Friedfertigkeit im Getummel
Nach ein paar Tagen, an denen ich mit dem Jetlag und allgemeinem Unwohlsein zu kämpfen hatte, konnte ich heute voll als Tourist durchstarten und ein paar Kilometer von Roppongi bis nach Harajuku laufen. Mit dem lonely planet in der Tasche und Nikon um den Hals geht es bei herrlichen 20°C und Sonnenschein los. Dadurch dass meine 15 Mitbewohner alle unter der Woche arbeiten müssen, ziehe ich die meiste Zeit alleine umher, was mir jedoch ganz recht ist. Trotz der Abwesenheit von Straßennamen (mit ein paar wirklich wenigen Ausnahmen), des Linksverkehrs, der mich besonders bei Rolltreppen und auf einem vollen Bürgersteig konsternieren lässt, und der sporadischen Sprachkenntnisse finde ich mich ganz gut zurecht oder ein freundlicher Japaner springt mir hilfsbereit zur Seite.
Nach dem National Art Centre geht es ins Nezu Museum, der wohl bisher schönste Ort für mich in Tokyo. Zur Zeit sind dort kunstfertig bemalte Wandschirme aus Papier aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt. Die Ästhetik und Perfektion der Ausstellungshighlights Wisteria von Maruyama Okyo und Irises von Ogata Korin ergreifen und verzaubern mich vollständig, sodass ich beim Anblick der Schwertlilien richtiges Heimwehflimmern auf der Zunge bekomme. An die blöden Schnecken, die mein wunderbares Beet jedes Jahr aufs Neue heimsuchen, denke ich zur Abwechslung einmal nicht. Noch begeisterter bin ich jedoch von dem liebevoll angelegten verwinkelten Garten, in dem der Rhododendron und besagter umwerfender Blauregen schon in voller Blüte steht. Auf einer Bank neben einem kleinen Wasserlauf tanke ich Kraft und lasse die Seele baumeln. Solche kleinen Oasen, in Form von Tempeln oder Schreinen, finden sich häufig in Tokyo und werden auch von vielen Japanern regelmäßig als Gebetsort aufgesucht. Vielleicht werde ich ja noch Buddhist in den vier Monaten hier?
Als ich nur eine Straße vom Garten entfernt plötzlich mitten im Trubel Harajukus zwischen Cartier, Missoni und Prada stehe, könnte der Kontrast und Schock nicht größer sein. Um mich herum Frauen, die einfach nur teuer und nach Knete aussehen, Lolita-Mädels in kurzen Röcken, weißen Söckchen und in Bonbon-Farben gekleidet und schräge Goth- oder cosplay-Gestalten. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll und weiß, dass ich für Harajuku wohl noch ein paar Anläufe mehr brauchen werde, aber dafür habe ich ja noch Zeit, bemerke ich ganz glücklich...