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Die kleine Genrefibel Teil 10: Batmania
Willkommen zurĂŒck zu einer neuen Ausgabe der Kleinen Genrefibel, mit Teil 10 sogar ein kleines JubilĂ€um, zumindest fĂŒr mich. Aus diesem Grund lass ich es mir auch nicht nehmen, ĂŒber eines meiner Herzensthemen zu schreiben, ĂŒber eine Franchise, einen Stoff, eine Figur, einen Mythos, der mich von Kindesbeinen an begleitet hat â der Batman. Wieder sitze ich in der ZwickmĂŒhle. Ich habe mir bereits mit Teil 6: STAR TREK Kritik eingefangen, wie eine Franchise in das Konzept von Genrevorstellungen passt. Aber ich sehe das nicht so eng, denn immerhin ist das keine AbiturprĂŒfung oder Doktorarbeit, zudem mehr eine Frage der Definition. NatĂŒrlich sind die STAR TREK- und BATMAN-Filme kein Subgenre, aber auch nicht das Ende des Wurzelgeflechtes eines Genrestammbaums. Wo befinden wir uns denn, wenn es um den Mythos Batman geht?
Man kann aus den drei Kategorien Horror, Fantasy und Science-Fiction so viele Subgenre ableiten, aber mit Superhelden und dergleichen fĂ€llt das mitunter schwer. Filme mit oder ĂŒber Superhelden klassifiziert den Komplex zwar treffend, doch in welche Schublade steckt man das dann? Die Figur Superman, bzw. die Verfilmungen lassen sich unter Fantasy wie Science-Fiction unterbringen, bei der Figur Batman wird das schwieriger, weil der Kosmos dieser Welt, zumindest der GroĂteil, auf einem realistischen Setting fuĂt. Zwar wird das Batman-Universum im Laufe der Jahre von immer fantastischeren Gegnern ĂŒberlaufen, doch Batman im Kern als Fantasy zu bezeichnen, trifft es nicht wirklich. In Videotheken oder Verkaufsregalen rangieren Superheldenfilme klassisch unter dem Label Action. Nur ist Action ein genauso schwammiger Begriff.
Andererseits ist Batman eben auch eine literarische Adaption, eine Comicverfilmung. Ob man sich nun ĂŒber Superheldenfilme oder Comicverfilmungen an Batman heran hangelt, es fĂŒhrt zur gleichen Blase. Denn die Batmanverfilmungen sind eben keine Reihe mit oder ohne Fortsetzungscharakter, sondern eine eigene Welt, die thematisch seit den dreiĂiger Jahren in unzĂ€hligen Variationen immer wieder neu erschaffen wurde. Als Franchise ist sie sogar vielschichtiger in Sachen Figureninterpretation, Kosmos und Parallelwelt als beispielsweise STAR TREK oder BOND, die sich zwar ĂŒber die Jahrzehnte auch immer neu erfunden haben, aber nicht in diesem AusmaĂ. DafĂŒr ist sicherlich auch die Vorlage als Comicheftreihe verantwortlich, die unzĂ€hligen Neustarts, Spin off und Crossover. Dabei ist der Kern jeder Geschichte um den dunklen Ritter stets, was motiviert einen Menschen, einen zutiefst traumatisierten Mann, der den Verlust seiner Eltern nicht ĂŒberwinden kann, nachts eine Maske zu tragen und Verbrecher zu schnappen? In wieweit hat sich dieses dramaturgische Motiv in den Jahrzehnten verĂ€ndert, bzw. wie wurde es filmisch interpretiert?
