04 - Niemand ist nur irgendjemand
Die Sonne scheint an diesem Mittwochmorgen. Dem letzten Mittwochmorgen des Monats Februar diesen Jahres. Ich blicke hinaus aus meinem Fenster. Über die Balkonbrüstung hinweg betrachte ich die weißen Fassaden der gegenüber liegenden Wohnhäuser. Ich sehe rote Dachziegel, entdecke begrünte Balkone und Dachterrassen.
Ich befinde mich mitten in dieser norddeutschen Stadt und entdecke, wie mich der Anblick dieser Häuser von der Sonne beschienen, darüber der blaue wolkenlose Himmel, an Spanien erinnert. Ich selbst war nur wenige Male Gast auf einer der Mittelmeerinseln. Vermutlich die meist besuchte Touristeninsel des Landes. Aber immerhin stand mein Bett in keinem großen Strandhotel, sondern einem alten Bauernhaus auf einem Berg und inmitten einer Landschaft, wie ich sie zuvor nie gesehen hatte. Abends Stille. Ähnlich, wie jetzt gerade, wo ich bei geschlossener Balkontüre hier sitze und schreibe und ich lediglich das Geräusch vernehme, welches ich selbst bei jedem Tastenschlag erzeuge. Zudem das Rauschen des laufenden Lüfters meines in die Jahre gekommenen Laptops. Und das Zischen der Kaffeemaschine während sie den letzten Schluck in der Kanne warm hält.
Meine spanische Sonne sitzt mir gegenĂĽber. Es wirkt ein wenig, als teilten wir uns gerade ein BĂĽro. Jeder fĂĽr sich genommen vertieft in seine Arbeit, worin auch immer diese gerade besteht. Und weiterhin diese Stille. Ich beobachte, wie Sonnenstrahlen ihre Haut streifen. Am Oberarm, an der Innenseite des Unterarmes, auf der Schulter und dem Gesicht.
Und wieder denke ich, wie schön es doch wäre, diesen Tisch und uns beide in eine spanische Kleinstadt zu teleportieren. Ich träume.
Wieder zurück im realen Moment angekommen, schweifen meine Gedanken um die Frage, wer ich bin. Für mich selbst und für andere. Ein Gedankenkarussel wird in Gang gesetzt und nimmt Fahrt auf. Mit jeder Minute und jedem Gedanken, der hinzu kommt, ein wenig mehr. In seinem Kern im Grunde genommen einzig das innere Bild, mich in diesem Fahrtwind selbst gar nicht mehr sehen zu können. Mit diesem Gedanken stoppt alles. Ruhe kehrt ein. Ein letzter Windhauch streift meine Wange und wieder befinde ich mich gedanklich in warmen spanischen Gefilden, statt wie gewohnt im Wagon meiner Gefühlsachterbahn in Dauerschleife zu sitzen. Niemand ist nur irgendjemand. Das trifft wohl auch auf mich selbst zu. Was aber stelle ich nun an mit dieser Erkenntnis, mit diesen Worten, mit den Bildern, Gedanken und Emotionen, die diese für mich vorhält? Welche Bilder kommen in mir auf? Lohnt es sich überhaupt darüber nachzudenken? Ich denke, mich wird dieser Satz noch lange und immer wieder begleiten. Aktuell entstehen fast tagtäglich Situationen, in denen dieser Grundgedanke, in denen diese innere Haltung, eine mal mehr und mal weniger tragende Rolle einnimmt. Ich halte diese Bilder lebendig. Und je bewusster ich mich selbst mit der Nasenspitze darauf stoße, wenn ich mich „wieder einmal“ in Dauerschleife um mich selbst drehe und im Fahrtwind die Übersicht verliere, umso besser für mich, so mein Gedanke. Wieder kehrt ein Stück weit mehr Ruhe in mir ein. Mehrmals am Tag und nach jedem kleinen Wirbelwind oder gar großen Sturm, der in mir meint toben zu müssen oder zu dürfen. Ich wende meinen Blick vom Bildschirm ab und blicke hinüber. Sie sitzt noch immer da, vertieft in ihre Arbeit. Es scheint, als würden meine Blicke nicht unbemerkt, wendet doch auch sie sich einen kurzen Moment lang von ihrem Bildschirm ab und sieht mich von einem Lächeln begleitet direkt an. Nur wenige Tage später werde ich entdecken, dass mich jeder dieser Blicke wieder in das wohlig warme Gefühl zurück bringen kann, welches ich beim Gedanken verspürt habe, mich gerade nicht im kalten Wetter einer norddeutschen, sondern warmen Gefilden einer spanischen Kleinstadt zu befinden. Und wenig später noch werde ich feststellen, dass der Gedanke alleine bereits ausreichen wird, um mich dorthin fort zu tragen. Und somit auch, dass ich dafür nunmehr mich alleine brauche. In diesem Moment entfacht ein Sturm sondergleichen. Kurzweilig gibt es keinen Halt mehr und selbst der Wagon meiner Gefühlsachterbahn droht nun aus den Fugen zu geraten. So fühlt es sich an. Emotionale Unabhängigkeit in kleinen Schritten.
Eine Notwendigkeit.
Immerhin weiß ich bereits heute, dass sich jeder noch so kleine Schritt lohnt, gegangen zu werden. Und „Hilfsmittel“ sind und bleiben erlaubt. Trotzdem sollte auch ich mir selbst zutrauen, den ein oder anderen Schritt ohne Krücke gehen zu können. Vielleicht irgendwann auch mal keine Krücke mehr zu brauchen.
Ich bin ich. Ich bin Mensch. Ich bin Frau. Ich bin Tochter. Ich bin Schwester. Ich bin Geliebte. Ich bin Partnerin. Ich bin Freundin oder gar beste Freundin. Ich bin Arbeitskollegin. Ich bin Tante. Ich bin Nichte. Ich bin Enkelin. Ich bin Musikerin. Ich bin Sängerin. Ich bin Komponistin. Ich bin Schriftstellerin. Ich bin Lyrikerin. Und Köchin. Mal mehr, mal weniger gut. Ich bin manchmal ein totaler Chaot und noch schlimmer ein absoluter Angsthase. Und dann wieder eine Heldin des Alltags oder whatever. Ich denke, fühle, atme. Ich bin auch irgendjemand für jemanden, der mich noch nicht kennt. Ich mache Fehler, falle hin, stehe auf und gehe weiter. Mit meiner spanischen Sonne im Herzen und trotzdem unabhängig.
Die Schritte werden größer. Nein, vielmehr sichtbarer und deshalb groß. Indes durchlebe ich weiter mutig die Stürme, die noch kommen mögen und lächele während der letzte Windhauch meine Wange streift.
© J. Hintzsche











