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Vermittlungsprojekte | Humboldt Forum
FĂŒr die FamilienflĂ€chen des neu eröffneten Ethnologischen Museum im Humboldt Forum Berlin habe ich die Texte fĂŒr zwei Projekte des Hamburger Studios SPACE - eine Visual Novel und ein Memory Game - fĂŒr Kinder im Alter zwischen 9 und 12 Jahren beigesteuert.
Im Zentrum steht die geteilte und belastete Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun sowie die Asymmetrie zwischen Geschichte (history) und Geschichten (stories) bzw. die Konflikte, die sich daraus ergeben.
Angelehnt an historische Fakten erzĂ€hlt die Visual Novel âWas hĂ€ttest du gemacht?â die Geschichte von drei fiktionalen Charakteren im von Deutschland besetzten Kamerun Anfang des 20. Jahrhunderts. Die jungen Museumsbesucher*innen mĂŒssen ein âAbenteuerâ aus der Perspektive der kindlichen Protagonist*innen bestehen und sollen so dafĂŒr sensibilisiert werden, wie sich die koloniale Besetzung im Alltag auf die damals in Kamerun lebenden Kinder ausgewirkt hat.
In Kombination mit dem Memory-Game, das anhand von dokumentarischen Quellmaterial tieferes Wissen ĂŒber die Situation in der deutschen Kolonie in dem zentralafrikanischen Land vermittelt, spĂŒren die beiden Projekte der Frage nach, was Geschichte mit uns heute zu tun hat. Ausgangspunkt fĂŒr das Memory-Game bilden die drei Protagonist*innen der Visual Novel, deren Handlungsorte und Lebenswelten. Neben einer praxisnahen Erkundung von Archivmaterial soll darĂŒber hinaus auch deutlich gemacht werden, wie sich bestimmte Formen von kulturellem GedĂ€chtnis und GeschichtsverstĂ€ndnis herausbilden.
Mutterschaft und Gesellschaft | an.schlÀge
Die LohnlĂŒcke tut sich zwischen MĂŒttern und kinderlosen Frauen Âmitunter weiter auf als zwischen Frauen und MĂ€nnern. ÂAusgerechnet bei Bewerbungsrunden um Teilzeitstellen werden MĂŒtter gerne Âaussortiert: Makel Mutterschaft (VI/2021)
Soziale Netzwerke sind zu einer bedeutsamen ReprĂ€sentationsform zeitgenössischer Mutterschaft geworden. Das wirft Fragen nach dem Schutz der PrivatsphĂ€re von Kindern auf: Digitale RabenmĂŒtter (IV/2021)
Die >>Wunder<< der Reproduktionstechnologie machen einen unerfĂŒllten Kinderwunsch scheinbar zu einem Problem der Vergangenheit. Die Lebenssituation und das Leid vieler Betroffener erzĂ€hlen eine andere Geschichte: Hoffnung. EnttĂ€uschung. Trauer. Wut. Repeat. (VII/2020)
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Wissen schaf[f]t Zukunft-Preis 2020 | Jury
Vergangene Woche wurden neben den Wissenschaftspreisen des Landes Niederösterreich auch die âWissen schaf[f]t Zukunftâ-Preise der NĂ Forschungs- und BildungsgmbH vergeben. Es war mir eine Freude und Ehre, Teil der diesjĂ€hrigen Jury fĂŒr die PrĂ€mierung von akademischen Abschlussarbeiten (Diplom-/Masterarbeit, Dissertation) sowie von umsetzungsreifen wissenschaftlichen Projektkonzepten (Call for Concept) zum Themenschwerpunkt âAus- und Weiterbildungâ sein zu dĂŒrfen.
Mehr dazu: Wissenschaftspreise des Landes NĂ
diese tage.
Toxische Imaginationen | Stichproben
Ich habe im Journal "Stichproben. Zeitschrift fĂŒr kritische Afrikastudien" ĂŒber die Inszenierung von afrikanischen Handlungsorten im deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehen geschrieben: Stichproben Nr. 37/2019
Erlesene Mutterschaft | unsortiert (TBC)
âDas Muttersein ist mir nicht gut gelungen. Es gab einen Mann, ich nenne ihn nur den Ex-Mann. Es gab die Idee, anders zu leben. Wir waren so viele! Wir wollten keine Kleinfamilien, wir wollten eine andere Welt. Also haben wir zusammen gewohnt, gekocht und geschlafen. Plötzlich war ich schwanger und das, obwohl die Pille ja inzwischen erfunden worden war. Mit starken Nebenwirkungen und wir wollten doch in Einklang leben mit unseren Körpern. Wir haben uns Kinder als kleine fertige Menschen vorgestellt. Wie so oft haben wir damit weder wirklich recht gehabt, noch lagen wir falsch. (...) Diese tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, von der allerorts erzĂ€hlt wird, ach was. Wir sind soziale Wesen. Gar nicht unĂ€hnlich den GĂ€nsekindern, die den Gummistiefeln von Konrad Lorenz emsig hinterherwatscheln. Zur Mutter taugt, was in der NĂ€he ist.â
(Du bist dran | Mieze Medusa)
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âIt is not so bad to be an incubator. Everything I eat and drink feels like it amounts to something. Oysters, chocolate, mangos drenched in chili oil, all for a purpose and all excused, an education for the palate I am building with the most acute iterations of sugar and salt. But conversely, it is terrible being an incubator. Everything I do feels like it should amount to something.â
(Raven Leilani | Luster)
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âSie lernte es nie, so langsam zu gehen wie das Kind, sondern beschleunigte trotz ihrer guten Absichten ihren Schritt immer so, dass das MĂ€dchen laufen musste. Es war Aliide schon klar, dass sie so handelte, als wollte sie vor dem Kind weglaufen, vermochte deswegen aber keine Gewissensbisse empfinden, und wenn sie sich bemĂŒhte, die gute Mutter zu spielen, fand sie sich selbst am widerlichsten. Aliide konzentrierte sich lieber darauf, den anderen Frauen gegenĂŒber Martin als wunderbaren Vater zu loben, und indem sie das tat, blendete sie sich selbst als Mutter vollkommen aus. Da Martin als Vater eine Perle war, hielten die anderen Frauen Aliide fĂŒr die GlĂŒcklichste der Frauen.â
(Sofi Oksanen | Fegefeuer)
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âAuf meiner Runde begegnen mir Fremde, aber auch bekannte Gesichter. Als ich einmal Anfang Februar hochsehe, entdecke ich eine gute Freundin in einem rosa Gymnastikanzug beim Stretching in ihrem Fenster, aber dann macht es klick und mir wird klar, dass sie sich nicht dehnt, sondern die Beine abtrocknet, und dass der Gymnastikanzug ihre Haut ist, gerötet von der heiĂen Dusche. Obwohl ich sie kurz nach der Geburt ihrer Söhne im Krankenhaus besucht habe, die Neugeborenen, die noch nach ihr rochen, in den Armen gehalten habe, begreife ich erst jetzt, als ich ihr beim Abtrocknen zusehe, dass sie ein sexuelles Wesen ist, und als ich das nĂ€chste Mal mit ihr spreche, werde ich etwas rot und habe andauernd Bilder von ihr in extremen Sexstellungen vor Augen. Aber meistens bekomme ich die MĂŒtter aus meinem Bekanntenkreis nur flĂŒchtig zu Gesicht, wenn sie krumm wie SchĂ€ferhaken den Boden nach winzigen Legosteinen, halb zerkauten Weintrauben oder den Menschen, die sie einmal waren, absuchen, zusammengesackt in einer Ecke.â
(Lauren Groff | Florida)
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âAm meisten wundert sie sich ĂŒber die vertane Zeit, ĂŒber den Wirbelwind, der ihr Leben davontrug, seit sie achtzehn war - mit achtzehn die Nacht am Brunnen und die hastig geschlossene Ehe, dann Manar und die Jahre, in denen sie versuchte, Ehefrau und Mutter zu sein. Zeit. Sie stellt sich die Zeit wie einen Menschen vor, wie etwas RiesengroĂes, das Angst macht. Wie sollte sie es sich auch sonst erklĂ€ren, dass die Jahre so schnell an ihr vorbeigezogen sind. Im RĂŒckblick sind die gesamten Neunziger ein einziger verschwommener Fleck aus Paris und Boston, aus beschissenen Wohngegenden, billigen Lokalen, ewigen ErkĂ€ltungen der Kinder - von manchen Wintern, âganzenâ Wintern, hat sie nur noch die eine rasche AbwĂ€rtsbewegung der Hand in Erinnerung, mit der sie das Papiertaschentuch an die NĂ€schen der Kinder fĂŒhrte und den grĂŒnen, zĂ€hen Rotz herausdrĂŒckte - und Streitereien mit Elie, stundenlanges GebrĂŒll. Die Zeit hat sie mit sich gerissen, herumgewirbelt und plötzlich losgelassen, und als sie sich blinzelnd umsah, war sie zweiunddreiĂig.â
(Hala Alyan | HĂ€user aus Sand)
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âNachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren KinderrĂŒcken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daĂ sie nun dem VerheiĂenen Land der Erwachsenen nĂ€hergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie mĂŒĂte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (âŠ).
