒrostuhl, damit er sich hinsetzte.
âHey Wespe.â Oh verdammt, dachte sich der Angesprochene. Schalavsky nannte ihn nur Wespe, wenn er befĂŒrchtete, dass etwas wirklich falsch war. âHast du Schmerzen?â Duzen auch noch? Er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er musste praktisch im Sterben liegen.
âKopf.â, sagte Wespe einsilbig.
âKannst du mir erzĂ€hlen was passiert ist?â, fragte Schalavsky.
âMusste einem Geisterfahrer ausweichen.â, sagte Wespe. âWollte ihn stoppen, aber er hatte einen Kind auf dem RĂŒcksitz. Dann war da ein Baum und ein Graben.â
âVerstehe.â Schalavsky begann durch Wespes Haare zu streichen.
Wespes Augen fielen ihm halb zu: âWas machen Sie?â
âIch schaue, ob du eine Kopfverletzung hast.â Right. Keine Streicheleinheiten. Methodische ĂberprĂŒfung seiner Gesundheit. Wespe drehte den Kopf leicht zur Seite, um die Stelle zu zeigen, die ihm am meisten wehtat und die vor einigen Stunden auch definitiv noch feucht gewesen war. Schalavsky sah blutverkrustete Haare und darunter etwas das mindestens eine Platzwunde war.
âSo was ist Ă€uĂerst gefĂ€hrlich. Du hĂ€ttest lĂ€ngst beim Arzt sein sollen.â, seufzte Schalavsky und schaute ob sich noch weitere Verletzungen unter Wespes Haaren verbargen. Als er sich soweit sicher war, dass Wespe nur eine Platzwunde hatte.
âTut dir sonst etwas weh?â, fragte Schalavsky.
Wespe winkte ab und schĂŒttelte den Kopf, wobei er bewusst vermied Schalavsky direkt anzuschauen. Das war eine schlechte Entscheidung, wenn man bedachte, dass Schalavsky ein sehr aufmerksamer Polizist war und ein Experte, wenn es um Verhöre ging. Nun kannte er Wespe auch noch gut genug, dass er mit ihm anders umging, als mit einem VerdĂ€chtigen. Schalavsky griff nach Wespes Kinn und zwang ihn den Kopf zu heben bis er ihn ansehen musste. Wespe schluckte, wĂ€hrend sich sein Magen auf links drehte und sein Puls deutlich zunahm.
âWas tut dir weh?!â, fragte Schalavsky streng.
Wespe sah ihn mit groĂen Augen an, versank in dem intensiven Blick und schafft es nicht sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Sein ohnehin schon loses Mundwerk, endete mit der Wahrheit: âMeine linke Hand, generell meine linke Seite.â Als der Ăberschlag passierte hatte es Wespe Kopf und Hand gegen die Seitenscheibe gehauen. Der Gurt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt und nur leicht seinen Oberkörper gequetscht. Der Airbag hatte ihm seine Sonnenbrille im Gesicht zerbrochen und damit seine Wange ein wenig aufgeschnitten. Aber der Schnitt war nach alle den Stunden schon vergessen.
âSonst noch was?â
âKnie. Hab sie aufgeschnitten beim raus klettern aus dem Auto. Sonst nur mein Kopf.â
âOkay.â, sagte Schalavsky sanfter und lieĂ Wespe los. âKannst du stehen?â
Wespe nickte und bemĂŒhte sich sofort aufzustehen. Zum GlĂŒck war Schalavsky da um ihn zu stabilisieren als er schwankte und er zog Wespes rechten Arm ĂŒber seine Schultern und hielt ihn mit einem Arm dicht an seiner Seite. Wespe lieĂ den Kopf hĂ€ngen als mĂŒsse er sehen wohin er trat, wenn er einfach nur hoffte dass seine Haare ihm genug ins Gesicht fielen um seine Rötung zu verstecken.
âIch kann alleine gehen.â, sagte Wespe schwach. âIch gehe zum Arzt, jetzt. Versprochen.â
Schalavsky schnaubte: âDie Chance hattest du. Ich fahre dich jetzt.â Schalavsky fĂŒhrte ihn so aus dem BĂŒro.
Wespe wusste, was jetzt kam. Stundenlanges Warten im Krankenhaus darauf, dass man ihn untersuchte. Dabei wollte er gerade nur ins Bett, seine Schmerzen ignorieren und auch all die Gedanken, die er in Bezug auf Schalavsky hatte. Warum musste dieser Mann so verlĂ€sslich sein? So fĂŒrsorglich? Wespe hatte wirklich gedacht, dass er ihn genug genervt hatte, dass man ihn im Falle des Falles in seinem eigenen Blut liegen lieĂ. Aber Schalavsky sah das anders. Egal, wie sehr Wespe auch nervte, wenn er Hilfe brauchte war er da. Mit sanften HĂ€nden und bestimmter Strenge. Immer im Versuch dafĂŒr zu sorgen, dass es Wespe besser ging. Wie konnte man es da verĂŒbeln, dass sich in Wespe etwas regte.
Beim Krankenhaus bemĂŒhte sich Wespe selbststĂ€ndig in die Notaufnahme hineinzulaufen, auch wenn Schalavsky an seiner Seite blieb, als wĂŒrde er jeden Moment erwarten, dass er zusammenklappte.
âGuten Tag. Was ist passiert?â, fragte die Dame hinter dem Tresen.
Schalavsky nickte zu Wespe: âDer Idiot hatte vor etwa 10 Stunden einen Autounfall und hat sich noch nicht untersuchen lassen, obwohl er eine Kopfwunde hat.â
Wespe nickte der Krankenschwester zu, die sehr ruhig blieb und ein Klemmbrett aushĂ€ndigte: âBitte Platz nehmen und ausfĂŒllen.â
Schalavsky nahm das Klemmbrett an sich und schob Wespe zu einigen Sitzen. Zum GlĂŒck war nicht allzu viel los, was ein wenig seine Hoffnung steigerte schnell nach Hause zu kommen, um endlich zu schlafen. Sie setzten sich und Wespe nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Schalavsky begann das Formular auszufĂŒllen. Er dachte noch, dass es seltsam war, dass sein Kollege seine gesamten Daten kannte, aber dann lieĂ er schon den Kopf an die Wand hinter ihm sinken und nickte ein. Er wusste nicht wie lange er so geschlafen hatten, als eine sanft Hand an seiner Schulter ihn weckte: âKomm mit, Wespe.â
Wespe gĂ€hnte leicht und folgte Schalavsky und einem anderen Mann, der anscheinend sein Doktor war. Sie gingen in ein Behandlungszimmer, in dem sich Wespe auf die Liege setzen sollte. Dann begann der Arzt seinen Kopf zu untersuchen, und ihm dabei Fragen zustellen. Wespe versuchte sie so gut wie möglich zu beantworten, aber schon bald antwortete Schalavsky fĂŒr ihn, wenn er selbst die Antwort nicht kannte. Der Arzt begann mit einem feuchten Tupfer die Kopfverletzung zu reinigen, da das Blut dort mittlerweile einiges an Schmutz festgeklebt hatte. Zwar blutete die Verletzung dadurch wieder geringfĂŒgig, aber wenigstens musste man nicht befĂŒrchten, dass noch Glassplitter oder Steinchen einwuchsen. DafĂŒr bekam Wespe nun einen schicken Kopfverband. Bevor auch die Wunden an seiner Wange, und Knien gereinigt und versorgt wurden. Seine Hand war nur geprellt.
Als der Arzt ihm mit einer Lampe in die Augen leuchtete, zuckte Wespe zurĂŒck.
âDas könnte eine leichte GehirnerschĂŒtterung sein.â, sagte der Arzt aber er sprach so, als wĂŒrde er nicht mit Wespe reden. âEr sollte eine Weile wach bleiben.â
âEr ist seit ĂŒber 20 Stunden wach. Viel GlĂŒck damit.â, sagte Schalavsky.
âWie lange ist der Unfall her?â, fragte der Arzt.
âEtwa 11 Stunden.â, sagte Schalavsky.
âOkay.â, sagte der Arzt mit kritischem Blick auf Wespe. âDann machen wir einen CT-Scan. Warten Sie kurz.â
Einen Moment spÀter kam der Arzt mit einem Rollstuhl wieder.
Schalavsky griff nach Wespes Arm und zog ihn hoch, damit er sich in den Rollstuhl setzte. Er war ganz froh, dass sein Kollege nicht weiterhin Gefahr lief umzukippen.
Sie wechselten den Raum, waren fĂŒr einen Moment in einem Fahrstuhl und dann in einem neuen Raum und Wespe konnte nicht im Geringsten sagen, wo sie hergekommen waren.
Jemand rief nach ihm, aber irgendwas war daran falsch.
âNennen Sie ihn Wespe.â
Man hatte ihn bei seinen Vornamen gerufen. Aber niemand nannte ihn mehr so.
Es war der Name seines UrgroĂvaters gewesen und seine Eltern hatten ihn ausgewĂ€hlt, obwohl seine GroĂmutter dagegen gewesen war. In seiner Kindheit war er schon aufmerksam genug gewesen, um festzustellen, dass Oma ihn nie beim Namen nannte. Liebling, SchĂ€tzchen und andere Kosewörter waren an der Tagesordnung gewesen, aber nicht sein Name. Als er Oma danach fragte, sah sie unendlich traurig aus und eröffnete ihm dann ein lange gehegtes Geheimnis. Ihr Vater, sein UrgroĂvater, war ein SchlĂ€ger gewesen, wobei man ihm zu seiner Zeit das als seine Pflichten ausgelegt hatte, wenn er Ehefrau und Kinder zĂŒchtigte. Im Alter war er ruhiger geworden und so immobil, dass er niemanden mehr gefĂ€hrlich werden konnte. Und Mutter und Tochter hatten beschlossen diese Gewalt nicht an die nĂ€chste Generation weiterzutragen. Sie hatten es geschafft, denn bis auf die kindischen Raufereien mit seinen Bruder hatte Wespe keine Gewalt in seiner Familie gekannt. Ebenso wenig wie seine Eltern, als sie sich unwissend fĂŒr seinen Vornamen entschieden. Seine Oma gab ihm zu verstehen, dass sie nichts davon ihm ankreidete, aber dass sie es bedauerte, dass er den gleichen Namen wie dieser Mistkerl trug, wo er doch so ein sanfter und liebenswĂŒrdiger Junge war. In diesem Moment bot er ihr damals an, dass sie ihn Wespe nennen könnte, wie es schon sein Onkel machte. Und von da an wurde er langsam von allen Wespe genannt. Wenn er die Chance hatte gelb-schwarze Kleidung zu bekommen nutzte er das um seinen Spitznamen zu zementieren. Es war Scherz, dann ein Fakt und schlieĂlich eine unangezweifelte Gegebenheit. Vielleicht waren es auch diese Farben, die zuerst sein Interesse an der Punk-Bewegung geweckt hatten.
âWespe? Wissen Sie wo Sie sind?â, fragte die Stimme. Wespe nickte: âMhm, Krankenhaus.â
âJa, wir möchten einen CT-Scan mit Ihnen machen.â, erklĂ€rte der Arzt. Wespe nickte.
âBitte legen sie alle MetallgegenstĂ€nde ab. Ich hole jemanden, der damit hilft, wĂ€hrend ich das GerĂ€t vorbereite.â
âSchon gut, ich helfe ihm.â, sagte Schalavsky und sah Wespe an: âIst das okay?â
Wespe nickte dĂŒmmlich grinsend. Somit half Schalavsky ihm. Er begann damit die Ohrringe und Augenbrauenpiercings zu entfernen, weil Wespe zu unkoordiniert war, um das selbst zu machen.
Schalavsky sammelte alles in einer kleinen Schale, die bereitstand und dann half er Wespe aus seinem Shirt. Dabei fiel ihm auf, dass Wespe noch mehr Piercings an sich hatte.
Schalavsky sah ein bisschen entgeistert auf die beiden Barbells, die jeweils Wespes Nippel zierten. Wespe lĂ€chelte noch immer dĂŒmmlich vor sich hin. Vielleicht verstand er nicht mehr was los war, vielleicht fand sein ĂŒbermĂŒdeter Verstand es witzig. (Vielleicht war er sogar in diesem Zustand erfreut darĂŒber, wenn sein Kollege ihn sanft anfasste und langsam auszog.)
âSag mir bitte, das das die letzten beiden Piercings sind.â, sagte Schalavsky, als er sich vor Wespe hinkniete. Der schaute an sich herab und stellte fest: âKein Bauchnabelpiercing, dann ja.â
âHast du ein Bauchnabelpiercing?â Schalavsky versuchte sich und seinen Kollegen abzulenken, wĂ€hrend er vorsichtig die Barbells aufschraubte und dabei ignorierte, dass der Körper seines Kollegen darauf reagierte. Nicht nur, dass Wespes gute trainierte Brustmuskeln zuckten, die Brustwarzen verhĂ€rteten sich unter den BerĂŒhrungen und luden dazu ein sie ein wenig zu maltrĂ€tieren.
Schalavsky hielt die Luft an. Vielleicht wĂŒrde sein Gehirn ohne Sauerstoff nicht so einen Blödsinn verzapfen.
âJa.â, sagte Wespe versonnen. âMeine Freundin in der Oberstufe wollte eines, aber hatte auch Angst davor.â
âAlso hast du es dir auch stechen lassen.â, stellte Schalavsky fest als er die Piercings auch in die Schale fallen lieĂ und endlich wieder aufstand.
âJa.â
âWar klar.â Schalavsky seufzte bevor er ĂŒber seinen Schatten sprang und Wespes Hose öffnete. Dann zog er Wespe aus dem Stuhl hoch und lieĂ ihn aus seiner Hose steigen. Nach einem kurzen Blick zu seiner UnterwĂ€sche, war Schalavsky froh, dass er die ihm nicht auch noch ausziehen musste.
âDu bist dir sicher, dass du keine weiteren Piercings hast?â, fragte Schalavsky um absolut sicher zu gehen.
Wespe zog den Bund seine Boxershorts auf und warf einen prĂŒfenden Blick nach unten: âNe, alles gut.â
Schalavsky, der gerade wesentlich mehr gesehen hatte als erwartet, starrte die Decke an. Vielleicht sollte er sich selbst einfach bei der Dienstaufsicht melden und woandershin versetzten lassen. Wenn Bienert auch nur einen Bruchteil von dem erzÀhlte, was hier abhing konnte ihn das seinen Job kosten. Und er konnte nicht mal behauptet, dass es zu unrecht wÀre.
Schalavsky griff nach der Krankenhausbekleidung und zog sie Wespe ĂŒber, bevor er sich wieder setzen durfte. Schalavsky ging in den nĂ€chsten Raum, um den Doktor mitzuteilen, dass sie bereit waren. So ging es als nĂ€chstes fĂŒr Wespe in den CT-Raum, in dem er sich auf die Liege legen durfte. Schalavsky und der Rollstuhl mussten in den angrenzenden Raum, von dem der Arzt und ein Helfer alles steuerten.
âMuss ich dabei wach bleiben?â, fragte Wespe.
âJa, das wĂ€re gut.â, sagte der Arzt.
Wespe seufzte: âKönnen Sie mir was erzĂ€hlen?â
Der Arzt sah zu Schalavsky: âWollen Sie?â
Schalavsky nickte und trat zum Mikrofon: âWenn man dich heute noch entlĂ€sst, kannst du dir schon mal ĂŒberlegen, was du gerne zum Essen hĂ€ttest. Ich habe nĂ€mlich die Vermutung das du schon zu lange nichts mehr gegessen hast. Ich wĂŒrde dir sogar diese ĂŒberzuckerten Waffeln mit den AlibifrĂŒchten holen, die du magst. Oder die Ente von dem Asialaden in der Plaza Mall.â
Wespe brummte, als Zeichen, dass er noch zuhörte, wĂ€hrend Schalavsky ihm belanglose Dinge erzĂ€hlte. Schalavsky sprach von allem, was so getan werden musste, und versuchte nicht daran zu denken, was er gerne tun wĂŒrde.
Als die Untersuchung endlich vorĂŒber war, konnte sich Wespe wenigstens mit Schalavskys Hilfe wieder die Hose anziehen, bevor sie auf die RĂŒckmeldung warteten, ob Wespe hier bleiben musste, oder nach Hause konnte.
âSie haben GlĂŒck gehabt.â, sagte der Arzt. âBis auf die Platzwunde, scheint Ihrem Kopf nichts weiter passiert zu sein.
âHeiĂt das, ich kann nach Hause und schlafen?â, fragte Wespe hoffnungsvoll.
âJa, das wĂ€re sogar meine Empfehlung. Und Wasser trinken.â, ermahnte der Doktor.
Wespe seufzte erleichtert: âDanke, Doc.â
Schalavsky nickte dem Arzt dankbar zu.
âIch mache noch den Papierkram fertig. Sie können sich schon wieder anziehen.â, sagte der Arzt. Wespe lieĂ sich das nicht zweimal sagen, auch wenn er Hilfe brauchte und Schalavsky seine Piercings bloĂ in eine Tasche seiner Jacke stopfte. Der Arzt ĂŒbergab ihnen die Unterlagen, lieĂ sich das was nötig war unterschreiben und schickte sie dann ihres Weges. Wespe weigerte sich wieder in den Rollstuhl zusetzen. Er sagte, er könnte selbst laufen und so ein bisschen MĂŒdigkeit wĂŒrde ihn nicht daran hindern. Schalavsky argumentierte, dass es nicht das bisschen MĂŒdigkeit war, dass ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, sondern der Autounfall, der bewiesen hatte, dass Wespe mehr GlĂŒck als Verstand hatte. Aber das hielt Wespe nicht davon ab zu laufen. Schalavsky fiel auf jeden Fall ein Stein von Herzen als er ihn wieder sicher im Auto hatte.
âWeiĂt du, was du essen möchtest?â, fragte Schalavsky.
âEnte klingt sehr gut.â
âIn Ordnung.â, sagte Schalavsky und fuhr los. WĂ€hrend ihrem Zwischenstopp lieĂ er Wespe im Auto, der vor sich hin schlummerte. Davon dort aus war es nicht mehr weit zu Wespe. Es war noch knapp vormittags und Wespes Mitbewohner waren auĂer Haus. Sie setzten sich ins Wohnzimmer und Schalavsky sah Wespe dabei zu wie er Ente und Reis in sich rein schaufelte und noch etwas mehr als der HĂ€lfte des Gerichts aufgab: âOkay. Das war sehr gut. Jetzt: Bett.â
Schalavsky nickte und bot Wespe eine Hand an um ihn vom Sofa hoch zu sehen.
Nun wirklich nur noch wenige Meter von seinem Bett entfernt, ĂŒberkam Wespe die volle MĂŒdigkeit. Er taumelte an Schalavskys Seite ins Schlafzimmer und bekam wieder ein mal Hilfe von Schalavsky sich auszuziehen. Als er in seiner Boxershorts vor Schalavsky stand, schwang er einen Arm um dessen Schulter und grinste ihn an: âVielen Dank, dass Sie immer fĂŒr mich da sind. Sie sind der Beste.â Mit diesen Worten platzierte Wespe einen Kuss, der vermutlich auf die Wange gehen sollte, aber halb noch Schalavskys Lippen erwischte und den Ă€lteren Kollegen starr vor Schock hinterlieĂ. Wespe bemerkte das nicht mal und löste nur seinen Arm von den breiten Schultern, bevor er ins Bett kroch.
Schalavsky schluckte und zog mit mechanischen Bewegungen die Decke hoch bis zu Wespes Schultern. Dann stellte er noch eine Flasche Wasser an sein Bett, bevor er das Jalousien schloss und Wespe alleine lieĂ. Auf dem Flur stĂŒtzte er sich am TĂŒrrahmen ab und atmete stoĂweise durch die Nase aus. Was war das gewesen? Was hatte das zu bedeuten? Und warum löste diese BerĂŒhrung so viel in ihm aus?
Als er bestimmt vier Minuten unbeweglich auf dem Flur gestanden hatte, zwang er sich, zur Ruhe und rĂ€umte methodisch noch kurz das Wohnzimmer auf, stellte das Essen in den KĂŒhlschrank und machte sich dann auf den Weg zurĂŒck zur Arbeit.
Wespes Handy machte einen kurzen Laut. Groggy sah Wespe auf die Nachricht, die er bekommen hatte. Sie war von Tamina und es war ein Foto. Von dem Moment als Schalavsky ihn aus dem BĂŒro gefĂŒhrt hatte, er hing an ihm wie ein Schluck Wasser und Schalavsky sah zu tiefst unzufrieden mit der Welt aus. Wer auch immer das Bild gemacht hatte, musste es Tamina zukommen gelassen haben. Der Text dazu las: WĂ€rst du mal alleine zum Arzt gegangen, als wir es dir gesagt haben.
Wespe lieà das Handy neben sich aufs Bett fallen. Wenn er tatsÀchlich alleine zum Arzt gegangen wÀre, hÀtte er nie erlebt, wie Schalvsky seine Piercings entfernte, dachte er und fasste nach seinen Brust. Vielleicht hÀtte er unter anderen UmstÀnden noch mehr gemacht, fantasierte Wespe mit einem wohligen Schauern. Vielleicht hÀtte er mit seinem Mund-
Wespe schreckte hoch und saĂ senkrecht im Bett. Hatte er seinen Kollegen gekĂŒsst?!
Und hier ist Teil 3 der so viel lÀnger geworden ist als erwartet, und bestimmt noch fehler drin hat, weil ich beim Durchlesen bestimmt zehn mal eingenickt bin
3. Umgerissen
Wespe blinzelte gegen gleiĂendes Licht an. Seine Haut schmerzte, wie bei einer ĂŒblen Verbrennung und er spĂŒrte die Hitze von etwas in der NĂ€he ausgehend. Er hob den Kopf und musste sich korrigieren: Seine Knochen taten auch weg. Und seine Muskeln. Und er war sich ziemlich sicher, dass auch seine Mitochondrien nicht glĂŒcklich waren.
Er blickte sich um, in der Hoffnung sich orientieren zu können, aber er konnte kaum die Augen öffnen. Staub und Rauch hing in der Luft und schon die kleine Bewegung war ihm zu viel. Er lieà seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
Eine Hand packte seine Schulter und drehte ihn herum. Mehr Schmerzen schossen durch seinen Körper. Wespe schnappte nach Luft und sah erschrocken hoch zu demjenigen, der ihn angefasst hatte.
Wespe registrierte langsam, dass ĂŒber ihm ein wĂŒtender Schalavsky stand.
Er schien ihn anzuschreien, aber er wirkte nicht auf die Art wĂŒtend, wie er es war, wenn Wespe ihn auf die Palme brachte. Es war mehr die Wut, wenn jemand Wespe angriff und er ihm danach das Blut aus dem Gesicht wischen mussten. Wobei das nicht ganz stimmte, dieses Mal wirkten seine Augen feucht, als hĂ€tte er Angst um Wespe.
Wespe versuchte seinen Atem zu kontrollieren, er hustete und spuckte Dreck und Staub aus. Dabei krĂŒmmte er sich noch mehr in sich zusammen und griff nach seinen Ohren, in denen er ein stechendes GefĂŒhl hatte. Zwei HĂ€nde griffen nach seinen und vor ihm kniete mittlerweile Schalavsky und suchte seinen Blick. Wespe sah seinen Kollegen noch immer mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schalavskys Lippen bewegten sich, aber bei Wespe kam nichts an.
âIch höre Sie nicht.â, sagte Wespe und er spĂŒrte seine eigenen Worte mehr in seinen Knochen, als dass er sie hörte. Schalavsky sah ihn entgeistert an und bewegte wieder die Lippen.
Wespe schĂŒttelte leicht den Kopf: âWirklich nicht.â
Schalavsky musterte ihn von oben bis unten. Dann machte er so was wie zwei Peace-Zeichen und deutete eine Schnittbewegung an. Wespe runzelte die Stirn und erinnerte sich dunkel, dass das die GebĂ€rde fĂŒr Verletzung war.
âOb ich verletzt bin?â, fragte Wespe und Schalavsky Gesichtsausdruck fiel, als er ungeduldig auf ihn deute.
âOh⊠Ja. Wie sehr ich verletzt bin?â Schalavsky nickte.
Wespe seufzte: âĂhm, meine Ohren⊠offensichtlich. Rede ich zu laut?â
Schalavsky verzog das Gesicht und deutete ein kleines Bisschen an. Wespe bemĂŒhte sich leiser zu reden: âIch hab ein paar Roadburns.â Wespe zeigte seine HĂ€nde, die schön ĂŒber den Asphalt geschlittert waren. Das erinnerte ihn an seine Jugend, als er gelegentlich beim BMX fahren die Fleischbremse gezogen hatte. âIch glaube, es ist nichts gebrochen. Aber trotzdem tut mir alles weh.â
Schalavskys Blick huschte aufgeregt umher und er fummelte aus seiner Tasche eine Packung TaschentĂŒcher, von der er eines Wespe unter die Nase hielt. Wespe griff irritiert danach und stellte fest, dass er das Taschentuch sehr schnell rotfĂ€rbte. Wespe fluchte und drĂŒckte sich seine Nase zu.
âWas ist passiert?â, fragte Wespe undeutlich und Schalavsky deutete zur Seite, wo ein GebĂ€ude in Flammen stand und wo gerade ein weiteres Feuerwehrfahrzeug ankam. Wespe sah wieder zu Schalavsky, der eine Explosion mimte.
âWars eine Bombe?â, fragte Wespe. Schalavsky zuckte mit den Schultern und deutete auf Wespe und hielt einen Finger hoch.
âIch war der Erste? Okay. War das Haus leer?â
Schalavsky verzog das Gesicht nickte etwas unsicher. Wahrscheinlich.
