Die Sensemaking-Theorie nach Weick
Einleitung
Im Zusammenhang mit gelingendem Unterricht ist oft von erlebter Sinnhaftigkeit die Rede. Erlebte Sinnhaftigkeit im Unterricht ist Dynamit fĂŒr die intrinsische Motivation. Kaum etwas motiviert die Teilnehmenden mehr, wenn sie einen Nutzen, einen Mehrwert in dem erkennen, was sie lernen. Wenn sie erkennen, dieser Unterricht bringt mich weiter. Die Frage ist nun, wie entsteht ĂŒberhaupt Sinn? Eine Antwort darauf bietet die Theorie des Sensemaking nach Weick. Die soll hier erlĂ€utert werden. Â
«Das macht doch keinen Sinn!» - Ein weitverbreiteter Ausdruck, wenn Menschen einer Situation begegnen, mit der sie zuerst mal nicht klarkommen. Manchmal ist es auch ein Ausdruck von momentaner Ăberforderung. Man wĂŒnscht sich die Situation irgendwie anders, so dass sie wieder Sinn ergibt. Oder er wird auch als Abgrenzung gebraucht, wenn man mit einer Sache nichts zu tun haben will. So quasi als Abfertigungsphrase zu einem GegenĂŒber und damit zum Ausdruck bringen will, lass mich in Ruhe damit.
«Das macht doch keinen Sinn» impliziert, dass etwas, das in der Welt ist, sinnvoll sein könnte. Also zum Beispiel ein Baum in der Landschaft, ein Zug, der von A nach B fĂ€hrt, ein GesprĂ€ch zwischen zwei Menschen, die auf- und niedergehende Sonne, die Anordnung unserer Planeten â eben alles, das in irgend einer Form ĂŒber die fĂŒnf Sinne des Menschen wahrnehmbar ist. Aber â da ist nichts Sinnvolles per se. Wenn wir uns vorstellen, dass in ein paar Millionen Jahren unsere Sonne ein roter Riese sein wird unter dem unser Planet verdampft, ist es schwer, etwas Sinnvolles zu erkennen.
Aber natĂŒrlich gibt es Sinn in dieser Welt â in jedem Menschenkopf entsteht Sinn. Wir kreieren uns unseren ganz eigenen Sinn zu den Dingen, die in dieser Welt sind.
Sinn als grundlegende menschliche Kategorie
Nach Karl Weick ist der Sinn eine Grundkategorie des menschlichen Daseins. Er geht davon aus, dass Sinn Ursache und Wirkung unserer Handlungen ist. Sensemaking ist der Prozess, in dem Individuen und Organisationen SinnzusammenhÀnge schaffen. Dies vor allem auch in sich verÀndernden Bedingungen und in komplexen Umweltsituationen. Die uns umgebenden Bedingungen verÀndern sich laufend und stÀndig sind wir dabei, neuen Sinn zu erschaffen.
Die Grundstruktur der Sinnstiftung beinhaltet zwei Punkte: Der erste Punkt ist die Gegenwart und der zweite etwas Erlebtes aus der Vergangenheit. Dabei kann auf ganz Verschiedenes zurĂŒckgegriffen werden: Geschichten, Theorien, Traditionen, Erfahrungen, Ideologien.
Die Rolle der Kommunikation
Weick betont die grosse Bedeutung von Kommunikation auf die gemeinsame Sinnkonstruktion. Vor allem mit der Sprache kann ein stabiles und gemeinsames SinngerĂŒst erstellt werden, welches den Zusammenhalt fördert.
FĂŒr die Sinnvermittlung ist die Sprache zentral â sie ist das Bindeglied zwischen interindividuellen Kognitionen und sozialen Handlungen. Sprache ist zudem ein wichtiges Mittel zur GestaltungsfĂ€higkeit des Menschen. Damit kann er seine Umwelt gestalten, wie z.B. Beziehungen beeinflussen. Mit der Sprache wird Gedachtes, z.B. das, was als sinnvoll erlebt wird, zum Ausdruck gebracht. Wenn das andere Menschen auch tun, ist eine gemeinsame Sinnkonstruktion möglich.
