Oksana †2016-02-05
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Oksana †2016-02-05

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Wie auf Schienen zur Erleuchtung
Puri Railway Station kurz nach 9 Uhr abends. Noch eine halbe Stunde bis Abfahrt nach Gaya. Der Abschied war schön wehmütig. Hatte zuletzt noch wahnsinnig nette Leute kennengelernt, darunter einen Münchner Kunstmaler (so hat er sich selber vorgestellt) und Wohnmobil Nutzer, sieht jünger aus als ich, und ist doch ein paar Monate älter. Das ist sehr, sehr ungewöhnlich. Schon die ersten Gesprächsfetzen lassen auf die Möglichkeit eines tiefgründigeren Verständnisses schließen. Er wohnt wochenlang im NILAMBU, wo ich vor 7 Jahren mit I. abstieg. Dann Bernardo, der Sirangi Spieler, ein Vollblutmusiker, der sein Leben der Indian Classical Music geweiht hat und so weiter und so fort. Alle lieben Puri genau wie ich. Es ist ein Oblomov-Platz, ein Shiva-Platz, ein Shiva & Parvati Platz. Ein Platz für Morgenlandfahrer. Der Titel einer Novelle von Hermann Hesse, der sich hier sicherlich auch wohl gefühlt hätte. Man kann hier Tempel-Ganja im Governmentshop kaufen. Es kostet praktisch nichts. Ich rauche aber nichts mehr, ich lausche lieber dem Klang der Worte, meinen eigenen, wie sie im Kopf entstehen, um evtl. notiert zu werden. Ich möchte der Versuchung erliegen, mich an mir selbst zu berauschen. Das klingt vielleicht egozentrisch, und vielleicht ist es das auch. Wie angestrengt hat man schon um Selbsterkenntnis gerungen, wie mühselig der Prozess und wie bitter das Ergebnis, wenn das Ego seine Kleinheit, Erbärmlichkeit und Bedeutungslosigkeit entdeckt, von der Vergänglichkeit ganz zu schweigen, diesem unfassbaren, maximalen Affront gegen das Ego, dem das eigene Überdauern die höchste Maxime darstellt.
Und doch kommen wir um die Teilnahme an diesem Versuch und Irrtum Spiel nicht herum. Jeder Versuch endet mit einer Verbesserung oder Verschlechterung, die man fühlen kann. Das letztere ist entscheidend. Lust und Unlust, angenehm oder unangenehm, das gibt uns Richtung: weg von der Unlust, hin zur Lust. Das hab ich mir nicht ausgedacht. Ich entwickele mein Bedeutungsinventar im Hinblick auf Verausberechenbarkeit; ein Schritt in die richtige Richtung ist ein Schritt Richtung Lust. Ob die Vorhersage mit dem Bedeutungsinventar korrekt war, erfahre ich nur, indem ich den Schritt vollziehe. Falls entgegen der Erwartung Unlust die Folge ist, habe ich Korrekturbedarf in den Landkarten meines Bedeutungsinventars. Dieses Risiko muss man immer eingehen. Sonst droht Korrekturlosigkeit und damit Realitätsverlust, der Marsch in die Psychose. Dann wäre man entgleist, Lust / Unlust gibt keine Richtung mehr, (Achtung Deutschlehrer:) unkorrigiert schlittert man in den Abgrund. Mit einem trommel- und rippenfellerschütternden Krachen hat sich der Zug, der Purushottam Express, in Bewegung gesetzt. Es ist noch kaum jemand im Abteil, aber die sind sicher alle erschrocken. Einen winzigen Moment hat wohl jeder das Undenkbare projiziert, das Unmögliche, das indische Eisenbahnunglück, aus der Perspektive des Opfers.