Die Wurzeln der Figur Batman bzw. Bruce Wayne gehen zurĂŒck auf ein Broadway-TheaterstĂŒck der amerikanischen Schriftstellerin Mary Roberts Rinehart (1876-1958) namens THE BAT von 1920, in dem ein maskierter Killer in einem alten Haus umgeht. 1926 wurde das StĂŒck erstmals als Stummfilm umgesetzt, aber erst die Verfilmung von 1930 (sozusagen das Remake, falls jemand dachte, das gab es damals noch nicht) namens THE BAT WHISPERS war eine Inspirationsquelle fĂŒr einen gerademal 20jĂ€hrigen Zeichner aus New York â Bob Kane. Kane nannte spĂ€ter noch weitere Vorbilder fĂŒr die Figur Batman. Allen voran Douglas Fairbanks als ZORRO (1920, 1925) prĂ€gten das Aussehen des maskierten RĂ€chers. Zum anderen war Kane angetan von Zeichnungen riesiger FluggerĂ€te von Leonardo da Vinci, die sich ebenfalls im KostĂŒmbild Batmans wiederspiegeln. Möglicherweise hatte auch die Radiosendung THE SHADOW von 1930 Einfluss auf Bob Kanes Figur gehabt.
Kane selbst wird bis heute als der Erfinder Batmans bezeichnet, dabei wird oft der Texter Bill Finger ĂŒbergangen, der mit Bob Kane an der Reihe arbeitete und auf dessen Konto beispielsweise das Cape und Batmans Alter Ego Bruce Wayne gehen. Bruce Waynes Name war laut Kane und Finger die Vereinigung der historischen Figuren Robert The Bruce (1306 â 1329 König von Schottland) und des amerikanischen Generals Anthony Wayne, beides FreiheitskĂ€mpfer und Nationalhelden. Zeichner Kane und Texter Finger arbeiteten fĂŒr den jungen Verlag â National Allied Publicationsâ. 1937 Ă€nderte der Verlag seinen Namen und benannte sich nach ihrer Comicheftreihe âDetective Comicsâ â DC Comic war geboren. 1939 erblickte mit Heft 27 erstmalig die Figur Batman das Licht der Welt. Detective Comics wurde sehr schnell zur eigenstĂ€ndigen Comicreihe BATMAN. In Heft 1 ab 1940 trat dann auch bereits der Joker als Batmans Gegenspieler auf, der sichtlich von Conrad Veidts Darstellung des Gwynplaine in THE MAN WHO LAUGHS von 1928 inspiriert war. Butler Alfred debĂŒtierte dagegen erst in Heft 16.
Von der Kreation der Figur Batman 1939 bis zu seinem ersten Filmauftritt vergingen nicht einmal vier Jahre. 1943 erschien THE BATMAN als sogenannter Serien-Kinofilm, Kurzfilme mit Cliffhangern, die ihre Hochzeit in den 30er Jahren hatten. Batman und Robin kĂ€mpften in der 15-teiligen Serie mit einem japanischen Agenten, der ĂŒber eine Gedankensteuermaschine verfĂŒgte, was zweifelsohne durch den zweiten Weltkrieg geprĂ€gt war. 1949 erschien dann die zweite Serie, in der bereits Reporterin Vicky Vale auftrat. Ein echtes Batmobil oder bekannte Erzschurken wie Joker, Riddler oder Pinguin waren aber in den vierziger Jahren filmisch noch kein Thema. Trotzdem waren die ersten Schwarz-WeiĂ-Abenteuer von Batman und Robin nĂ€her an den Detective Comics als die Interpretationen in den sechziger Jahren. Die ersten Batmanverfilmungen waren Noir-Krimis, Batman eher eine Mischung aus Polizist und Ermittler. WĂ€hrend neue Comicsubserien in den 50er Jahren folgten (THE BRAVE AND THE BOLD, WORLDÂŽS FINEST COMICS) und dem Batman-Universum immer mehr Puzzleteile hinzugefĂŒgt wurden (Batmobil, Batman trifft Superman, Batgirl, Batwoman, Mr. Freeze), dauerte die Wiederbelebung des filmischen Batmans bis zum Jahr 1966.