Schalavsky stand vom Asphalt auf und hielt Wespe eine Hand hin. Er nahm das Angebot an und lieĂ sich auf die FĂŒĂe ziehen. Kaum stand er griff er nach Schalavsky und presste sich eine Hand vor den Mund.
âUhhh, mir ist schwindelig.â, sagte Wespe. âOh man, ich glaub mir wird schlecht.â
Schalavsky griff ihn an beiden Schultern, um ihn zu stabilisieren. Wespe machte ein paar schwerfĂ€llige AtemzĂŒge, bis er nicht mehr das GefĂŒhl hatte sich ĂŒbergeben zu mĂŒssen. Schalavsky hatte ihn dabei ruhig beobachtet, oder vielleicht ihm auch gut zugeredet, aber das wĂŒrde Wespe nie wissen. Sein Kollege nickte rĂŒber zu seinem Auto und sah fragend aus.
âJa, Auto ist gut. Hinsetzen.â, sagte Wespe abgehackt und wurde von Schalavsky zu seinem Auto gebracht. Auf dem Beifahrersitz verstaut konnte Wespe die Augen schlieĂen und den Schwindel bezwingen.
Wespe lag noch immer bewegungslos auf dem Beifahrersitz, als plötzlich etwas fest auf sein Bein klopfte. Wespe schrecke hoch und sah sich einem fremden Mann gegenĂŒber, woraufhin er noch mehr erschrak und die HĂ€nde zur Verteidigung hochzog. Der Mann zuckte nun auch zurĂŒck und hob die HĂ€nde. Er sagte etwas, was Wespe nicht verstand, aber er erkannte das der Mann die Uniform eines SanitĂ€ters an hatte. Hinter ihm tauchte Schalavsky wie ein böser Schatten auf und sprach mit dem Gesichtsausdruck, mit dem er sonst Neulinge belehrte. Der SanitĂ€ter sah zu Wespe und sagte was.
âWas?â, erwiderte Wespe.
Der SanitÀter sagte noch etwas.
âWas?â, fragte Wespe nochmal wieder und fragte sich, ob das ein lĂ€ngeres Spiel werden wĂŒrde. Der SanitĂ€ter hatte noch nicht genug und bevor er dieses Mal ausgeredet hatte, fuhr Wespe schon auf: âHimmel nochmal, ich kann nichts hören!â
Schalavsky verdrehte die Augen, weil er ihm zuvor bestimmt genau das gesagt hatte.
Ein zweiter SanitÀter tauchte mit einer Liege auf und der erste ging Wespe aus dem Weg und deutete auf die Liege.
âAber-â Wespe unterbrach sich selbst, als er Schalavskys Gesichtsausdruck sah und seinen deutlichen Fingerzeig, dass er sich gefĂ€lligst auf die Liege legen sollte. Grummelnd folgte er dem Befehl. Der zweite SanitĂ€ter sagte etwas zu ihm. Wespe stellte fest, dass es ihm schwerer fiel nachzuvollziehen was die Sanis zu ihm sagten, weil ihre GesichtsausdrĂŒcke professionell neutral blieb. Also blickte er stattdessen Schalavsky an. Seinen Gesichtsausdruck konnte er wesentlich besser lesen. Schalavsky sah nicht besorgter als vorher aus, wobei er Wespes Aufmerksamkeit auf ihm bemerkte und genervter wurde, als er verstand, dass die Sanis Wespe nicht viel gaben, mit dem er arbeiten konnte. NatĂŒrlich hĂ€tte Wespe nachfragen können, aber er wusste nicht genau welche Fragen er stellen sollte. Schalavsky deutete auf Wespe, dann auf seinen Mund und die beiden SanitĂ€ter. Dann machte er wieder die GebĂ€rde fĂŒr Verletzungen.
âAh.â, machte Wespe. âSie haben nach meinen Verletzungen gefragt.â Die SanitĂ€ter nickten.
âAlso meine Ohren tun weh und ich höre nichts, ich habe Roadburns und vielleicht auch normale burns. Ich glaube nicht, dass was gebrochen ist. Aber ich wurde ordentlich umgehauen.â
Die SanitÀter nickten und machten sich an die Arbeit Wespe zu verkabeln und zu untersuchen.
Wespe hatte wirklich wenig Lust ins Krankenhaus zu kommen, wo er keinen Anhaltspunkt hatte, was los war. Aber als die Sanis ihn abfahrbereit machen, kam kletterte Schalavsky mit an Bord. Und klopfte ihn beruhigend auf die Schulter.
Das Gute an Explosionen war, dass man nicht erst warten musste, bis man untersucht wurde und dass man umfassend das Personal des Krankenhauses kennenlernen durfte. Der HNO-Arzt kam zu erst und dann der Unfallchirurg, der irgendwas gegen Schalavsky hatte. Wespe wusste nicht woran es lag. Vielleicht, weil Schalavsky ihm ein bisschen im Weg war und ihn genau beobachtete. Wespe war umso dankbarer dafĂŒr. Er fĂŒhlte sich unsicher. Er versuchte die ganze Zeit seine Umgebung im Blick zuhalten. Sein Gehör fehlte ihm besonders, wenn andere Menschen, um ihn waren. Mehr als einmal hatte Wespe sich erschrocken wenn jemand zu dicht an ihm vorbeigegangen war oder ihn angefasst hatte, bevor er die Bewegung gesehen hatte.
Schalavsky bemerkte das natĂŒrlich, was auch sonst? Er war nicht umsonst gut in seinem Job. Seit er das gemerkt hatte, war er immer in Wespes NĂ€he. Entweder hatte er eine Hand an Wespes Schulter oder Arm oder er stand so nah bei ihm, dass Wespe seine KörperwĂ€rme spĂŒren konnte. Wenn er doch mal etwas weiter wegging, blieb er in Wespes Sichtfeld und stellte sicher, dass er ihn erst sah bevor er ihm zu nahe kam. Wespe fand es erleichternd sich auf Schalavsky zu konzentrieren. Er war eine Konstante in dem, was die Explosion von ihm hinterlassen hatte. Beinahe hĂ€tte sie gar nichts von ihm hinterlassen.
Sein Ăberlebensinstinkt schob seit der Explosion Ăberstunden, obwohl er wusste, dass niemand im Krankenhaus ihm etwas tun wollte, aber das hier war nicht logisch. Das hier war, dem Tod so knapp zu entgehen, wie er nur wenige Male erlebt hatte. (Jedes Mal war davon zu viel.) Aber es war das erste Mal, dass er mit einer Verletzung endete, die er nicht versorgen konnte. Er konnte mit einer Schuss- oder Stichwunde umgehen, er konnte gebrochene Knochen schienen, aber wie rettete man einen Sinn?
AuĂerdem hatte er das GefĂŒhl, dass sich eine Gefahr anschlich, die er nicht sehen konnte. Wespe hatte diese Beschreibung schon in der Vergangenheit gehört. Sie kam von Leuten, die Panikattacken hatten. Wespe hatte oft genug die Hand von jemanden auf seine Brust gelegt und deutliche AtemzĂŒge vorgefĂŒhrt. Jetzt könnte er nicht mal Schalavsky atmen hören. Aber er war da. Bei seiner rechten Schulter. Er strahlte WĂ€rme ab und Wespe wollte von dieser WĂ€rme in gewickelt werden. Am Rande seines Bewusstseins realisierte Wespe, dass ihm ein Zettel hingehalten wurde. Nach einen Blick darauf stellte Wespe fest, dass er nichts davon lesen konnte.
Schalavsky klopfte sanft gegen seine Schulter. Er deutete auf den Arzt, sich selbst und die TĂŒr.
âEr will, dass Sie gehen?â Die Vermutung lag nahe, wenn man die Körpersprache der beiden sah. âWarum? Es wĂ€re mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.â Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und redete wieder mit dem Arzt.
Dann geschah etwas seltsames. Schalavsky hatte diese leicht steife Haltung, die sein Tell bei LĂŒgen war. Warum log er den Arzt an? Der Arzt sah nun zwischen ihnen hin und her.
Bevor Wespe erraten konnte, was los war, hockte sein Kollege auf einmal vor ihm und zwinkerte ihm zu, als hĂ€tte nicht bemerkt, dass etwas im Busch war. Schalavsky sprach zu ihm in einer Art und Weise, die sicherlich aufmunternd gewesen wĂ€re, wenn er hören könnte. Als Schalavsky wieder aufstand, beugte er sich etwas mehr vor und kĂŒsste Wespes Stirn.
Möglicherweise war Wespe doch tot. Das hier konnte das letzte Delirium sein, dass sein Gehirn noch durchspielte wĂ€hrend es ihm schon durch die durchbrochene SchĂ€deldecke auf den Asphalt tropfte. Das Problem war, das hier fĂŒhlte sich nicht nach Sterben an, das fĂŒhlte sich nach dem Anfang von einigen sehr langen Wochen des Heilungsprozesses an.
âStimmt was nicht?â In dem er all seine schauspielerischen FĂ€higkeiten zusammennahm schaffte er es die Frage gĂ€nzlich unbedarft zu stellen. Zumindest glaubte er das, er konnte sich ja nicht hören. âDu siehst besorgt aus.â
Wieder war da die Hand auf seiner Schulter. Warm. VerlĂ€sslich. Vielleicht war das hier gar nicht der schlechteste Weg zu gehen, dachte Wespe und lehnte seine Wange gegen Schalavsky Arm. Wieder war da dieses GefĂŒhl, es wĂ€re da eine Gefahr.
Schalavsky trat in sein Blickfeld und sah ihn kritisch an. Er legte eine Hand auf seine Brust und rieb in beruhigenden Kreisen darĂŒber. Wespe hatte was sagen sollten. Dass alles in Ordnung war, aber die Luft zum sprechen fehlte. Schalavskys Hand stoppte ihre Bewegung und drĂŒckte stattdessen, leicht gegen das Brustbein, bis Wespe seinen Atem ausstieĂ, dann hob sich die Hand wieder und Wespe zog einen Atemzug ein, um nahe bei der Hand zu bleiben. Nach ein paar Mal war es einfacher, weil ihm nicht mehr schwindelig war und Sauerstoff wieder bei seinem Gehirn ankam. Es war besser, sicherer sich auf Schalavsky zu konzentrieren und alles andere auszublenden.
Leider war Wespe noch nicht fertig damit das Krankenhauspersonal kennenzulernen. Der Dermatologe kam im Anschluss und als dann noch die Psychiaterin auftauchte und Wespe ihre Karte ĂŒbergab, sah er sie verwirrt an: âSie sind sich bewusst, dass ich Sie nicht hören kann, ja? Weil⊠ich weiĂ ehrlich gesagt nicht, was Sie hier vorhaben.â
Wespe sah zu Schalavsky: âLieg ich falsch? Macht es Sinn, dass sie hier ist?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf und beruhigte Wespe damit. Anscheinend komplimentierte Schalavsky sie dann auch aus dem Zimmer und sie wurden damit alleine gelassen.
SpĂ€ter lag Wespe in dem Krankenhausbett, was man ihm zugeteilt hatte in einem Einzelraum. Er war sich nicht ganz sicher warum, aber wahrscheinlich hatte Schalavsky da was gedreht. Wenn er das richtig gesehen hatte, stand mittlerweile auch ein uniformierter Beamter vor seiner TĂŒr.
Wespe spĂŒrte sein Handy an seiner Seite vibrieren und zog es hervor. Tamina rief an.
âKönnen Sie ran gehen?â, fragte er Schalavsky.
Schalavsky nahm das Telefon und auch ohne Gehör wusste Wespe, dass Tamina zuerst fragen wĂŒrde, warum Schalavsky an sein Handy ging. Schalavskys erzĂ€hlte ihr, was passiert war. Wespe könnte an seinen Lippen Bewegungen âExplosionâ ausmachen und als Schalavsky seinen Blick sah, versuchte er mit seiner freien Hand zu untermalen was er erzĂ€hlte. Er deutete auf sein Ohr, als er von Wespes Verletzung erzĂ€hlte. Dann lauschte er Taminas Worten und hob demonstrativ eine Daumen von unten nach oben und deutete auf Wespe. Gute Besserung.
âDanke.â, sagte Wespe. Schalavsky hörte kurz Tamina zu, dann legt er das Handy auf Wespes Bauch und machte eine auffordernde Bewegung: âOkay? Schalavsky zeigt mir gerade an, dass ich reden soll. Also gehe ich davon aus, dass ich erzĂ€hlen soll, was passiert ist. Also, ich wollte eigentlich nur dieses leerstehende GebĂ€ude untersuchen, wegen den anonymen Tipp und oh... Schalavsky bedeutet mir leider zu reden. Sorry. Ăhm ja, ich hab die Bombe gefunden und gesehen dass es keine ist, mit der ich vertraut bin. Schalavsky sieht mich fragend an. Oh ja, ich hab mich mal mit Bomben vertraut gemacht. Aber ich hatte keine Chance die zu zuordnen, also habe ich das GebĂ€ude gerĂ€umt und am Auto nach UnterstĂŒtzung gefunkt. Ich glaube, dabei wurde ich beobachtet weil die Bombe so ziemlich sofort danach gezĂŒndet wurde. Ich stand zum GlĂŒck hinter dem Auto aber die Druckwelle hat mich trotzdem umgehauen. Das hat ganz schön gescheppert. Oh, Schalavsky schaut, als sollte ich die Klappe halten.â
Wespe schwieg und Schalavskys hörte Tamina zu und runzelte die Stirn bevor er antwortete. Einen Moment spĂ€ter vibrierte das Handy mit einer neuen Nachricht. Tamina war anscheinend darĂŒber ĂŒbergegangen die komplizierten Fragen direkt zu stellen.
,Hast du gesehen, wer die Bombe gezĂŒndet hat?â
âIch glaub nicht. Aber um ehrlich zu sein, vertraue ich meinen Erinnerungen von diesem Momenten nicht mehr ganz.â, sagte Wespe und kratzte sich am Kopf.
,Warum wurde die Bombe erst gezĂŒndet, als du aus dem GebĂ€ude raus warst?â
âWow, das lieĂt sich als wĂ€rst du richtig froh, dass ich ĂŒberlebt habe.â, sagte Wespe sarkastisch. âEntweder wollte man mich nicht umbringen oder sie haben nicht gesehen, dass ich ins Haus gegangen bin. Ich bin hintenrum rein und vielleicht haben sie mich erst fĂŒr einen Jogger gehalten, der am Haus vorbei in den Park will.â Schalavsky bewegte seinen Mund und Wespe sah ihm fragend an. âTamina, was hat er gesagt? Er hat den Gesichtsausdruck, mit dem er mich sonst auch immer beleidigt.â
,Er sagte, man hat sich wohl eher fĂŒr einen Junkie gehalten.â
âNa danke. Egal. Ich bin hinten rein aber vorne wieder raus, weil ich keine Zeit verlieren wollte. Vielleicht haben sie mich da erst gesehen und gezĂŒndet. Und weil es die Werkstatt der Pyros war hat das den ganzen Block umgehauen.â
,Du hast echt mehr GlĂŒck als Verstand.â
Schalavsky sprach wieder mit einem frechen Funkeln in den Augen.
âHat er gerade gesagt, das das keine Kunst ist weil ich keinen Verstand habe?â, fragte Wespe, aber er musste nicht auf Taminas Antwort warten, weil Schalavsky bereits antwortete und nickte. âFrechheit!â
Nach dem sich sie sich von Tamina verabschiedet hatten, lieĂ sich Wespe ein bisschen mehr in die Kissen sinken. Er dachte angestrengt, darĂŒber nach ob er doch etwas gesehen hatte, vor der Explosion, die ihn fast das Leben gekostet hatte. War jemand in der NĂ€he gewesen? Er versuchte sich daran zu erinnern, wie alles abgelaufen war. Nach einigen Minuten seufzte er und schĂŒttelte den Kopf: âIch erinnere mich nicht daran irgendwas verdĂ€chtiges gesehen zu haben. Keine Ahnung, wer die Bombe gezĂŒndet hat.â
Schalavsky klopfte ihm sanft aus Bein zur Aufmunterung.
âSie mĂŒssen aber nicht die ganze Zeit hier bleiben. Ich komm schon klar.â, sagte Wespe tapfer. Schalavsky schĂŒttelte den Kopf und blieb demonstrativ sitzen.
Wespe lĂ€chelte und schaute auf sein Handy, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob er irgendwelche Hinweis ein seinen Nachrichten oder der Bildergalerie fand. Er stellte fest, dass er ein Foto von der Bombe gemacht hatte. Nicht schlecht, Vergangenheits-Wespe.
Als er auf sah, bemerkte er, dass Schalavsky ihn amĂŒsiert ansah und fragend eine Augenbraue hob. Wespe sah fragend zurĂŒck. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Fingerspitzen gegen Wespes Hals. Erst da bemerkt Wespe die Vibration. Anscheinend hatte er unbewusst gesummt. Wespe lĂ€chelt rund zuckte mit den Schultern: âSorry. Hab ich gar nicht bemerkt.â Schalavsky sagte etwas. âJaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.â Schalavsky lachte leicht auf. Und Wespe wollte mehr davon sehen, aber bevorzugt wenn er wieder hören könnte. Falls er wieder hören konnte. Wespe verzog ein bisschen das Gesicht und drĂŒckte diesen Gedanken wieder runter.
Schalavsky klopfte ihm aufs Bein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Wespe rĂ€usperte sich und zeigte das Bild von der Bombe, dass er gemacht hatte. âScheinbar habe ich ein Bild gemacht.â
Schalavsky griff nach dem Handy und sah sich das Bild an. Er deutete auf das Bild und dann auf sich.
âJa, ich schicke Ihnen das.â, sagte Wespe.
âIch glaub, ich werde versuchen ein bisschen zu Schlafen. Sie mĂŒssen nicht die ganze Zeit hier bleiben. Es ist schon spĂ€t.â
Schalavsky winkte ab und lehnte sich in seinem Stuhl zurĂŒck. Wespe lĂ€chelte ein wenig und schloss seine Augen. Er brauchte definitiv etwas Schlaf.
Wespe wurde aus seinem nahendem Schlummer gerissen, als er einen Luftzug spĂŒre. Er öffnete die Augen und sah, wie Glockner in den Raum spazierte.
âHey, Kommissar Glockner.â, begrĂŒĂte Wespe seinen Vorgesetzten und konnte an seinen Lippenbewegungen einen Ă€hnlichen GruĂ ablesen. Dann sah Glockner fragend aus und Wespe schaute nur zu Schalavsky, der in eine ErklĂ€rung ĂŒberging, was geschehen war, welche Informationen sie bisher hatten und wie der aktuelle Stand war. Zumindest vermutete Wespe das. Das war am Wahrscheinlichsten. Als sie zu einer Pause gekommen waren sah meldete Wespe sich: âWarum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige der ihnen in die Quere kam.â
Glockner sagte etwas und Schalavsky machte eine eine GebÀrde mit beiden FÀusten.
Wespe runzelte die Stirn und dachte scharf nach: â...Sicherheit? Zu meiner Sicherheit oder nur um sicher zu gehen?â
Schalavsky zeigte zwei Finger fĂŒr die zweite Option.
Glockner nickte ihm anerkennend zu und schien sich dann zu verabschieden, weil er Wespe winkte.
âNehmen Sie ihn endlich mit?â, fragte Wespe und deutete auf Schalavsky. âEr sollte auch etwas Schlaf bekommen.â Glockner blickte Schalavsky an und eine kurze Diskussion entbrannte, in der Schalavsky wohl den KĂŒrzeren zog. Seine Schultern sackten etwas ab, als er seufzte und seine Jacke nahm. Er klopfte Wespe zum Abschied auf das Bein. (Kein Gute-Nacht-Kuss?)
âGute Nacht!â, rief Wespe ihnen nach und winkte. Schalavsky hob die Hand und schaute nochmal zu Wespe bevor er die Deckenbeleuchtung aus machte, sodass nur doch die kleiner Lampe ĂŒber dem Bett Licht spendete.
Dann fiel die TĂŒr zu und Wespe war alleine. Es war seltsam, dass sich nicht viel verĂ€nderte. Da er die ganze Zeit in Stille war, konnte er jetzt nicht mal den Unterschied ausmachen.
Er gĂ€hnte. Er sollte schlafen. Am nĂ€chsten Tag wĂŒrde er mehr Untersuchungen und Therapien ĂŒber sich ergehen lassen. Aber nach der Erfahrung zu schlafen fiel ihm auch schwer. Zu Hause hĂ€tte er sich vielleicht Meeresrauschen oder RegengerĂ€usche angemacht, aber auch das ging jetzt nicht mehr. Vielleicht wĂŒrde er nie wieder etwas hören.
Etwa 16 Stunden zuvor:
FĂŒr Schalavsky hatte dieser Tag wie so viele angefangen. FrĂŒhstĂŒck, (dass aus einer Tasse Kaffee bestand), Fahrt zur Arbeit, (die ihn den Glauben an die Menschheit kostete), Eintreffen im PrĂ€sidium (ein weiterer Kaffee), sich bei Salah darĂŒber beschweren, dass Wespe beinahe zu spĂ€t war (nur um dann festzustellen, dass Wespe scheinbar privat Ermittlungen angestellt hatte). Aber natĂŒrlich wĂŒrde der Tag nicht wie so viele andere enden.
âWir hatten doch letztens diesen Einbruch bei dem Chemikalienhersteller.â, sagte Wespe aufgeregt und kaute einen knusprigen Toast herum. âMhm, und ich habe erfahren, dass es DiebstĂ€hle in einem Baumarkt gegeben hat.â
Schalavsky beobachtete missbilligend die fallenden KrĂŒmmel: âUnd?â
âSehen Sie nicht die Sachen, die gestohlen wurden?â, fragte Wespe und hielt ihn demonstrativ die Liste hin.
Schalavsky blickte auf die Liste, die lauter Wörter hatte, die er nicht aussprechen konnte: âIch sehe sie...â
âHimmel noch mal!â, rief Bienert und warf die Arme in die Luft. âTamina! Siehst du es?â
âDass du mal wieder zu wenig Schlaf hattest?â, fragte Tamina und klaute Wespes halbes Toast aus der Hand. âJa, sehe ich.â
âIhr beide habt im Chemieunterricht nicht aufgepasst.â, beschwerte sich Wespe Ă€rgerlich. Schalavsky könnte dem nicht wieder sprechen. Von Chemie verstand er nur rudimentĂ€re AblĂ€ufe. âDas hier sind die Grundbausteine fĂŒr eine Bombe.â Schalavsky richtete sich auf. Tamina fiel fast das Toast aus dem Mund: âIm Ernst?â
âJaha!â
âWie groĂ sprechen wir hier?â, fragte Schalavsky.
Wespe kratzte sich in Nacken: âMit den Materialien und der richtigen Zusammensetzung kann es bestimmt ein Mehrfamilienhaus platt machen. Wenn allerdings noch mehr besorgt wurde, dessen Spuren wir noch nicht gefunden haben...â Wespe machte ein unglĂŒckliches Gesicht. âBig Boom.â
âWir mĂŒssen schnell was unternehmen.â, sagte Tamina.
âIm besten Fall finden wir die Bombenwerkstatt, aber wie wir das machen ist eine andere Frage.â, sagte Wespe.
âWie haben Sie ĂŒberhaupt das hier gefunden?â, fragte Schalavsky. Wespe machte eine beilĂ€ufige Handbewegung. âSeit ich den zweiten Einbruch bearbeitet habe, hat irgendwas in meinem Hinterkopf geklingelt. Ich hab aber eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich an dem âZufallâ störe, dass genau diese Komponenten zur fast gleiche Zeit gestohlen wurden.â
âBeeindruckend.â, sagte Schalavsky aufrichtig. Bienert lachte ĂŒberrascht auf, als wĂŒsste er nicht, ob er das Kompliment annehmen sollte oder nicht: âIch werde mich mal ein bisschen umhören. Vielleicht weiĂ jemand von meinen Bekannten was."
Bienerts Bekannte waren die Kriminellen, die ihn genug mochten, um sich an ihn mit Problemen zu wenden und im Gegenzug auch halfen wenn er ein Anliegen hatte. Schalavsky hieĂ das nicht gut aber er kannte Wespe mittlerweile genug, um zu wissen, dass er niemanden aus falsch geleiteten GefĂŒhlen der Verbundenheit laufen lieĂ.
âGut.â Schalavsky seufzte. âIch werde mal die höheren Instanzen anklingeln, dass wir vielleicht bald ein BombenrĂ€umkommando brauchen.â
Es war gegen Mittag, als sich Wespe sich seine Jacke ĂŒber schmiss und ankĂŒndigte, dass er mit jemanden reden wollte.
Schalavsky hatte ein schlechtes GefĂŒhl bei der Sache und fragte, ob er mitkommen sollte, aber Bienert winkte ab. Erstmal mĂŒsse er nur mit einer Topfpflanze reden. Es war dann schon Nachmittags, als Schalavsky einen Anruf bekam in dem Wespe angespannter klang. Er hatte einen Tipp zu einem GebĂ€ude bekommen und wollte dem nachgehen.
Schalavsky hatte ihm noch gesagt, dass er warten sollte und ohne Durchsuchungsbefehl ohnehin nicht in ein privates GebĂ€ude eindringen durfte, aber er kannte seinen Kollegen zu gut, um zu glauben, dass das Bienert tatsĂ€chlich aufhalten wĂŒrde. Dennoch hatte er sich eilig aufgemacht zu der mitgeteilten Adresse.
Er war nicht mehr weit entfernt, als er den Knall hörte und einen Moment spĂ€ter spĂŒre, wie sein Auto durchgeschĂŒttelt wurde, als wĂ€re plötzlich eine Sturmfront an ihm vorbeigezogen.
Schalavsky suchte die Skyline ab und erkannte wo in der Ferne Rauch aufstieg.
