Es war Montag. Das war der Tag, an dem die Bibliothek fรผr die Besucher geschlossen war und das Personal diverse Katalogisierungstรคtigkeiten ausรผbte und verschiedenste Bรผcher einrรคumte und sortierte. An diesem Tag kam zudem auch Angestellte einer Reinigungsfirma, die die Grundreinigung der Bibliothek รผbernahmen.
Heute war Tammos erster Schulferientag, sodass er nun schon morgens mit seiner Arbeit beginnen konnte und erst abends wieder zu gehen brauchte. Er liebte es, so viel Zeit in der Bibliothek zu verbringen. Die Arbeit machte ihm Spaร und er fand sie weder anstrengend noch lรคstig.
Sobald er in die Bibliothek eintrat, legte er seine Jacke im Raum hinter der Ausleihtheke ab. Sie war nass vom Regen drauรen und Tammo nahm sich vor, nรคchstes Mal definitiv an einen Regenschirm zu denken. Denn genau wie leicht entzรผndliche Substanzen waren feuchte Gegenstรคnde nicht gern an einem Ort gesehen, an dem sich viele Bรผcher befanden.
Der Raum hinter der Theke war eine Art Lagerbereich, in dem zurรผckgegebene Bรผcher, neu bestellte Bรผcher und aussortierte Bรผcher deponiert und dann von den Bibliothekaren sortiert wurden.
โGuten Morgen, Frau Reisig!โ, grรผรte Tammo eine der anderen Bibliothekarinnen, die gerade damit beschรคftigt war, einen Stapel Bรผcher zu sortieren und auf einem Wagen zu platzieren. Neben ihr stand schon ein zweiter Wagen, der mit Folianten voll beladen war. Er sah so klein und zierlich aus, dass Tammo sich wunderte, wie er das Gewicht so vieler Bรผcher tragen konnte, ohne darunter zusammenzuklappen.
Frau Reisig sah von ihrer Arbeit auf und grรผรte ebenfalls. โHallo Tammo, mein Junge! Das ist schรถn, dass du heute wieder hier bist! Wรคrst du so lieb und wรผrdest die Bรผcher hierโ sie zeigte auf den vollbepackten Wagen โeinsortieren gehen?โ
Tammo nickte eifrig und begann den Wagen vorsichtig zum Dienstaufzug zu schieben. Ein leises Quietschen ertรถnte, als die Rollen sich in Bewegung setzten. Die meisten Bรผcher auf dem Gefรคhrt schienen in den zweiten Stock zu gehรถren.
Tammo faszinierte das Ordnungssystem der Bibliothek. Jedes Buch hatte seinen eigenen Platz, seine Nachbarn, sein eigenes kleines zu Hause. Immer wenn ein Buch ausgeliehen wurde, war es Tammos Aufgabe, es wieder zurรผck an seinen Platz zu stellen, sobald es in die Bibliothek zurรผckgebracht wurden. Der Aufzug setze sich ratternd in Bewegung. Oben angekommen, รถffneten sich die Tรผren und Tammo zog den Wagen vorsichtig hinter sich aus dem engen Fahrstuhl heraus. Er blickte auf die Aufkleber, die an den Buchrรผcken befestigt waren. Darauf zu erkennen waren kleine Zahlen und Buchstaben, die die Position jedes einzelnen Buches verrieten. Gut, die ersten Bรผcher mussten in Abteilung der wissenschaftlichen Lektรผre. Biologie, Chemie, Physik, Psychologie, Mathematik, es gab viele Rubriken. Er schob den Wagen nach rechts an der Treppe vorbei, die in den dritten und obersten Stock fรผhrte. Sie war mit einer roten Kordel abgesperrt, an der ein Schild hing. Zutritt fรผr Unbefugte ist untersagt. Wie Tammo wusste, sammelte die Bibliothek einige seltene und auch alte Exemplare bestimmter Werke und hob sie zur Verwahrung auf. Nur wenige Mitarbeiter durften die Rรคumlichkeiten, in denen die alten Folianten beherbergt wurden, betreten. Es wurde Besuchern nur gestattet, die Sammlung einzusehen, wenn sie den Oberbibliothekar und Leiter der Bibliothek Herrn Dr. Angbard persรถnlich um Erlaubnis baten und einen guten Grund vorzuweisen hatten. Meistens handelte es sich um Literatur-, Sprach- oder Geschichtswissenschaftler. Allesamt verstaubte, alte Menschen, deren Haut schon selbst wie Papier auszusehen schien. Die Sammlung befand sich im obersten Stockwerk der Bibliothek, direkt unter dem Dach. Der Dachboden soll wohl besonders renoviert und klimatisiert worden sein, damit das alte Material, aus dem die Bรผcher bestanden, nicht zerfiel. Wie gern wรผrde er in das Archiv der seltenen und kostbaren Bรผcher einen Blick werfen. All die Folianten mussten einen fabelhaften Geruch nach alten Bรผchern verbreiten und ihren ganz eigenen Charme versprรผhen. Das vergilbte Papier wรผrde dumpf rascheln, die Ledereinbรคnde wรผrde sich schon etwas rau vom Alter anfรผhlen. Tammo schwelgte in Gedanken und begann allein bei der Vorstellung an die Kostbarkeiten selig zu lรคcheln. Ein Buch zeichnete sich schlieรlich nicht nur durch seinen Inhalt aus (wobei das natรผrlich immer noch die wichtigste Eigenschaft eines guten Buches war), sondern auch durch seinen Einband und das Papier, den Duft der Seiten und ihr Rascheln beim Umblรคttern. Alte Bรผcher waren wie alte Menschen. Sie hatten viel erlebt und enthielten ihre ganz eigene Weisheit. Sie waren Inspiration fรผr viele jรผngere Bรผcher und Geschichten.