Bis dahin liefen die ersten Batman-Serials von 1943 und 1949 ganz ordentlich besucht in schĂ€bigen Bahnhofkinos, Batman wurde langsam auch auĂerhalb des Comicheftes populĂ€r. Die ABC kaufte in den sechziger Jahren die Fernsehrechte, entschied sich aber gegen eine Krimiserie im Stil von 40er Jahre Noir, stattdessen persiflierten sie die Figuren der DC Comics, mischten ordentlich Geheimagentengadgets hinzu, allen voran Bondanleihen, zu jener Zeit lief bereits mit FEUERBALL der vierte Bondstreifen in den Kinos. So wurde die 60er Jahre Serie stilprĂ€gend fĂŒr das Bild von Batman. Bis zu seinem ersten richtigen Kinoauftritt 1989 wurde Batman abseits der Comicgefolgschaft oft mit PENG- oder KNALL-Blasen, Strumpfhosen und der âdada dada dada dada baaatmaaanâ-Titelmelodie assoziiert. Die Batman-Fernsehserie und der dazugehörige Kinofilm BATMAN HĂLT DIE WELT IN ATEM waren kultig und charmant, Julie Newmar als Catwoman, Cesar Romero als Joker, die KostĂŒme, die ĂŒbertriebenen Gadgets. Auch wenn das an der Tragik der Comicfigur vorbeiging, es ist genau das, was das Batman-Universum als quasi eigene Subwelt von Superheldengeschichten definiert â sie entwickelt sich unabhĂ€ngig von der Vorlage weiter. Krimi- und NoireinflĂŒsse in den Vierziger Jahren, genauso wie die Parallelen zum zweiten Weltkrieg, verstĂ€rkte Science-Fiction-Elemente in den 50ern, Beatmusik, 3.Weltkrieg & Agententools in den 60ern. FĂŒr das dynamische Duo im Fernsehen war das in den Jahren 1966 bis 1968 aber nicht der Höhepunkt der Weiterentwicklung der Figur, sondern eher eine Sackgasse. Es dauerte wieder eine Ewigkeit, bis es mit dem Mythos Batman auf der Leinwand weiterging. Als das soweit war, hatte ich bereits das zwölfte Lebensjahr erreicht.
AM TAGE PLAYBOY UND NACHTS EIN RĂCHER
WĂ€hrend meiner Kindheit im wunderschönen ThĂŒringen hatte ich bedingt durch literarische Zwistigkeiten der groĂen MĂ€chte links und rechts neben dem kleinen Arbeiter- und Bauernstaat keine Gelegenheit, einen Batmancomic zu lesen. Jedenfalls nicht, dass ich wĂŒsste. Trotzdem war ich bereits als Kind Batmanfan. Kann das sein? In den achtziger Jahren jedenfalls war Batman nicht mehr nur Comicfigur oder Fernsehkasperl, Batman ist Popkultur geworden. Popkultur des Klassenfeindes, zugegeben. Aber heimlich habe ich Batman-Sticker auf mein FederkĂ€stchen geklebt. Ich war zu jener Zeit groĂer Fan von den Ărtzen und Bela B. und wollte dann auch Schlagzeug lernen. Auch Bela B. von den Ărzten war riesiger Batmanfan, das hat abgefĂ€rbt. Was Batmanfans am liebsten machen, wenn sie noch ganz klein sind, ist ĂŒberall hin Batsigns zu kritzeln. Auch wenn ich es nicht mehr nachvollziehen kann, wie ein Bild oder eine Figur in alle Ecken des Globus dringen kann, es steht fĂŒr die PopularitĂ€t dieses Stoffes, dessen Kern und Symbolik. Kein Film, keine Serie hatte das geschafft, die liefen alle erst spĂ€ter. Es war der Mythos selbst, der ĂŒberall prĂ€sent war. Wir haben als Kinder Batman gespielt, wussten aber ĂŒberhaupt nicht, wer oder was das war. Ich hatte Asterix-Comics, aber haben wir deswegen Gallier oder Römer gespielt? Batman stand fĂŒr das Gute, ein KĂ€mpfer fĂŒr Gerechtigkeit, in dessen Seele man nicht blicken konnte. Ich glaube, genau das ist der Grund, warum die Figur und das Universum in der er lebt, so langlebig ist und immer wieder neu erschaffen wird.