Das arme Kind kauerte eine Stunde im Badezimmer, auf den kalten Kacheln der Wanne, hörte nebenan die Mutter im WĂ€scheschrank kramen und Schubladen rĂŒcken, horchte auf das Klirren von KristallflĂ€schchen und die Seufzer einer alternden Frau, und jetzt endlich ahnte es, daĂ es mehr als den Augenblick peinlicher Verlegenheit ein gewisses LĂ€cheln fĂŒrchtete, ein Aufblitzen von Triumph in den Matronenaugen ⊠Sie haben mich, dachte Frankziska, von panischer Angst erfaĂt. Sie fĂŒhlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang jeden Morgen den tĂŒckischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiĂe SpĂŒlwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Ăbelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren SĂ€ften, ihrem Blut ernĂ€hrte, und in einem KreiĂsaal zu brĂŒllen â und sie starrte, betĂ€ubt von der Vorstellung eines barbarischen Prozesses, auf ihren kleinen olivfarbenen Bauch, der ihr schon gewölbter erschien als gestern, sie stöhnte. Ein GefĂ€Ă, dachte sie, ich bin ein GefÀà geworden.â
(Brigitte Reimann | Franziska Linkerhand)
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âUnd sie bringen die Musik mit, die wir abends anhörten, wenn wir nicht gerade den Romanen im Radio lauschten, sie bringen die Platten meiner Mutter mit und unserer Lieblingssongs, Lieder, die zugleich Geschichten sind. Wir haben nicht jedes Wort verstanden. Was machten die Gatlin-BrĂŒder genau, als sie sich alle nacheinander Becky nahmen? Was war bei âThe Gamblerâ der Unterschied zwischen fall down und hall down? Was bedeutet Almanach? Wo waren diese Orte, almost heaven, West Virginia, wo war Tennessee, wo in aller Welt war Sweet Home Alabama?
Und meine Mutter? Sie ist jedes einzelne Lied und mehr als das. Sie ist Jeannie, die Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie ist Tommy, der gröĂte Feigling weit und breit. Wenn sie kommt, begleitet sie das Kratzen eines Plattenspielers. Sie bringt eine Geburtstagstorte mit und schleudert sie an die Wand. Meine Mutter ist der lange, dĂŒnne Zweig des Pfirsichbaums von nebenan. Sie ist die Stimme der ChimĂ€re, die in meinen TrĂ€umen lauert. Sie ist die Fremde, die mir im Spiegel entgegenblickt, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie ist mein klopfendes Herz, meine pochende Angst.â
(Die Farben des Nachtfalters | Petina Gappah)
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Ahlam Baji, die Hebamme, die sie entband und in zwei TĂŒcher gewickelt ihrer Mutter in die Arme legte, sagte: âEs ist ein Junge.â (âŠ) Als am nĂ€chsten Morgen die Sonne schien und es im Zimmer angenehm und warm war, wickelte sie den kleinen Aftab aus. (âŠ) Und da entdeckte sie, versteckt hinter dem Jungen, zweifelsfrei ein kleines, nicht voll entwickelte, aber doch, ein MĂ€dchen. Ist es möglich, dass eine Mutter vor ihrem eigenem Baby erschrickt? Jahanara Begum erschrak. Als erste Reaktion spĂŒrte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog und ihre Knochen sich in Asche verwandelten. Ihre zweite Reaktion war, noch einmal nachzuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht tĂ€uschte. Ihre dritte Reaktion bestand darin, zurĂŒckzuweichen vor dem, was sie in die Welt gesetzt hatte, wĂ€hrend sich ihr GedĂ€rm verkrampfte und ihr ein dĂŒnnes Rinnsal ScheiĂe die Beine hinunterlief. Als vierte Reaktion zog sie in Betracht, sich und das Kind umzubringen. Ihr fĂŒnfte Reaktion bestand darin, das Kind in den Arm zu nehmen und an sich zu drĂŒcken, wĂ€hrend sie in den Spalt zwischen der ihr bekannten Welt und den Welten stĂŒrzte, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte. Dort, im Abgrund, trudelte sie durch die Dunkelheit, und alles, dessen sie bis dahin sicher gewesen war, jedes einzelne Ding, vom kleinsten bis zum gröĂten, ergab keinen Sinn mehr fĂŒr sie.
In Urdu, der einzigen Sprache, die sie beherrschte, hatten alle Dinge, nicht nur die Lebewesen, sondern alle Dinge â Teppiche, Kleider, BĂŒcher, Stifte, Musikinstrumente â ein Geschlecht. Alles war entweder mĂ€nnlich oder weiblich, Mann oder Frau. Alle auĂer ihrem Baby. Ja, natĂŒrlich, sie wusste, dass es ein Wort fĂŒr jemanden wie ihn gab â hijra. eigentlich zwei Wörter, hijra und kinnar. Aber zwei Wörter ergeben keine Sprache. War es möglich, auĂerhalb von Sprache zu leben? (âŠ)
Als sechste Reaktion wusch sie sich und beschloss, erst einmal niemandem davon zu erzÀhlen. Nicht einmal ihrem Mann. Dann, als siebte Reaktion, legte sie sich neben Aftab und ruhte sich aus.
(Arundhati Roy | Das Ministerium des Ă€uĂersten GlĂŒcks)
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âAls ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jĂ€mmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen KĂŒche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsĂŒber um einen SĂ€ugling zu kĂŒmmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der SchlafzimmertĂŒr ĂŒbernachten. (âŠ)
In Velkovo ĂŒbernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte fĂŒr die ganze Familie die WĂ€sche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijĂ€hrigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als FrauenĂ€rztin auch auf ihre FacharztprĂŒfung vorbereiten. Oma Bona ĂŒbernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.
Sie musste mir mehrmals tĂ€glich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glĂ€tten. Gerne hĂ€tte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine WĂ€sche in der dazugehörigen Zentrifuge bĂŒgeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.â
(Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land)
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âInes wird grantig sein, wenn sie aufs Essen warten muss, dachte Fanni, weil grantig, wenn hungrig, ein kausaler Zusammenhang. Oft schickte sie auf dem Heimweg von der Schule oder frĂŒher, in der letzten Stunde, ein SMS mit der Frage: Was gibt es heute? Fanni ĂŒberlegte, ob sie zum Fleischhacker gehen sollte, um dort Knödel und Kraut zu kaufen. Sie dachte mĂŒde nach, was wann wo zuerst erledigt werden wollte, damit auch sie etwas vom Abend haben könne. Was nur gelingen wĂŒrde, wenn alle anderen zufrieden waren. Ines satt und im Zimmer. Friedl beachtet und gehört. Bernhard im sauberen, warmen Heim, der KĂŒhlschrank voll. Vielleicht geht Bernhard ins Wirtshaus, dachte Fanni, wurde sich bewusst, wie sehr sie das hoffte, wurde noch trauriger ĂŒber dieses Wissen, immer seltener lieĂ es sich beschönigen durch den Gedanken, das sei normal, Familienalltag. Jeder braucht Zeit fĂŒr sich.