Kurz darauf kam die Ansage von der Zentrale: âExplosion im Industriegebiet beim Westbahnhof. Möglicherweise Beamter Vorort verletzt.â
Schalavsky trat das Gaspedal durch, als noch die weiteren Anweisungen gefunkt wurden und stellte das Blaulicht aufs Dach. So schnell wie er könnte, aber ohne andere allzu sehr Verkehrsteilnehmer zu gefÀhrden, fuhr er zu dem Ort, den Wespe ihm genannt hatte. Hinter ihm tauchte die Feuerwehr mit dem gleichen Ziel auf.
Schalavsky sah die RauchsĂ€ule nun dunkler und dichter ĂŒber den DĂ€chern der Millionenstadt aufsteigen. Drei endlose Minuten spĂ€ter sah er das Flackern und dann das brennende GebĂ€ude. Er lenkte seinen Wagen ĂŒber die entgegen kommende Fahrbahn und parkte auf dem weitlĂ€ufigen Vorplatz einer der alten Fabriken, damit er der Feuerwehr nicht im Weg stand. Dann sprangt er aus dem Auto und lief die StraĂe weiter runter. Der Boden war mit Geröll ĂŒbersĂ€t und er musste aufpassen nicht zu stolpern, aber sein Ziel hatte er schon gesehen. Bienerts Wagen stand halb auf der StraĂe mit zerbrochenen Fenstern und offensichtlich von der Druckwelle aus seiner Parkposition geschoben. Der Wagen war leer.
Schalavsky sah sich um und erkannte einige Meter weiter eine Gestalt deren schwarz gelbes Shirt und auffĂ€llige Lederjacke, die so wirkte als hĂ€tte sich ein Kleinkind darauf in Graffiti geĂŒbt, er immer erkannt hĂ€tte. Schalavsky rannte die letzten Meter im Sprint und kam schlitternd zum Stehen. Noch war kein Rettungswagen da, obwohl er auch angefordert worden war. Schalavsky war sich unsicher, ob er Wespe anfassen konnte. Wenn die Explosion sein RĂŒckgrat verletzt hĂ€tte, könnte eine falsche Bewegung ihn umbringen. Wenn er denn noch lebte. Schalavsky presste seine Finger an Wespes Hals und spĂŒrte einen schnellen Puls.
Dann rĂŒhrte sich Wespe. Er bewegte Arme und Beine, aber schaffte es nicht sich herumzudrehen. Wenn er sich noch bewegen kommt, war er wenigstens nicht schwerwiegend am RĂŒckgrat verletzt, dachte/hoffte Schalavsky und packte Wespes Schulter, um ihn herumzuziehen. Wespe stieĂ einen schmerzverzerrten Fluch aus und sah ihm verwirrt an. Blut tropfte aus seinen Haare. Blut war auch unter ihm im sandigen Kiesboden, der in diesem Gebiet die FuĂwege und VorplĂ€tze darstellte.
Schalavsky brĂŒllte nach einem Notarzt. Wespe versuchte tiefer einzuatmen und begann zu Husten, was kein Wunder war bei dem Staub, der in der Luft hing. Schalavsky selbst spĂŒrte schon das GefĂŒhl von Sand und Staub auf der Haut.
âBienert, wie geht es Ihnen?â Wespe reagierte nicht. âWissen Sie, wo Sie sind? Oder wer Sie sind?â
Es kam keine wirkliche Antwort, auĂer dass Wespe plötzlich sich zusammen krĂŒmmte und die HĂ€nde zu den Ohren zog: âScheiĂe!â
Der Knall, dachte sich Schalavsky, Bienert hatte den Knall aus nÀchster NÀhe erlebt. Schalavsky sank auf seine Knie und griff nach den HÀnden seines Kollegen. Wespe hob seinen Blick wieder.
âDer Notarzt ist schon verstĂ€ndigt.â, versuchte Schalavsky ihn zu beruhigen. Dieses Mal bekam er eine Antwort und sie lieĂ ihn eiskalt werden: âIch höre Sie nicht.â
âWas?â, fragte Schalavsky und sah Wespe suchend an. Da waren Blutspuren an seinen Ohren. Mindestens geplatzte Trommelfelle.
âWirklich nicht.â, sagte Bienert kopfschĂŒttelnd. Schalavsky betrachtete seinen Kollegen und versuchte nachzudenken, was er mit einem Kollegen machte, mit dem er nicht mehr reden konnte. Dann erinnerte er sich an eine der wenigen GebĂ€rden, die er konnte. Verletzung. Schalavskys Kenntnisse in der GebĂ€rdensprache reichten gerade mal, um sich mit Vornamen vorzustellen und als Polizist auszuweisen und nach Verletzungen zu fragen. Bienert konnte wohl noch etwas mehr, weil sein letzter Kurs nicht so lange her war, wie Schalavskys. Er hoffte nur, dass Bienert aufgepasst hatte.
âOb ich verletzt bin?â, riet Wespe und Schalavsky war etwas genervt, dass er verletzt war, verriet das Blut.
âOh⊠Ja. Wie sehr ich verletzt bin?â, verstand Wespe nun und seufzte: âĂhm, meine Ohren⊠offensichtlich. Rede ich zu laut?â TatsĂ€chlich sprach Wespe unnatĂŒrlich laut, aber das war verstĂ€ndlich, wenn er sich selbst nicht mehr korrigieren konnte. Dennoch war die nĂ€chste Aussage ruhiger: âIch habe ein paar Roadburns. Ich glaube, es ist nicht gebrochen, aber trotzdem tut mir alles weh.â Bienert HĂ€nde waren blutig von der StraĂe und seine Hose hatte es auch an einigen Stellen zerfetzt, wenigstens die Lederjacke hatte ihn ein bisschen vor dem harten Grund geschĂŒtzt. Allerdings begann nun Blut auch aus Wespes Nase zu laufen. Schalavsky griff schnell ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es ihm unter die Nase. Wespe griff danach und schien erst beim Anblick des Blutes zu verstehen, dass seine Nase blutete: âFuck.â
âWas ist passiert?â, fragte Wespe wĂ€hrend, er sich das Tuch unter die Nase drĂŒckte. Schalavsky deutete auf das brennende GebĂ€ude, dass auch bisher Hitze abstrahlte. Als er wieder angesehen wurde mimte Schalavsky eine Explosion.
âOh Shit.â, sagte Wespe beeindruckt und erschrocken, als er verstand. âWarâs eine Bombe?â Schalavsky wusste das nicht mit Sicherheit und versuche Wespe verstehen zu geben, dass er der erste vor Ort gewesen war.
NatĂŒrlich reichte das Wespe nicht, er wollte auch noch wissen, ob er der Einzige war, der im Gefahrenradius war. Das wusste Schalavsky auch nicht mit Sicherheit. Es wahr kein bewohntes GebĂ€ude, so viel war sicher. Aber ob sich jemand trotzdem innerhalb des GebĂ€udes befunden hat, war schwer zu sagen.
Schalavsky stand mit protestierenden Knien auf (er war zuvor etwas zu schnell auf die Knie gefallen, sonst war er noch ganz gut in Schuss, dankeschön) und bot Wespe eine Hand zum hoch helfen an. Wespe hob den Arm aber hielt seine verletzte Hand lieber geschlossen, also packte Schalavsky seinen Unterarm und zog ihn hoch.
âVerdammt.â, raunte Wespe und presste die frei Hand vor den Mund. âUhhh, mir ist schwindelig. Oh man, ich glaub mir wird schlecht.â
Schalavsky griff ihn an den Schultern, um ihn zu stabilisieren: âEntschuldigung, ich hĂ€tte mir denken können, dass du keinen Gleichgewichtssinn mehr hast.â Er bekam keine Antwort, nur angestrengtes Atmen und einige FlĂŒche, bis Bienert sich vorsichtig aufrichtete, weil er nicht mehr der Meinung war sich jeden Moment zu ĂŒbergeben.
Schalavsky nickte zum Auto und sein Vorschlag wurde angenommen. Auf dem Beifahrersitz konnte Bienert wenigstens bequem abwarten, bis ein Notarzt endlich da war. Schalavsky sah sich besorgt um. Kollegen von der Verkehrspolizei hatten das Gebiet gesperrt, wahrscheinlich war bereits die halbe Stadt in Panik verfallen und der Verkehr zu verstopft, dass er Rettungswagen extra lange brauchte.
Als Schalavsky endlich sah, dass der Rettungswagen kam, winkte er mit beiden Armen, um sie direkt zu ihm zu lotsen.
Einer der SanitÀter sprang aus dem Wagen und kam auf Schalavsky zu.
âEr war direkt vor dem Haus, als die Explosion passierte. Er ist bei Bewusstsein und konnte hier rĂŒber laufen. Aber er hört wohl nichts.â, erklĂ€rte Schalavsky.
Der SanitĂ€ter nickte und kniete sich vor in die offene BeifahrertĂŒr. Er sprach Wespe laut an, aber es kam keine Reaktion. Erst als er Wespe aufs Bein klopfte schreckte, dieser hoch und zog die FĂ€uste in einer Verteidigungsposition. Der SanitĂ€ter hob die HĂ€nde: âHey, hey, ganz ruhig. Ich bin vom Rettungsdienst und will Ihnen helfen.â
âEr ist Polizist und verletzt. Wenn Sie ihn erschrecken, wird er natĂŒrlich versuchen sich zu verteidigen.â, sagte Schalavsky missbilligend.
âOkay.â, sagte der SanitĂ€ter ruhig. âVersuchen wir es nochmal. Was tut Ihnen weh?â
âWas?â, erwiderte Wespe.
âIch werde mir einmal Ihren Kopf ansehen.â, erklĂ€rte der SanitĂ€ter ruhig.
âWas?â, fragte Wespe etwas ungeduldiger.
Der SanitĂ€ter blieb ruhig: âIch möchte mir ansehen woher das Bl-â
Wespe unterbrach ihn: âHimmel nochmal, ich kann nichts hören!â
Schalavsky verdrehte die Augen und bemerkte, dass nun der zweite SanitÀter mit der Liege aufgetaucht war. Der erste SanitÀter stand auf und deutete auf die Liege. Immerhin hatte er nun verstanden, wie er sich mit Bienert verstÀndigen konnte.
Als Bienert nun aber Widerworte gab sah Schalavsky ihn streng an. DafĂŒr hatten sie nun wirklich keine Zeit. Bienert erkannte, dass es keinen Sinn hatte und stand schwerfĂ€llig aus dem Auto auf. Als der SanitĂ€ter sah, wie sehr er dabei schwankte, hielt er ihn sofort fest und sorgte dafĂŒr, dass er sicher auf die Liege kam. Der zweite SanitĂ€ter griff bereits nach Wespes Gesicht und sah ihm mit einer kleinen Stablampe in die Augen: âWas tut Ihnen weh?â
Wespe sah ihn und dann den anderen nachdenklich an. SchlieĂlich blickte er zu Schalavsky. Schalavsky verstand, dass Wespe es schwerer fiel bei den beiden professionellen Fremden zu erraten, was sie wollten. Er entschied sich einzuschreiten und machte erneut die GebĂ€rde fĂŒr Verletzung.
Sobald er verstand, erklĂ€rte Wespe, was ihm wehtat und die Sanis machten sich daran ihn ins Auto zu verfrachten und zu verkabeln. Schalavsky sagte zu ihnen: âIch werde mit Ihnen mitkommen. Geben Sie mir nur eine Sekunde.â
Schalavsky zog den SchlĂŒssel vom Auto ab, schloss die offenen TĂŒren und verschloss sie. Dann joggte er zu der nĂ€chsten Absperrung, wo Kollegen von der Verkehrspolizei eine Sperre errichtet haben.
âHey, ich bin Schalavsky vom City Revier 1. Mein Partner ist derjenige, der verletzt wurde und ich werde jetzt mit ihm ins Krankenhaus fahren. Könnten Sie sich darum kĂŒmmern, dass jemand mein Auto zum PrĂ€sidium fĂ€hrt und dort den SchlĂŒssel abgibt? Sie können ansonsten auch Kommissar Glockner deswegen informieren, vielleicht schickt er dann jemanden her.â
Der Verkehrspolizist hatte einen harten Ausdruck, und nickte gehorsam. Er fĂŒhlte wohl so was wie MitgefĂŒhl, dass Schalavsky Partner im Dienst verletzt worden war. âIch kĂŒmmere mich darum.â
âDanke.â, sagte Schalavsky und joggte zurĂŒck zum Rettungswagen. Er kletterte hinein und sah, dass sich Wespes Gesichtsausdruck aufhellte, offensichtlich freute er sich, dass Schalavsky hier war. Schalavsky klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und setzte sich so hin, dass er den SanitĂ€tern nicht im Weg war.
Im Krankenhaus blieb Schalavsky an Bienerts Seite, wĂ€hrend allen Untersuchungen. Damit machte er sich nicht besonders beliebt, aber der HNO-Arzt hatte am meisten VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass ein Patient in dieser Situation gerne eine vertraute Person bei sich haben möchte. Der Unfallchirurg hingegen fand Schalavsky nicht gut.
âSie können jetzt gehen.â, sagte der Arzt. âViel können Sie hier ohnehin nicht mehr tun.â
Schalavsky verschrĂ€nkte die Arme und nickte zu Wespe: âIch werde nicht gehen, bevor er mir nicht sagt, dass ich gehen soll.â Der Art sah unzufrieden aus und kritzelte etwas auf einen Zettel. Wespe wurde der Zettel hingehalten.
âMannomann. Das kann ja keiner lesen!â, stellte Wespe erstaunt fest. Schalavsky klopfte gegen Wespes Schulter. Als Wespe ihn ansah zeigte er auf den Arzt, dann auf sich selbst und auf die TĂŒr.
âEr will, dass Sie gehen?â, fragte Wespe. âWarum? Es wĂ€re mir lieber, wenn ich jemanden hier habe, den ich besser verstehe.â Schalavsky legte Wespe eine Hand beruhigend auf die Schulter und drehte sich zum Arzt: âWie sie sehen, möchte er, dass ich hier bleibe!â
Der Arzt schien einen anderen Plan zu hegen: âGut, sobald wir ihn aber auf die Intensivstation legen, dĂŒrfen nur noch Angehörige zu ihm... keine Kollegen.â
Schalavsky machte der Job zu lange, um nicht im Angesicht von Arschlöchern ruhig zu bleiben und schnell mit einem Bluff bei der Hand zu sein: âWie gut, dass ich sein Verlobter bin.â Schalavsky ging ganz stark davon aus das der Unsinn mit den Angehörigen erlogen war und daher hatte er kein Problem auch zu lĂŒgen.
Der Arzt sah zwischen ihnen umher. Wespe sah nachdenklich zurĂŒck, als wĂŒrde er erraten wollen worum es ging.
Schalavsky hockte sich vor ihm hin und zwinkerte ihm auffĂ€llig zu: âMach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir.â Wespe lĂ€chelte und nickte, obwohl er noch nicht ganz verstand was los war. Als Schalavsky wieder aufstand, kĂŒsste er Wespes Stirn und der schaffte es haarscharf nicht seinen Shit zu verlieren.
âStimmt was nicht?â Wespe wusste, dass etwas nicht stimmen konnte, weil er gerade von Schalavsky gekĂŒsst worden war. Aber Wespe wĂ€re auch fĂŒr seinen Job ungeeignet gewesen, wenn er nicht die deutliche Anspannung gesehen hĂ€tte, die zwischen den Arzt und Schalavsky herrschte. Und man mochte eine Menge ĂŒber Wespe sagen, aber ein schlechter Polizist war er nicht. âDu siehst besorgt aus.â
Schalavsky nickte leicht, aber legte eine Hand auf Wespe Schulter: âEs wird alles wieder gut."
Wespe seufzte erleichtert und legte sein Wange gegen Schalavsky Arm in einer oscarreifen Performance. Schalavsky dachte gerade, fĂŒr den Moment waren sie in einer guten Situation, als er bemerkte, dass Wespe nicht richtig Atmete. Schalavsky versuchte erst mit sanften Kreisen auf seiner Brust ihn zu beruhigen, bevor er ihm einen richtig Rhythmus vorgab, an dem sich Wespe orientieren konnte.
Nach dem der Unfallchirurg, kam noch der Dermatologe, der zum GlĂŒck entspannt war und die Psychiaterin, die um diese Zeit eigentlich bestimmt keine Schicht mehr hatte. Vielleicht hĂ€tte sie mit der Panikattacke besser helfen können, aber nicht ohne ein Möglichkeit richtig zu kommunizieren.
Knalltrauma, beziehungsweise Explosionstrauma, hieĂ die erwartete Diagnose. Schalavsky hatte immer wieder nachgefragt, wie die Prognose aussah und es stellte sich raus, dass Wespe wie so hĂ€ufig sehr viel GlĂŒck gehabt hatte. Dadurch dass er hinter seinem Auto gestanden hatte, war er vor der Druckwelle gröĂtenteils geschĂŒtzt gewesen, sonst hĂ€tte es schlimmer Enden können. Eine solche Druckwelle fĂŒhrte zu Rupturen und Kontusionen und im schlimmeren FĂ€llen zu inneren Blutungen. Bienerts schlimmste Verletzung schien sein Gehör zu sein. Die aufgeschĂŒrfte Haut und Platzwunde am Kopf, waren keine groĂen Probleme. Selbst vor den Splittern, war er gröĂtenteils geschĂŒtzt gewesen.
Das rechte Ohr war mehr betroffen gewesen als das linke, wahrscheinlich weil Wespe seitlich zum GebĂ€ude gestanden hatte. Allerdings hatten beide Ohren gerissene Trommelfelle und waren nun zum Schutz abgedeckt. Wespe wurde an Infusionen gehĂ€ngt und möglicherweise wĂŒrde man ihm am nĂ€chtens Tag operieren.
Es hatte einige Stunden gedauert, bis sie endlich in einem Einzelzimmer gebracht wurde, das fĂŒr die nĂ€chsten Wochen Wespes neue Heimat sein wĂŒrde. Schalavsky hatte dafĂŒr gesorgt, dass es ein Einzelzimmer war, weil sie noch nicht wussten, ob die Bombe ein gezielter Anschlag auf Bienert gewesen war, weil er vielleicht zu viel heraus gefunden hatte. Abgesehen davon, hielt der HNO-Arzt es auch besser ihn in einer möglichst ruhigen Umgebung zu halten. Schalavsky zog den Stuhl nĂ€her, sodass er neben dem FuĂende des Bettes stand und ihn anblickte. Er hatte bemerkt, dass Wespe sprunghaft war, wenn jemand ihn plötzlich berĂŒhrte, ohne dass er ihn vorher sehen konnte. Deswegen blieb Schalavsky nĂ€her bei Wespe, damit er ihn in seiner NĂ€he spĂŒren konnte, auch wenn er sich nicht in dessen Sichtlinie befand. Und das schien Wespe zu beruhigen. Dort beim FuĂende, hatte Wespe ihn die ganze Zeit im Blick, und wenn er seine Aufmerksamkeit erregen wollte, konnte er ihn gegen ein Bein klopfen.
âKönnen Sie ran gehen?â, fragte Wespe plötzlich und Schalavsky sah von seinem eigenen Handy auf und sah dass Wespe ihm seines reichte. Tamina rief an.
âSchalavsky hier.â
âWa-warum gehen Sie an Wespes Handy?â, fragte Tamina und Besorgnis tropfte durch ihre Stimme.
âWeil sich unser lieber Kollege dachte, er sieht sich mal eine Explosion vom Nahem an.â Schalavsky bemerkte Bienerts interessierten Blick und begann zu zeigen ĂŒber was er sprach. âEr hört aktuell nichts mehr. Wir mĂŒssen schauen, wie lange das anhĂ€lt.â
âOh, richten Sie ihm Gute Besserung aus.â, sagte Tamina und Schalavsky versuchte das symbolisch rĂŒberzubringen.
âDanke.â, sagte Wespe erfreut.
Tamina seufzte: âEs tut gut seine Stimme zu hören. Können Sie ihn bitten zu erzĂ€hlen, was passiert ist?â
âIch versuche es.â Schalavsky legte das Hand auf Lautsprecher geschaltet (aber sehr leise eingestellt) auf Bienerts Bauch und deutete ihm an zu reden.
Wespe verstand und begann seine Ermittlungsarbeit wiederzugeben. Selbst in diesem Zustand brachte man ihn nur mit einem bösen Blick wieder zum Schweigen, aber Tamina wollte auch noch was sagen. âWarten Sie, ich schick ihm einfach meine Frage. Hast⊠du⊠gesehen⊠wer die⊠Bombe⊠gezĂŒndet... hat. Fragezeichen.â
Wespe antwortet und es war definitiv die bessere Version eine Konversation zu fĂŒhren, als mit HĂ€nden und FĂŒĂen zu gestikulieren. Aber Schalavsky war bei weitem nicht so schnell dabei auf seinem Handy Nachrichten zu schreiben wie die jĂŒngere Generation.
,Du hast echt mehr GlĂŒck als Verstand.â, schickte Tamina zum Ende ihres GesprĂ€chs.
âBei dem bisschen Verstand, wĂ€re weniger auch schwer möglich.â, murmelte Schalavsky und Tamina kicherte. Wespe sah das sofort und fragte nach, ob er gerade veralbert wurde, was Schalavsky mit einem ehrlichen Nicken bejahte.
Nach der seltsamen Kommunikation, war Bienert nachdenkliche, scheinbar schien er zu ĂŒberlegen ob er irgendwas vergessen hatte oder eine Schlussfolgerung ziehen konnte. Erfolgreich war er dabei scheinbar nicht, denn ab und zu murmelte er einen Fluch vor sich hin. Schalavsky war sich nicht sicher, ob er sich darĂŒber im Klaren war, dass er immer wieder fluchte. Er schien das fast beilĂ€ufig zu machen.
Wespe ging dazu ĂŒber mit seinem Handy zu spielen und auf einmal summte er. Schalavsky beobachtete ihn interessiert. Bienert konnte sich zwar nicht hören, aber dennoch summte er eine Melodie leise vor sich hin.
Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Schalavsky ihn unentwegt ansah. Schalavsky hob amĂŒsiert eine Augenbraue und Wespe sah fragend zurĂŒck. Offenbar hatte er wirklich nicht bemerkt, dass er summte. Schalavsky lehnte sich vor und legte die Finger gegen Wespes Hals. Das Summen verstummte. âSorry hab ich gar nicht bemerkt.â
âIhr Spitzname passt zu Ihnen.â, sagte Schalavsky sanft.
Wespe verdrehte ĂŒbertrieben die Augen: âJaja, selbst wenn ich mich nicht höre, kann ich nicht ruhig sein.â Schalavsky lachte leicht auf. Wenigstens kannte Bienert seine SchwĂ€chen. Dann verflog dieser leichte Moment. Bienert Gesichtsausdruck wurde auf eine Weise besorgt, die Schalavsky nicht mochte. Aber wer konnte ihm das verĂŒbeln? Er lag hier im Krankenhaus und wusste nicht, ob er gerade einen seiner wichtigsten Sinne eingebĂŒĂt hatte. Selbst wenn sein Gehör sich wieder besserte, bestand das Risiko so viel Schaden davon getragen zu haben, dass er seine Arbeit nicht mehr ausfĂŒhren könnte. Schalavsky mochte nicht daran denken. Endlich hatte er Bienert so weit ein brauchbarer Partner zu sein und sich mit ihm verstĂ€ndigen zu können und da könnte das alles schon wieder vorbei sein?
Aber anstatt ĂŒber mögliche Sorgen zu sprechen, zeigte Wespe ihm ein Bild von der Bombe, das er scheinbar nur Minuten vor der Explosion gemacht hatte. Das war sehr gut fĂŒr die Ermittlungen. Schalavsky lieĂ sich das Bild schicken und mache sich dann daran Glockner zu informieren und das Bild an die zustĂ€ndigen Stellen weiterzuleiten. Bienert entschied sich dafĂŒr etwas Schlaf zu bekommen.
Er schien nicht besonders schnell Schlaf finden zu können und wenn er einnickte, war er kurz darauf wieder wach. Schwierig nach so einem Trauma Schlaf zu finden.
Die TĂŒr öffnete sich und Glockner kam ins Krankenzimmer.
âHey, Kommissar Glockner,â, sagte Wespe und klang hellwach. Selbst ohne sein Gehör war er immer noch sehr aufmerksam.
âHallo Wespe, wie geht es Ihnen?â, fragte Kommissar Glockner.
âEr hört nichts mehr.â, sagte Schalavsky. âEs wird sich in den nĂ€chsten Tagen zeigen, wie sich das entwickelt.â Schalavsky erzĂ€hlte was sie bis hierher wussten.
Als er fertig war fragte Wespe: âWarum werde ich eigentlich bewacht? Die Bombe war doch kein gezielter Anschlag auf mich. Ich war nur derjenige, der ihnen in die Quere kam.â SelbstverstĂ€ndlich musste Bienert sogar in diesem Zustand erkennen, dass ein Beamter in Uniform vor der TĂŒr stand.
âSie haben das zu seiner Sicherheit angeordnet?â, fragte Glockner. Schalavsky nickte und machte eine Geste mit beiden FĂ€usten, die Sicherheit bedeutete.
âGut, dann mach ich mich jetzt auf den Weg.â, sagte Glockner und winkte Wespe zu.
âNehmen Sie ihn endlich mit?â Wespe deutete auf Schalavsky. âEr sollte auch etwas Schlaf bekommen.â
âEr hat recht. Kommen Sie mit, Kollege.â, sagte Glockner freundlich. âIch fahre Sie nach Hause.â
âAber ich sollte Bienert nicht alleine lassen.â, sagte Schalavsky besorgt.