1989 wurde Batman erneut neu erschaffen, mit gigantischem Erfolg an der Kinokasse und prĂ€gend fĂŒr alle Superheldenverfilmungen, die in den kommenden Jahrzehnten folgen wĂŒrden. Das war wohl kein einfacher Prozess, seit Anfang der Achtziger Jahre arbeitete man an einer Verfilmung, immer wieder wurde zurĂŒckgerudert, neue Ideen gesammelt, neues Personal gesucht. Ideen fĂŒr Robin oder den Pinguin wurden durchgespielt und wieder verworfen. 1985 hatte ein junger Regisseur mit dem Film PEE WEES BIG ADVENTURE einen kleinen Achtungserfolg â sein Name warTim Burton. Der Rechteinhaber Warner bot Burton die Regie an, aber erst nach einer DrehbuchĂŒberarbeitung und dem Erfolg von BEETLEJUICE konnte Tim Burton das Projekt in Angriff nehmen. Wer in den Jahren 1988 und 1989 in den raren Besitz der Zeitschriften BRAVO, POPCORN oder gar POP ROCKY gelangen konnte, hatte dann sogar Einblick, was hinter den Kulissen vor sich ging. Bisschen jedenfalls. Jack Nicholson als Joker und Kim Basinger, das wusste der Batmanfan auch in der DDR. Batman von 1989 war dann auch nach der Wende eine meiner ersten Videoerfahrungen. Ich kann mich erinnern, dass es genau der Batman war, den ich mir in meiner recht lebhaften Phantasie vorstellte. Ich empfand den Film damals schon als dĂŒster und dreckig, aber genau das war das Faszinierende. Das war ein gĂ€nzlich anderer Style. Damals war noch gar nicht absehbar, dass Tim Burton irgendwann wegen seiner Stilistik gefeiert werden wĂŒrde. Im Endeffekt ist in Batman 1989 auch noch nicht sehr viel Tim Burton drin. Erst mit der Fortsetzung BATMANS RĂCKKEHR hatte Burton volle KĂŒnstlertische Freiheit und war mir zu diesem Zeitpunkt durch BEETLEJUICE und EDWARD MIT DEN SCHERENHĂNDEN als visuell visionĂ€rer Filmemacher bekannt.
Was Burtons Batmanfilme auszeichnet, neben all der gothicgeschwĂ€rzten Kulisse, die epische Musik von Danny Elfman und die schrĂ€gen EinfĂ€lle, war vor allem der Umstand, dass Burton Batman wieder enger am Comicvorbild der vierziger Jahre inszenierte, mit starkem Noireinfluss, es keine grellen und poppigen Anleihen mehr gab, keine Parodie, kein PLEM oder BĂNG. Tim Burton erschuf Batman, weil er von der Figur seit Kindesbeinen begeistert und fasziniert war, von Batman und seiner Gegenspieler. Allerdings gaben auch die gerade erschienen neuen Comics wie THE DARK KNIGHT RETURNS von Frank Miller die dĂŒstere Marschrichtung vor. Zu diesem Zeitpunkt wurde der dunkle Ritter in den Comics bereits viel tiefer in seiner Psychologie und Persönlichkeit behandelt, durch sein Trauma (YEAR ONE) und seine Alterszweifel (THE DARK KNIGHT RETURNS) erreichte er im Comicheft immer mehr erwachsene Leser. Ein wenig von dieser freudschen Tiefenanalyse lag auch in Batman 89 und 92 inne. Rein filmisch, muss ich zugeben, habe ich lang gebraucht, um BATMANS RĂCKKEHR filmisch zu erfassen. Am Anfang war mir die Fortsetzung zu sperrig, bis zum Auftreten Batmans zu lang und zĂ€h. Heute ist der Film fĂŒr mich mit NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS, der parallel zu BATMANS RĂCKKEHR entstand, der Höhepunkt von Tim Burtons Schaffen.