Die Aspekte des Sensemaking-Modells
Sinnstiftung und IdentitÀt
Die IdentitĂ€t ist nicht stabil. Immer wenn sich UmstĂ€nde verĂ€ndern oder der Mensch in einen neuen Kontext gerĂ€t, wird ein neues Selbstkonzept entwickelt. Wir Menschen haben somit eine Vielzahl von Selbstkonzepten, weil wir in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich fĂŒhlen, denken, handeln â uns anders verhalten. Das aktuelle Selbstbild hat einen grossen Einfluss darauf, welche Bedeutung wir der gerade aktuellen Situation geben. Somit ist die Entwicklung eines Selbstbildes zentral im Prozess des Sensemaking.
Sinnstiftung und RetroperspektivitÀt
Es braucht eine abgeschlossene Handlung fĂŒr die Reflexion. Etwas, das ganz spontan gemacht wird, kann im Nachhinein mit Sinn versehen werden. Damit verschaffen sich Menschen eine Rechtfertigung einer Handlung im Hinblick eines Zieles, das sie erreichen wollten. Das heisst also, fĂŒr die Sinnstiftung greifen wir auf Erinnerungen zurĂŒck. Nun sind Erinnerungen keineswegs fest und stabil. Sie verĂ€ndern sich. Somit kann sich das Ergebnis der Sinnstiftung mit neu konstruierten VerĂ€nderungen auch immer verĂ€ndern.
Sinnstiftung und Interaktion
Sensemaking hat einen starken sozialen Charakter. Zwar entstehen zuerst Gedanken individuell und die haben fĂŒr das Sensemaking einen grossen Einfluss. Allerdings entstehen diese Gedanken oft in der Interaktion mit anderen. Die Entstehung eigener Gedanken ist sogar sehr oft abhĂ€ngig vom Austausch mit anderen. Wir konstruieren unseren Sinn durch eigene Erwartungen, Hoffnungen, WĂŒnsche, Emotionen etc. und gleichzeitig beeinflusst uns die sich verĂ€ndernde Umwelt auch laufend.
Sinnstiftung und PlausibilitÀt
Es gibt nie eine Musterlösung fĂŒr Sensemaking. Wichtig ist dem Menschen, dass der eine schnelle und nachvollziehbare Kategorisierung von Ereignissen vornehmen kann, als eine absolut prĂ€zise Sinngebung vorzunehmen. Eine schnelle Reaktion bringt Menschen und Organisationen einen zeitlichen Vorteil bei der Anpassung auf verĂ€nderte Bedingungen. Man kann ohnehin erst im Nachhinein erkennen, ob die Kategorisierung oder Sinnstiftung zutreffend war.
Treiber der Sinnstiftung
Weick zeigt auf, dass der Sinnstiftungsprozess durch die beiden Faktoren Ăberzeugungen und Handlungen vorangetrieben wird. Individuen versuchen durch Argumentation ihre Ăberzeugungen in die Diskussion einzubringen. Dabei wollen sie erreichen, dass sich ein Argument als handlungsleitend herausstellt. Die kontroverse Diskussion ist wichtig fĂŒr die soziale Sinnstiftung.