WĂ€hrend dieser Denkerei und Geherei sah Fanni nach oben, der spaltige Himmel zwischen den HĂ€usern, ihre Schritte klangen fest und zielgerichtet. Und trotzdem, das GefĂŒhl, die noblen DĂ€cher wandten sich ab von dieser unfreien Person, die da ging.â
(FanniPold | Karin Peschka)
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âHĂ€ttest du spĂ€ter gerne mal Kinder?â, fragt Anna. âWenn ich nur auf mich höre, wenn ich die Augen vor allem anderen verschlieĂe, ja, dann kann ich nicht behaupten, ich wĂŒrde mir das nicht wĂŒnschen. Auch wenn ich wahrscheinlich nie welche bekommen werde. Und du?â âIch bin lesbisch. So eine Frage stellt sich mir erst gar nicht.â âUnd warum?â âIch weiĂ nicht, so bin ich eben veranlagt. AuĂerdem glaube ich nicht, dass Familie so wirklich mein Ding ist.â âEs zwingt einen ja keiner, Mama-Papa-Kind zu spielen, oder?â âDa haben wir keine Wahl ⊠Um es anders zu machen, fehlt uns die Fantasie.â âWir sind nicht alle dafĂŒr gemacht, was Besonderes zu werden, und mit Kindern hat das gar nichts zu tun. Sieh dir Patti Smith an oder Chrissie Hynde, die haben Kinder, sogar mehrere, und das hat sie nicht daran gehindert, zu werden, was sie sind, viel avantgardistischer als die meisten Lesben, die fĂŒr Kinderwunsch nur Verachtung ĂŒbrig haben.â
(Négar Djavadi | Desorientale)
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ââWarum hast du keine Kinder?â, wird sie manchmal von ihnen gefragt. âFĂŒhlst du dich nicht einsam ohne Ehemann?â FrĂŒher antwortete sie, nein danke, sie hat seit bald einem Vierteljahrhundert tĂ€glich fast dreiĂig Quasi-Kinder vor sich sitzen, da ist sie sehr froh, ihre restliche Zeit entweder allein oder mit anderen Erwachsenen verbringen zu können, mit denen sie interessante Unterhaltungen fĂŒhrt (den Satz âweiĂt du, ich vögele wahrscheinlich hĂ€ufiger und ganz sicher besser als duâ hat sie ihnen immer erspart, obwohl die Versuchung manchmal groĂ war).
Sie hat gelernt, dass diese Fragen nichts ĂŒber sie aussagen, sondern vielmehr ĂŒber die Angst derer, die sie stellen: vor der Einsamkeit, dem Alter, dass das eigene Leben plötzlich sinnlos erscheint. Dennoch ist sie manchmal genervt davon, und dann brennt ihr die Erwiderung auf der Zunge: âDu und ich, wir wissen einen viel beschworenen Dreck voneinander.'â
(Francesca Melandri | Alle, auĂer mir)
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Mein Vater hat mir erzĂ€hlt, GroĂmutter Camilla habe jeden Nachmittag am KĂŒchentisch gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und zum Kloster hinaufgeblickt. Aus diesen Augenblicken, meinte er, habe Camilla Agostini Kraft geschöpft. Sie habe gewusst, dass man ĂŒber sich hinauswachsen kann, wenn man nicht nach unten schaut. Mein Vater sagte oft, seine Mutter habe StĂ€rke und Kraft ausgestrahlt, die StĂ€rke und Kraft einer echten Frau, und ich glaube, diese Bemerkung war als Spitze gegen meine Mutter gemeint.
âVon Depression, Wahnsinn oder Erschöpfung hat meine Mutter nie gehörtâ, erklĂ€rte er stolz. âDafĂŒr hĂ€tte sie schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Sie hat solche Kinkerlitzchen immer nur mit einem Achselzucken oder einem verĂ€chtlichen Blick quittiert. âBĂŒrgerlichen Schnickschnackâ nannte sie das. âSo was können sich nur GroĂhĂ€ndler, Bohemiens und eine bestimmte Sorte MĂ€nner leisten.â Menschen wie meine Mutter mĂŒssen praktisch denken. In Lire, Minuten und Stunden. Sie konnte es sich nie leisten, mit Seelenwehwehchen rumzusitzen.â
(Lina Wolff | Die polyglotten Liebhaber)
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âUnd hier in der ConstantinstraĂe, weit weg vom dreckigen Osten, war sie selbst wĂ€hrend ihrer Schwangerschaft manchmal nachts aufgestanden und hatte geraucht, lustvoll inhalierend und gleichzeitig gequĂ€lt von dem Bild des hilflos im Fruchtwasser zuckenden Embryos, dessen Pulsschlag sich enorm beschleunigte, wĂ€hrend sich seine GefĂ€Ăe verengten. Klaus hatte das zum GlĂŒck nie mitbekommen, ebensowenig wie ihr Frauenart oder die Hebamme.â
(Anna Katharina Hahn â KĂŒrzere Tage)
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âWas geschieht mit diesem Tag? Er geht dahin, wo die anderen Tage hingegangen sind und weiter hingehen werden. Selbst wĂ€hrend sie hier am KĂŒchentisch sitzt, ihr Apfelmus isst, das nach dem Ontario-Winter-Kochbuch mit dem Apfelmus identisch ist, das die Pioniere gegessen haben, weiĂ Marcia, dass der Tag langsam versickert, dass er vergeht, immer mehr vergeht und niemals wiederkehrt. Morgen werden die Kinder kommen, eins von Osten, eins von Westen, wo sie auf ihre jeweilige UniversitĂ€t gehen, in der Ferne erzogen werden. (âŠ) Sie werden den KĂŒhlschrank durchstöbern, klirrend werden Sachen herunterfallen; es wird Betriebsamkeit und Aufregung herrschend, wirkliche und gespielte. Ihre Tochter wird versuchen, Marcias Garderobe zu verĂ€ndern, sie wird sagen, Marcia sollte gerader gehen, ihr Sohn wird ritterlich und linkisch und gönnerhaft sein; beide werden es vermeiden, sich zu fest oder zu lang umarmen zu lassen. (âŠ)
Dann wird der Weihnachtstag kommen. (âŠ)
Marcia wird von dem Eggnog ein bisschen betrunken sein und stumm vor sich hin weinen, spĂ€ter, wenn das Geschirr abgewaschen ist, im Badezimmer eingeschlossen, und mit ihren festlichen Armen die murrende Katze an sich drĂŒcken, die sie zu diesem Zweck unter einem Bett hervorgezogen haben wird. Sie wird weinen, weil die Kinder keine Kinder mehr sind, oder weil sie selbst kein Kind mehr ist, oder weil es Kinder gibt, die niemals Kinder waren, oder weil sie keine Kinder mehr kriegen kann, nie wieder. Ihr Körper ist zu schnell vergangen, sie hat sich nicht darauf vorbereiten können.
Das kommt von dem vielen Gerede von Babys, zu Weihnachten. Das kommt von der vielen Hoffnung. Sie lĂ€sst sich davon ablenken und hat MĂŒhe, auf die wirklichen Nachrichten zu achten.â
(Margaret Atwood | Tipps fĂŒr die Wildnis)
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âWenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als FĂŒnfjĂ€hrige, und es ist mir, als wĂ€ren sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde KostgĂ€nger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daĂ man es fast nicht spĂŒrt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dĂ€mmerte, aber wie jede andere Mutter verdrĂ€ngte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich muĂte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nĂ€hme? Als ich am zehnten Mai erwachte, dachte ich an meine Kinder als an kleine MĂ€dchen, die Hand in Hand ĂŒber den Spielplatz trippelten. Die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsĂŒchtigen Halberwachsenen, die ich in der Stadt zurĂŒckgelassen hatte, waren plötzlich ganz unwirklich geworden. Ich trauerte nie um sie, immer nur um die Kinder, die sie vor vielen Jahren gewesen waren. Wahrscheinlich klingt das sehr grausam, ich wĂŒĂte aber nicht, wem ich heute noch etwas vorlĂŒgen sollte. Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.â
(Marlen Haushofer | Die Wand)
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Ich will aufs Klos, seitdem wir mit dem Mittagessen fertig sind, aber es ist unmöglich, etwas anderes zu tun, als Mutter zu sein. Und es schreit und schreit und schreit und macht mich noch verrĂŒckt. Ich bin Mutter, Punkt. Ich bereue es, kann das aber nicht mal sagen. Wem? Ihm, der auf meinem SchoĂ sitzt, die Hand in meinen Teller mit den kalten Essenresten steckt und mit einem HĂŒhnerknochen spielt? Nein! Lass das, du verschluckst dich! Ich werfe ihm einen Keks zu. Er spuckt ihn mir zurĂŒck. Ich habe den Mund voll mit seinem Speichel und KrĂŒmeln. An meinem Arm klebt Tomate, ich lasse ihn nicht fertig kauen und schiebe einen Keks nach, er verschluckt sich. Ich habe ihn zur Welt gebracht, das genĂŒgt. Ich bin Mutter auf Autopilot. Er wimmert, und das ist schlimmer als das Heulen. Ich nehme ihn auf den Arm, biete ihm ein falsches LĂ€cheln an, beiĂe die ZĂ€hne zusammen. Mama war glĂŒcklich vor dem Baby. Mama steht jeden Morgen auf und will vor dem Baby fliehen, und er heult noch mehr. Ich will aufs Klo, aber dieses endlose Gequengel, dieses Klagen macht es mir unmöglich. Was will er von mir? Was willst du? Er lĂ€sst sich nicht ablegen, macht die Banane. Gestern musste ich mit ihm aufs Klo, heute mach ich mir lieber in die Hose. Ich rufe meinen Mann an. Brauche VerstĂ€rkung. WĂ€hrend ich wĂ€hle, hĂ€ngt es an meiner Schulter, es zerrt mich auseinander, pappt mir etwas Klebriges an den Nabel. Er soll drangehen, bitte drangehen. Hallo, Liebling, hör mal, du musst kommen, ich kann nicht mehr. Nein, so lange kann ich nicht warten, du verstehst mich nicht, willst mich nicht verstehen, ich halte es bis abends nicht aus, und ich lege auf, weil er so tut, als verstĂŒnde er nicht. (âŠ) Und ich schleppe das Kind zur TĂŒr, vielleicht kommt ja einer vorbei, dem ich es geben kann. Aber es gibt hier nicht die Nachbarn, die ich brauche.
