EPILOG
Bad Godesberg Bahnhof. Es ist ein sonniger Nachmittag Anfang März. Ich warte auf den Regio nach Koblenz und beobachte die Reisenden. Verliebe mich spontan in eine Mutter auf der Bank gegenüber, in dem Augenblick, als sie ihrem vielleicht 7jährigen Sohn, der sie ständig beackert, für den sie alles ist, ein Lächeln schenkt. In diesem Augenblick sehe ich die Männer in ihrem Leben, und ich sehe sie auch mit den Augen des kleinen Jungen, der voller Neugier und Bewunderung ist für die erwachsenen Frauen und Männer, Romanfiguren, Helden mit großen Gefühlen, die zum Freund zu haben ein unbeschreibliches Glück wäre, aber die großen Gefühle hat nicht der Erwachsene, die hat der Junge, er glüht geradezu auf durch die Vorstellung von unverbrüchlicher Freundschaft, Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Liebe, Eigenschaften, die er den Erwachsenen zuschreiben und denen er nacheifern möchte.
Jeder Reisende ist in seiner eigenen Stimmung. Siegessicher, gleichgültig, mürrisch. Die Sicheren sehen gut aus, die Wurschtigen grau, wie Weißwürste ohne Senf, die Mürrischen verkniffen und somit häßlich. Vom Ego regiert sind sie alle. Das Gewinnerego ist attraktiv, das Verliererego unattraktiv. Ich schreibe das auf dem Tablett eines Herstellers, der wie viele andere als Namen für seine Softwareprodukte gerne Raubtiernamen wählte, Jaguar, Tiger, Leopard, Schneeleopard, Panther, Löwe, Berglöwe, von Haien, Barracudas, Adlern oder Falken ganz zu schweigen. Das Raubtier gilt dem Mensch als Inbegriff der Schönheit. Es frisst, es wird nicht gefressen. Es ist schön und stark, Herr über Leben und Tod, und voll Ego, kein bisschen Reflexion. Wir wollen auch so sein, deshalb essen wir gerne Lamm.
Wir gleiten durchs Rheintal. Der Loreleyfelsen wirkt etwas fahl im gedämpften Sonnenlicht, das kaum den Dunst durchdringt. Ich habe mich an einen Vierertisch gesetzt, ein junge Frau gegenüber hat einen dicken Knaur Roman vor sich liegen. Lisa Jackson: Desire. Der Titel ist wie mit einem dicken Pinsel gemalt, den man in einen Eimer Blut getaucht hat. Ich überlege, ob ich sie darauf ansprechen soll. Sind Sie eine leidenschaftliche Frau? Vorerst blicken wir auf den vorbeihuschenden Rhein. Einmal treffen sich die Blicke, wie gewohnt vollkommen ausdruckslos. Dann gelingt es mir, den Untertitel zu entziffern, ich muss dabei die Buchstaben im Geiste drehen: Die Zeit der Rache ist gekommen. Ich nehme von meinem Vorhaben, sie weltmännisch anzusprechen, Abstand.
Wieder treffen sich unsere Blicke, eindeutig ein paar Hundertstel Sekunden zu lang. Und gleich nochmal. 18 Hundertstel Sekunden zu lang. Diesmal ist es der Blick einer gelangweilten Raubkatze. Und nochmal. 1 Hundertstel Sekunde. Laszive Verwunderung. Wenn sie nicht aus dem Fenster schaut, tippt sie auf ihrem Handy herum. Raubtiermenschen sind mir in Indien kaum begegnet. Wenn vor vielen Jahren Gespräche mit meinem Vater ins philosophische gedriftet sind, kam früher oder später der Satz: der Mensch ist ein Raubtier. Ich pflegte dann zu entgegnen, der Mensch könne alles sein, er sei das flexibelste und anpassungsfähigste Tier, was mein Vater in keiner Weise quittierte, nicht einmal mit einem Kopfwiegen. Als alter Nazi fuhr er auf die Schönheit, die aus der Stärke kommt, ab, dieses Gelaber um Selbsterkenntnis war etwas für die Schwachen. Als er glaubte, meine Schwäche sei angeboren (ich schlüge nach der Mutter), ließ er mich fallen. So sind die Starken. Wenn ein Löwe, ein Single, wieder heiratet, eine Löwin mit Jungen, der der Erzeuger abhanden gekommen ist, beißt er als erstes die Jungen seiner Vorgänger tot, mit Kopfbiss. Das weckt in mir eine merkwürdige Assoziation zu meinem Gebiss. Ich war bis Anfang 40 Vorbeißer. Drei obere Frontzähne standen hinter den Unteren und waren furchtbar lang. Die Eckzähne waren die eines Raubtieres. Trotzdem hatte ich bei den Frauen, in die ich mich verliebte, keine Chance. Insgesamt erinnerte das wohl eher an Rübezahl, statt an einen geschmeidigen Panther. Die drei langen fielen aus, und ich bekam eine veritable Frontzahnbrücke, die auf den gestutzten Eckzähnen verankert wurde. Der Zahnarzt sagte, ein Normalgebiss wäre bei meinem veritablen Unterkiefer nicht drin, ich hätte die Wahl, Vorbiss oder Kopfbiss, was bedeutet, dass die Zähne aufeinander schlagen wie eine Beißzange, statt wie bei einer Schere aneinander vorbei. Ich entschied mich für Kopfbiss.
Als ich diese Entscheidung traf, stand auf meinem Schreibtisch ein Nussknacker aus Holz, groß wie die Schreibtischlampe, eine bunt bemalte Rübezahlfigur mit einer sagenhaften Kinnlade, prädestiniert, jede Kopfnuss zu knacken, aber ich schrieb auf einen gelben Notizzettel, aus dem dressierten Vampir würde durch das neue Gebiss endlich ein richtiger Mann, mit weichem warmem Bauch, spontan und zur Liebe fähig. Auch diese Phantasie ist verpufft. Stattdessen musste ich weiterhin bis zur Rente Kopfnüsse knacken, von Beruf Systemanalytiker, der Kopfdominanz war so nicht beizukommen, Kopfnuss knacken mit Kopfbiss erinnert mich heute, aus der Perspektive des Rentners, an das fortlaufende Töten und Abtöten der geistigen Kinder, die die Frucht einer ausgelebten Kreativität hätten sein können. Nur dass es die eigenen waren. Nicht ganz – denn ich machte es für Geld, um meiner Tochter, die Künstlerin, Sängerin werden wollte, ein Musikstudium zu ermöglichen. Wenn ich sie heute im Konzert erlebe – Mara von Ferne – bin ich für alles entschädigt!