Da mir BATMAN und BATMANS RĂCKKEHR Anfang der Neunziger mehr oder minder auf dem VHS-Silbertablett serviert wurden, gab es sowas wie Vorfreude auf einen neuen Batmanfilm noch nicht. Das sollte sich erst einstellen, als BATMAN FOREVER fĂŒr 1995 angekĂŒndigt wurde. Ich kann mich erinnern, 1995 das erste mal im Warner Brothers Movie Store im Europacenter am Berliner Kudamm gewesen zu sein. Dort lief der erste Trailer mit Val Kilmer als Batman und ich gebe es offen zu, ich habe mir sogar eine Riddler-Unterhose gekauft. Die Vorfreude auf ein neues Batman-Abenteuer war immens und eigentlich gar nicht getrĂŒbt von der Tatsache, dass Burton mittlerweile nicht mehr auf dem Regiestuhl saĂ, sondern Joel Schuhmacher, nicht mehr Keaton, sondern Kilmer Batman war und auch nicht davon, dass jetzt nicht mehr alles braun oder blaugrau war, sondern magenta, malvenfarbig und möhrengelb. Weit mehr hat mich gestört, dass viele kleine Dinge wie Alfreds ErzĂ€hlung ĂŒber Bruce Reitunfall, das Servieren der kalten Suppe, ein Kuss unterm Mistelzweig, also feinfĂŒhlige, zwischenmenschliche Spitzen, die Burtons Filme vom Gro der damaligen Comicverfilmungen abhoben, einer simplen schwarz-weiĂ Dramaturgie und FigurenblaĂheit wich. Viele laden heute ihren ganzen Zorn auf Schumacher ab, der die Batmanfranchise fĂŒr Jahre vergurkt habe, so die Meinung von eingefleischten Batmanfans. Doch im Grunde war es die Warner, die auf ein familienfreundlicheres Comicabenteuer bestand und das an der Kinokasse auch funktionierte â FOREVER war deutlich erfolgreicher als RETURNS. Stellenweise erreicht der Film sogar die Tiefe der VorgĂ€nger, wenn man einen Blick in die Deleted Scenes der DVD wirft. Besonders das mystische Aufeinandertreffen mit der riesigen Fledermaus ist ziemlich gelungen, aber aus der Endfassung geschnitten worden, ebenso wie die Origin von Two Face. RĂŒckblickend sind die Schuhmacherfilme eben auch eine Facette des Batman-Universums und als Evolution des Stoffes nicht anders als es die Fernsehserie von 1966 war. Ich mag beide Schumacherfilme, auch BATMAN & ROBIN. Immerhin ein Film mit meiner Lieblingsfigur Pamela Isley alias Poison Ivy. Welche Villains des Universums ich noch recht gern habe? Vor allem Scarecrow und Roman âBlack Maskâ Sionis.
Bei aller Meckerei ĂŒber Mr. Freeze EisbĂ€rpantoffeln, Batnippel, Bat-Kreditkarten oder generell Robin (mal ehrlich, Robin ist wenigstens eine Figur, die in FOREVER noch am besten funktioniert), das Problem der Batmanfilme zu dieser Zeit war nicht der switch von dĂŒster-ernst zu bunt-poppig. Es war ein Problem, welches auch auf die Burtonfilme zutrifft. Trotz der Tatsache, dass Batman als Superheld ĂŒber keinerlei ĂŒbernatĂŒrliche FĂ€higkeiten verfĂŒgt, war die Welt oder der Kosmos, in dem er lebt, extrem artifiziell. Eigentlich war Gotham City eine geschlossene Blase, eine eigene Welt. Das war schade, weil die Figur Bruce Wayne dramaturgisch gesehen ein FĂŒllhorn an Motivation, Verstellung, DoppelidentitĂ€t und Ego ist. Doch kommt das alles nur bedingt zum Tragen, weil er selten in Konfrontation mit Gesetzen der Wirklichkeit kommt. Die Batmanfilme spielen in Gotham City, ja, aber Gotham City befindet sich nicht auf dem Mond. Selbst Superman zieht mehr Konflikt aus der Reibung mit dem normalen Alltag. Batman hingegen ist in Gotham isoliert. Das trĂ€gt viel zu seiner KĂŒnstlichkeit bei. Selbst wenn Burton FOREVER inszeniert hĂ€tte (wer weiĂ, mit Nicolas Cage als Scarecrow oder Robin Willams als Riddler), es wĂ€re irgendwann ebenfalls zum Crash gekommen, der 1997 durch BATMAN & ROBIN die Franchise fĂŒr ein paar Jahre aufs Abstellgleis beförderte.