âDas ehrt Sie, Herr Kollege, aber wenn Sie hier auf dem Stuhl schlafen, gehtâs Ihnen morgen schlechter als ihm.â, sagte Glockner neckend.
Schalavsky wollte nochmal widersprechen aber Glockner hielt ihn auf: âSie können morgen wieder herkommen.â
Schalavsky gab sich geschlagen. Er nahm seine Jacke vom Stuhl und klopfte Bienert auf das Bein zum Abschied.
âGute Nacht noch. Und danke.â, sagte Wespe. Schalavsky nickte ihm lĂ€chelnd zu und schaltete beim Rausgehen das Deckenlicht aus, sodass Wespe nur noch das Leselicht ĂŒber seinem Bett hatte.
Als die TĂŒr sich schloss, schaltete Wespe auch das Licht an seinem Bett aus. Er versuchte zu schlafen. Irgendwie. Die Gedanken auszublenden, die sich mit einem möglichen permanenten Hörverlust beschĂ€ftigten und die absolute Stille ignorieren, die ihn langsam nervös machte. Es war selten, dass Wespe wirklich nicht schlafen konnte, aber dann machte er sich ein Hörbuch an, oder RegengerĂ€usche. Das ging nun nicht.
âFuck!â, sagte Wespe in den leeren Raum und hasste es, dass er nicht mal das hören konnte.
Schalavsky hatte eine kurze Nacht. Mit Sicherheit hĂ€tte er auch spĂ€ter zur Arbeit kommen können als sonst, aber nach fĂŒnf Stunden unruhigem Schlafs war er wieder wach und konnte genau so gut zur Arbeit kommen. Das er das heute auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln tun musste, störte ihn immens.
Dementsprechend verzweifelt sah Schalavsky die Kaffeemaschine im Pausenraum an, die heute entschieden hatte in den Streik zu gehen.
âGuten Morgen!â, rief Tamina zu glĂŒcklich. Schalavsky grummelte ein leises âMorgen.â und wunderte sich, warum er den Geruch von Kaffee halluzinierte. Als er sich umdrehte, stand da Tamina mit vier groĂen Kaffeebechern in einer Hand. Sie zog einen aus der Transportpappe und reichte ihn Schalavsky: âIch dachte mir schon, dass Sie dringend einen brauchen. Wie gehtâs Ihnen?â
âOkayâŠ?â, antwortete Schalavsky verwirrt. âMir ist ja nichts passiert.â
Tamina warf ihm einen ihrer nachdenklichen Blicke zu. Schalavsky war sich sicher, dass sie mit diesem Blick versuchte herauszufinden, ob einer ihrer Kollegen wirklich so doof war, wie er/sie sich stellte. Bienert und er bekamen diese Blicke regelmĂ€Ăig ab.
âSie haben gesehen, wie ein Kollege ernsthaft verletzt wurde und haben sich die ganze Zeit um ihn gekĂŒmmert. Das kann einen auch mitnehmen.â
Schalavsky nickte: âJa⊠ich⊠ich hab schlecht geschlafen, aber ich komme klar.â
âOkay.â, sagte Tamina. âIch hab heute morgen schon mit Wespe getextet. Ihm gehtâs soweit gut. Sie wollen ihn heute Vormittag noch operieren, weil auf seinem rechten Ohr das Trommelfell zu sehr gerissen ist.â Schalavsky nickte verstehend.
âHeute Nachmittag können wir ihn besuchen, wenn Sie möchten.â, sagte Tamina. Schalavsky nickte dankbar. FĂŒr den Moment musste er sich zusammenreiĂen. Er musste den Mistkerl finden, der die Bombe gebaut hatte.
âIch habe die Beweise, der EinbrĂŒche mit nochmal angesehen und ein paar VerdĂ€chtige, denen wir auf den Zahn fĂŒhlen können.â, sagte Tamina. âDie Spurensicherung ist noch nicht besonders weit.â Schalavsky trank einen Schluck Kaffee: âSehr gut, lassen Sie uns loslegen.â
âFuck.â Wespe schloss das verlorene Snake-Game auf seinem Handy. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Er hatte die Operation hinter sich, aber er sollte noch nicht viel herum laufen. Also war er brav in seinem Bett, zurĂŒck gelehnt, aber nicht flach liegend, weil er auch das nicht durfte und zĂ€hlte die Deckenpaneele und ĂŒberlegte, ob die Fenster den Regularien entsprachen, schĂ€tzte den InfusionsstĂ€nder auf seine Funktion als mögliche Mordwaffe ein und begann seine Augen absichtlich zu akkommodieren und die gegenĂŒberliegende Wand scharf und unscharf zu stellen. Mit anderen Worten, er war wahnsinnig gelangweilt und etwa eine dreiviertel Stunde davon entfernt sich mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo zu stechen.
Zu seiner Rettung kamen seine Kollegen.
âHallo!â, sagte Wespe erfreut.
âHey, Wespe.â, sagte Tamina lĂ€chelnd.
âHallo.â, sagte Schalavsky zurĂŒckhaltender.
Wespe schmunzelte: âIch war selten so froh Ihre Stimme zu hören.â Schalavsky sah ihn ĂŒberrascht an: âSie können wieder hören?â
Bienert wog eine Hand hin und her: âBisschen ja. Ist alles noch sehr wattig und ich hab konstantes Piepsen, aber immerhin höre ich ein bisschen.â
Tamina stemmte die HĂ€nde in die HĂŒften: âMoment mal, ĂŒber meine Stimme freust du dich nicht?â
âDu bist wie ne kleine nervige Schwester.â, gab Wespe sofort zurĂŒck: âOhne deine Stimme hĂ€tte ich noch ein paar Tage verkraftet.â
Tamina lachte auf: âSehr frech.â
âWie gehtâs Ihnen?â, fragte Schalavsky. Bienert verzog ein wenig das Gesicht: âUnkraut vergeht nicht und so. Es hilft aber auch, dass sie mir die guten Drogen geben.â Wespe zwinkerte Schalavsky zu.
âWow. Das ist ja schlimm.â, stellte Tamina fest. âIch cringe mich weg. Wie lange musst du noch hierblieben?â
âEin paar Tage wohl noch.â, sagte Wespe. âIrgendwie machen Explosion die Leute nervös. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, aber manche haben einfach dĂŒnne NervenkostĂŒme.â
Tamina lachte auf. Sie war sich bewusst, dass Wespe sie nicht besorgt oder traurig sehen wollte und aus diesem Grund absichtlich sich selbst unbeschwerter darstellte. âIch dachte, ich fahre bei dir vorbei und hole dir deine Sache. Willst du irgendwas bestimmtes?â
âBitte bring mir ein paar BĂŒcher.â, bat Wespe aufrichtig. âMir ist sooo langweilig.â
âSonst noch was?â, fragte Tamina.
âNur meine Reisetasche fĂŒr NotfĂ€lle.â, sagte Wespe. Tamina nickte: âAlles klar, ich bin bald wieder da.â Tamina verlieĂ den Raum und lieĂ Schalavsky und Wespe alleine.
âEs freut mich, dass es dir besser geht.â, sagte Schalavsky und setzte sich an auf den Besucherstuhl. Wespe nickte: âIch auch⊠hören Sie, vielen Dank fĂŒr alles. Das Sie gestern bei mir waren, hat das Ganze so viel ertrĂ€glicher gemacht. Und mich vor mehreren Panikattacken bewahrt.â
Schalavsky schĂŒttelte leicht den Kopf: âDu musst sich nicht bedanken.â
âOh doch.â, sagte Wespe. âAls die Bombe hoch ging, dachte ich wirklichâŠ.. das warâs jetzt. Und ich war mir danach noch nicht sicher, ob es nicht doch noch zu Ende gehen könnte mit mir. Aber Sie waren da, die ganze Zeit. Und ganz ehrlich⊠ich weiĂ nicht, wie ich das ohne Sie geschafft hĂ€tte.â Wespe zwang sich zu einem langsamen Durchatmen, um die TrĂ€nen zurĂŒckzuhalten.
Schalavsky griff nach seiner Hand: âHey⊠du hast das ganz alleine geschafft. Ich war nur dafĂŒr da, ein paar Fragen zu beantworten.â Wespe lachte schwach auf, als nun doch die TrĂ€nen ĂŒber seine Wangen rollten, er schĂŒttelte den Kopf: âDu bist immer fĂŒr mich da, wenn ich jemanden brauche. Als einziger.â
Schalavsky lĂ€chelte traurig und setzte sich auf Wespes Bettkante. Er griff nach dessen Gesicht und wischte die TrĂ€nen weg: âDu bist so beliebt und du hast so viele, die fĂŒr dich da wĂ€ren. Gestern war schlimm, und du wirst ein bisschen Zeit brauchen um das zu verarbeiten, aber das schaffst du auch.â
Wespe holte zittrig Atmen: âSorry⊠das ist-â
âDas ist okay.â, sagte Schalavsky ruhig und zog ihn in seine Arme. Wespe legte seine Arme um Schalavskys Schultern und hing halb an ihm, als er weiter stockend einatmete und versuchte seine TrĂ€nen zu stoppen.
Schalavsky strich ihm mit einer Hand langsam ĂŒber den RĂŒcken und hatte die andere Hand in seinen Haaren vergraben.
Er lieà Wespe alle Zeit, um wieder zu Ruhe zu kommen und sich langsam aus der Umarmung zu lösen. Als er sich mit einer verbundenen Hand die TrÀnen aus dem fleckigen Gesicht wischte, hielt die andere weiter Schalavskys Hand fest.
âIch versteht jetzt, warum die wollten, dass ich mit einer Psychiaterin rede.â, schniefte Wespe halb scherzend. Schalavsky nickte: âJa. Wobei das nicht deine einzige Option ist.â
Wespe sah ihn fragend an.
âErzĂ€hl deinen Freunden davon.â, sagte Schalavsky aber Wespe verzog das Gesicht, als wolle er das nicht.
âRuf deine Eltern an.â, riet Schalavsky als Alternative.
Wespe machte eine wegwerfende Bewegung: âGeht nicht.â
Schalavsky horchte auf: âWieso?â Hatte er ein FettnĂ€pfchen erwischt? Nein, Bienerts Eltern lebten noch. HĂ€tte er sich deswegen Sonderurlaub genommen, hĂ€tte Schalavsky das mitbekommen.
âDie sind in einem Dschungel ohne Empfang.â, erklĂ€rte Wespe. Schalavsky atmete auf: âNa du hast ja ein GlĂŒck. Du findest hier fast dein Ende und deine Eltern machen Urlaub.â
Wespe schĂŒttelte schwach den Kopf: âQuatsch. Die machen keinen Urlaub. Die leben da.â
âDeine Eltern leben im Dschungel? Ohne Empfang?â, fragte Schalavsky.
âMeistens ohne Empfang.â, gab Wespe zu.
Schalavsky runzelte die Stirn: âDie wissen aber schon, dass du einen gefĂ€hrlichen Beruf hast?â
Wespe nickte: âJa. Schon. Aber sie haben uns so aufgezogen, dass wir unsere Leben eigenstĂ€ndig leben können. Ihr Lebenstraum war es auszuwandern, und als wir groĂ genug waren, haben sie das gemacht.â Schalavsky hatte das GefĂŒhl, das klĂ€rte eine Frage, die er bisher nicht gehabt hatte: âWie alt warst du, als deine Eltern ausgewandert sind.â
âNeunzehn.â, sagte Wespe.
âWann hast du deine Eltern zuletzt gesehen?â, fragte Schalavsky.
âIn einem Videoanruf vor vier Monaten. In Echt? Ăhm⊠dreieinhalb Jahre.â, sagte Wespe und sah ihn amĂŒsiert an: âBist du wirklich ĂŒberrascht, dass meine Eltern alternde Hippies und Globetrotter sind?â
âNein.â, sagte Schalavsky und hĂ€ngte nicht an, dass es ihm darum nicht ging.
Schalavsky dachte an die Dienste, die er zu Weihnachten mit Wespe verbracht hatte und dass Wespe zwar mal einen freien Tag fĂŒr den Geburtstag seinens Bruders genommen hatte, dass er aber nie die Geburtstage seine Eltern gefeiert hatte. Schalavsky fragte sich, ob er so offen mit allen war, weil ihm die nĂ€here Bindung mit seiner Familie fehlte.
Schalavsky tastete sich weiter vor, obwohl er damit sehr persönlich wurde: âUnd warum möchtest du nicht mit deinen Freunden sprechen?â
Wespe verzog das Gesicht: âIch mag es nicht andere traurig zu machen.â Schalavsky sah seinen Kollegen nachdenklich an. Hatte Bienert keine Freunde, an die er sich bei Problemen wandte? Aber gut. Scheinbar hatte Bienert sein gesamtes Erwachsenesleben alleine bewĂ€ltigt. Und auch wenn Schalavsky in dieser Hinsicht nicht anders, war tat es ihm leid, dass Bienert alleine durch all das gegangen war.
âVielleicht solltest du doch mit der Psychiaterin sprechen. Oder generell mit jemanden.â, sagte Schalavsky. Wespe blickte ihn an, als hĂ€tte Schalavsky ihn betrogen: âUnd das von dir.â
âNur weil ich schlechte Gewohnheiten habe, musst du die nicht auch haben.â
âSo schlecht sind deine Gewohnheiten nicht.â, sagte Wespe. âDu bist immer da, wenn man dich braucht.â
Schalavsky nickte: âIch versuche es.â
Wespe sah ihn nun fragend an: âWas war die Nummer mit dem Stirnkuss?â
Schalavsky merkte wie seine Ohren rot wurde: âAh. Das. Die wollten mich raus werfen, aber ich wollte dich nicht alleine nicht lassen. Also habe ich behauptet, ich sei dein Verlobter.â
Wespe lĂ€chelte: âAch so.â Er begann zu lachen: âIch hab wirklich angefangen an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln.â Schalavsky lĂ€chelte, halb aus Humor, halb weil er erleichtert war, dass Wespe es entspannt aufnahm. Wespes Lachen verebbte schnell wieder, als sein Kopf es noch nicht mochte: âUrgh, das sollte ich noch nicht machen.â
âTut noch weh?â, fragte Schalavsky mitfĂŒhlend.
âOh ja.â, sagte Wespe. âDas wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.â
âWeiĂt du schon, wie es weiter geht?â, fragte Schalavsky.
Wespe nickte: âEin paar mal Sauerstofftherapien und wenn das gut anschlĂ€gt, darf ich in ein paar Tagen nach Hause und dann bin ich noch eine Weile krankgeschrieben, bis hoffentlich alles wieder in Ordnung ist.â
Schalavsky nickte: âGlaubst du, du bekommst in deiner WG Ruhe?â
Wespe verzog das Gesicht: âWahrscheinlich nicht. Ich kann ja die Kollegen rufen, wenn die anderen zu laut werden.â
âDie Kollegen werden sich freuen.â, schmunzelte Schalavsky.
âIn der Zwischenzeit muss du dir keine Sorge machen, dass jemand wieder die Dienstvorschriften verletzt.â, sagte Wespe.
âDas stimmt wohl.â, gab Schalavsky zu. âDa wird mir direkt was fehlen.â
Wespe lachte beinahe auf, aber hielt sich zurĂŒck: âNicht zum Lachen bringen, bitte.â
âEntschuldige.â, sagte Schalavsky. âDann sage ich halt nicht, dass ich dich vermissen werde.â
âAch?â
âJa, Salah ist unertrĂ€glich, wenn sie sich nicht tĂ€glich ĂŒber Klatsch und Tratsch austauschen kann.â, sagte Schalavsky. Wespe grinste und sagte fest leidend: âJa, das ist wahr⊠Wenn du mich aber tatsĂ€chlich vermisst, können wir uns nach deiner Arbeit treffen und was Essen gehen.â
Schalavsky schien einen Moment lĂ€nger als nötig darĂŒber nachzudenken: âDu willst mit mir Essen gehen?â
Wespe zuckte mit den Schultern: âIch hab gehört, das machen Freunde so. AuĂerdem kann niemand in meiner WG auĂer mir kochen und mich lassen sie nicht krank oder verletzt kochen.â
âGut.â, sagte Wespe. âDann haben wir ein Date.â
Schalavsky erstarrte und Wespe hÀtte sich gegen die Stirn geschlagen wenn das nicht zu den Dingen gehörte, die er im Moment nicht machen sollte.
âDa bin ich wieder!â, rief Tamina, als sie die TĂŒr aufstieĂ. âHabt ihr euch vertragen?â Schalavsky stand von der Bettkante auf. Wespe hĂŒstelte und nickte schnell: âKlar. Immer.â
âHier ist deine Tasche mit fĂŒnf BĂŒchern, die bereits Lesezeichen drin hatten.â Tamina stellte die Tasche mit einem lauten Rumpsen auf den Tisch. Wespe zuckte zusammen: âMhm⊠danke?â
âAh. Sorry.â
âSchon gut.â, sagte Wespe.
Schalavsky rĂ€usperte sich: âIch wĂŒrde mich auf den Weg machen. Ăhm⊠wir sehen uns.â
âZum Essen?â, fragte Wespe hoffnungsvoll.
â...ja.â
Wespe strahlte, wĂ€hrend Schalavsky das Zimmer verlieĂ.
Tamina verschrĂ€nkte die Arme: âSpuckâs aus. Was geht hier ab?â
Wespe sah sich die gut gezĂ€hlten Deckenpaneele an. Als Tamina nicht aufhörte ihn anzustarren, bot er an: âWillst du mir mit einem Kugelschreiber ein neues Tattoo stechen?â
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...Von meinem Ersten Teil zum Zweiten habe ich die Wortanzahl mehr als verdreifacht.
Und vom zweiten zum dritten Teil habe ich sie annÀhernd verdoppelt
Und ich bin immer noch nicht fertig! Ich kann so nicht weiter machen.... sonst werde ich nie fertig..... Ah. Und wenn ich morgen nicht arbeiten mĂŒsste, wĂŒrde ich noch die halbe Nacht schreiben. Verdammt.
Die unrĂŒhmliche Aufgabe, neuen Mitarbeitenden das PolizeiprĂ€sidium zu zeigen, wurde unter den Mitgliedern des gehobenen Diensts aufgeteilt. Und nun hatte es halt mal wieder Klaus Schalavsky getroffen, der gerade die vier Neuen herumfĂŒhrte. Alle vier kamen frisch von der Polizeischule, waren noch grĂŒn hinter den Ohren und mit einem freudigen Funkeln in den Augen, gespannt darauf, was sie in diesem GebĂ€ude erleben wĂŒrden.
Schalavsky konnte sich nicht daran erinnern, ob er damals auch so gewesen war. Jedenfalls redete er sich ein, dass er nie so jung gewirkt hatte. Ausgesehen wohl wirklich nicht, denn er war schon als Jugendlicher deutlich Ă€lter geschĂ€tzt worden. Eigentlich immer noch, schliesslich war er erst knapp ĂŒber vierzig und trotzdem zog sich schon ordentlich grau durch die schwarzen Haare. Und sich Ă€lter verhalten, ja, das wohl sowieso.
Er hatte den vier Frischlingen gerade die Asservatenkammer gezeigt und war auf dem Weg zu der KaffeekĂŒche, als ihn eine Stimme innehalten liess.
âSpielen Sie mal wieder Kinderschreck fĂŒr die Neuen?â
Schalavsky verzog mĂŒrrisch das Gesicht, blieb stehen und drehte sich um. TatsĂ€chlich war Wespe gerade aus einem der BĂŒros gekommen - sicherlich hatte er mal wieder mit Sabine oder Dennis geschnackt, anstatt zu arbeiten - und grinste breit.
Die vier Neuankömmlinge musterten Wespe mit unverhohlenem Interesse, trug der Kriminalinspektor doch heute wieder eine besonders schrille Kombi: Rot-GrĂŒn gestreifte Hosen, ein gelbes Hemd ĂŒber einem blauen T-Shirt mit verwaschenem, weissen Aufdruck. Dazu die Piercings in den Ohren und den Augenbrauen, die lackierten FingernĂ€gel und die Ringe. Nein, Wespe sah nicht aus wie ein typischer Beamter. Und wie Schalavsky schon gar nicht, der ein weisses Hemd und ein dunkelblaues Anzugsjackett trug, mit denen er auch in das mittlere Management einer Bank gepasst hĂ€tte.
âBienertâ, sagte Schalavsky genervt und musterte ihn abschĂ€tzig ĂŒber den Rand seiner Brille. âSollten Sie nicht an dem Bericht ĂŒber den RaubĂŒberfall sitzen? Den will ich nĂ€mlich bis um zwei von Ihnen.â
Wespe grinste ihn auf eine selbstgefĂ€llig triumphierende Art an und lehnte sich seitlich mit verschrĂ€nkten Armen gegen die Wand. âDen habe ich Ihnen schon lĂ€ngst geschickt. Aber anscheinend schauen Sie ja nicht auf ihr Mail.â
Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und grummelte etwas. Dann wandte er sich an die vier Neuen.
âDas ist Inspektor Bienert. Macht mir einen Gefallen und nehmt ihn euch nicht als Vorbild. Mehr von seiner Sorte ertrage ich nĂ€mlich bis zur Pensionierung nicht.â
Wespe lachte. âAch, Sie mögen mich dochâ, sagte er augenzwinkernd. Schalavsky verdrehte seinerseits die Augen.
âBilden Sie sich nichts ein. Ich ertrage Sie bloss, weil ich mit Ihnen zusammenarbeiten muss.â
Wespe grinste immer noch und schĂŒttelte etwas amĂŒsiert den Kopf, bevor er sich wieder an die Neuen wandte. âLasst euch von Schalavsky nicht unterkriegen. Und sonst kommt zu mir, dann können wir eine Petition starten, dass er in ein Achtsamkeitsseminar muss.â
âKommissar Schalavskyâ, korrigierte Schalavsky ernst, denn Wespe untergrub seine AutoritĂ€tsposition gegenĂŒber den Neuen schon sehr. Eine der jungen Neuankömmlinge - Salah? Irgendsowas? - hatte bei Wespes Worten nĂ€mlich bereits ein Schmunzeln mit einem GĂ€hnen verstecken mĂŒssen.
âGehen Sie wieder an die Arbeitâ, blaffte er deshalb Wespe an. Wespe machte auch diese Demonstration von AutoritĂ€t zunichte, indem er sich von der Wand abstiess und militĂ€risch salutierte.
Schalavsky knurrte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und schĂŒttelte den Kopf. âWarum probier ich es ĂŒberhaupt noch?â, grummelte er frustriert. Dann bedeutete er den vier Neuen, ihm zu folgen.
Erst als sie beinahe bei der KaffeekĂŒche angekommen war, fiel ihm auf, dass er gar nie abgestritten hatte, Wespe zu mögen.
Die Millionenstadt Ă€chzte unter der drĂŒckenden Hitze. Die Betriebsamkeit sank auf das absolute Minimum, die EisverkĂ€ufer machten RekordumsĂ€tze. Wer konnte, entledigte sich unnötigen Kleidungsschichten.
Die dĂŒrftige Klimaanlage im PrĂ€sidium war in den Monaten Juni bis August AlltagsgesprĂ€ch in der KaffeekĂŒche und regelmĂ€ssig erreichten den Polizeichef in diesen Zeiten Beschwerdebriefe zu diesem Thema. Deshalb hielten viele von Kommissar Schalavskys Kollegen bei fast vierzig Grad auch nicht mehr sonderlich viel von der Kleiderordnung.
Schalavsky hingegen wehrte sich vehement dagegen, selbst im Hochsommer von seinen ĂŒblichen Kleidergewohnheiten abzuweichen, weshalb er jetzt trotzdem mit langen Anzugshosen und weissem Hemd an seinem Schreibtisch sass und versuchte, die Hitze auszublenden. Das gelang ihm bestenfalls mĂ€ssig und sein grösstenteils durchgeschwitztes Hemd half ihm dabei ganz und gar nicht. Eigentlich starrte er auch schon seit fĂŒnfzehn Minuten auf das gleiche Dokument, das langsam auf dem Bildschirm zu flimmern begann.
Eigentlich könnte man meinen, Kommissar Schalavsky kĂ€me gut mit der Hitze klar, da er eher hager geraten war. TatsĂ€chlich aber schien ihn sein Körper in der warmen Jahreszeit mit Vorliebe daran zu erinnern, dass seine Vorfahren aus Sibirien kamen und er deshalb von Hitze nicht viel hielt. Und obwohl es schon mehr als ein Jahrhundert her war, dass jemand aus seiner Familie in Sibirien gewesen war - und Schalavsky stark bezweifelte, dass ihn das heute noch irgendwie beeinflusste - hatte er mit Hitze erhebliche Probleme. In einer sehr peinlichen Instanz vor ein paar Tagen hatte sogar sein Kreislauf schlapp gemacht und sein Hirn hatte wĂ€hrend einer Besprechung in Glockners BĂŒro beschlossen, es wĂŒrde nach einer halben Stunde Stehen und bloss zwei Tassen Kaffee im Magen bei angenehmen 37 Grad jetzt gerne einen Neustart machen, Dankeschön.
Da klopfte es an der TĂŒr und noch bevor Schalavsky hĂ€tte Herein sagen können, wurde die TĂŒr geöffnet.
Schalavsky blickte missmutig von seinem Bildschirm weg, wollte den unhöflichen Besucher schon anschnauzen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Inspektor Bienert stand im BĂŒro. Das an sich war nichts ĂŒberraschendes. Was viel ĂŒberraschender war, waren nĂ€mlich seine Kleider. Oder beziehungsweise, die Absenz davon: Wespe trug nĂ€mlich ein Oberteil, das so dĂŒnn war, dass es beinahe durchsichtig schien.
Schalavsky starrte ihn fĂŒr einen Moment einfach nur an. Dann erst realisierte er, dass Wespe mit ihm gesprochen hatte und bemĂŒhte sich verzweifelt, den Blick zu heben.