Tammo schob den Wagen an der Treppe vorbei und dann durch die Regalreihen hindurch.
Wenn er lรคnger hier arbeitete, vielleicht kรถnnte er dann Herrn Angbard um die Erlaubnis bitten, das dritte Stockwerk zu betreten. Nur fรผr einen kurzen Augenblick. Und er wรผrde auch keine Bรผcher anfassen, wenn das nicht gestattet war. Er wรผrde sich damit zufrieden geben die Titel der Buchrรผcken zu lesen und den Geruch in sich einzusaugen. Vielleicht wรผrde er ja aber unbemerkt mit seinen Fingern รผber die Einbรคnde streichen, dachte er verstohlen und allein bei der Vorstellung blickte er sich ertappt um.
Aber wer weiร, ob er sich je trauen wรผrde, Herrn Angbard um einen so absurden Gefallen zu bitten. Er hatte ihn in der Zeit, in der er diese Bibliothek schon besucht und in ihr gearbeitet hatte, nicht ein einziges Mal gesehen. Stรคndig befand er sich in seinem Bรผro im ersten Stock und Tammo hatte nie beobachtet, dass er heraus- oder hereinging. Manchmal fragte er sich, ob er รผberhaupt anwesend war. Was er wohl den ganzen Tag dort arbeitete? Oder vielleicht wohnte er sogar in seinem Bรผro. Der Junge hatte keine Ahung, was fรผr Aufgaben dem Oberbibliothekar wohl zufielen und er wollte auch nicht zu aufdringlich wirken und eine der anderen Bibliothekarinnen oder Bibliothekare danach fragen. Irgendwann wรผrde er es noch herausfinden. Schlieรlich arbeitete er auch erst seit etwas รผber einem Monat hier. Doch einen gewissen Repsekt hatte Tammo schon vor seinem Chef. Gerade weil er ihm noch nie begegnet war, schien Herr Angbard von vielen Geheimnissen umgeben zu sein. Das einzige, was Tammo von ihm zu sehen bekommen hatte, war eine sehr verschnรถrkelte Unterschrift auf seinem Arbeitsvertrag.
Inzwischen hatte Tammo den Wagen รผber den dunklen Parkettboden an den zahlreichen Regalreihen vorbei geschoben und blieb nun an einem Regal stehen. Biologie A-Kue stand auf einem Schild, das am Regal befestigt war. Er nahm die ersten paar Bรผcher von dem Wagen und begann der Beschriftung auf den Buchrรผcken entsprechend nach ihren Plรคtzen zu suchen. Es waren vier dicke und groรe Bรผcher รผber Genetik, die er im Arm hielt.
Die richtigen Lรผcken im Regal zwischen all den anderen Bรผchern zu finden, fiel Tammo nicht schwer. Zum einen hatte er schon so viel Zeit in der Bibliothek verbracht, dass er das Beschriftungssystem vollkommen durchschaut hatte und die ganzen Abkรผrzungen ihm nicht mehr wie unverstรคndliche Aneinanderreihungen von Schriftzeichen vorkamen, zum anderen hatte er sich in der kurzen Zeit, in der er hier arbeitete von vielen Bรผchern die genaue Position gemerkt.
Er rรคumte nach und nach die Bรผcher in die Regale ein. Es waren dicke Bรผcher, dรผnne Bรผcher, groรe Bรผcher, kleine Bรผcher, schwere Bรผcher, leichte Bรผcher. Sie waren wie Menschen, dachte Tammo oft. Und tatsรคchlich hatte er mehr mit Bรผchern als mit Menschen zu tun. Manchmal stimmte ihn das traurig, doch sehr oft war er auch froh darรผber, die Bรผcher zu seinen besten Freunden zu zรคhlen.
Langsam schob er den Wagen an den Regalreihen vorbei, blieb immer mal wieder stehen, um ein Paar Bรผcher in ihr zu Hause zurรผckzubringen und stellte sich dabei vor, wie ihre Familie und Nachbarn sie jubelnd und lachend begrรผรten. Tammo musste bei diesem Gedanken selbst lรคcheln.
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Heyho Leute! Ich hoffe, das dieswรถchige Kapitel hat euch gefallen :3 Schreibt mir ruhig in die Kommis, wie ihr es so findet oder schreibt mir ne pn :D Falls ihr Fragen habt, stellt ruhig eine Frage in die Askbox, darรผber wรผrd ich mich echt freuen :3