Zwischen 1997 und 2005 warÂŽs duster in der Bathöhle, zumindest fĂŒr die Kinoleinwand. Aber die Neunziger Jahre waren auch das Jahrzehnt von BATMAN ANIMATED, einer fantastischen Zeichentrickserie im Stil der Burtonfilme, die mit BATMAN UND DAS PHANTOM sogar einen Kinoableger hatte. FĂŒr die Warner hatte die Sache allerdings etwas prekĂ€res. Ihre wichtigste Lizenz war verbrannt, genau in einer Zeit, als Superheldenfilme maĂgeblich durch SPIDERMAN und X-MEN eine neue Stufe der Inszenierung und des Kassenerfolgs erklommen. Und die Warner stand da und wusste mit der Batmanfranchise nichts anzufangen. Stimmt eigentlich nicht, es wurden unzĂ€hlige Versuche unternommen, Batman wieder fit zu machen. Namen wie Darren Aronofsky, der YEAR ONE verfilmen sollte oder Wolfang Petersen, der bereits an einem BATMAN VS SUPERMAN-Film arbeitete, kamen und gingen. Als man dann noch ein CATWOMAN-Spin off mit Halle Berry und Sharon Stone krĂ€ftig gegen die Wand setzte, mussten wohl NĂ€gel mit Köpfen her. Die Warner entschied sich fĂŒr das Konzept des Filmemachers Christopher Nolan, der erstmals eine Batman Origins Geschichte vor realem Hintergrund verfilmen sollte. Da war sie plötzlich wieder, diese kribbelige Vorfreude auf ein neues Batman-Abenteuer.
Ăber die Neuausrichtung des Stoffes auf realistischerem Grund und Boden konnte man im Vorfeld viel lesen. Christian Bale wurde neuer Batman (nachdem er angeblich in BATMAN FOREVER schon als Robin vorgesprochen haben soll), Michael Caine Alfred Pennyworth und alles sah danach aus, als wĂŒrden mit dem Reboot FanboytrĂ€ume in ErfĂŒllung gehen. Doch das Schicksal meinte es hart mit mir. Als BATMAN BEGINS 2005 in die Kinos kam, war ich fĂŒr 9 Wochen bei Dreharbeiten auf Sardinien. Auch wenn mich das tolle Plakat des Ăfteren angelĂ€chelt hat, auf italienisch wollte ich mir den Helden meiner Kindheit nicht geben. So konnte ich die Wiedergeburt des dunklen Ritters erst Wochen spĂ€ter zurĂŒck in Deutschland im Kino erleben. Das allerdings war ein denkwĂŒrdiges Ereignis. Eigentlich jedes Nolan-Abenteuer verbinde ich mit aufregenden Erinnerungen. FĂŒr die mutmaĂliche Sneak Preview von THE DARK KNIGHT musste ich mich enttĂ€uscht durch GIRLS VON ST.TRINIAN TEIL 2 quĂ€len, fand dann aber doch noch die begehrte Vorpremiere. Auch werde ich nie vergessen, wie ich aufgeregt vorm Mitternachtsscreening von THE DARK KNIGHT RISES am Potsdamer Platz auf und ab gelaufen bin. Dieser Unort fĂŒhlte sich damals wie Gotham City an. Batman war zurĂŒck, epischer als zuvor.