âWas?â
âOb Sie mir den Bericht ĂŒber die Jakobsstrasse habenâ, sagte Wespe und er klang etwas ungeduldig. VerstĂ€ndlich, auch Wespe setzte die Hitze zu und leider war Schalavskys BĂŒro sĂŒdseitig gelegen, was es im Sommer noch unertrĂ€glicher machte. Wespe zog dementsprechend auch an dem Kragen seines - fĂŒr Schalavskys KonzentrationsfĂ€higkeit - viel zu dĂŒnnen Oberteils und Schalavsky musste sich beherrschen, ihm nur ins Gesicht zu sehen.
âKlarâ, sagte Schalavsky und war froh darĂŒber, wie neutral seine Stimme klang. Er stand auf, kramte kurz in seinem Aktenschrank und wollte sich schon wieder umdrehen.
Genau im falschen Moment, denn er sah, wie Wespe das Oberteil benutzte, um sich ĂŒber die Stirn zu wischen und ihm damit sehr viel Haut prĂ€sentierte. Schalavsky fĂŒhlte irrsinnigerweise, wie seine Ohren rot wurden und er wusste eigentlich, dass er jetzt wegsehen sollte. Doch es war wie damals in Glockners BĂŒro: Sein Hirn schien die entsprechende Information nicht senden zu wollen, weshalb er jetzt einfach fĂŒr ein paar Sekunden auf die nackte Haut an Wespes Körpermitte sah und die Akte gegen seine Brust presste. Immerhin blieb er dieses Mal bei Bewusstsein. Obwohl, vielleicht wĂ€re so eine kurze Ohnmacht jetzt besser gewesen.
âBoah, ist ja unertrĂ€glich diese Hitzeâ, stöhnte Wespe und richtete sich das Oberteil wieder. âUnd Ihr BĂŒro ist ja noch schlimmer als meins. Haben Sie nicht warm?â
Schalavsky rĂ€usperte sich, einfach nur um sicherzugehen, dass er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte. âMan muss halt auch mit körperlich herausfordernden Situationen umgehen könnenâ, sagte er betont beilĂ€ufig und fixierte einen Punkt zwischen Wespes Augen.
âIst Ihnen nicht gut?â
âHm? Warum denn?â
âSie sind recht rot. Alles okay?â
âJajaâ, beeilte sich Schalavsky zu sagen, doch mit einem Mal schien Wespe sehr besorgt.
âGlockner hat mit gesagt, Sie haben mit Hitze MĂŒhe. Warum haben Sie denn noch das lange Hemd an?â
âUnsere Kleiderordnung ist keine WundertĂŒte. Auch wenn Sie das glauben.â
Wespe verdrehte die Augen. âIch bin im Innendienst. In dem Aufzug sehen nur Sie und Glockner mich. Und das ist allemal besser, als in meinem BĂŒro zu zerfliessen.â
âAhaâ, machte Schalavsky. Irgendwie war ihm jetzt doch warm unter dem Kragen.
âGeht es Ihnen wirklich gut?â, fragte Wespe noch einmal und ja, jetzt war da auch etwas in seinem Gesicht, das Schalavsky noch mal etwas wĂ€rmer werden liess. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er an seinem Kragen genestelt hatte und liess ertappt die Hand sinken. Wespe folgte der Bewegung mit der Hand und seine Augenbrauen zogen sich entschlossen zusammen.
Schalavsky meinte, ihm wĂŒrde das Herz stillstehen, als Wespe ihn an den Schultern packte und resolut nach hinten dirigierte. Kurz zuckte ein Bild durch Schalavskys Kopf, wie Wespe ihn gegen die BĂŒrowand presste, da wurde er auch schon in seinen Schreibtischstuhl gedrĂŒckt.
âSie warten hier!â, befahl Wespe und hob sogar etwas mahnend eine Zeigefinger. Schalavsky konnte ihn bloss verdutzt anstarren, da war der Kriminalinspektor auch schon aus dem Zimmer geflitzt. Schalavsky sah immer noch etwas benebelt auf die TĂŒr, wĂ€hrend seine Gedanken rasten, die Akte immer noch gegen seine Brust gedrĂŒckt.
Vielleicht war ja wirklich etwas in seinem Kopf ĂŒberhitzt. Sein Gehirn hĂ€tte auf Normaltemperatur sicherlich nicht dieses Bild von Wespe ausgespuckt. Schalavsky versuchte verzweifelt, das Bild zu verdrĂ€ngen, sich nicht mehr vorzustellen, wie ihn starke HĂ€nde am Hemd packten, doch seine Synapsen schienen sich zu weigern, davon wegzugehen. Stattdessen bildete er sich sogar noch ein, Wespes Deo zu riechenâŠ
Schalavsky zuckte beinahe zusammen, so schnell kam Wespe zurĂŒck. In der linken Hand hielt er ein Tuch, in der rechten ein Glas Wasser.
âDaâ, sagte er und drĂŒckte Schalavsky das Glas Wasser in die Hand. âTrinken!â
Schalavsky blinzelte verwirrt, dann noch einmal. âSind Sie jetzt meineâŠâ Mutter hĂ€tte er noch hintendran hĂ€ngen wollen, doch da hatte Wespe ihm einen eiskalten Lappen in den Nacken gepatzt. Schalavsky schnappte erschrocken nach Luft, als ihm kaltes Wasser in den Kragen rang.
âBienert! Was soll das?â
âHelfenâ, sagte Wespe ungerĂŒhrt und musterte Schalavsky immer noch auf eine seltsame Art, die der Kommissar nicht ganz erkannte. âNa los, trinken Sie! Oder soll ich einen Strohhalm holen?â
Schalavsky grummelte, nahm aber tatsÀchlich einen Schluck. Erst da merkte er, dass er wohl wirklich Durst gehabt hatte, denn er trank das Glas in einem Zug leer. Wespe stand immer noch viel zu nah neben ihm, wirkte aber zufrieden.
âNoch eins?â
âNein danke.â
Wespe nickte, nahm das Glas entgegen und setzte sich dann auf den Rand von Schalavskys Schreibtisch.
âHe, runter da!â, murrte Schalavsky, doch sein Protest fiel bestenfalls halbherzig aus. Wespe honorierte das dementsprechend auch bloss mit einem mĂŒden Heben der Augenbrauen.
âIst alles okay?â
Schalavsky war ĂŒber die Frage so verblĂŒfft, dass er kurzzeitig nicht wusste, was er antworten sollte. âWas?â
Wespe sah ihn mit uncharakteristisch ernstem Blick an und Schalavsky fĂŒhlte sich fast wie ein Insekt unter der Lupe, so wie Wespe auf dem Rand des Tisches sass und auf ihn herabblickte. Das fast durchsichtige Top half absolut nichts und es kostete Schalavsky alle Selbstbeherrschung, den Blick nicht von Wespes Augen wegzunehmen.
âOb alles okay ist?â
Schalavsky war ĂŒber diese ernste, aufrichtige Stimme ĂŒberrascht, die jetzt aus Wespes Mund kam. Denn sonst waren es Sticheleien, Witze, Foppereien, die ihren Weg ĂŒber Wespes Lippen fanden. Nicht diese Fragen, aufrichtig gestellt, mit einer Sorge, die Schalavsky so gar nicht von Wespe kannte. Er musterte ihn auch dementsprechend, als wĂŒrde er ihn das erste Mal sehen. Schliesslich rĂ€usperte er sich.
âNatĂŒrlich.â
Wespe blickte noch etwas ernster. âGlockner hat mir gesagt, dass Sie zusammengeklappt sind.â
Schalavsky spĂŒrte, wie er erneut rot wurde, dieses Mal durch ein Gemisch aus Zorn und Scham. âDas war nichtsâ, brachte er hervor. Verdammt, natĂŒrlich hatte Glockner Wespe davon erzĂ€hlt! Er hatte den Hauptkommissar fast anflehen mĂŒssen, damit der nicht den Dienstarzt rief, doch sein Gesicht war noch Stunden nachher auf eine grĂ€ssliche Art besorgt gewesen, bei der es Schalavsky kalt den RĂŒcken heruntergelaufen war. Und wenn Schalavsky eines hasste in seinem Leben, dann war es diese Art von Blick. Dieses Mitleid.
Wespes Gesicht verfinsterte sich.
âMann, warum tun Sie das immer?â
âWas?â
âNicht zu sich selbst schauen? Verdammt, haben Sie heute ĂŒberhaupt schon etwas gegessen?â
Schalavsky presste die Lippen aufeinander und funkelte Wespe aus schmalen Augen an. âWas interessiert Sie das?â
âDarf ich mich etwa jetzt nicht mehr um Sie sorgen?â
âOh, Sie sorgen sich um michâ, Ă€ffte Schalavsky Wespe schon fast giftig nach. âDas können Sie schön bleiben lassen, ich brauche ihre FĂŒrsorge nicht!â
âDa! Da ist es schon wiederâ, sagte Wespe und stiess Schalavsky anklagend den Zeigefinger in die Brust. Schalavsky zuckte zusammen und bevor er die Hand hĂ€tte wegwischen können, richtete Wespe seinen Zeigefinger auf Schalavskys Gesicht.
âSobald man zu Ihnen schaut, igeln Sie sich ein! Dann werden Sie patzig und schnauzen die andere Person an! Kein Wunder, schaut niemand mehr hin, wenn es Ihnen Scheisse geht, man wird dafĂŒr ja bloss angemotzt.â
Schalavsky starrte Wespe an, als hĂ€tte dieser ihm gerade einen zweiten eiskalten Lappen in den Nacken gedrĂŒckt.
âIchâŠâ, begann er, doch irgendwie wusste er nicht, was er sagen sollte. Es wĂ€re jetzt einfach gewesen, Wespe anzuschnauzen, ihm zu sagen, dass das alles nicht stimmte, dass er doch fĂŒr sich selbst schauen sollte, ihn endlich in Ruhe lassen! Vielleicht hĂ€tte er genau das auch bei jeder anderen Person gesagt. Aber ausgerechnet bei Bienert, bei Wespe, konnte er das heute nicht. Nicht, wenn dieser ihm ein Glas Wasser geholt hatte, nicht wenn dieser jetzt auf dem Schreibtisch sass und trotz Schalavskys Anpfiff immer noch dort sass. Weil dessen Blick zwar zornig funkelte, doch weil dieses Feuer erst durch Besorgnis entflammt worden war.
Und hatte Wespe nicht Recht? Eigentlich frage ja schon niemand nach, wie es Schalavsky ging. Glockner vielleicht noch ein paar Mal, doch auch er hakte nie nach, wenn Schalavsky ein Geht schon, geht schon murmelte. Aber Wespe? Der machte seinem Namen alle Ehre, liess nicht locker, bis er der Sache auf den Grund gegangen war. Und jetzt war Schalavsky zu seinem Ziel geworden. Geworden? Nein, vielleicht schon lÀnger gewesen. Warum? Womit hatte Schalavsky verdient, dass Wespe seine WÀrme auch auf ihn ausdehnte?
Schalavsky konnte den Augenkontakt nicht weiter aufrecht erhalten. Stattdessen sah er zur Seite, zu dem Bildschirm, auf dem die Akte vor sich hin flimmerte. Er spĂŒrte weiterhin Wespes Blick auf sich, wie der Kriminalinspektor ihn musterte.
âHaben Sie Mittagspause gemacht?â, ĂŒberraschte Wespe ihn.
Schalavsky sah kurz wieder verdutzt zu ihm. âIch? Nein.â
Wespe nickte, als wĂŒrde sich damit ein Verdacht bestĂ€tigen. âDann haben Sie ja eine halbe Stunde zu guteâ, sagte er und ein LĂ€cheln stahl sich auf sein Gesicht. âMitkommen.â
âWas?â, machte Schalavsky verdutzt, doch da war Wespe auch schon von seinem Schreibtisch gehĂŒpft und zog Schalavsky auffordernd am Ărmel. Der Kommissar war darĂŒber so verdutzt, dass er bloss schnell den Bildschirm per Tastenkombination sperrte - denn das war schliesslich Vorschrift! - sich aber dann von Wespe auf die Beine ziehen liess.
âWas haben Sie vor?â
âEinfach mitkommen!â
Der Stadtpark lag bloss fĂŒnf Minuten fusslĂ€ufig vom PolizeiprĂ€sidium und Schalavsky kam eigentlich nach Dienstschluss gerne noch ein paar Minuten her, um sich an den Teich zu setzen und nachzudenken. Oder um sich zu beruhigen, wenn mal wieder vier besonders nervige Jugendliche im PolizeiprĂ€sidium aufgetaucht waren. Und das war in letzter Zeit so oft vorgekommen, dass er sich mittlerweile einbildete, die verschiedenen Enten auseinanderhalten zu können.
Dass die eine Bank im Schatten der grossen Eiche noch frei war, hatte sich als ausgesprochener GlĂŒckstreffer herausgestellt. Sonst war die nĂ€mlich besetzt, doch die hochsommerlichen Temperaturen hatten anscheinend den Park grösstenteils geleert. KĂŒhler als im PolizeiprĂ€sidium war es jedoch trotzdem.
Wespe hatte Schalavsky auf die Bank gesetzt, ihm gesagt, er solle schön hier warten - Schalavsky hatte missmutig das Gesicht verzogen. Schliesslich war er ja kein Kind mehr - und war dann davongetrabt.
So viel zu, in dem Aufzug sehen nur Glockner und ich ihn, dachte Schalavsky und suchte mit den Augen den Teich nach den Enten ab. Doch die zeigten sich nicht. Vielleicht war ihnen auch zu warm und sie blieben lieber im hohen Schilf.
âSo, da bin ich wiederâ
Schalavsky zuckte zusammen. Er hatte Wespe gar nicht kommen gehört. Doch noch bevor er etwas hĂ€tte sagen können, drĂŒckte Wespe ihm schon etwas in die Hand.
Schalavsky sah verdutzt auf den Becher mit drei Kugeln hinab.
âWas ist das denn?â
âDas ist ein Eisâ, erklĂ€rte Wespe, als wĂŒrde er einem Kind etwas erklĂ€ren und liess sich neben Schalavsky auf die Bank plumpsen, eine Waffel mit drei Kugeln in der Hand. âDas ist kalt und man kann es essen. Es wird hauptsĂ€chlich im Sommer konsumiert.â
âIch weiss, was ein Eis istâ, gab Schalavsky patzig zurĂŒck. âAber⊠warum?â
Wespe zuckte mit den Schultern und schleckte etwas von seinem Eis. âIst doch das Wetter dafĂŒr.â
Schalavsky musste einen Kloss herunterschlucken, der sich sinnloserweise in seinem Hals gebildet hatte. Warum der da war, wusste er nicht ganz. Er sah wieder auf seinen Becher Eis herab. Ein warmes GefĂŒhl breitete sich in seiner Brust aus, das nichts mit der drĂŒckenden Hitze ĂŒber der Millionenstadt zu tun hatte.
âIch habe Ihnen Vanille, Erdbeere und Stracciatella geholtâ, sagte Wespe gut gelaunt. âWenn Sie was davon nicht mögen, kein Problem, ich ess es auch!â
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, was er sagen sollte. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal ein Eis gekauft hatte. War das vor fĂŒnf Jahren gewesen? LĂ€nger her? Er wusste es beim besten Willen nicht mehr. Warum hatte er sich seit fĂŒnf Jahren kein Eis mehr geholt?
âDankeâ, brachte er hervor und zuckte zusammen, denn seine Stimme brach. Wespe kommentierte das nicht, doch er hielt kurz in seinem Eis essen inne. Schalavsky betete innstĂ€ndig, dass Wespe nicht ahnte, was gerade in Schalavskys Kopf von sich ging. Bloss um etwas zu tun zu haben, begann er, das Eis zu löffeln. UnwillkĂŒrlich fĂŒhlte er sich in seine Kindheit zurĂŒckversetzt, an die langen Sommertage, an denen er und seine Geschwister sich von ihrem zusammengesparten Taschengeld ein paar Kugeln Eis geholt hatten. Schalavsky fĂŒhlte die Sehnsucht fast körperlich, als er sich an das Lachen zurĂŒckerinnerte, an die Nachmittage auf dem Fahrrad, am See, in den WĂ€ldern. Damals war das Leben noch sorgloser gewesen.
âWas haben Sie sich geholt?â, fragte er Wespe, als er seiner Stimme wieder traute.
âSchlumpfeis, Pistazie und Kaffee⊠He, was verziehen Sie so das Gesicht?â
âSeltsame Kombiâ, sagte Schalavsky ertappt und löffelte sein Eis weiter. Wespe folgte der Bewegung mit den Augen.
âLag ich denn richtig?â
âWomit?â
âMit den Eissorten. Oder was mögen Sie am liebsten?â
âZitroneâ, sagte Schalavsky, bevor er darĂŒber nachdenken konnte. Das war damals sein Lieblingseis gewesen.
âAhâ, machte Wespe und plötzlich war da ein LĂ€cheln auf seinem Gesicht, das strahlender war als es die Sommersonne je sein konnte. âDas merk ich mir fĂŒr das nĂ€chste Mal.â
âDas nĂ€chste Mal?â
âJemand muss doch schauen, dass Sie mal aus Ihrem BĂŒro rauskommenâ, meinte Wespe und zwinkerte Schalavsky gut gelaunt zu, der fĂŒhlte, wie ihm warm wurde. âUnd der Park ist doch hĂŒbsch.â
âHmâ, machte Schalavsky. Erst da fiel ihm auf, dass sie eigentlich sehr nahe beinander sassen. Und von weitem hĂ€tte man sie wohl nicht fĂŒr Arbeitskollegen gehalten. Eher fĂŒr⊠Ach, das war jetzt ja nicht so wichtig. Wichtig war bloss, dass Wespe jetzt neben ihm sass.
Ich muss ihm das irgendwie zurĂŒckgeben, dachte Schalavsky, als er den ersten Löffel Erdbeereis ass. Er mag doch diesen Italiener. Kann man ja auch mal hingehen.
Normalerweise trugen sie die Uniform nur bei feierlichen AnlĂ€ssen. Der heutige war nur auf dem Papier so einer. Aber der Fall war so lange und grĂ€sslich gewesen, dass sich die Belobigung durch den zweiten BĂŒrgermeister ganz und gar nicht wie eine Feier anfĂŒhlte, sondern mehr wie eine Abdankung.
Wespe, der rechts neben Schalavsky sass, sah fĂŒr einmal nicht so aus, als wĂ€re er durch einen Secondhandladen gerobbt und hĂ€tte alles auch nur ansatzweise anziehbare ĂŒbergestreift. Nein, mit seiner dunklen, förmlichen Polizeiuniform und den zurĂŒckgebundenen Haaren wirkte er an diesem Abend ernst und wĂŒrdevoll. Schalavsky hatte sogar zweimal hinsehen mĂŒssen, um Wespe zu erkennen. Und jedes Mal wenn er aus den Augenwinkeln einen Blick stahl, musste er sich eingestehen, dass Wespe in der Uniform doch sehr schmuck aussah.
Doch Wespe schien sich in dieser förmlichen Uniform nicht wohl zu fĂŒhlen, denn er rutschte seit Anfang der Zeremonie auf seinem Stuhl hin und her. Schalavsky, der ihm seit fĂŒnf Minuten immer wieder pikierte Blicke zuwarf, wurde es langsam aber sicher zu bunt.
âKönnen Sie nicht stillhalten?â, zischte er scharf aus den Mundwinkeln. Wespe zuckte ertappt zusammen und hielt inne. Schalavsky war verdutzt, dass sein Anpfiff gewirkt hatte und fĂŒhlte sich beinahe etwas schlecht. Auch Wespe hatte dieser Fall zugesetzt, das hatte Schalavsky gemerkt. Und jetzt diese Uniform, die an dem Kriminalinspektor so fremd aussah und sich fĂŒr ihn wohl auch genauso anfĂŒhlte. Ein Beweis dafĂŒr, was passiert war?
âSorryâ, murmelte Wespe zurĂŒck. Sie sassen in der zweiten Reihe, ganz rechts aussen, verdeckt durch die Vorderreihe. Schalavsky hörte nicht mehr, was der zweite BĂŒrgermeister sagte, welche Floskeln er in diese Halle sprach, die den Bewohnern der Stadt suggerieren sollte, dass sie jetzt wieder sicherer waren. Zu sehr war er durch Wespe abgelenkt worden und wie ein Magnet hatte er seinen Fokus nur auf sich gelenkt.
Wespe konnte jedoch nicht lange stillhalten, genausowenig, wie er dazu im BĂŒro in der Lage zu sein schien. Immer schien er in Bewegung sein zu mĂŒssen, als wĂŒrde zuviel Energie durch jede Faser seines Körpers jagen. Und so hielt er es auch nur ein paar Sekunden aus, bevor er anfing, mit den Fingern auf dem Stoff seiner Anzugshose zu trommeln.
âPsstâ, machte Schalavsky, den das Gezappel langsam aber sicher selbst nervös machte. Entschlossen lehnte er sich etwas nach Rechts und wollte Wespe die Hand wegpatschen. Da er jedoch immer noch entschlossen nach vorne sah, verschĂ€tzte er sich und legte ihm stattdessen die Hand auf den Oberschenkel.
Augenblicklich verharrte Wespe, als wÀre er eingefroren. Schalavskys Kopf zuckte zur Seite und er wollte sich schon leise murmelnd entschuldigen, die Hand hastig wegziehen, doch etwas in Wespes Blick liess ihn innehalten. Wespe war zwar rot geworden - ein seltener Anblick in dem frechen Gesicht des Kriminalinspektors, aber der sah an diesem Abend sowieso ganz anders aus, fast wie ein anderer Mann - dennoch war da etwas in seinem Blick, das Schalavsky nicht kannte. Etwas⊠fragendes. Wartendes. Einladendes.
Die Zeit schien stillzustehen, elastisch zu werden, sich zu dehnen. Ein Raum voller Menschen und dennoch wurde Schalavskys Welt kleiner und kleiner, bis sie nur noch sie beide beinhaltete. Wespe, ihn und seine Hand auf Wespes Oberschenkel. Die WĂ€rme von dessen Haut, die er selbst durch den Stoff der förmlichen Uniform spĂŒrte.
FĂŒr einen Moment, einen einzigen, sehnsuchtsvollen, stellte Schalavsky sich vor, wie seine Hand höher rutschen könnteâŠ
Da riss das aufbrausende Klatschen der Anwesenden Schalavsky jÀh aus diesem benebelnden Moment. Hastig zog er seine Hand weg, als hÀtte er sich verbrannt, die Augen wieder starr nach vorne gerichtet.
Er spĂŒrte Wespes Blick auf sich, als sie aufstanden, doch er wagte es nicht, zur Seite zu sehen. Wespe anzusehen, das wĂ€re wie ein EingestĂ€ndnis von⊠irgendetwas gewesen. Schalavsky biss die ZĂ€hne zusammen und zwang sich, weiter nach vorne zu sehen. Dumm, dumm, dumm!, schalt er sich selbst in Gedanken und bemĂŒhte sich, nicht an das zu denken, was gerade passiert war. Was er sich ĂŒberlegt hatte zu tun. Er fĂŒhlte die Schuld und Scham wie einen heissen Klumpen im Magen. Sicherlich hatte er sich Wespes Blick bloss eingebildet, sicherlich war der einfach so ĂŒberrascht gewesen, dass er gar nicht die Zeit gehabt hatte, sich zu wehren. Schalavskys Hand wegzuwischen, ihn anzublaffen. Dass er nicht von Schalavsky angefasst werden wollte.
Und als der Applaus verebbte, schulterte sich Schalavsky durch die anderen Anwesenden nach draussen.
Er brauchte jetzt einen Drink.
Zwanzig Minuten spÀter fand ihn Glockner in einer Ecke auf dem Terrasse, hinter einer halb vertrockneten Pflanze und mit einer Zigarette in der rechten Hand.
âWollten Sie nicht aufhören?â
Schalavsky zuckte zusammen, so intensiv hatte er in die Nacht gestarrt. Fast etwas ertappt liess er die Zigarette sinken. âEigentlich schonâ, murmelte etwas peinlich berĂŒhrt.
Glockner lehnte sich mit verschrĂ€nkten Armen gegen die Wand. Auch er trug Uniform und hatte in der ersten Reihe gesessen, hatte vom zweiten BĂŒrgermeister die Hand geschĂŒttelt bekommen. Jetzt musterte er Schalavsky aufmerksam.
âSie wirken irgendwie bedrĂŒckt. Ist es der Fall?â
Schalavsky verzog leicht das Gesicht. NatĂŒrlich, vor Kommissar Glockner konnte man nichts verstecken.
âNeinâ, sagte er wahrheitsgemĂ€ss. Und Glockner schien ihm das auch zu glauben. Dennoch wurde sein Blick nachdenklich.
âWas ist es dann?â
Schalavsky zog noch einmal an der Zigarette. Er hatte denn doppelten Whiskey viel zu schnell getrunken und merkte die Wirkung auf nĂŒchternen Magen. Seine Gedanken kreisten und waren irgendwie⊠wattig.
âHaben Sie schon mal was richtig Dummes getan?â
Glockner entwirrte seine verschrÀnkten Arme. Kurz sah er seinen Kollegen verdutzt an, dann setzte er sich neben Schalavsky auf den zweiten Stuhl.
âWas haben Sie denn getan?â, fragte er. Nicht anklagend, sondern verstĂ€ndnisvoll.
Schalavsky blies den Rauch in die Nacht. âNoch nichts. Aber⊠ich hĂ€tte gerne.â
âWas ist los?â, fragte Glockner in diesem leisen, fast vĂ€terlichen Tonfall.