(Ariana Harwicz | Stirb doch, Liebling)
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âIch stand vor meinem Schreibtischâ, erzĂ€hlte Elaine einmal. âEs war noch frĂŒh am Morgen, ich trug den Pyjama mit den FĂŒĂlingen. Ich war drei Jahre alt, hatte mich noch nie allein angezogen und dachte, jetzt mache ich es mal und ĂŒberrasche Mom damit. Ich öffnete die Schublade mit meiner UnterwĂ€sche und begann nach meiner Lieblingsunterhose zu suchen, der mit den RĂŒschen am Po. Da kam Mom rein und sagte: ,Du hast doch hoffentlich nicht die ganzen ordentlich zusammengelegten Sachen durcheinandergebracht?â Ich sagte: ,Nein, neinâ und versuchte schnell alles flach zu klopfen, aber sie trat dicht hinter mich und sagte: ,Du hast es ja doch getan! Du hast alles durcheinandergebracht!â Sie hielt ihre BĂŒrste in der Hand â wahrscheinlich hatte sie sich gerade frisiert â und schlug mich damit auf den Kopf, wumm, auf die eine Seite, wumm, auf die andere, und ich duckte mich weg und schĂŒtzte mich mit den HĂ€nden -â
âJa, stimmt, sie konnte wirklich -â
âUnd weiĂt du, was fĂŒr Kinder mit schrecklichen MĂŒttern das Allertraurigste ist? Dass diese MĂŒtter die Kinder hinterher auch noch in den Arm nehmen und trösten! Es ist zum Heulen.â
âSchau endlich nach vorne, Elaine!â, sagte Willa.
Und fĂŒhlte sich sofort schuldig, weil sie Elaine so angefahren hatte. Aus irgendeinem Grund fĂŒhlte sie sich ihrer Schwester gegenĂŒber immer schuldig. Aber was hĂ€tte sie anders machen können? Und war ihre eigene Kindheit nicht ebenso katastrophal gewesen wie die von Elaine?
(Anne Tyler | Launen der Zeit)
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Bei weitem die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das FrĂŒhstĂŒck. Ella glaubte fest an diesen Grundsatz, und so fĂŒhrte sie an jedem Morgen, an den Wochenende wie unter der Woche, ihr erster Weg in die KĂŒche. Ein gutes FrĂŒhstĂŒck setzte ihrer Ansicht nach den richtigen Ton fĂŒr den Rest des Tages. In Frauenzeitschriften hatte sie gelesen, dass eine Familie, die regelmĂ€Ăig gemeinsam frĂŒhstĂŒckte, sich durch eine engere Bindung und gröĂerer Harmonie auszeichnete als eine, bei der alle noch halb hungrig aus dem Haus gingen. (âŠ) Doch als Ella an diesem Morgen die KĂŒche betrat, brĂŒhte sie keinen Kaffee auf, presste keine Orangen aus und steckte keine Brotscheiben in den Toaster, sondern setzte sich sofort an den Tisch, schaltete ihren Laptop ein, ging ins Internet und sah nach, ob Aziz ihr eine E-Mail geschrieben hatte. Ja, da war sie! Sie freute sich.
(âŠ)
Erinnerungen strömten auf sie ein, Erlebnisse, mit denen sie lĂ€ngst meinte abgeschlossen zu haben. Ihre Mutter, wie sie reglos dasteht mit einer pistaziengrĂŒnen SchĂŒrze, einen Messbecher in der Hand, das Gesicht eine aschfahle Maske des Schmerzes. Papierherzen an den WĂ€nden, glitzernd und bunt. Und ihr Vater, tot an der Decke baumelnd, wie um als Teil der Weihnachtsdekoration dem Haus ein festliches Aussehen zu geben. Sie dachte daran zurĂŒck, dass sie ihre Mutter im Teenageralter drei Jahre lang fĂŒr den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich gemacht hatte. Schon als kleines MĂ€dchen hatte Ella sich geschworen, ihren Mann spĂ€ter immer glĂŒcklich zu machen und, anders als ihre Mutter, als Ehefrau niemals zu versagen. In ihrem BemĂŒhen, in dieser Hinsicht möglichst alles anders als ihre Mutter zu machen, hatte sie keinen Christen, sondern einen Mann ihres eigenen Glaubens geheiratet. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihre alt gewordene Mutter zu hassen, und seit einiger Zeit kamen sie gut miteinander aus. Nichtsdestotrotz fĂŒhlte sie tief in ihrem Inneren noch immer ein Unbehagen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.
âMom! ⊠Erde an Mom! Erde an Mom!â Hinter Ella war Gekicher und GeflĂŒster zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie vier amĂŒsiert auf sie gerichtete Augenpaare. Orly, Avi, Jeannette und David waren ausnahmsweise einmal gleichzeitig zum FrĂŒhstĂŒck erschienen und beguckten sie nun wie Zoobesucher ein exotisches Tier. (âŠ) âDu warst ja völlig vertieft in den Bildschirmâ, bemerkte David, ohne sie anzusehen. Ella folgte seinem Blick. Das Mailprogramm war geöffnet, und vor ihr war, leicht abgedunkelt, Aziz Z. Zaharas E-Mail zu lesen. Blitzschnell klappte sie den Laptop zu, ohne ihn vorher auszuschalten.
(Elif Shafak | Die vierzig Geheimnisse der Liebe)
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Aus ganz unterschiedlichen GrĂŒnden hatte keine der anderen als Erwachsene ihre Mutter richtig kennenlernen können. Und deshalb, dachte Celia, waren sie ununterbrochen auf der Suche nach etwas, was diese Bindung ersetzen könnte. Am Smith College hatte sie versucht, einender zu bemuttern. Aber was einst echte FĂŒrsorge und Anteilnahme gewesen war, zeigte jetzt seine hĂ€ssliche Seite: Sie kamen aus dem Urteilen und Vergleichen nicht mehr raus.
Das galt natĂŒrlich fĂŒr alle Frauen, auch fĂŒr MĂŒtter und Töchter. Welche Tochter nahm ihre Mutter nicht als MaĂstab fĂŒr alles, was sie zu werden hoffte oder zu werden fĂŒrchtete? Welche Mutter konnte ihre junge Tochter betrachten, ohne sich ein bisschen nach ihrer eigenen Jugend zu sehnen, nach der verlorenen Freiheit?
Mit neun oder zehn Jahren hatte Celia, als sie mit ihrer Mutter im Auto saĂ, sie ohne bösen Willen gefragt: âMama, habe ich auch so fette Oberschenkel, wenn ich groĂ bin?â Ihre Mutter hatte entsetzt ausgesehen. âWahrscheinlichâ, hatte sie schlieĂlich gesagt.