Ăber den Werdegang der Nolan-Filme zu schreiben, hieĂe FledermĂ€use in die Bathöhle tragen. Die einen umjubeln den neuartigen Realismus (der fĂŒr mich so neuartig gar nicht ist), andere verzweifeln, weil diese Herangehensweise Nolans Gegner wie Mr. Freeze oder Killer Croc unmöglich erscheinen lĂ€sst. Ich fĂŒr meinen Teil habe die Nolan-Trilogie geliebt, bin aber froh, dass dieses Kapitel geschlossen wurde. Die vielleicht gröĂte Leistung Nolans liegt darin, dass sich plötzlich Leute fĂŒr das Franchise begeisterten, die zuvor noch ĂŒberheblich stirnrunzelnd dreinblickten, wenn es um Batman ging. THE DARK KNIGHT von 2008 mag die gewaltigste Verfilmung des Stoffes sein, BEGINS wird wohl fĂŒr alle Zeit mein Lieblings-Batmanfilm sein, dicht gefolgt von der ANIMATED SERIES und BATMAN RETURNS. Der beste Batmandarsteller? Michael Keaton! Der beste Bruce Wayne Darsteller? Christian Bale.
 Was ich vom Endes von THE DARK KNIGHT RISES halte? FĂŒr mich keine groĂe Ăberraschung im Kontext der beiden VorgĂ€ngerfilme, aber als Fan blendet man ja manche Dinge erfolgreich aus. NatĂŒrlich fĂŒhlte es sich falsch an, Batman lediglich als Symbol zu degradieren, ein Cape, welches sich jeder anziehen kann. Damit schlieĂt sich die Trilogie zwar in sich stimmig, ist aber weit davon entfernt, wie ich diese Figur sehe. Batman und Bruce Wayne gehören fĂŒr mich untrennbar miteinander verbunden, geben beiden Seiten der Persönlichkeit ĂŒberhaupt erst ihre Motivation. Sicher ist ein John Blake mit Maske auch ein Batman. Aber er ist nicht der Batman, der auch Bruce Wayne ist, ein Doppelleben fĂŒhrt, einen Butler Alfred hat. Auch wenn es einem nicht gefallen mag, aber es ist das gleiche Spiel wie bei jeder Neuerschaffung, sie ist eine Facette, eine bestimmte Sicht auf die Figur, ob man es mag oder nicht. Es ist Nolans Batman, seine Interpretation, wie es auch in ĂŒber 70 Jahren Batmangeschichte immer die Interpretationen der Comicautoren und Zeichner waren, die das Batman-Universum wachsen lieĂen.
 EIN KLEINES LIED, ZU DEM ICH TANZE, AFFLECKS SCHĂDEL AUF `NE LANZE
Pampige Trotzreaktionen konnte ich dann auch wieder bei mir feststellen, als bekannt wurde, dass Zack Snyder im Sequel von MAN OF STEEL Superman und Batman aufeinander loslĂ€sst. Zwar ist diese Comicfacette lĂ€ngst ĂŒberreif, aber nach dem Weggang von Nolan und dem RĂ€tselraten um die FortfĂŒhrung der Franchise fĂŒr viele ein herber Schlag. Mittlerweile habe ich die Besetzung von Ben Affleck ganz gut ĂŒberstanden, er ist ja nicht der Schlechteste, auch wenn ihm desöfteren SĂŒĂstoffe in den Popo gepustet werden. Viel mehr Sorgen mache ich mir um die Gewichtung des Films. Klar wird die Fortsetzung wieder 140 Minuten plus gehen, aber es bedeutet dann wohl auch, dass man nur einen halben Batmanfilm bekommt. Irgendjemand wird den anderen ausbremsen, es sei denn, Snyder entwickelt sich doch noch zu einem GeschichtenerzĂ€hler. Wie dem auch sei, das RĂ€tselraten um Fragmente der Geschichte, der Schurken oder der Besetzung machen jetzt schon einen HeidenspaĂ. Nur glaube ich wird es wohl bei einem Erfolg des Films 2015 Batman fĂŒr die nĂ€chsten Jahre wohl nur in Verbindung