Veranschaulichung am Mann Gulch Desaster
Karl Weick veranschaulicht seine Theorie mit der Feuerkatastrophe vom 4. August 1949 in der Mann Gulch Schlucht in Montana. Er zeigt auf, was passieren kann, wenn es Menschen, und in diesem Fall auch einer kleinen Organisation, nicht gelingt, sinnvoll in einer Situation zu reagieren. Â
Da sind 13 Feuerwehrleute verbrannt, weil sie im entscheidenden Moment kein Sensemaking vornehmen konnten. Am erwĂ€hnten Tag hat ein Blitzeinschlag in dieser tiefen Schlucht ein Feuer entfacht. Am Tag darauf wurden 16 Feuerwehrleute mit der entsprechenden AusrĂŒstung mit Fallschirmen in die Schlucht geschickt. Auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen gingen die Feuerwehrleute davon aus, dass sie den Brand routinemĂ€ssig unter Kontrolle bringen und löschen können. Ihnen war allerdings nicht bewusst, dass sich das Feuer auf Grund hoher Temperaturen und starken Winden sehr schnell ausbreitete. Nach etwas ĂŒber einer Stunde sahen sie sich einer 10 Meter hohen Feuerwand gegenĂŒber, die mit 200 Meter pro Minute unterwegs war. ZugfĂŒhrer Wag Dodge hat erkannt, dass Löschung nicht mehr möglich war und es nun nur noch darum ging, die Feuerwehrleute zu retten. Er rief ihnen zu, die AusrĂŒstung wegzuwerfen und entfachte ein Gegenfeuer. Leider haben die ĂŒbrigen Feuerwehrleute diese Massnahme nicht verstanden, könnten keinen Sinn darin erkennen und rannten vor der Feuerwand weg. Die Schlucht hat eine Steigung von 76% und die wegrennenden Feuerwehrleute keine Chance und verbrannten. Zwei Feuerwehrleute konnten sich in eine Felsspalte retten und Wag Dodge legte sich in die Asche des Gegenfeuers, so dass die Flammenwand ĂŒber ihn hinwegbrauste. So ĂŒberlebte er. Eine zusĂ€tzliche Schwierigkeit war, dass hier durch den LĂ€rm des Feuers keine verstĂ€ndliche Kommunikation mehr möglich war. Wag Dodge konnte auf Grund des LĂ€rms und Zeitdrucks nicht mehr mit den anderen reden.
Beispiel Corona-Situation
Die gegenwĂ€rtige Situation mit Corona zwingt Menschen und Organisationen, stĂ€ndig neuen Sinn zu stiften. Die Umstellung von PrĂ€senzunterricht zu Fernunterricht ist eine Anpassungsleitung, die mit intensiver Sinnstiftung einher geht. Bildungsinstitution mĂŒssen hier die richtigen Entscheide treffen, damit sie den Anschluss nicht verlieren. Teilnehmende mĂŒssen sich umstellen, und die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Umsetzung fĂŒr die Bildungsarbeit
Ausgehend von den oben ausgefĂŒhrten Aspekten lassen sich nun konkrete Punkte ableiten, die es Teilnehmenden in einer Bildungsveranstaltung ermöglichen soll, in einen Sensemaking-Prozess zu kommen.
Biografisches Arbeiten
Die Erfahrungen zum Thema sollten aufgenommen werden. Vorwissen aktivieren. Biografische Reflexionen anleiten. Denn die Vergangenheit mit den eigenen Erfahrungen, WissensbestĂ€nden etc. ist ein AnknĂŒpfungspunkt fĂŒr das Sensemaking.
Kommunikation
Möglichst viel Interaktionen im Unterricht zulassen und initiieren. Die Teilnehmenden ihre Erfahrungen austauschen lassen, den Inhalt selber erarbeiten und dann darĂŒber reden. Also auch solche Methoden einsetzen, in denen die Teilnehmenden in einen Austausch kommen.
Ergebnisoffene Haltung der Leitung
Die die Teilnehmenden ganz unterschiedliche Selbstkonzepte im Hinblick auf das Thema haben, kann es auch ganz Unterschiedliche Ergebnisse aus dem Lernprozess geben.
Reflexion des Lernprozesses
Da Sensemaking erst nach Abschluss einer Handlung möglich ist, braucht es eine regelmĂ€ssige Reflexion des Lernprozesses. Folgende Fragen können da aufgeworfen werden: Was habe ich gelernt? Wie habe ich gelernt? Welche Bedeutung hat das Gelernte fĂŒr mich? Wie setze ich es in der Praxis um? Welche Werte besitzen das Gelernte fĂŒr meine Zukunft? Etc.
Handlungsorientiertes Lernen fördern
Da einer der Treiber fĂŒr das Sensemaking das Handeln ist, sollte der Unterricht auf konkrete Handlungen ausgerichtet sein. GegenstĂ€nde herstelle, Konzepte entwickeln â alle Art von Transferaufgaben fördern den Sensemaking-Prozess. Isoliertes Wissen bĂŒffeln hilft nicht.
Karl E. Weick & Kathleen M. Sutcliffe, Das unerwartete Managen, 3. Auflage, 2016
Elke Weick & Reinhart Lang, Moderne Organisationstheorien, 2. Auflage, 2005
Bilder:
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