(J. Courtney Sullivan | Aller Anfang)
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âWie zum Teufel bist du an den Alk rangekommen?â Er schob sich an ihr vorbei und schĂŒttete sich Cornflakes in die Schale. Dreizehn. Er war gröĂer als sie.
âKann ich mein Portemonnaie und die SchlĂŒssel haben?â fragte sie.
âDu kannst das Portemonnaie haben. Die SchlĂŒssel kriegst du, wenn ich weiĂ, dass es dir gut geht.â
âMir gehtâs gut. Ich gehe morgen wieder zur Arbeit.â
âDu kannst nicht mehr aufhören, wenn du nicht ins Krankenhaus gehst, Mama.â
âIch komm schon klar. mach dir bitte keine Sorgen. Ich habe den ganzen Tag, um mich zu erholen.â Sie ging hinaus, um nach den Sachen im Trockner zu sehen.
âDie Hemden sind trockenâ, sagte sie zu Joel. âDie Socken brauchen noch etwa zehn Minuten.â
âKeine Zeit. Ich zieh sie nass an.â Ihre Söhne nahmen ihre BĂŒcher und RucksĂ€cke, kĂŒssten sie zum Abschied und verlieĂen die Wohnung. Sie stand am Fenster und sah ihnen nach, wie sie die StraĂe hinunter zur Bushaltestelle liefen. Sie wartete, bis der Bus sie eingesammelt hatte und die Telegraph Avenue ansteuerte. Dann ging sie hinaus zum Spirituosenladen an der Ecke. Er hatte jetzt geöffnet.
(Lucia Berlin | Was ich sonst noch verpasst habe)
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âIrisâ Augen hatten getrĂ€nt vor MĂŒdigkeit, als sie frĂŒher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof mĂŒde ausgesehen, mĂŒde und alt, das waren meine ersten beiden EindrĂŒcke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken mĂŒssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemÀà gealtert zu sein, ihr Gesicht war schmaler geworden, alle Linien klarer.
Jockel stand schon auf dem Bahnsteig neben ihr. Es war Irisâ Vorschlag gewesen, ihn zu unserem Treffen einzuladen, und ich hatte es nicht geschafft zu sagen, dass es mir gar nicht um irgendwelche ZusammenhĂ€nge von frĂŒher ging, sondern darum, Iris in ihrem Leben zu besuchen. Sie hatte ohnehin deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte.
âIch will eigentlich nicht, dass das Kind da ist, wenn wir uns wiedersehenâ, hatte sie gesagt. Von Jockel wusste ich, dass sie immer ĂŒber âdas Kindâ sprach, so, wie sie frĂŒher ĂŒber ihre Fotografien immer als âdie Kunstâ gesprochen hatte, als wollte sie mit einer Art ironischen Ăberhöhung verbergen, wie wichtig es ihr eigentlich war.â
(Hanna Lemke | Gesichertes)
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Eigentlich wollte ich sagen, wie leid es mir tat, dass Papa die Figuren zerbrochen hatte, aber die Worte, die tatsĂ€chlich aus meinem Mund kamen, lauteten: âEs tut mir leid, dass deine Figuren kaputtgegangen sind, Mama.â
Sie nickte schnell und schĂŒttelte den Kopf, als wollte sie mir sagen, dass die Figuren nicht wichtig seien. Dabei waren sie es durchaus. Vor Jahren, bevor ich alles begriff, fragte ich mich oft, wieso sie sie jedes Mal polierte, wenn ich diese GerĂ€usche in ihrem Zimmer gehört hatte, ein Rumpeln, als wĂŒrde etwas gegen die TĂŒr geschlagen. Ihre Gummislipper machten nie ein GerĂ€usch auf der Treppe, aber ich wusste, dass sie auf dem Weg nach unten war, wenn ich hörte, wie sich die TĂŒr zum Esszimmer öffnete. Wenn ich dann zu ihr ging, sah ich sie bei der Etagere stehen, in der Hand ein mit Seifenwasser getrĂ€nktes KĂŒchenhandtuch. FĂŒr jede kleine Ballerina brauchte sie mindestens eine Viertelstunde. TrĂ€nen sah man nie auf ihrem Gesicht. Das letzte Mal, vor nur zwei Wochen, als ihr geschwollenes Auge noch dunkelviolett war wie eine ĂŒberreife Avocado, hatte sie die FigĂŒrchen nach dem Polieren umgruppiert.
âIch flechte dir die Haare nach dem Mittagessenâ, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
âJa, Mama.'â
(Chimamanda Ngozi Adichie | Blauer Hibiskus)
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âNach dem Tod meiner Mutter im vergangenen Sommer begann ich ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ich arbeitete Tag und Nacht, als hĂ€tte ich Angst, die Motivation zu verlieren, wenn ich auch nur eine Sekunde aufhören wĂŒrde, oder die Motivation wĂŒrde mich verlieren und alles wĂŒrde zerfallen. Die Dinge, die ich beschrieb, waren so persönlich, dass manches wehtat, wĂ€hrend ich fĂŒr anderes durchaus VerstĂ€ndnis aufbrachte. Dennoch wurde mir das Ganze kurz nach Abschluss des Manuskripts plötzlich fremd. Es war nicht meine Geschichte.
Die Vergangenheit ist eine Truhe auf dem Speicher, ĂŒbersĂ€t mit Schrammen, von denen einige wertvoll, andere vollkommen nutzlos sind. Dauerhaft verschlossen hĂ€tte ich sie am liebsten, aber sie wird von jedem LĂŒftchen aufgerissen, und ehe ich michâs versehe, ist der gesamte Inhalt weggeweht. Dann packe ich alles StĂŒck fĂŒr StĂŒck wieder hinein. Die Erinnerungen, die guten, die schlechten. Trotzdem schnappen die Truhenschlösser immer dann wieder auf, wenn ich am wenigsten damit rechne.
Die Schwangerschaft war eher ein Unfall denn geplant. Als ich es erfuhr, war ich gleichzeitig schockiert, entsetzt und euphorisch. Und als feststand, dass es ZwillingsmĂ€dchen waren, heulte ich eine geschlagene Stunde, weil ich das GefĂŒhl hatte, dass alles, was ich tat, nur ein Glied in einer Kette aus Geschichten war. In den neun Monaten wurde mein Körper umgeformt, als wĂ€re er aus Ton. Und dasselbe hoffte ich fĂŒr meine Seele.â
(Elif Shafak â Ehre)
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âWhen Tammy the pig-faced nurse asked us if weâd started skin-to-skin yet we both went red. We had never been naked together.
âSkin-to-skin helps to regulate the babyâs heart rate and breathing, and of course itâs great for the mother-baby bond.â
âNo,â I whispered, catching up. âWeâve havenât held him yet.â
âWho wants to go first?â
âCheryl,â said Clee quickly. âBecause I really have to go to the bathroom.â
Tammy glanced at me. She had thought I was Cleeâs mom right up until the moment she saw us kissing by the elevator. I took off my blouse and bra and hung them on the back of a chair. Tammy wrangled Jackâs lines and tubes, carefully lifting him out of his case. He grimaced and twisted in the air like a caterpillar. She placed him between my breasts and adjusted his limbs so that his skin and my skin were touching as much as possible, tucking a thin pink cotton blanket over the two of us. And then she left.
I looked behind me. Clee was in the bathroom. Jackâs little chest pushed in and out; his machines were quiet. He made a snuffling noise and his enormous black eyes lurched upward.
Hi, he said.