Schalavsky lehnte den Kopf gegen die kĂŒhle Wand und schloss die Augen.
âIch glaube, ich bin verliebtâ, murmelte er und diese Worte stolperten blutend aus seinem Inneren, bevor Schalavsky seine HĂ€nde auf die Wunde hĂ€tte pressen können.
Es war das erste Mal, dass er es laut sagte, dass er sich diesen Gedanken eingestand. Dass seine Hand auf Wespes Bein vielleicht doch kein Versehen gewesen war. Dass sich der Kriminalinspektor schon lĂ€ngst einen Weg in Schalavskys Herz geschultert hatte, obwohl Schalavsky irgendwie von Anfang an versucht hatte, ihn dort rauszuhalten. Aber spĂ€testens mit dem Eis im Park war Schalavskys Schicksal besiegelt gewesen. Und anscheinend war auch diese Version von Wespe hartnĂ€ckig und hatte sich, ganz ohne seine Zustimmung, in Schalavskys Herzen festgekrallt. Schalavsky wusste, dass er ihn nicht von sich wĂŒrde lösen können, ohne zu bluten. Hatte Wespe es sich deshalb dort bequem gemacht, egal, wie sehr sich Schalavsky wĂŒnschte, er könnte seinen Kollegen aus seinem Herzen verbannen? Seine GefĂŒhle weiterhin unterdrĂŒcken?
Denn alles andere war unmöglich, Schalavsky war zu alt fĂŒr ihn, zu förmlich, zu⊠wie sagte Wespe immer? Pedantisch. Ja genau. Zu einem Freigeist wie Wespe, der so beneidenswert offen mit seiner Liebe war, der so viel WĂ€rme und Zuneigung in sich trug, der berĂŒhrte und lachte und der einfach so voller Leben war⊠Und selbst wenn, in dem unwahrscheinlichsten aller FĂ€lle, sie waren Kollegen! Es war gegen die Dienstordnung, gegen die Vorschriften, ĂŒberhaupt gegen den gesunden Menschenverstand!
Nein, es war undenkbar, dass jemand wie Wespe ihn mögen könnte. Komplett unlogisch. Egal wie oft er ihn heute Abend angesehen hatte, egal wie anders Wespe in dieser Uniform aussah. Es war halt am Ende doch Wespe.
Aber Schalavskys Herz interessierte sich sowieso nicht dafĂŒr, was der Kopf fĂŒr logisch hielt. Sein Herz hatte wohl schon lĂ€ngst gesagt ihn und keinen anderen und Schalavsky verfluchte dieses dumme Organ fĂŒr seine aussichtslose Wahl.
âAber das ist doch schönâ, sagte Glockner und Schalavsky konnte selbst mit geschlossenen Augen sein LĂ€cheln hören.
âIst es nichtâ, gab Schalavsky bitter zurĂŒck. âEs ist nĂ€mlich unmöglich.â
âOhâ, gab Glockner zurĂŒck. âVerheiratet?â
Schalavsky schnaubte. NatĂŒrlich, Glockner, der Familienmensch. Der dachte, der Ehering sei eine unĂŒberwindbare Barriere. Hatten sie in ihrem Beruf nicht genug FĂ€lle auf dem Tisch, die das Gegenteil bewiesen?
âNeinâ, antwortete er trotzdem und hasste, wie resigniert seine Stimme klang.
âAch? Was ist denn sonst das Problem?â
âEs⊠ach es geht einfach nicht!â, behauptete Schalavsky, fast wie ein trotzendes Kind.
Glockner war sehr, sehr lange still und Schalavsky meinte schon, er sei aufgestanden und gegangen.
âDenkt er das denn auch?â
Er. Das Pronomen jagte wie ein Stromschlag durch Schalavskys Körper und er riss die Augen auf, fixierte Glockner, der jedoch sehr ruhig und mit freundlichem Gesicht zurĂŒcksah.
âWas?â
âSchalavskyâ, sagte Glockner leise und ohne jeglichen Groll in der Stimme. âIch kenne Sie. Lange genug, wĂŒrde ich jetzt sagen. Und⊠irgendwie habe ich dafĂŒr ein GespĂŒr⊠denke ich. Aber wenn ich falsch liege, wenn ich mich tĂ€usche, dann hoffe ich, dass Sie es mir nicht ĂŒbel nehmen.â
Schalavsky starrte ihn immer noch an. Dann schluckte er leer. âEs⊠Sie tĂ€uschen sich nichtâ, sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein FlĂŒstern und Verdammt, warum tat es so gut, das endlich laut zu sagen? Warum fĂŒhlte es sich an, als wĂŒrde da ein Gewicht von seiner Brust verschwinden?
Und Glockner lĂ€chelte, ganz sanft. Doch dann wurde sein Gesicht ernst. âInteressiert er sich nicht fĂŒr MĂ€nner?â
Schalavsky schluckte leer. âDoch, ich glaube schon.â Jedenfalls hatte Wespe mal etwas von einem Ex-Freund erzĂ€hlt (und Schalavsky hasste sich dafĂŒr, wie sein Herz bei dieser ErwĂ€hnung einen sinnlosen HĂŒpfer getan hatte).
âAhâ, machte Glockner. Er legte den Kopf etwas schief und musterte Schalavsky auf eine Art, die seine Haut kribbeln liess. Als wĂŒrde Glockner versuchen, die Gedanken hinter seiner Stirn zu erahnen. âWarum versuchen Sie es denn nicht einfach?â
Schalavsky gestattete sich ein freudloses LĂ€cheln und zog noch einmal an seiner Zigarette. âWeil das sowieso nicht klappen wĂŒrde.â
âWarum denn nicht?â
âWĂŒrde es einfach nicht!â, gab Schalavsky zurĂŒck, schroffer als er es beabsichtigt hatte, doch Glockner schien es ihm nicht ĂŒbel zu nehmen.
âWarum so pessimistisch?â, konterte der Hauptkommissar. âSie sind doch keine ĂŒble Partie. Guter Job, gewissenhaft und schlecht sehen Sie auch nicht aus.â
Schalavsky schnaubte unglĂ€ubig. Vielleicht war es der Alkohol, aber irgendwie weigerte er sich trotzig dagegen, aufgemuntert zu werden. Er wollte sich gerade einfach ein bisschen in seiner Misere suhlen. âAber wir passen nicht zusammen, er ist viel zu⊠ach egal.â
âViel zu was?â
âEgal. Vergessen sie es!â
Glockner hob bloss eine Augenbraue und Schalavsky fragte sich, ob er bereits zu viel gesagt hatte. Ob Glockner sich aus den Hinweisen zusammenreimen konnte, wer denn dieser mysteriöse Mister X war. Schalavsky betete, dass er es nicht tat, denn er glaubte nicht, dass er es ertragen könnte, wenn Glockner ihm ins Gewissen reden wĂŒrde, dass eine Beziehung - Schalavsky spĂŒrte einen Kloss im Hals, denn so weit wĂŒrde es nie kommen - mit einem Kollegen völlig unangebracht wĂ€re.
âKommen Sieâ, sagte Glockner schliesslich. âIch fahr Sie nach Hause.â
âWas? Warum?â
âMit Verlaub, Herr Kollege, ich rieche den Whiskey. Und ich hab gesehen, dass Sie mit dem Auto gekommen sind.â
Scheisse, daran hatte Schalavsky gar nicht mehr gedacht. Er war einfach nur froh gewesen, kurz nicht ĂŒber seine Hand auf Wespes Bein nachzudenken. Doch noch bevor die Spirale in seinem Kopf wieder hĂ€tte anfangen können, sich zu drehen, bot Glockner ihm die Hand an und Schalavsky liess sich auf die Beine ziehen.
âAch ĂŒbrigensâ, sagte Glockner beilĂ€ufig, als sie in Richtung des Parkplatzes gingen. âBienert hat nach Ihnen gefragt.â
Schalavsky blieb wie vom Blitz getroffen stehen und starrte Glockner entsetzt an. âWie bitte? Was wollte er?â
Glockner zuckte mit den Schultern. âKeine Ahnung.â Wieder musterte er Schalavsky. âAlles in Ordnung?â
Schalavsky schluckte leer, um die Panik zu verdrĂ€ngen. âJa. Klar. NatĂŒrlich.â
âAhâ, machte Glockner. Wieder ein wissender Blick, der jedoch von Schalavsky abprallte. âKommen Sie. Wir fahren.â
An die Fahrt erinnerte sich Schalavsky am nĂ€chsten Tag mit keinem Wort. Auch das gesamte GesprĂ€ch mit Glockner auf der Terrasse wirkte in seiner Erinnerung etwas verwaschenen und sein pochender Kopf war ein Mahnmal daran, dass er auf nĂŒchternen Magen den Alkoholkonsum in Zukunft lassen sollte. Schliesslich war er schon lĂ€ngst keine zwanzig mehr.
So stand er am nĂ€chsten Tag in dem Pausenraum und spĂŒlte ein Aspirin mit Kaffee runter, damit er sich wenigstens endlich den Akten zuwenden konnte, die sich auf seinem BĂŒrotisch anhĂ€uften.
Er wollte sich schon wieder umdrehen, als Inspektor Bienert durch die TĂŒr kam. NatĂŒrlich trug er heute nicht seine förmliche Uniform, in der er so anders ausgesehen hatte, sondern wieder grelle Klamotten, deren Farben nicht nur kontrahierten, sondern sich gegenseitig zu zerfleischen schienen.
Wespe blieb stehen und blinzelte, als könnte er gar nicht wirklich glauben, dass Schalavsky jetzt vor ihm stand.
âOh. Guten Morgen.â
Schalavsky seinerseits brachte kein Wort heraus, zu trocken war seine Kehle. Deshalb rĂ€usperte er sich umstĂ€ndlich, die Scham und das schlechte Gewissen wie ein Stein in seiner Brust. âBienertâ, begann er ernst. âEs⊠es tut mir aufrichtig Leid. Ich wollte Sie gestern wirklich nicht anfassen, das war ein Versehen.â
Schalavsky sah gerade zu Boden und verpasste deshalb die Emotionen, die ĂŒber Wespes Gesicht huschten. âVersteheâ, sagte Wespe schliesslich und irgendwie klang seine Stimme blechern, so ganz und gar nicht wie der Wespe, der Schalavsky am liebsten triezte und foppte. Nein, diese Stimme klang kĂŒhl und irgendwie auch⊠distanziert. âEntschuldigung akzeptiert.â
âGutâ, sagte Schalavsky und wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Deshalb nickte er Wespe zu und ging dann aus dem Pausenraum hinaus.
Auf dem ganzen Weg in sein BĂŒro hatte er das nagende GefĂŒhl, etwas falsch gemacht zu haben. Und das nicht nur gestern.
Eigentlich klang es recht simpel: Der Besitzer eines Musiklabels stand im Verdacht, der Arm eines weitreichenden Drogenrings zu sein und seine Musiker mit dem Stoff zu versorgen. So weit so simpel und der Auftrag sah es vor, dass zwei Ermittler sich Undercover in dem Label umsehen sollten um mögliche Hinweise aufzustöbern.
Trotzdem war Schalavsky sich nicht ganz sicher, warum Glockner ausgerechnet ihn fĂŒr die Mission ausgewĂ€hlt hatte.
Okay, Schalavsky mochte Musik, sammelte Schallplatten und verstand vielleicht schon etwas davon. Aber ein Instrument spielen? Nein, das konnte er eigentlich nicht. Gitarre hatte er in seiner Jugend mal probiert, aber ĂŒber knappe MittelmĂ€ssigkeit war er nie herausgekommen. Seine Gitarre hatte zwar aus NostalgiegrĂŒnden schon drei UmzĂŒge mitgemacht, aber darauf gespielt hatte er schon seit Jahren nicht mehr.
Und ausgerechnet mit Inspektor Bienert sollte er diesen Auftrag durchfĂŒhren. Bienert, zu dem Schalavsky in letzter Zeit irgendwie ein⊠angespanntes VerhĂ€ltnis hatte. Seit der Zeremonie. Vorher war es so gut gewesen, wie schon lange nicht mehr.
Aber Schalavsky musste zugeben, dass Wespe fĂŒr die Mission passte wie die Faust aufs Auge. Der Kriminalinspektor war musikalisch, spielte Bass und Schlagzeug und hatte eine sehr schöne Singstimme, die Schalavsky bei dem Karaoke, zu dem Salah und Bienert ihn vor einigen Monaten mitgeschleppt hatten, doch sehr positiv ĂŒberrascht hatte.
Glockner hatte unschuldig gelĂ€chelt, als Schalavsky ihn auf die seltsame Kombination angesprochen hatte. âDann haben Sie ein Auge auf ihnâ, hatte der Hauptkommissar gut gelaunt auf Schalavskys fast schon anklagendes warum ich und Bienert? geantwortet. âAber am besten tarnen Sie sich trotzdem ein bisschen. Denn mit Verlaub, Herr Kollege, es wĂ€re besser wenn sie weniger wie⊠Sie aussehen wĂŒrden.â
Schwierig, schwierig, denn Schalavsky hatte mit der Hakennase, den fast schon unpassend dunklen Augen und dem hageren Körperbau Wiedererkennungswert. Dann am besten von diesen Merkmalen ablenken, weshalb Schalavsky sich etwas widerwillig in den letzten drei Wochen nicht rasiert hatte und dementsprechend jetzt ein kurzer, schwarz-grauer Bart sein Gesicht schmĂŒckte. Eigentlich hatte er viel Bartwuchs und musste sich tĂ€glich rasieren, damit er nicht mit Bartschatten herumlief. Er mochte das GestrĂŒpp im Gesicht auch nicht und bevorzugte es, glatt rasiert zu sein (Dass er jemand anderem mit Bart viel zu Ă€hnlich sah, ignorierte er verbissen bei jedem Blick in den Spiegel).
Er hatte Hemd und Anzugsjacke gegen ein schlabbriges rot-kariertes Hemd und graues T-Shirt getauscht, die Anzugshosen und Schuhe gegen alte Jeans und Trainerschuhe, die er schon seit Jahren nicht mehr getragen hatte. Missmutig betrachtete Schalavsky sich im Spiegel. Er fand, dass er albern aussah. Wie ein abgewrackter Kunstlehrer irgendwie. Oder halt der Manager eines mittelmĂ€ssigen Musikers mit StarallĂŒren.
Er fuhr zu dem vereinbarten Treffpunkt, an dem er Wespe aufgabeln sollte. Von dort ging es dann weiter zu dem Label, bei dem Wespe dem Chef eine Kostprobe seines Könnens geben sollte. An diesem Abend sollte zudem eine Labelparty steigen und wenn sie GlĂŒck hatten, wĂŒrde der Chef sie zu dieser einladen.
Schalavsky trommelte etwas ungeduldig auf dem Lenkrad und blickte auf seine Uhr. Dass Wespe auch immer zu spĂ€tâŠ
Da wurde die BeifahrertĂŒr aufgerissen und Schalavsky blieb beinahe das Herz stehen.
Wespes lange Haare schienen wilder als sonst zu sein, seine FingernÀgel schwarz lackiert und an den Fingern trug er mehr Ringe als sonst. Ein silbernes Piercing im linken Ohr, das er sonst nicht trug, zwei Ohrringe mehr. Schwarzer Eyeliner an den Augen.
Doch das, was Schalavsky komplett aus der Fassung brachte, waren die Kleider.
Wespe trug nÀmlich eine enge, schwarze Lederhose sowie eine Àrmellose, etwas zerfledderte Lederweste mit unzÀhligen Pins. Darunter trug er nichts.
Schalavsky starrte auf das Tattoo auf Wespes gut trainierter Brust, auf die dunkle Brustbehaarung, auf die⊠Er riss den Blick nach oben und wurde von Wespes Grinsen begrĂŒsst.
âWie sehen Sie denn aus?â, blaffte Schalavsky, bevor Wespe etwas hĂ€tte sagen können. Der Inspektor hob als Antwort bloss mĂŒde eine Augenbraue und lĂ€chelte immer noch.
âIch soll ein aufstrebender Musiker sein. Schon vergessen? Und dazu gehört auch, dass man sich entsprechend kleidet.â
âAh. Sind die Musiker heutzutage allergisch gegen Stoff?â
âPff, Sie sind doch bloss neidisch.â
Schalavsky knurrte und war froh, dass das GeplĂ€nkel etwas von der Hitze zurĂŒckgedrĂ€ngt hatte, die sich unter seinem Kragen gesammelt hatte. Als er anfuhr, spĂŒrte er Wespes Blick auf sich.
âWas ist los?â, fragte er, ohne den Blick von der Strasse zu nehmen. Wespe zuckte etwas ertappt zusammen.
âSie sehen anders aus.â
âDas ist der Sinn einer Undercovermission.â
âHaha. Aber irgendwie sehen Sie⊠rauer aus.â
Schalavsky schnaubte. Was sollte das denn bedeuten?
âIch habe Sie jedenfalls noch nie mit Bart gesehenâ, fuhr Wespe fort. âUnd eigentlich auch nicht ohne schickes Hemd. Das da könnten Sie mehr anziehen.â
âSchon gut, Bienert.â
âIch meine es ernst!â
Schalavsky wusste immer noch nicht ganz, ob er Wespe das glauben sollte. Deshalb sagte er nichts mehr und starrte bloss verbissen auf die nĂ€chtliche Strasse. Er verpasste deswegen auch die Blicke, die Wespe ihm aus den Augenwinkeln zuwarf, wie der Inspektor ihn musterte, wie seine Augen ĂŒber Schalavskys Körper huschten, bei den zurĂŒckgekrempelten HemdsĂ€rmeln hĂ€ngen blieben, wie Wespe mit angehaltenem Atem seine sehnigen Unterarme musterte, dann den Bart. Schalavsky verpasste die leichte Röte, die sich in Wespes Gesicht stahl, wie Wespe einmal leer schluckte, dann selbst wieder nach vorne sah.
Der Keller des Labels war gerĂ€umig und in diesem Moment voll mit Menschen. Es wurde getanzt, geschwatzt, connected und ordentlich Substanzen konsumiert. Schalavsky musste sich unter einem wild fuchtelnden Arm ducken, als er mit Wespe im Schlepptau in eine Ecke ging. Die Kostprobe war gut gelaufen, der Labelchef begeistert gewesen. Und Schalavsky musste zugeben, dass Wespe das wirklich gut gemacht hatte. Seine Stimme, seine PrĂ€senz, seine musikalischen FĂ€higkeiten, das war ja alles an sich schon beeindruckend. Doch ausschlaggebend war wohl gewesen, dass Wespes in diesen Kleidern wirklich verdammt gut aussah und auch eine gewisse Selbstsicherheit ausstrahlte, die ihn ungemein attraktiv machte. WĂ€re er ein neues Sternchen am Musikhimmel, wĂŒrden sich Teenager sein Bravoposter sicherlich an die Wand tackern (Nicht, dass Schalavsky je so etwas gemacht hĂ€tte. Aber davon gehört hatte er). Und Wespe hatte ihnen mit seinem Auftritt ein Ticket fĂŒr die Afterparty besorgt.
âDas haben Sie gut gemachtâ, flĂŒsterte Schalavsky Wespe auch dementsprechend ins Ohr, als sie in der Ecke bei einem unbesetzten Sessel angekommen waren.
Wespe starrte Schalavsky gespielt entsetzt an und legte sich die Hand auf die nackte Brust. âWas, ein Lob aus Ihrem Mund? Ich werde mir diesen Tag im Kalender rot anstreichen!â
Schalavsky klopfte ihm mit einem Fingerknöchel sanft auf den Kopf. âDummkopfâ, schimpfte er leise. âSie wissen, wie das gemeint war!â
âTue ich auchâ, gab Wespe zurĂŒck und richtete sich selbstgefĂ€llig die Haare. Schalavsky folgte gedankenverloren der Bewegung der Finger und verlor irgendwie gerade den mentalen Faden.
Da wurden Wespes Augen plötzlich gross.
âShitâ, fluchte der Kriminalinspektor panisch und zu Schalavskys grosser Ăberraschung packte Wespe ihn an den Schultern und drehte ihn resolut um. Schalavsky starrte ihn verdattert an, doch noch bevor er etwas hĂ€tte sagen können, drĂŒckte Wespe ihn auch schon in den Sessel. Jetzt wollte Schalavsky wirklich protestieren ob dieser unsanften Behandlung, da platzierte Wespe ein Knie neben ihm auf den Stuhl und setzte sich in seinen Schoss.
Schalavsky meinte, er wĂŒrde jetzt wirklich einen Herzinfarkt erleiden.
âBienertâ, zischte er nach einer Schrecksekunde. âWas soll das?â
âDer Typ, der gerade mit dem Labelchef redet, kennt michâ, gab Wespe zurĂŒck, seine Lippen so nahe an Schalavskys Ohr, dass es dem Kommissar einen wohligen Schauer ĂŒber den RĂŒcken jagte. âIch war vor einem Jahr bei seiner Verhaftung dabei. Scheisse, wenn der mich erkenntâŠâ
Das war wirklich schlecht. Nein, schlecht war gar kein Ausdruck, das wĂ€re katastrophal. Dabei lief es ja bisher so gut... Schalavsky verzog unmutig das Gesicht und bemĂŒhte sich verbissen, zu verdrĂ€ngen, dass Wespe ihm so verdammt nahe war.
Da spĂŒrte er eine Hand auf seinem RĂŒcken und der Kommissar zuckte zusammen, als hĂ€tte er sich verbrannt. âWas tun Sie da?â
âUns tarnenâ, gab Wespe leise zurĂŒck, aber er klang abgelenkt. âEs ist zu auffĂ€llig, wenn wir einfach so da hocken.â
Schalavsky schluckte leer und musste Wespe innerlich zustimmen. Eine doch recht eindeutige Position in der Ecke eines dunklen Raums mit wummernder Musik und anderen Feiernden, die sich schon lĂ€ngst hĂ€rteren Substanzen als Alkohol zugewandt hatten⊠Ein Paar wĂ€re da nichts aussergewöhnliches, aber zwei MĂ€nner, die peinlich berĂŒhrt in einer Ecke sassen wĂŒrden zweifellos auffallen.
âNehmen Sie ihre HĂ€nde hochâ, zischte Wespe auch dementsprechend. Schalavsky schloss kurz flehentlich die Augen und hob dann die HĂ€nde, ganz langsam und legte sie auf Wespes RĂŒcken. SpĂŒrte das raue Leder der Weste unter seinen Fingern.
âBin ich nicht Ihr Manager?â, fragte er in einem letzten Versuch, die Situation vielleicht auf eine andere Art zu lösen.
Wespe kommentierte die Frage bloss mit einem amĂŒsierten Schnauben. âDenken Sie wirklich, Sie wĂ€ren der erste Manager, der was mit einem Musiker anfĂ€ngt? Das sind doch offene Geheimnisse.â
Bildete sich das Schalavsky nur ein, oder hĂ€tten Manager und Musiker auch fĂŒr andere Worte stehen können? Kommissar und Kollege vielleicht? Oder war das bloss sein verzweifeltes Wunschdenken, das er schon seit lĂ€ngerer Zeit in Wespes Beisein nicht mehr vernĂŒnftig abstellen konnte?
âBeobachten Sie ihnâ, murmelte Wespe, wieder viel zu nah an seinem Ohr.
Aber Schalavsky war abgelenkt. Zu benebelnd war der Geruch von Wespes Rasierwasser, zu warm war dessen Atem auf seiner Haut, zu drĂŒckend die Hitze, die von seinem Körper auszugehen schien. Schalavsky war, als fieberte er, so sehr kreisten seine Gedanken, so warm war ihm, so seltsam unwirklich schien ihm diese ganze Situation.
Er wollte nichts mehr, als seine Nase gegen Wespes Hals zu pressen, ihn zu sich zu ziehen und an sich zu drĂŒcken, mit seinen HĂ€nden jeden Quadratzentimeter Haut berĂŒhren, das Verlangen danach beinahe körperlich schmerzend. Er wollte sich von dem Geruch einlullen lassen, sich in dieser WĂ€rme verlieren. Diesen Moment geniessen, denn der wĂŒrde wohl nie wieder kommen. Wie wĂŒrde es sich wohl anfĂŒhlen, seine Lippen gegen Wespes Hals zu pressen? Wie wĂŒrde es sich anfĂŒhlen, ihn mit dem Bart zuâŠ
Wespe schnappte erschrocken nach Luft und Schalavsky wurde eiskalt, als er realisierte, dass er gedankenverloren mit der Hand unter die Weste gefahren war, jetzt die nackte Haut am RĂŒcken des Kriminalinspektors berĂŒhrte.
âTut mirâŠâ, begann Schalavsky entsetzt und wollte die Hand schon zurĂŒckziehen, doch Wespe presste seine Stirn gegen die Schulter von Schalavsky.