mit der JUSTICE LEAGUE geben. Wie das wird, muss man abwarten. Besser als eine weitere Originsgeschichte ist das in jedem Fall, enttĂ€uschend eher fĂŒr jene, die Batman als einsamen Wolf und EinzelkĂ€mpfer lieben. Vielleicht dann zu Batmans 100. Geburtstag im Jahr 2039? Wer nicht solange warten will oder kann, findet vielleicht in Videogames eine reizvolle Alternative. Batmangames habe ich ebenfalls seit Anfang der Neunziger Jahre verschlungen (BATMAN auf dem Gameboy mit fantastischem Soundtrack, bockschweres BATMAN RETURNS auf dem SNES). Mit BATMAN ARKHAM ASYLUM und ARKHAM CITY bekommt der Fan ein fantastisches Filtrat aus Nolans Realismus und Burtons VerrĂŒcktheit, das Ganze sogar mit Christian Bales Synchronstimme. Das Batman-Universum, Feinde wie VerbĂŒndete, entsteht also immer wieder neu, im Kino, im Fernsehen oder Interaktiv. DĂŒsternis und Neonfarben haben sich bislang abgewechselt, ob BATMAN VS SUPERMAN wieder greller Popcornquatsch wird, bleibt abzuwarten. Immerhin ist man mit der Figur Batman und was sie umgibt, filmisch mutiger umgegangen als vergleichsweise mit Superman. Dass die Warner mit Burton und Nolan junge Filmemacher mit der Franchise vertraut hat, gibt Hoffnung fĂŒr die Zukunft, auch nach den Snyder-Kapitel. Ein Batmanfan lechzt sowieso nach jeder Kleinigkeit, neue Animationsserien und Direct-to-DVD-Produktionen wie YEAR ONE oder THE DARK KNIGHT RETURNS sind weiterhin willkommen. Leider gibt es auch Konzepte des Stoffes, die es nie ĂŒber die Planungsphase hinaus geschafft haben. Wie gern hĂ€tte ich eine Animationsserie namens GOTHAM HIGH gesehen, in der jugendliche Versionen der Comicfiguren die High School besuchen. Die fantastische Seite batmannews.de hat sich in einem Special der nie realisierten Batman-Interpretationen angenommen, darunter eine YEAR ONE â Verfilmung der Wachowski Brothers und von Aronofsky und Schuhmachers eventuellen dritten Teil namens BATMAN TRIUMPHANT.
  Das schöne beim Betrachten der Evolution der Figur Batman und der Verfilmungen des Stoffes ist, man kann sich nie sicher sein, wie die Reise weitergeht. Wie oft schon wurden Konzepte gekippt, ein Neustart gewagt, Batman oder seine Gegenspieler anders interpretiert und geformt. Möglich dass in den nĂ€chsten Jahren Batman in der JUSTICE LEAGUE verweilt, ebenso möglich, dass es wieder einen Neustart mit einem ambitionierten Regisseur gibt. Burton und Nolan waren Wagnisse, die ich gern wieder im Umgang mit der Figur erleben wĂŒrde. Neue Comics, neue Serien, Batman wird auf lange Sicht ein Teil der Kinolandschaft bleiben, wie er auch Ikone der Popkultur bleiben wird. Ein Held, ein stiller WĂ€chter, ein wachsamer BeschĂŒtzer. Ein dunkler Ritter.
Der Beitrag erschien bereits auf Christians Blog:Â Traumfalter Filmwerkstatt.
In der Reihe DIE KLEINE GENREFIBEL hat es sich Christian Hempel zur Aufgabe gemacht, sÀmtliche Genre, Subgenre, Mikro- und Nanogenre des Genrefilms vorzustellen. Eine Aufgabe, die ihn bis weit nach seinem Lebensende beschÀftigen wird. Er legt insbesondere den Fokus auf Dramaturgie und Buch, wird sich aber auch mit der Inszenierung sowie den jeweils besten Vertretern befassen.