Hi, I said.â
(Miranda July â The First Bad Man)
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Franziska:
âSie umarmt ihn und geht schnell, nicht ohne zu winken, aus dem Kindergarten, vor dem drei MĂŒtter herumstehen, sie lachen, eine raucht, zwei sieht sie auf den Kindergarten zugehen, so langsam wie die Kinderbeine neben ihnen, Kinder kosten so unendlich viel Zeit, man soll nicht hetzen, stand in einem Artikel in der âZeitâ mit dem Titel: âDer Tag, an dem ich aufhörte, beeil dich zu meinem Kind zu sagenâ, Franziska hat ihn gelesen und sich wahnsinnig aufgeregt, warum war sie so wĂŒtend ĂŒber diese intellektuellen MĂŒtter mit ihren alltagsuntauglichen Erziehungskonzepten, da gebĂ€ren sie Kinder in diese Welt mit ihrem Zeit ist Geld-Konzept hinein, und dann dĂŒrfen sich ihre Kinder nicht der Welt anpassen, sondern die Welt soll sich gefĂ€lligst um die Kinder herumschmiegen, die Eltern sollen es und die Arbeitszeiten und die Gesellschaft und die Schulen, alle sollen die Konzeptlosigkeit der Kinder respeketieren.â
âFranziska bekommt eine GĂ€nsehaut, dieselbe langweilige Art wie frĂŒher, Bankkauffrau, verheiratet, blabla, zwei Kinder, alle haben zwei Kinder, zwei ist die einzige unverdĂ€chtige Kinderzahl, alles andere erregt Verdacht, ein Einzelkind ist der Beweis fĂŒr krankhaften Egoismus â der Mutter â oder vorzeitigen Verlust der Fruchtbarkeit â der Mutter, drei Kinder sind der Beweis fĂŒr dummdreistes Sexualverhalten, alles ĂŒber drei Kinder geht doch nur bei verhaltensauffĂ€lligen Proleten oder unter katholischem EmpfĂ€ngnis- und GebĂ€rzwang.â
Elisabeth:
âBIs Freitag muss ich die Einladungen rausschicken, 45 GĂ€ste sind zur Pensionsfeier von Kurt geladen, die GĂ€ste mĂŒssen sich ja ihren Sommer einteilen. Sie werden durch unseren Garten schlendern und an den GlĂ€sern nippen und den Besitz inspizieren, den die Arbeitsleistung des Frischpensionierten erwirtschaftet hat. Unseren Wohlstand. So ein Fest wertet die lebenslange Leistung des Frischpensionierten auf, auch wenn sich die BerufstĂ€tigen jetzt die Frage stellen, ob dieses Leben nach der BerufstĂ€tigkeit noch lebenswert ist oder eher eine fade Angelegenheit. Ob noch alles in Ordnung mit dieser Elisabeth ist, ob sie als Partnerin zur Freizeitgestaltung im Lebensabend von Nutzen sein kann. (âŠ) FrĂŒher habe ich alles Wichtige mit Edith besprochen, die groĂen Katastrophen in ihre Einzelteile zerlegt, das Gute am Ehe- und Mutterleben auf den guten Haufen und das Schlechte auf den schlechten Haufen, und am Ende des Abends waren zwei Flaschen Rotwein leer und die Haufen ungefĂ€hr gleich hoch, und das reichte schon, und dann konnte ich nach Hause wackeln und es war nur mehr halb so schlimm, dass Kurt seine kleinen Geliebten hatte und die Kinder sich mir gegenĂŒber missraten benahmen, und bis zum Einschlafen und vielleicht auch ein wenig darĂŒber hinaus hielt das GefĂŒhl an, die Respektlosigkeit hĂ€tte nichts mit mir persönlich zu tun, sondern mit meiner Funktion in der Gesellschaft, der immer ein Nur anhaftete, Nur Mutter, Nur Hausfrau, eine Wertminderung der das Gezeter der Feministinnen und der Lauf der Zeit doch nicht gewachsen war.â
(Gertraud Klemm â Aberland)
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âFrederike stand in einer KĂŒchenschĂŒrze im ersten Stock des Krankenhauses und beobachtete den Lauf der Dinge und die Frauen, die Teil davon waren. In kleinen Schicksalsgemeinschaften kamen sie an die Pforten der Klinik oder stahlen sich mit blassen Gesichtern und nervösen Blicken allein ins GebĂ€ude. Mit schweren BĂ€uchen standen sie dann in den TĂŒren und warteten, dass man sie bemerkte und ihnen heraushalf aus ihrem Schicksal. Die erste Frau, die Frederike ĂŒber die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft begleitete, war Marta, eine groĂe, Ă€ltere Frau mit hoher Stirn und HĂ€nden so breit wie jene, die DĂŒrer betend gemalt hatte. (âŠ)
Noch nie hatte sie den Körper einer Schwangeren auch nur berĂŒhrt, nie eine Geburt gesehen. Unter Frederikes aufmerksamen Blicken wuchs Martas Leib lautlos mit den Tagen und fĂŒllte sich mit Fleisch, der Kette der WirbelsĂ€ule und dem Sonnensystem der Organe. Jetzt legten sie und Marta die HĂ€nde auf deren Bauchdecke, als könnten sie mit ihnen hören, was vorginge unter der Haut. Frederike wusste von ihr, wie erleichtert sie zuerst gewesen war, dass sich die Leere in ihr so sorgfĂ€ltig mit einem Kind ausfĂŒllen lieĂ, und wie sie spĂ€ter die Furcht befallen hatte, in ihr könnte sich eine Seele formen, die zu groĂ wĂ€re fĂŒr ihren Körper. Nun wuchs eine Kreatur unter ihrem Herzen, ein durchsichtiger Walfisch, der Fruchtwasser trank und es wieder ausschied. Beide Frauen sahen zu, wie sich Martas Leib dehnte und dehnte, wie er unaufhörlich wuchs und wuchs und sich immer mehr jener feinen und hellen Streifen auf ihrer Haut abzeichnete. Ruhig war Marta nur, wenn Frederike bei ihr war, lieĂ diese sie alleine, fĂŒrchtete sie, verrĂŒckt zu werden. (âŠ)
Sie war einsam, wenn Frederike nach Hause ging oder sich anderen Patientinnen zuwandte. Sie lieĂ sich von niemandem sonst trösten und beruhigen, sprach kaum und wenn, nur mit sich selbst. Es war ihr unmöglich zu schlafen, wĂ€hrend in ihr ein Wesen wachte. In der Dunkelheit, wenn sie neben den anderen Frauen im Bett lag, fĂŒrchtete sie, das Kind wĂŒrde sie von innen auffressen, und hörte besorgt und argwöhnisch in sich hinein, ob nicht KaugerĂ€usche aus ihrem Unterleib drĂ€ngten. (âŠ)
Die Wehen zogen sich ĂŒber viele Stunden, wĂ€hrenddessen die kleine Gruppe zusammengewĂŒrfelter Menschen am Körper von Marta wartete wie an einem Monument. Sie warteten auf den Augenblick, in dem dieser Körper nachgeben wĂŒrde, das Klick, auf die Musik des Zerbrechens, die alle Entbindungen begleitete. Es dauerte lange. StĂŒck fĂŒr StĂŒck ging ihr Unterleib auf und wurde ein Portal. Wie ihre Vagina weit aufriss. Wie sich der Nabel ausstĂŒlpte. Wie die Schamlippen blau anliefen. Wie neben dem Mutterkuchen auch Exkremente auf das Bett liefen. Wie man das Kind endlich von der Nabelschnur losschnitt. Wie ihr der Schlauch aus Haut noch lange aus dem Geschlecht hing.