âSchon gutâ, murmelte er hastig. âIhre Hand ist bloss kalt. Die sollten Sie aufwĂ€rmen.â
Es klang so stichelnd, so sehr wie Wespe, dass etwas von der Anspannung und NervositĂ€t aus Schalavskys Körper herausfloss. Eine Herausforderung hatte in der Stimme mitgeschwungen, vielleicht unbeabsichtigt, doch Schalavsky beschloss, Wespe fĂŒr bare MĂŒnze zu nehmen. Er fuhr mit der Hand höher, spĂŒrte die Muskeln unter seinen Fingern. Wespe war krĂ€ftig und trainiert, boulderte und bikete in seiner Freizeit leidenschaftlich. Den Beweis dafĂŒr hatte Schalavsky schon ein paar Mal gesehen, wenn Wespe zum Beispiel im Rapport schrĂ€g vor ihm sass und sich streckte. Oder wenn er ein T-Shirt trug, das seine Oberarme zur Geltung brachte. Aber jetzt mit den Fingern ĂŒber den RĂŒcken des Inspektors zu fahren, zu spĂŒren, was er sich bislang nur beschĂ€mt vorgestellt hatteâŠ
Er hörte, wie Wespe seufzte und dieses GerĂ€usch benebelte seine Sinne noch zusĂ€tzlich. Es war eines, sich in Fantasien zu verlieren. Es war ein anderes, seine kalte Hand von warmer Haut aufwĂ€rmen zu lassen. Schalavsky presste die Lippen aufeinander und versuchte sich zusammenzureissen. Zu ignorieren, dass da gerade ein Kollege in seinem Schoss sass, der ihm vielleicht dann doch schon seit einiger Zeit den Kopf verdrehte. Der jetzt gerade seine Hand in Schalavskys Nacken legte und ihm dort ĂŒber die Haare fuhr, der seine Wange an die von Schalavsky legte, die an diesem Abend von dem Bart bedeckt war
âDen sollten sie lassenâ, flĂŒsterte Wespe und rieb seine Wange demonstrativ an der von Schalavsky. âSteht Ihnen.â
âAls obâ, gab Schalavsky zurĂŒck und war stolz darauf, dass er seine Stimme neutral halten konnte und nichts von dem Sturm mitschwang, der in seinem Inneren tobte. Wespe sagte das sicher nur so, der spielte die Rolle, die er in diesem Moment spielen musste, damit ihr Auftrag nicht gefĂ€hrdet war. Schalavsky schĂŒttelte innerlich den Kopf und zwang sich, Wespe so gut wie möglich auszublenden und sich auf eben diese Mission zu konzentrieren.
So spĂ€hte er ĂŒber Wespes Schulter hinweg und sah tatsĂ€chlich, wie ein grossgewachsener, blonder Mann mit dem Labelchef sprach. Wenn Schalavsky sich nicht tĂ€uschte, dann stritten sie leise. Jedenfalls liess ihre Körpersprache darauf schliessen, dass es sich nicht um harmonisches GeplĂ€nkel handelte, aber verstehen konnte Schalavsky natĂŒrlich nichts. DafĂŒr waren sie viel zu weit weg, die Musik zu laut und eigentlich auch Wespe viel zu nah bei ihm. Selbst wenn die zwei MĂ€nner direkt vor ihnen gestanden und sich angeschrien hĂ€tten, bezweifelte Schalavsky, dass er viel von dem GesprĂ€ch mitbekommen könnte. Doch jetzt zog der Labelchef gerade etwas aus seiner Anzugsjacke, einen kleinen, weissen Umschlag. Steckte ihn dem Blonden zu.
Schalavsky war so in seine Beobachtung versunken, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie seine Hand tiefer und tiefer gerutscht warâŠ
Da machte Wespe plötzlich ein GerĂ€usch, eine Mischung aus Seufzen und Stöhnen, das Schalavsky wie einen Stromstoss in jeder Faser seines Körpers spĂŒrte. Und ganz besonders an einer bestimmten Körperstelle, die sich bislang zum GlĂŒck noch nicht gemeldet hatte.
Das Entsetzen darĂŒber riss ihn aus dieser wattigen Unwirklichkeit und liess ihn hastig seine Hand zurĂŒckziehen. Scheisse, warum hatte er nicht besser aufgepasst, warum hatte er sich so treiben lassen, warum hatte er sich auch nur fĂŒr einen Moment eingebildet, dass das okay war?
Zum GlĂŒck tat ihr VerdĂ€chtiger in diesem Moment einen Gefallen, zischte noch etwas zu dem Typ mit Sonnenbrille und ging dann mit forschem Schritt zu einer der TĂŒren hinĂŒber.
âIch folge der Zielpersonâ, flĂŒsterte er in Wespes Ohr und schob ihn unsanft zur Seite, damit er aufstehen konnte. Das war vielleicht unhöflich, aber Wespe sollte ja nicht mitbekommen, dass Schalavsky ein kleines Problem hatte. Denn Schalavsky wollte sich gar nicht ausmalen, welche Hölle dann los wĂ€re⊠Wenn Wespe Glockner davon erzĂ€hlen wĂŒrde, dann könnte Schalavsky seine Sachen packen. Denn wer wollte schon einen Kollegen, der bei einer Undercovermission nicht sachlich bleiben konnte, der sich stattdessen von völlig absurden GefĂŒhlen leiten liess? Der schon wiederholt einen anderen Kollegen völlig unangebracht angefasst hatte? Wespe hatte allen Grund, ihn mittlerweile bei der Dienstaufsicht zu melden. Schalavsky wurde schlecht bei diesem Gedanken und er biss die ZĂ€hne zusammen. Deshalb schob er diesen Gedanken auch hastig zur Seite. SpĂ€ter. Erstmal musste er die Mission zu Ende fĂŒhren, spĂ€ter konnte er sich wieder selbst dafĂŒr hassen, dass er sich nicht gut genug unter Kontrolle hatte.
Und im Ignorieren von GefĂŒhlen war er gut. Schliesslich hatte er ein Leben lang Ăbung darin.
Eine halbe Stunde hatte Schalavsky alle Informationen, die er brauchte und er war auch körperlich wieder dazu bereit, Wespe gegenĂŒberzutreten. Diesen fand er schliesslich immer noch am gleichen Ort, wo er es sich auf dem Sessel bequem gemacht hatte und gerade mit einer jungen Frau plauderte.
âAhâ, sagte er, als Schalavsky nĂ€her trat. âDa kommt mein Manager. Jetzt geht es ums geschĂ€ftliche.â
Irgendwie klang geschÀftliche so grÀsslich ironisch und zumindest die Frau lÀchelte auch etwas wissend.
âNa dannâ, sagte sie und bildete sich Schalavsky das Zwinkern in dem schummrigen Licht nur ein? Jedenfalls verschwand sie kurz darauf und zurĂŒck blieben nur Wespe und Schalavsky.
âAuch wieder da?â
Jetzt klang Wespe aber wirklich etwas verstimmt. Schalavsky bemĂŒhte sich, seinen Unmut zu schlucken und um eine feste Stimme. âIch habe gesehen, wie er einen Umschlag mit Geld versteckt hatâ, flĂŒsterte Schalavsky. âDraussen. Ich habe es gefilmt. Damit haben wir Beweise.â
Wespe wirkte kurz verdutzt, dann lĂ€chelte er. âVoller Erfolgâ, sagte er. Doch dann verschwand sein LĂ€cheln und er musterte Schalavsky viel zu ernst fĂŒr das sonst so fröhliche Gesicht.
âIst was?â, fragte Schalavsky schliesslich, als er dieses ernste Gesicht nicht mehr ertrug.
âDas sollte ich Sie fragen.â
Verdammt, hatte Wespe etwas bemerkt? Schalavsky wurde eiskalt und er bemĂŒhte sich um Fassung, verpasste seinem Gesicht eine kĂŒhle Maske.
âWir haben getan, was getan werden musste, um den Auftrag zu erfĂŒllenâ, sagte er trocken. âDas war alles fĂŒr die Mission.â
Eine seltsame Verwandlung ging ĂŒber Wespes Gesicht. Unglauben, Schmerz, EnttĂ€uschung und schliesslich Wut. Verdattert starrte Schalavsky ihn an, doch da war Wespe auch schon aufgestanden. âVerstanden. Na dann, Auftrag erfĂŒlltâ, zischte der Kriminalinspektor giftig und ohne ein weiteres Wort schulterte er sich an Schalavsky vorbei. Dieser blieb noch fĂŒr einen Moment verdattert stehen. Dann rieb er sich mit beiden HĂ€nden ĂŒber das Gesicht, ĂŒber den so ungewohnten Bart, von dem Wespe frĂŒher am Abend behauptet hatte, er solle ihn doch lassen.
Das war definitiv das Falsche gewesen. Wespes Reaktion sprach doch BÀnde. Doch Schalavsky wusste beim besten Willen nicht, was denn Richtig gewesen wÀre.
Als Kommissar Glockner zwei Tage spĂ€ter in den Pausenraum kam, stand Kommissar Schalavsky an der Kaffeemaschine und rĂŒhrte gerade in seinem Kaffee, obwohl er den wie immer schwarz trank.
âGlĂŒckwunschâ, sagte Glockner zufrieden. âKocher hat gestanden. Damit wĂ€re zumindest dieser Arm des Syndikats abgehackt.â
âTollâ, sagte Schalavsky, doch er klang mĂŒde. Und irgendwie auch abgelenkt.
Glockner musterte ihn dementsprechend auch etwas verdutzt. âSie haben den Bart aber schnell abrasiertâ, sagte Glockner schliesslich gedehnt.
âIch mag das Zeug nichtâ, murmelte Schalavsky und trank noch einen Schluck. Wie zur BestĂ€tigung fuhr er sich gedankenverloren mit der Hand ĂŒber die Wange und dann ĂŒber den Nacken.
âWie war es denn mit Bienert?â
âIn Ordnung.â
Glockner wartete noch eine Sekunde, dann hob er etwas skeptisch eine Augenbraue. âIn Ordnung?â
âJa, lief alles gutâ, sagte Schalavsky knapp. Noch ein Schluck, doch er begegnete Glockners Blick nicht. Von Wespe hatte Glockner vor einer Stunde eine Ă€hnlich knappe Antwort gekriegt. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass die beiden Kriminalisten gerade irgendwie schlecht aufeinander zu sprechen waren. Aber wenn sie nicht darĂŒber sprechen wollten, dann wĂŒrde man sie auch nicht dazu zwingen können. Da waren beide ausgesprochene Sturköpfe. Und leider in anderen Aspekten auchâŠ
âIch muss wieder an die Arbeitâ, sagte Schalavsky kurz angebunden. âDer Bericht. Bis spĂ€ter dann.â
âTschĂŒssâ, sagte Glockner verdutzt, da war Schalavsky auch schon an ihm vorbeigegangen, die Schultern uncharakteristisch gesenkt.
Glockner gestattete sich in dem leeren Pausenraum ein frustriertes Schnauben.
Manchmal kam man zu spĂ€t. Das gehörte zum Job dazu. Aber als Klaus Schalavsky am Tatort ankam, kniete Inspektor Bienert noch neben dem unbeweglichen Körper, fluchend und mit dieser verzweifelten Hoffnung ausgestattet, die Wespe hoffentlich niemals ganz verlieren wĂŒrde.
Nur der Arzt konnte jemanden fĂŒr tot erklĂ€ren. Deshalb drĂŒckte man weiter, selbst wenn der Verstand wusste, dass es da nichts mehr zu retten gab.
Wespes Hemd war voller Blut. Vorher war es gelb-schwarz gestreift gewesen, ein Ă€lteres StĂŒck, das der Inspektor gerne trug und zu seinem Spitznamen passte. Jetzt war es rot. Der Junge hatte im Todeskampf offensichtlich nach ihm gegriffen, hatte Wespe ein Hemd aus Blut verpasst.
âIch ĂŒbernehmeâ, sagte Schalavsky und streifte die Einmalhandschuhe ĂŒber, denn das war das Einzige, was er tun konnte. WeiterdrĂŒcken, bis die NotĂ€rzte eintrafen. Bis sie sagten, dass es da nichts zurĂŒckzuholen gab.
Wespe schlang die Arme um den Oberkörper und beugte sich nach vorne. Er stiess einen erstickten Schrei aus und Schalavsky zog sich das Herz zusammen. Am liebsten hĂ€tte er ĂŒber den stillen Körper gegriffen, hĂ€tte Wespe zu sich gezogen, doch jetzt musste noch weitergearbeitet werden, egal wie sehr er sich jetzt lieber um Wespe gekĂŒmmert hĂ€tte.
Die NotĂ€rzte trafen drei Minuten spĂ€ter ein. Und Schalavsky packte Wespe am Arm, zog ihn hoch und fĂŒhrte ihn weg.
Der Inspektor zitterte am ganzen Körper. Adrenalin pumpte ihm zweifellos noch durch jede Ader und Schalavsky spĂŒrte die Anspannung unter seiner Hand. Deshalb griff er noch beherzter zu und fĂŒhrte Wespe weiter, immer weiter. Weg von dem toten Jungen, nicht einmal so alt wie TKKG. Hatte Wespe zum ersten Mal realisiert, dass es eines Tages auch einer von ihnen sein könnte?
Eine weitere NotĂ€rztin kam angerannt. Schalavsky wollte Wespe schon loslassen, ihn ihr ĂŒberlassen, doch Wespe griff nach seinem Handgelenk. Schalavsky sah verblĂŒfft nach unten, dann in Wespes Gesicht.
Wespe sah ihn aus grossen, flehenden Augen an. Lass mich nicht allein, schrie dieser Blick, der eiserne Griff um das Handgelenkt. Schalavsky nickte ĂŒberrumpelt und beschloss, stehen zu bleiben.
Wespe zog den Pullover und die Hosen aus, stopfte sie in einen der MĂŒllsĂ€cke. Er warf die Einmalhandschuhe weg, die er sich ĂŒbergestreift hatte, Schalavsky seine auch. Wespe wusch sich das Gesicht mit dem mitgebrachten Wasser, dann die Arme und nahm schliesslich von der NotĂ€rztin mit einem knappen Nicken ein Set Wechselklamotten entgegen, zog die grauen Jogginghose und das graue Shirt an.
Fremd sahen diese Farben an Wespe aus. Aber genauso fremd war dieser apathische Gesichtsausdruck, diese starren Augen. Und Schalavsky verfluchte sich dafĂŒr, dass er auch nur fĂŒr eine Sekunde ĂŒberlegt hatte, Wespe allein zu lassen.
âKommen Sieâ, sagte er, nachdem die NotĂ€rztin mit ihrer Untersuchung fertig war und Wespe mit einem Nicken entlassen hatte.
Wespe liess sich auf die Beine ziehen und lehnte sich sogleich gegen Schalavsky. Dieser tĂ€tschelte ihm etwas unbeholfen die Schulter und fĂŒhrte ihn dann sanft weg. Zu seinem Polizeiauto, etwas abseits gelegen.
Einsatzleiter war Kommissar Wimmel, dem Schalavsky mit Handzeichen zu verstehen gab, dass er sich um Wespe kĂŒmmern wĂŒrde. Wimmel bestĂ€tigte ihm das mit einem Daumen nach oben. Dann sah der Kommissar wieder zu dem Haus, wo gerade von den NotĂ€rzten auf einer Bahre ein schwarzer Leichensack herausgetragen wurde. Schalavsky beeilte sich, sich umzudrehen, damit er sicher gehen konnte, dass Wespe nicht zurĂŒckblickte. Doch der Inspektor sah auf seine Schuhe, die Schultern gesenkt, als wĂŒrde ihn die letzten Stunden physisch niederdrĂŒcken.
âAlles in Ordnung?â, fragte Schalavsky und verzog sogleich das Gesicht. Wie dumm. NatĂŒrlich war es nicht in Ordnung.
Wespe wĂŒrdigte die Frage auch mit einem freudlosen LĂ€cheln, das mehr etwas von einer Grimasse hatte.
âDas meinen Sie aber jetzt nicht Ernst, oder?â, gab er matt zurĂŒck.
Schalavsky wusste nicht ganz, was er sagen sollte, weshalb er Wespe zu der Beifahrerseite fĂŒhrte. Doch noch bevor er die TĂŒr hĂ€tte öffnen können, legte Wespe sich die HĂ€nde auf die Oberschenkel, lehnte sich nach vorne und machte ein wĂŒrgendes GerĂ€usch, als mĂŒsse er sich ĂŒbergeben. Schalavsky zuckte zusammen und griff instinktiv nach Wespe, stĂŒtzte ihn. Wespe ging in die Knie und Schalavsky folgte ihm, sein Herz wild pochend. Sollte er nach den NotĂ€rzten rufen?
Wespe nahm ihm die Entscheidung ab, indem er ihn umarmte. Schalavskys Atem stockte und das nicht nur, weil Wespe ihn mit seinen - doch recht starken - Armen so umschlang, als möchte er ihn zerdrĂŒcken. Er hob die Schultern etwas, damit er Wespes eisernen Griff lockern konnte, damit er sich mit dem RĂŒcken gegen das Polizeiauto hocken konnte, Wespe mit sich ziehend.
Wespe presste sein Gesicht gegen Schalavskys Hemd und Schalavsky sah in dem Zucken seiner Schultern, dass er weinte. Schalavskys Herz zog sich bei diesem Anblick zusammen und er konnte nichts anderes tun, als seine Arme um Wespe zu legen und ihn festzuhalten.
Es war nichts Neues fĂŒr ihn, er hatte das schon oft gesehen. Schock. Manchmal kam er sofort, manchmal verzögert, manchmal mit TrĂ€nen, manchmal mit Wut. Einige rissen sich die Haare aus, andere lachten, wieder andere zogen sich zurĂŒck, sprachen kein Wort. ErtrĂ€nken ihre Sorgen Stunden spĂ€ter in Alkohol oder drĂŒckten das Gaspedal des Autos durch.
Er hatte nicht gewusst, wie Wespe reagieren wĂŒrde. Noch nie hatte er Wespe blutbefleckt gesehen.
Schalavsky war nicht sonderlich gut darin, Menschen zu trösten. Die richtigen Worte fand er nur selten. Er stellte lieber sicher, dass andere gar nicht erst in diese Situationen kamen. Dann halt lieber selbst den Kopf herhalten, selbst einen Schlag kassieren, selbst die Verwesung und den Tod riechen.
Wespe verstĂ€rkte den Griff, drĂŒckte sich gegen Schalavsky, als ob er mit dessen Körper verschmelzen möchte. Als wĂ€ren Schalavskys Arme irgendwie ein Schutzschild gegen das, was er gerade gesehen hatte. Deshalb griff Schalavsky noch fester zu, zog Wespe zu sich, so dass Wespe wieder fast in seinem Schoss sass, so wie er es damals wĂ€hrend ihrer Undercovermission getan hatte.
Hinter ihnen, hinter dem Polizeiauto wuselten Kollegen herum, doch alles geschah ohne Hast. Mit Blaulicht war eine Ambulanz davongefahren, eine weitere langsamer gefolgt. Dennoch war Schalavsky, als wÀre das alles meilenweit entfernt. Jetzt in diesem Moment existierte in Schalavskys Welt nur der weinende Wespe.
Schalavsky schloss die Augen und vergrub sein Gesicht in Wespes Haaren. Nahm eine Hand hoch und strich ihm beruhigend ĂŒber den Kopf. Das schien richtig, denn langsam verebbten die Schluchzer, das Zucken der Schultern nahm ab, Wespes eiserner Griff wurde etwas sanfter.
âGehtâs?â, fragte Schalavsky leise und strich Wespe ĂŒber den Hinterkopf.
âBesserâ, krĂ€chzte Wespe matt. âSorry, ich rotz Ihnen das Hemd voll.â
âSchon gutâ, murmelte Schalavsky. Noch einmal strich er Wespe durch die Haare und der Inspektor drĂŒckte als Antwort seinen Kopf gegen Schalavskys Brust. Wie lange sie so sitzen blieben, wusste Schalavsky nicht, doch langsam beruhigte sich Wespes Atem.
Gerne wÀre Schalavsky weiter so dagesessen, hÀtte Wespe noch ewig sanft durch die Haare gestrichen, um diese DÀmonen fernzuhalten, doch sein rechtes Bein schlief langsam ein.
âKönnen Sie aufstehen?â, fragte er deshalb.
Wespe nickte. Dennoch schien er fast etwas widerwillig das eine Bein ĂŒber Schalavsky zu schwingen. Schalavsky liess sich von Wespe auf die Beine ziehen und klopfte sich die Hosen sauber. Dann liess er Wespe in das Auto einsteigen und setzte sich selbst auf die Fahrerseite.
Sie waren gerade von dem Platz gefahren, als Wespe sich leise rÀusperte.
âDas war peinlich.â
âWar es nicht!â, konterte Schalavsky, so vehement, dass Wespe verdutzt zu ihm hinĂŒbersah. âEs ist gut, dass Sie das rauslassen könnenâ, sagte er schliesslich.
âKönnen Sie das nicht?â
âEs geht jetzt hier gerade nicht um michâ, sagte Schalavsky sachlich und warf Wespe einen bedeutungsschweren Blick zu. âGeht es Ihnen gut?â
âDen UmstĂ€nden entsprechendâ, antwortete Wespe, doch Schalavsky glaubte ihm das nicht ganz, zu forciert war sein LĂ€cheln, zu leer dieser Blick.
âMöchten Sie mit der Psychologin sprechen?â
âNeinâ, sagte Wespe, schĂ€rfer als beabsichtigt, denn er setzte ein leiseres âdas muss ich nichtâ, hinterher.
âSind Sie sicher?â
âSind Sie jetzt mein Vater?â
âWĂŒrde der Sie denn zum Psychologen schleifen?â
Jetzt lachte Wespe und Schalavsky war, als wĂŒrde ihm bei diesem GerĂ€usch ein Stein vom Herzen fallen. Jetzt lĂ€chelte Wespe und dieses Mal wirkte es schon fast ehrlich.
âDann fahre ich Sie nach Hauseâ, bestimmte Schalavsky.
âNicht ins PrĂ€sidium?â
âNeinâ, antwortete Schalavsky. âMorgen können Sie auch noch Ihre Aussage machen. Ich informiere Glockner.â
Schalavsky tat dann auch genau das. Der Funkspruch war kurz, Glockner verstÀndnisvoll.
âDann bis Morgen, Bienert. Passen Sie auf ihn auf, Schalavsky. City 21 Ende.â
âCity 7 verstanden. Ende.â
âHaben Sie das gehört? Sie sollen auf mich aufpassen. Also sind Sie wohl doch zu meinem Vater aufgestiegenâ, wiederholte Wespe, fast schon etwas stichelnd.
Schalavsky hĂ€tte zu einem anderen Zeitpunkt wohl geseufzt, die Augen verdreht. Aber in diesem Moment war er einfach nur so erleichtert darĂŒber, dass Wespe nicht mehr weinte, dass er einfach nur fein lĂ€chelte. âBefehl von obenâ, sagte er. âDem muss ich wohl Folge leisten.â
âDann kutschieren Sie mich jetzt nach Hause? Auf Aufforderung von Glockner hin?â
âFĂŒr Sie wĂŒrde ich das auch sonst tunâ, murmelte Schalavsky abgelenkt, denn er hatte gerade einen Radfahrer im Blick, der sich nicht ganz sicher war, ob er jetzt links oder rechts abbiegen sollte.
Wespe musterte Schalavsky ĂŒberrascht, dann lĂ€chelte er sanft. Beides bemerkte Schalavsky nicht, denn er sah konsequent auf die Strasse. Schliesslich sah Wespe aus dem Seitenfenster, legte die Stirn gegen das Glas und schloss die Augen.
Schalavsky wusste, wo Wespe wohnte. Er hatte ihn schon zweimal fĂŒr einen Einsatz von dort abholen mĂŒssen. Aber wĂ€hrend diesen Fahrten hatte Wespe die Stille immer mit GesprĂ€chen und Witzen gefĂŒllt, auch wenn Schalavsky sich damals gewĂŒnscht hatte, er wĂŒrde doch bitte etwas weniger reden. Jetzt sehnte er sich nach dem redseligen und witzelnden Wespe, denn der ihm war tausendmal lieber als dieser nachdenkliche Wespe, der jetzt gerade neben ihm sass. Schalavsky wusste jedoch selbst auch nicht, was er denn sagen sollte, um diese Stille in dem Auto zu durchbrechen, weshalb er schwieg. Und wieder war er sich bewusst, dass das zweifellos falsch war.
Sie kamen bei Wespes Wohnung an. Wespe blinzelte und wandte Schalavsky dann langsam den Kopf zu. âKommen Sie noch schnell mit rauf?â
Da war etwas seltsames in seiner Stimme, das Schalavsky aufhorchen liess, ihn in Alarmbereitschaft versetzte. Deshalb nickte er. Folgte Wespe in den zweiten Stock.
âSind Ihre Mitbewohner nicht da?â, fragte Schalavsky, als Wespe die dunkle Wohnung aufschloss.
âNein. Beide fĂŒrs Wochenende weggefahren.â
Schalavsky folgte Wespe in die Wohnung und kaum hatte er die TĂŒr hinte sich geschlossen, als Wespe ihn auch schon packte, gegen die TĂŒr drĂŒckte und kĂŒsste.
Schalavsky war darĂŒber so verdutzt, dass er zunĂ€chst gar nicht reagierte. Dann schloss er die Augen und liess sich von der Sensation treiben, genoss das GefĂŒhl von Wespes Lippen auf seinen, von den HĂ€nden in seinem Hemd. Eine Sekunde, nur eine Sekunde, liess er sich treiben. Doch dann holte ihn die RealitĂ€t ein und er stiess Wespe von sich weg.
Der Inspektor stolperte rĂŒckwĂ€rts, fing sich wieder und starrte Schalavsky dann an.
âDas ist eine dumme Ideeâ, sagte Schalavsky schliesslich in die drĂŒckende Stille.
Die Verwirrung auf Wespes Gesicht machte einem Ausdruck Platz, den Schalavsky am besten als Welpe-der-gekickt-wurde beschrieben hÀtte.
âWenn Sie nichts von mir wollen, ist das okayâ, sagte Wespe und seine Stimme klang roh und blutend. âAber hören Sie auf, mir solch verwirrende Signale zu senden.â
âIchâŠâ, begann Schalavsky, doch er wusste nicht weiter. Wespe ballte eine Faust an seiner Seite und seine Stimme klang belegt als er weitersprach.
