#ichbinarmutsbetroffen
Auf Twitter wird hier zahlreich und anschaulich dokumentiert, wie es Menschen, die von Armut betroffen waren oder sind ging oder geht.
Bei der Lektüre ist mir (erneut) bewusst geworden, dass ich, auch als Frau mit Behinderung, sehr privilegiert bin.
Als ich 1986 eingeschult wurde, gab es für meine Eltern nur die Möglichkeit, mich in diese Schule zu schicken.
Damals, unter anderem Namen, hatte die Schule noch einen Internatsbetrieb.
Montags brachten meine Eltern mich dorthin und holten mich samstags (bis 1989 war das so) wieder ab.
Dadurch, dass ich in der Woche nicht zu Hause war, war der Aufbau von Freund*innenschaften unter Gleichaltrigen am Wohnort schwer, also erstmal nix mit Inklusion…
Nach der Wende eröffneten sich andere Möglichkeiten.
Zunächst war der Plan, dass ich nach Marburg gehe, aber die zusätzlichen Kosten wurden nicht übernommen.
Zur Begründung hieß es, in Brandenburg könnte ich ja auch hier mein Abitur ablegen.
Weil ich auf Internat keinen Bock mehr hatte, ging ich bis zur Zehnten hierhin (war damals eine “Gesamtschule mit sozialer Integration”) und danach hierhin (2008, nachdem ich lange raus war, wurde aus drei städtischen Gymnasien eins gemacht).
Ich hatte also das Glück, auf einer “normalen” Schule Abitur zu machen.
Als ich mit der Schule fertig war, war es üblich, dass Jugendliche mit Behinderungen ihre Berufsausbildung in einem Berufsbildungswerk machen.
Auch das blieb mir erspart, weil ich vorhatte zu studieren.
Das tat ich dann hier, ich war also weiterhin nicht in einer Sonderwelt für Menschen mit Behinderungen.
2007 sah der Arbeitsmarkt allgemein und für Menschen mit Behinderungen sowieso nicht gut aus, also gabs leider erstmal Hartz IV.
Auch jetzt hatte ich insofern Glück, dass meine Eltern mich unterstützten und mir so meine ehrenamtliche Arbeit bei der Frauenbrücke Ost-West erst ermöglichten.
Nur durch diese Arbeit war ich 2013 in der Lage, erneut ein (duales) Studium hier zu absolvieren und eine unbefristete sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen.
Auch sechs Jahre Pendeln zwischen Frankfurt (Oder) und Berlin habe ich überstanden.
Inzwischen arbeite ich hier und habe einen deutlich kürzeren Arbeitsweg.
Als Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit betrifft mich das Thema also doppelt.
Auch, wenn ich nicht weiß, wie es ist, ohne Aussicht auf Verbesserung von Armut betroffen zu sein, weiß ich noch, wie sich relative Armut für mich anfühlte.
Ich glaube, dass diese Erfahrungen als Arbeitsvermittlerin in Kreuzberg meinen Umgang mit den Menschen, für die ich “zuständig” war (Ich weiß, das klingt furchtbar) (positiv) beeinflusst hat.
Zumindest erhielt ich dazu (von den Leistungsberechtigten, nicht unbedingt von meinen Vorgesetzten) positive Rückmeldungen.
Inzwischen bearbeite ich bei der Familienkasse Anträge auf Kinderzuschlag.
Auch bei dieser Sozialleistung müssen die Antragstelle*rinnen leider ihre Bedürftigkeit nachweisen, weil die Leistung nicht bedingungslos ist und das SGBII als Vergleichsrahmen dient.
Wir Bearbeiter*innen müssen uns die Nachweise zur Berechnung von den Antragsteller*innen “besorgen”, weil es uns aus verschiedenen (auch internen) Gründen nicht möglich ist, diese Informationen auf anderem Weg zu bekommen.
So werden die Antragsteller*innen einerseits zwangsläufig immer wieder mit ihrer Armut konfrontiert und die Bearbeitungszeit verlängert.
Auch das ist ein Grund für mich, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu befürworten.
Die Mitarbeiter*innen der BA hätten dann sicher immer noch genug zu tun.
Dann wäre hoffentlich endlich eine Arbeits- und Ausbildungsvermittlung und Berufsorientierung möglich, die diesen Namen auch verdient.
