Als Marta den SĂ€ugling schlieĂlich in den Armen hielt, wurde der Bauch ein Haus, das, nutzlos geworden, in sich zusammenfiel, nachdem sein Bewohner es verlassen hatte.â
(Valerie Fritsch â Winters Garten)
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FlieĂ-Weiland || âVor Sophies Geburt hatten sie lang und breit darĂŒber gesprochen, was fĂŒr eine Sorte Eltern sie sein wollten. Jule hatte geschworen, niemals eine dieser hysterischen MĂŒtter zu werden, die ihren Kindern auf Berliner SpielplĂ€tzen mit FeuchttĂŒchern und Vollkornkeksen hinterherrannten. (âŠ) NatĂŒrlich wĂŒrde ein Kind manches Ă€ndern, aber das war kein Grund fĂŒr permanenten Ausnahmezustand. GlĂŒckliche Eltern hatten glĂŒckliche Kinder, weshalb man bei allem Stress niemals vergessen durfte, auf sich selbst zu achten. Das nötige Babyzubehör bestellten sie im Internet; danach fĂŒhlten sie sich fĂŒr alles gerĂŒstet. Dann kam Sophie. Die ersten Tage nach der Geburt stellten einen surrealen Film dar, in dem es weder Sprache noch Tageszeiten gab, nur unklares Licht und klagende Laute. Sie irrten durch die TrĂŒmmer ihrer ausgiebigen Vorbereitung, zwei kopflose Erwachsene auf der Suche nach Schnullern, Windeln, FeuchttĂŒchern, Söckchen. Hoben GegenstĂ€nde auf und lieĂen sie wieder fallen. Fingen alles halb an und vergaĂen gleich wieder, was sie vorgehabt hatten. Im Bad stapelte sich die SchmutzwĂ€sche, an der HaustĂŒr der MĂŒll. Sophie schrie viel und war ziemlich hĂ€sslich. Ob man sie auf dem Arm trug oder ins Bettchen legte, sie streichelte, massierte, ihr etwas vorsang oder ein Kuscheltier vor ihrem Gesicht tanzen lieĂ â sie schien den Unterschied kaum zu bemerken. Von magischen Momenten oder ĂŒberwĂ€ltigenden GlĂŒcksgefĂŒhlen keine Spur.â
Gombrowski, geb. Niehaus || âSie ertrug kein Geschrei und schon gar keine Gewalt. Jedes laute Wort erschĂŒtterte sie bis ins Mark, jede erhobene Faust fuhr ihr direkt in die Eingeweide. Im Laufe der Jahre hatte sich Elena in ein Auffangbecken fĂŒr böse Worte und rĂŒde Gesten verwandelt. Jede Form von BrutalitĂ€t floss in ihre Richtung. Beschimpfungen, Drohungen, SchlĂ€ge meinten immer sie. Als PĂŒppi ins Trotzalter gekommen war und anfing, ihrem Papa Widerworte zu geben, hatte Elena gelernt, die gesamte zerstörerische Energie von Gombrowskis Wut auf sich selbst zu lenken. Fuhr eine Hand durch die Luft, stand Elena im Weg, um dem Streich eine Richtung zu geben. Es wurde zu ihrer Lebensaufgabe, Ursache und Ziel aller Gewalt zu sein, weil jeder Schlag, der sie traf, ihre Tochter verschonte.â
Kron-HĂŒbschke || âEs war nie leicht gewesen, Krönchen zu durchschauen. Ihre Stimmungen wechselten schnell, und Kathrin hatte sie schon im Alter von drei Jahren dabei ertappt, wie sie mit einem Handspiegel im Badezimmer saĂ und GesichtsausdrĂŒcke ĂŒbte: schmollen, lĂ€cheln, flirten, Wut. Was, wenn Krönchen log, nicht aus bösem Willen, sondern so, wie Kinder eben manchmal die Wahrheit verdrehten, wenn die Phantasie mit ihnen durchging? Ein Abgrund öffnete sich vor Kathrins FĂŒĂen. Im nĂ€chsten Augenblick krampfte sich ihr Herz zusammen bei der Vorstellung, welche Ăngste die Kleine in Hildes nĂ€chtlichem Haus ausgestanden haben mochte. Die Sehnsucht danach, ihrer Tochter zu glauben, war exakt gleich stark mit dem Wunsch, die schlimme Geschichte möge nur in Krönchens Einbildung passiert sein. Zwischen diesen beiden Fronten wurde Kathrin auf das Format einer Rabenmutter zusammengedrĂŒckt.â
(Juli Zeh | Unterleuten)
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âDer Mittag in der Siedlung ist still. Die HĂ€user liegen verlassen, die Leute kommen erst zum Feierabend zurĂŒck. Stella ist gerne alleine. Sie kann sich gut mit sich selber beschĂ€ftigen, mit dem Garten, den BĂŒchern, dem Haushalt, der WĂ€sche, den langen Telefonaten mit Clara, der Zeitung, dem Nichtstun. FrĂŒher hat sie zusammen mit Clara in der Stadt in einem Mietshaus gewohnt, in einer StraĂe mit vielen CafĂ©s, Bars und Clubs; die Leute saĂen direkt vor der HaustĂŒr an Tischen unter Sonnenschirmen und Markisen, und ihre Stimmen und GesprĂ€che, ihre Sorgen, Vermutungen, Versprechungen, exzessiven AusfĂŒhrungen ĂŒber GlĂŒck und UnglĂŒck klangen in der Nacht bis hoch in Stellas und Claras Zimmer hinein. Niemals. FĂŒr immer. Je wieder, nie mehr, bis morgen, auf Wiedersehen. Das ist nicht lange her. Stella kann nicht sagen, dass sie dieses Leben vermissen wĂŒrde. Sie ist heute gerne alleine, frĂŒher war sie nicht gerne alleine, so einfach ist das, sie weiĂ nur nicht mehr genau, wann diese VerĂ€nderung eigentlich eingetreten ist. (âŠ)
Das liegt an diesen Kindern, sagt Clara. Sie fressen dich auf. Stella denkt daran, wenn sie morgens mit Ava am KĂŒchentisch sitzt und ihr zusieht, wie sie eine Banane isst, Tee mit Honig trinkt.
Clara sagt, ihr fresst uns auf. Stimmt das, Ava?
Avas Lachen klingt erstaunt. Empört und ein wenig ertappt.â
(Judith Hermann | Aller Liebe Anfang)
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âWenn sie pĂŒnktlich um acht Uhr fĂŒnfundzwanzig zur Arbeit erschien, hatte sie schon zwei Stunden in Gesellschaft ihrer Kinder verbracht. Sie weckte die drei jeden Morgen um sechs und kutschierte sie dann zu drei verschiedenen Schulen, erinnerte unterwegs jedes an eine spezielle Aufgabe. Ihren Sohn in der Grundschule warnte sie, er solle sich von der BrutalitĂ€t im Internet nicht hinreiĂen lassen. Ihren Sohn in der letzten Klasse Mittelstufe warnte sie vor langfristigen FolgeschĂ€den aller möglichen Drogen. Ihrer Tochter in der Oberstufe malte sie in allen Einzelheiten die Qualen des KreiĂsaals aus. Stiegen die Kinder, bis in die zarten Seelen erschĂŒttert, aus dem Wagen, mussten sie sich natĂŒrlich erst einmal beruhigen. Der Kleine, indem er schwĂ€chere Kinder auf dem Schulhof bedrohte, der Zweite, indem er am Zaun etwas sĂŒĂ Riechendes rauchte, und die Tochter traf sich auf einen hastigen Liebesakt mit einem Jungen, der gegenĂŒber der Schule wohnte.â
(Ayelet Gundar-Goshen | LĂŒgnerin)
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âIn my frustration and misery I would wind myself up every day as if I were my old toy monkey with my cymbals, listen to myself crash them, and then, nota bene, I would cry and, when I cried, I would long for my mother, not the small dying mother in the hospital but the big mother of my childhood, who had held and rocked me and tutted and stroked and taken my temperature and read to me. Mommyâs girl, except Mommy was not oversized but short and curvy and wore high heels. Your father likes my legs in heels, you know. But then, after I had wailed for a while, I would remember the wet shine of two fallen tears on my motherâs shrunken cheeks and the IV in her blue-veined hand many years later. I did not say, Youâll get well, Mommy, because she would not get well. Who knows how long Iâll last? Not long. And yet in hospice, my mother fussed about food, the sheets, her pajamas, the nurses. A week before she died, she asked me to open her purse and apply a little lipstick because she was too weak to do it herself, and when she lapsed into a morphine haze at the very end, I took out the gold tube and dabbed her thin mouth with the rose-solored stick.
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Orphaned.â
(Siri Hustvedt â The Blazing World)
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âDurch die Kinder haben sich die TagesablĂ€ufe verschoben. FrĂŒher hĂ€tte man sich bei Einbruch der DĂ€mmerung zum ersten Aperitif getroffen, nicht am helllichten Tag zum Abendessen. Aber das ist normal, es geht ihnen allen so, der ganzen Armee von Einzelkindereltern. Es gab Zeiten, als Britta bis Mitternacht arbeitete, bis mittags schlief und die erste feste Nahrung des Tages am frĂŒhen Nachmittag zu sich nahm, meistens ein Sandwich, das Babak, der ebenfalls kein Morgenmensch ist, in die Praxis mitbrachte. Aber dem hat Baby-Vera vor sieben Jahren ein Ende gesetzt. Nur manchmal spĂŒrt Britta noch einen leichten Schwindel, fast wie Erschrecken, Symptome eines existenziellen Jetlags.â
(Juli Zeh | Leere Herzen)
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âDie fĂŒr alle gedachte ErzĂ€hlweise lautet, das MĂ€dchen hat Fenster geputzt, ist von der Leiter gefallen und ĂŒbers GelĂ€nder gestĂŒrzt. Ja, auch das wĂ€re möglich, MĂĄrta. Denken wir uns einfach, es wĂ€re möglich. Dass ein vierzehnjĂ€hriges MĂ€dchen Fenster putzt und ausrutscht. Könnte sein. Aber mein Kopf denkt etwas anderes. Denkt und denkt. Kann nicht aufhören. Schreit in alle Abzweigungen seines weitlĂ€ufig-undurchsichtig verĂ€stelten Hirns. Es ist nicht wahr! Ihr lĂŒgt! Ihr alle lĂŒgt!