âSie legen mir die Hand auf den Oberschenkel und rennen dann weg, Sie umarmen mich, streichen mir ĂŒber den RĂŒcken, berĂŒhren mich, dann stossen Sie mich weg. Dann kĂŒmmern Sie sich um mich, halten mich, fahren mich nach Hause⊠Hören Sie auf, mir gottverdammt nochmal Hoffnung zu machen!â
Die letzten Worte hatte Wespe lauter gesagt als beabsichtigt und schien etwas ĂŒberrascht ĂŒber sich selbst zu sein. Schalavsky starrte ihn seinerseits an.
âDas ist das Traumaâ, sagte er beschwichtigend. âSie wollen nichtâŠâ
âHerrgott!â, stiess Wespe genervt aus, was Schalavsky sogleich verstummen liess. Wespe raufte sich frustriert die halblangen Haare und machte sie damit noch wilder als sonst. âHören Sie auf, mich zu bevormunden! Hören Sie auf, mir Worte in den Mund zu legen! Was, wenn ich Sie kĂŒssen will? Schon seit langem? Und ich dachte⊠dass Sie auchâŠâ
Wespe sprach nicht weiter. Stattdessen sah er zur Seite, tat einen tiefen Atemzug. Schalavsky starrte ihn an, dieses so vertraute Gesicht, das jetzt ganz ungewohnte Emotionen prÀsentierte. Schmerz, EnttÀuschung, Resignation.
Wespe wollte ihn also kĂŒssen. Schalavskys Herz tat einen Sprung bei diesem Gedanken.
âIch bin zu alt fĂŒr Sieâ, wiegelte er trotzdem ab, sein RĂŒcken immer noch gegen die TĂŒr gelehnt. Gegen die Wespe ihn vor einigen Minuten noch gedrĂŒckt hatte. Was, wenn Schalavsky das zugelassen hĂ€tte, die nervige Stimme in seinem Inneren niedergerungen? WĂ€ren Sie dann schon in Wespes Schlafzimmer?
Wespe schnaubte missbilligend. âDa ist es schon wieder!â, beklagte er. âKeine klare Antwort. DrĂŒcken Sie sich nicht so umstĂ€ndlich aus, Herr Kollege! Das ist eine Ja Nein Frage, keine wissenschaftliche Abhandlung.â
Jetzt spĂŒrte auch Schalavsky, wie Wut in ihm aufstieg. Wespes GefĂŒhlswelt mochte simpler sein als die von Schalavsky, wurde nicht von den gleichen StĂŒrmen heimgesucht.
âWir arbeiten zusammen, es gibt so etwas wie eine Dienstordnungâ, konterte Schalavsky.
Wespe lachte bitter und verwarf die HĂ€nde. âJa genau, die ach so heilige Dienstordnung! Ihr Schwert und Ihre RĂŒstung! Dahinter können Sie sich verstecken, denn was nicht sein darf, ist nicht, oder wie? Mann, ich will doch bloss eine Antwort von Ihnen, von Klaus Schalavsky, nicht von Kommissar Schalavsky!â
Aber diese beiden MĂ€nner waren untrennbar miteinander verbunden, einer der andere. Und momentan versuchten beide, den jeweils anderen zu ersticken, obwohl es ihr eigener Untergang bedeutete.
âWarum ich?â, brachten beide Schalavskys schliesslich hervor, eine Frage, die ihm schon seit Ewigkeiten auf der Zunge brannte. Eigentlich seit Wespe ihm das Wasser gebracht hatte. Das Eis gekauft.
Die Frage schien viel von der Wut zu verpuffen, die Wespe noch vor einigen Sekunden gespĂŒrt hatte. Stattdessen nistete sich jetzt ein verdutzter Ausdruck auf seinem Gesicht ein.
âWas?â
âWarum ich?â, wiederholte Schalavsky, immer noch das solide Gewicht der TĂŒr im RĂŒcken. âSie könnten so viel Bessere haben. Warum jemand wie ich? Ich weiss doch, dass ich ernst bin, auf die Dienstordnung poche⊠Es gĂ€be tausende, ach was, Millionen, die besser fĂŒr Sie wĂ€ren. Sie haben jemand besseres verdient!â
Wespe starrte ihn an, als ob ihm ein zweiter Kopf gewachsen wĂ€re. Und jetzt, da Schalavsky diesen Damm gebrochen hatte, konnte er die Worte nicht mehr zurĂŒckhalten. âSie sind so clever, so jung, so⊠so voller Lebenslust. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie Sie zu sein haben. Einer wie ich wĂŒrde Sie doch bloss runterziehen. Wie⊠wie könnte ich Ihnen das antun?â Er sah zur Seite. âEgal, wie sehr ich es vielleicht möchte.â
Schalavsky sah aus den Augenwinkeln die Bewegung. Sah, wie Wespe einen Schritt auf ihn zumachte. SpĂŒrte, wie sein Gesicht in sanfte HĂ€nde genommen wurde, wie Wespe seinen Kopf drehte und ihn zwang, ihm ins Gesicht zu sehen.
Wespes Blick aus braunen Augen war sanft, verstÀndnisvoll und irgendwie auch⊠traurig.
âSie denken, Sie verdienen mich nicht?â, fragte er leise.
Schalavsky wusste darauf keine Antwort. Stattdessen starrte er bloss in Wespes Augen. Die WĂ€rme der HĂ€nde benebelte seine Sinne. Trotzdem nickte er.
âAls ich es realisiert habe, dass ich mich in Sie verliebt habe (Schalavskys Atem stockte bei dem Wort verliebt), da dachte ich mir schon Nein, warum er?ââ, begann Wespe. Schalavsky schnaubte freudlos, doch Wespe verstĂ€rkte den Griff nur noch. âVielleicht haben wir oberflĂ€chlich nicht viel gemeinsam. Aber⊠Sie sind treu. Gewissenhaft. Sie tun, was getan werden muss, vielleicht nicht ohne sich ordentlich auf dem Weg dorthin zu beschweren, aber Sie tun es! Sie bleiben Ihren Prinzipien treu und Sie sind so verdammt aufopferungsvoll!â Jetzt griff Wespe zu, als möchte er Schalavsky nie wieder loslassen. Zwischen seinen warmen HĂ€nden behalten fĂŒr den Rest der Zeit. âSie stellen sich selbst an letzte Stelle, weil Sie denken, dass das Ihre Pflicht verlangt. Aber bitte, bitte, opfern Sie sich nicht selbst, nur weil Sie denken, es sei das Richtige. Verdammt, Sie sind doch nicht Atlas!â
Schalavsky war darĂŒber so verdutzt, dass er Wespe einfach nur anstarrte. âSie kennen den Mythos von Atlas?â
Jetzt lachte Wespe und das GerĂ€usch wĂ€rmte Schalavskys Herz. Wespes Griff wurde sanfter, seine Daumen strichen ĂŒber Schalavskys Wangen.
âKommissar Schalavsky sagt, das sei gegen die Dienstordnungâ, murmelte Wespe. âAber was sagt Klaus?â
Klaus sagte gar nichts. Klaus lehnte sich nach vorne und kĂŒsste Wespe.
Wespe seufzte gegen seine Lippen, zog ihn mehr zu sich herunter, griff nach seinem Gesicht, als möchte er Schalavsky davon abhalten, wieder einmal davonzurennen.
Schalavsky dachte immer noch, dass das eine dumme Idee war. Dass er Wespe eigentlich nicht kĂŒssen sollte, dass er jetzt vorhin ein Machtwort hĂ€tte sprechen sollen. Ein besserer Mann hĂ€tte das wohl getan. Aber verdammt, Schalavsky wollte Wespe kĂŒssen. Wollte die warme Haut wieder unter seinen Fingern spĂŒren, wollte ihm diese grĂ€sslichen Kleider, die nicht zu ihm passten, ausziehen und jeden Quadratzentimeter Haut kartographieren, bis er sie auswendig kannte.
Er zog an Wespes Pullover und Wespe unterbrach den Kuss nur widerwillig, damit Schalavsky ihm das KleidungsstĂŒck hastig abstreifen konnte.
âSie verlieren keine Zeitâ, murmelte Wespe atemlos, aber er klang nicht unzufrieden. Im Gegenteil sogar. Schalavsky antwortete nicht. Eigentlich hatte er schon viel zu viel Zeit verloren. Hatte sich in seinem Leben schon so viele Dinge nicht gestattet. HĂ€tte auch seine GefĂŒhle fĂŒr Wespe nicht zugelassen, wenn Wespe nicht so hartnĂ€ckig geblieben wĂ€re. Deshalb presste er dankbar seine Lippen gegen Wespes Hals. So wie er es im Nachtclub am liebsten getan hĂ€tte. So wie er es in seinen viel zu vielen schwachen Momenten vorgestellt hatte, zu tun.
âTieferâ, mahnte Wespe ihn und schob Schalavskys Kopf etwas weiter. âSonst hat Glockner morgen Fragen.â
Schalavsky brummte bestĂ€tigend. Vielleicht hĂ€tte der Gedanke an Glockner ihn aus dieser Situation herausreissen sollen. Dieses Mal tat er es jedoch nicht, stattdessen kĂŒsste er Wespes Schulter, fuhr mit seinen HĂ€nden ĂŒber Wespes RĂŒcken, den er schon einmal so unter den Fingern gespĂŒrt hatte. Damals hatten sich die BerĂŒhrungen gestohlen und hastig angefĂŒhlt. Jetzt waren sie langsam, bewusst.
Wespe wollte das, wollte ihn! Schalavsky beschloss, fĂŒr einmal selbstsĂŒchtig zu sein und dieses Geschenk anzunehmen, es gegen seine Brust zu drĂŒcken und wie ein trotziges Kind nicht wieder hergeben zu wollen. Wespe hĂ€tte einen anderen verdient, dennoch, dennoch, ausgerechnet ihn auserkoren. Und Schalavsky wĂŒrde verdammt sein, wenn er zuliess, dass Wespe seine Wahl bereute.
Wespe zog ihm das Hemd aus der Hose, nestelte hastig an den Knöpfen, presste einen Kuss gegen Schalavskys Ohr, gegen die Wange.
âIch hĂ€tte Sie im Club kĂŒssen sollenâ, murmelte Wespe keuchend, Knopf um Knopf mehr Haut offenbarend. âMit dem Bart. Ich frage mich immer noch, wie der sich anfĂŒhlt.â
âIch kann mir wieder einen stehen lassenâ, gab Schalavsky zurĂŒck, wĂ€hrend er mit den HĂ€nden ĂŒber Wespes Seite fuhr, was den Inspektor wohlig erschaudern liess. âDann wissen Sieâs.â
Wespe brummte zufrieden. Dann zog er auffordernd an Schalavsky. Eindeutig. Hungrig. Schalavsky liess sich bereitwillig mit sich ziehen.
Als Wespe ihn auf das Bett schubste, auf ihn kletterte, da umschlang Schalavsky ihn. DrĂŒckte Wespe gegen sich, genoss die WĂ€rme, die durch seine Haut zu dringen schien, sein Herz umschloss und seinen ganzen Körper fiebrig warm werden liess.
Wespe kĂŒsste ihn noch einmal, sanfter, als Schalavsky es in dieser Situation erwartet hĂ€tte.
âIch werde mein bestes geben, damit du das nicht bereustâ, murmelte Wespe. Schalavsky hĂ€tte beinahe gelacht. Hatte er nicht etwas Ă€hnliches vor einigen Minuten gedacht? Deshalb griff er Wespes Gesicht und kĂŒsste ihn noch einmal. Versuchte die kleine, nagende Stimme in seinem Hinterkopf zu ersticken, die nie ganz Ruhe zu geben schien.
Und als Wespe seine Hand tiefer wandern liess, zugriff, da war es in Schalavskys Kopf endlich einmal still. ZurĂŒck blieb nur Wespe.
Zwei Stunden spÀter starrte Klaus Schalavsky an die Decke.
Der LĂ€rm der nĂ€chtlichen Grossstadt drang durch die Fenster, die schlechter isolierter waren, als die in Schalavskys Wohnung. Doch nicht nur deshalb konnte er nicht schlafen. Nein, der Grund fĂŒr seine Schlaflosigkeit lag neben ihn, hatte einen Arm ĂŒber seine Brust geworfen und den Kopf in seine Armbeuge gekuschelt.
Normalerweise blieb Schalavsky nicht lange genug, um zu kuscheln. Aber normalerweise hatte er sich auch gut genug im Griff, um nicht mit einem Kollegen ins Bett zu steigen. Mit einem Kollegen, in den er - gottverdammt nochmal - sogar verliebt war.
Schalavsky war es sich gewohnt, dass seine Liebe unerwidert blieb. Die wenigen SchwĂ€rmereien in der Schule, der Kollege auf der Polizeischule, einer der Jungen aus dem Handballclub seiner Jugend. Dann noch sein Mentor in seiner zweiten Abteilung, der immer nur mit einem Mundwinkel gelĂ€chelt hatte und Schalavsky einmal einen âguten Mannâ genannt hatte. Und eigentlich auch fĂŒr eine kurze Zeit Kommissar Glockner, der wohl der heimliche Schwarm und Traum schlafloser NĂ€chte ihrer gesamten Abteilung war.
Gemein war diesen MĂ€nnern, dass sie seine GefĂŒhle nie erwidert hĂ€tten. Es war Schalavskys Sicherheitsnetz, diese Gewissheit. Zwar konnte sein Herz vor Sehnsucht hĂŒpfen bei einem Wort, einem Blick, doch er musste niemals etwas tun. Er war geborgen in dieser Einsamkeit, dieser Distanz, denn wenn es von Anfang an aussichtslos war, dann musste er es gar nicht erst probieren. Lief nicht in Gefahr, sich zu offenbaren, verletzlich zu machen.
Und dann schulterte sich Wespe in sein Leben.
Wespe, der halt eben doch auf MĂ€nner stand. Aber doch sicherlich nicht auf MĂ€nner wie Schalavsky. Eingeredet hatte er das sich, bis er es selbst geglaubt hatte. HĂ€tte sich auf ewig damit begnĂŒgt, auch hier wieder auf Distanz zu bleiben, bis dieses kleine, nervige GefĂŒhl namens Liebe wie gewohnt ausbrannte.
Doch Wespe blieb. Nicht nur das, Wespe war auch hartnÀckig. Je mehr er stichelte, triezte, foppte, desto mehr schien sich Schalavskys Herz an ihn zu klammern. Desto schwieriger wurde es von Mal zu Mal, Wespe wegzustossen.
Heute hatte er es getan. Physisch sogar. Doch selbst da war Wespe geblieben. Obwohl Schalavsky ihn ganz sicherlich nicht verdient hatte.
âIch kann dich Denken hörenâ, murmelte Wespe unterbrach damit sein Gedankenkarussell. Sein Kopf kuschelte sich noch etwas mehr in Schalavskys Armbeuge und er legte Schalavsky die Hand auf die Brust. âWas ist los?â
âNormalerweise bleibe ich nichtâ, flĂŒsterte er wahrheitsgemĂ€ss.
Wespe hielt kurz inne. âEcht nicht?â
Schalavsky schĂŒttelte den Kopf. Jetzt sah Wespe ihn von unten an, das spĂŒrte er, doch er nahm den Blick nicht von der Decke. Wespes nĂ€chste Worte waren vorsichtig.
âHattest du denn schon einmal einen Freund?â
Schalavsky presste die Lippen aufeinander. Freund. Eine feste Beziehung. Das, was er sich nie gestattet (ertrÀumt?) hatte.
âNeinâ, sagte er schliesslich und das Wort war schwer auf seiner Zunge. Zu viel Geschichte, zu viel Wahrheit, zu viel Schmerz steckte hinter diesem Wort. Die tausend GrĂŒnde, warum es eben doch ein Nein war, untrennbar mit ihm verbunden.
âOhâ, machte Wespe und Schalavsky spĂŒrte, wie seine Ohren rot wurden. Wespe war ihm trotz seines jĂŒngeren Alters in dieser Hinsicht meilenweit voraus. Weil er halt eben nicht Schalavsky war, nicht sein Leben gelebt hatte. FĂŒhlte sich deshalb dieses Nein wie eine Beichte an? Weil es viel zu viel ĂŒber ihn aussagte?
Es war eines, die Kleider auszuziehen. Es war ein anderes, sich sein Herz aus der Brust zu reissen und es einem anderen auf den Knien zu offenbaren.
âMöchtest du es denn versuchen?â, fragte Wespe mit einer Stimme, als möchte er die Worte nicht zu weit von seinem Mund weglassen. Jetzt blickte Schalavsky verdutzt zu Wespe, der ihn aus aufrichtigen, braunen Augen ansah. Augen, die Schalavsky nie ganz aus seinen TagtrĂ€umen hatte verbannen können.
Schalavsky schluckte einmal leer. Vor dieser Nacht hatte er sich tausend GrĂŒnde zusammengelegt, warum das eine dumme Idee sei, warum das sowieso nie etwas werden könnte, egal wie sehr er es sich wĂŒnschte. Doch Wespe hatte sein bestes getan, diese EinwĂ€nde und Beanstandungen wegzukĂŒssen. Einmal mutig sein. Ăber seinen eigenen Schatten springen.
âGerneâ, antwortete er, obwohl er vor diesem Wort Angst hatte wie vor keinem anderen.
Wespes Strahlen vertrieb einige der dunklen Wolken. Und um den Rest endgĂŒltig zu vertreiben, kĂŒsste Schalavsky ihn.
Glockner wusste, dass Schalavsky sich nicht an die Autofahrt erinnerte. Denn sonst hÀtte der sich am nÀchsten Tag um Glockner herum ganz anders verhalten. Nein, Schalavsky wusste sicher nicht mehr, dass ihm bei seinem Leidklagen einmal der Name Wespe herausgerutscht war.
Glockner wĂŒrde behaupten, dass scharfes Beobachten bei ihm zur Berufskrankheit geworden war. Deshalb hatte er auch schon lange, wohl als Einziger, gesehen, wie Schalavskys Blick immer lĂ€nger auf Wespe verweilte, wenn dieser meinte, er wĂ€re unbeobachtet. Wie Schalavsky manchmal ein LĂ€cheln ob Wespes Witzen verstecken musste, wie die Sticheleien zwischen ihnen schon lĂ€ngst eine routinierte FamiliaritĂ€t gewonnen hatten. Und dann auch, wie Wespe in einem grossen Raum immer hĂ€ufiger zuerst nach Schalavsky sah, wie der Kriminalinspektor manchmal Schalavsky etwas ins Ohr flĂŒsterte, fĂŒr das er ein anklagendes Bienert oder einen kleinen Klaps kassierte, wie Wespe sich ganz besonders bemĂŒhte, wenn Schalavsky ihm einen Auftrag gab.
Glockner war der einzige, der die PuzzlestĂŒcke zusammensetzte, weil er der einzige war, der wusste, welches Motiv gesucht war. Schalavskys Beichte im Auto, genĂ€hrt durch Alkohol und eine tiefe Resignation, waren da bloss noch das SahnehĂ€ubchen gewesen. Glockner hatte schon lĂ€ngst gewusst, was Sache war.
Eigentlich wĂ€re das ein Problem gewesen. Die beiden waren in der gleichen Abteilung und Schalavsky ranghöher als Bienert. Glockner hĂ€tte als Abteilungsleiter da eigentlich ein ernstes GesprĂ€ch mit Schalavsky fĂŒhren mĂŒssen, selbst wenn Schalavskys wehmĂŒtige Worte verlauten liessen, dass noch nichts vorgefallen war.
Aber Glockner legte die Dienstordnung nicht so strikt aus wie Kollege Schalavsky. Sonst hĂ€tte er vier Jugendlichen schon vor langer Zeit Hausverbot erteilen mĂŒssen. Nein, wenn es um das Wohlergehen von Menschen ging, hielt Glockner sich auch mal nicht an die Regeln. Und jetzt ging es um zwei liebgewordene Kollegen, die umeinander herumschlichen. Glockner wĂŒrde in diesem Fall gerne beide Augen zudrĂŒcken.
Glockner hatte vollstes Vertrauen in Schalavsky. Denn wenn einer professionell bleiben konnte, dann er. Und wenn einer hartnÀckig bleiben konnte, dann Wespe.
FĂŒr die Idee, die beiden zusammen auf Undercovermission zu schicken, hatte er sich selbst metaphorisch auf die Schulter geklopft. Aber dann waren die beiden zurĂŒckgekommen und sich drei Wochen lang konsequent aus dem Weg gegangen. Wespe versuchte es nicht einmal mehr mit seinen ĂŒblichen Sticheleien und Schalavsky hatte sich in Arbeit vergraben, mehr noch als sonst. Glockner hatte bei ihm schliesslich sogar ein Machtwort sprechen mĂŒssen und ihn konsequent nach Hause geschickt, als er sich ziemlich sicher war, dass Schalavsky den Schlafmangel versuchte rein durch Koffein wettzumachen. Ob da noch anderes war, wollte er - noch - nicht erfragen, denn leider war er sich sehr sicher, dass Schalavsky ihn in diesem Fall angelogen hĂ€tte.
Er hatte Tamina gefragt, ob sie etwas wusste und seine junge Assistentin hatte verneint, ohne ihm in die Augen zu schauen. SpĂ€testens da wusste Glockner, dass etwas passiert war. Höchstwahrscheinlich hatte Wespe sein GlĂŒck versucht und Schalavsky ihn zurĂŒckgewiesen, weil der halt - genau wie Glockner - wusste, dass das eigentlich gegen die Vorschriften war. Aber der Kommissar konnte nur schwer seinem Kollegen bei einem Bierchen oder zwei vermitteln, dass es vielleicht in diesem Fall ganz okay war, wenn sich Schalavsky halt mal nicht an die Dienstordnung hielt.
Aber wie so oft Ànderte sich die Beweislage.
Glockner wusste nicht ganz, was wirklich passiert war - Wimmel hatte ihm nur gesagt, dass die beiden irgendwie bei Schalavskys Auto geredet hatten oder so - aber nachher beruhigte sich das VerhÀltnis der beiden.
Und Glockner wusste erneut, dass etwas vorgefallen sein musste. Nur, dass es dieses Mal positiv war.
Die beiden redeten wieder miteinander, ganz in alter Manier. Wespe witzelte, Schalavsky mahnte, doch da war noch etwas in ihren Stimmen, dass vorher nicht dagewesen war. Etwas⊠warmes.
Immer hĂ€ufiger sassen sie beieinander, diskutierten nicht mehr nur ĂŒber FĂ€lle, sondern auch ĂŒber dieses und jenes. Wespe lungerte solange unruhig in Schalavskys BĂŒro herum, bis dieser mit einem Augenrollen den PC herunterfuhr, sich die Jacke schnappte und mit Wespe zum Abendessen ging. Schalavsky brachte Wespe Kaffee und FrĂŒhstĂŒck, wenn Wespe SpĂ€tschicht und der Kommissar FrĂŒhschicht hatte. Und dann einmal, als die beiden sich gegenĂŒber sassen und hitzig diskutierten, untermalte Wespe seinen Punkt dadurch, dass er sich nach vorne lehnte und Schalavsky dreimal energisch auf den Oberschenkel tippte.
Schalavsky, der generell ein kontaktscheuer Mensch war, hĂ€tte noch vor ein paar Monaten Wespes Hand weggewischt, ihn vielleicht sogar angeblafft. Doch jetzt hob er bloss skeptisch eine Augenbraue, als hĂ€tte er die BerĂŒhrung gar nicht wahrgenommen und fuhr unbeirrt mit seinem Argument fort.
Vorher hatte Schalavsky manchmal sein LĂ€cheln versteckt. Jetzt lachte er und schĂŒttelte amĂŒsiert den Kopf, wenn Wespe einen Scherz machte. Der Kriminalinspektor strahlte dann immer, als wĂŒrde durch Schalavskys Lachen die Sonne aufgehen. Und als Wespe einmal fĂŒr die Lösung eines Falls belobigt wurde, wirkte Schalavsky so verdammt stolz, dass Glockner sich ernsthaft fragte, ob er immer noch der Einzige war, der etwas gemerkt hatte.
Nach fĂŒnf Monaten duzten die sich bei der Arbeit. âWar halt an der Zeitâ, gĂ€hnte Schalavsky einmal beilĂ€ufig, als Glockner ihn bei einer Observation danach fragte. Glockner nickte und sah zur Seite, damit Schalavsky sein wissendes LĂ€cheln nicht sah.
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Rules: You will be given a word. Then you share one sentence/excerpt from your wip(s) that start with each letter of your word.
Danke fĂŒrs taggen @cappuccino-milchstrasse! Das Wort war STERNE
S - Schalavsky fand das eine gewagte These von einem Mann, der auĂerhalb seiner Dienstklamotten immer die gleichen Sachen trug, die ihm seine letzte Freundin vor einer Dekade besorgt hatte.
T - Tamina machte sehr klar, dass sie von ihm erwartete Schalavsky zu einem PartnerkostĂŒm zu ĂŒberreden, ganz egal was er dafĂŒr machen musste.
E - Er lieĂ seinen Kopf sinken und lag mit dem Gesicht auf dem warmen Asphalt.
R - RĂ€uber, Flegel, RĂŒpel, Barbaren, Sandflöhe, Diebe - soll ich weiter machen?
N - Nur zu gerne wĂŒrde er in in den Bart fassen, ihn zu sich ziehen und---
E - Er fuhr mit dem Auto zu Bienert, weil er einerseits bei Partys ohnehin nicht viel trank und auĂerdem niemanden begenen wollte, der ihn auf sein KostĂŒm ansprach bevor er nicht auf Bienert verweisen konnte.
Alle bis auf eines sind aus meinem unvollendeten Halloween-Wesky One Shot und ich denke das merkt man.
Ich ich hab ehrlich gesagt, gerad keinen Ăberblick wer noch schreibt und noch nicht getaggt wurde, und deswegen tagge ich alle die sich angesprochen fĂŒhlen.
Das Wort ist Hypercalifra- nein ich mach nur SpaĂ. Das Wort ist Whiskey.