Das MĂ€dchen ist still und höflich. Als SchĂŒlerin fleiĂig, hilfsbereit. Mager, mit diesen Giraffenbeinen, die knapp unter dem Kinn aufhören. Ja, das passt natĂŒrlich. Zu meiner Vermutung, hinter verschlossenen TĂŒren geschehen Dinge, von denen niemand wissen darf. Auch wenn die Mutter immer aufgerĂ€umt freundlich wirkt. Vielleicht zu freundlich. In allen GesprĂ€chen ĂŒber die MaĂen interessiert. Sie schreibt das Protokoll an den Elternabenden. Bastelt die Lose fĂŒrs Sommerfest. Sammelt ĂŒber Wochen Preise fĂŒr die Tombola. Bereitet die Skifreizeit vor. Ist fĂŒr jede Spendenaktion zu haben. FĂŒr jedes WĂ€ndestreichen. Tischeaufstellen. Kuchenbacken.
Dennoch hat es mich nicht ĂŒberrascht, MĂĄrti. Weil ich ja weiĂ, alles ist möglich, jeder trĂ€gt alles mit sich. Also auch die Möglichkeit, als Furie ĂŒber ein Boot zu stapfen und die eigenen Kinder ins offene Meer zu werfen. Nur weil eines auf die Sitze gespuckt hat. Als sollten sie ertrinken. Als wĂ€re es gleich, ob sie auftauchen. Warum sollte man sein Kind dann nicht auch zu einem Vorsprung vor einem Fenster drĂ€ngen, von dem es sich hinabstĂŒrzt? In kleinen zĂ€hlbaren Schritten? Ăber Monate, Jahre? DafĂŒr muss ich nicht selbst Mutter sein. Um mir das vorstellen zu können. Muss ich das auch bei Dir befĂŒrchten?â
(Zsuzsa Bånk | Schlafen werden wir spÀter)
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âSollte ihren beiden Söhnen etwas zustoĂen, wĂ€re ihr Leben vorbei. Dann wĂ€re sie am Ende, nichts ginge mehr. Trotzdem wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen verbringen. Kam einer von ihnen ins Zimmer, stieg ihr Puls, als wĂ€re sie eine Angestellte, die sich vor der Arbeit drĂŒckte, und als wĂ€ren Jonas mit seinen zwanzig Jahren sowie Martin mit seinen achtzehn ihre autoritĂ€ren Chefs. Ingrid wusste immer, wann sie Geld haben wollten: Dann waren ihre Gesichter offen und freundlich, fast so wie frĂŒher. Anfangs war sie darĂŒber traurig gewesen. Wie bei einem LiebesverhĂ€ltnis, das zu Ende war, dachte sie, wenn die beiden durchs Haus trampelten und nur lĂ€chelten oder ihr in die Augen sahen, sobald sie Geld brauchten.
Kommst du heute zum Essen?, fragte sie manchmal per SMS, und wenn die Antwort, falls eine Antwort kam, nein lautete, ohne groĂen Anfangsbuchstaben, ErklĂ€rung oder Entschuldigung, schrieb sie zurĂŒck: Okay. Dann hebe ich dir eine Portion auf :â) An mir soll es nicht liegen, dachte Ingrid, wĂ€hrend sie auf Senden drĂŒckte.â
(Nina Lykke | Aufruhr in mittleren Jahren)
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âShe grew anxious that she was not anxious about the things you were meant to be anxious about. Her very equanimity made her anxious. It didnât seem to fit into the system of images. She drank and ate as before and smoked on occasion. She welcomed, at last, the arrival of some shape to her dull straight lines.
Of the coming birth her old friend Layla, who had three children already, said: âLike meeting yourself at the end of a dark alley.â
That was not to be for Natalie Blake. The drugs she requested were astonishing, transcendent; not quite as good as Ecstasy yet with some faint memory of the lucidity and joy of those happy days. She felt euphoric, like sheâd gone clubbing and kept on clubbing instead of going home when someone more sensible suggested the night bus. She put her earphones in and danced around her hospital bed to Big Pun. It was not a very dramatic event. Hours turned to minutes. At the vital moment she was able to say to herself quite calmly: âOh, look, Iâm giving birth.â
Which is all to say that the brutal awareness of the real that she had so hoped for and desired â that she hadnât even realized she was counting on â failed to arrive.â
(Zadie Smith â NW)
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Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen â
Sophie: Damit der Rauch nach drauĂen zieht.
Daniel: Damit sie wÀhrenddessen weinen kann.
Sophie: â
Daniel: Wie heiĂt du?
Sophie: Sag ich nicht.
Daniel: Ich heiĂe Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen MĂ€nner in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen muss. Ich bin nĂ€mlich ausreichend.
Sophie: Marlboro rot bitte. Gleich zwei. Dann reicht es fĂŒr morgen auch.
Daniel: Einmal winke ich ihr vom KĂŒchenfenster aus zu, und meine Mutter sieht es, und haut mir eine solche Watschn runter, dass mir Hören und Sagen vergeht. Dabei schielt sie ja selber immer öfters rĂŒber, seit sie sich mit dem Papa streitet, weil der Papa gegenĂŒber, mit seinem groĂen, gemĂŒtlichen Bauch, der wird ĂŒberhaupt nie grob, der baut sich eine Burg aus der Zeitung und Kaffee und einem Turm Croissants, und da gibt es keinen Zutritt. Sonst immer Frieden.
Sophie: Wer ist er, der jetzt eines meiner Leben fĂŒhrt? Hallo?
Daniel: Manchmal sehe ich, wie sie ihre Lippen bewegt und ich bilde mir ein, sie grĂŒĂt mich.
Sophie: Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bin nur noch ich da. (âŠ)
Daniel: Die Mutter sackt wie ein Brett weg, knallt mir dem Kopf auf die Tischkante und das Knacken höre ich durch die geöffneten Fenster, und spĂ€ter sagen sie â
Sophie: Sie hat GlĂŒck gehabt, dass es so gekommen ist.
Daniel: Weil, wie wÀre es sonst gekommen?
(Yael Inokai | Marlboro rot)
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Damals gab es fĂŒr mich zwei Arten von MĂŒttern: MĂŒtter, die sich schminkten, und MĂŒtter, die sich nicht schminkten. MĂŒtter, die immer kochten und sich fĂŒr Kinder nicht weiter interessierten, und MĂŒtter, die nicht kochten und Kindern immer alles sehr, sehr genau erklĂ€rten. Maman-Bozorg und Maman gehörten in die erste Kategorie, Frau Steffens in die zweite, ebenso wie Swantje, die Freundin meines Vaters. Swantje, hatte mein Vater einmal gesagt, sei Genossin. Daher tippte ich darauf, dass Frau Steffens auch Genossin sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese zwei Arten von Frauen miteinander in Kontakt treten konnten. Es war, als lebten sie in unterschiedlichen Galaxien. Meine Mutter und Swantje habe ich nie gemeinsam in einem Raum gesehen.
(Sechzehn Wörter | Nava Ebrahimi)
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âDamals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhĂ€ngen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhĂ€ngt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wĂŒnscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich Ă€hneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hĂ€tte es gerne genauso gehalten, aber ich fĂŒrchte, es gibt bei mir nichts zu verknĂŒpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fĂŒnfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede ĂŒber Musik wie andere ĂŒber Essen.
âScheiĂe, Mamaâ, brĂŒllt Helli.
Es gibt einen Knall und ein hĂ€ssliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem BĂŒrgersteig, und Helli schreit mich an:
âWas machst du denn? Wir hĂ€tten tot sein können.â
Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben mĂŒssen.â
(Sieh mich an | Mareike KrĂŒgel)
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âSuleika senkt ihr Gesicht auf Jusufs Köpfchen. Wieder ist Ignatow mit leeren HĂ€nden von der Jagd zurĂŒckgekommen. Es gibt nichts zu essen, also wird sie auch keine Milch haben. Die ist ĂŒberhaupt viel weniger geworden, auch wenn sie gegessen hat. Es begann mitten im Winter. Anfangs glaubte sie, das komme von dem kargen Essen. Aber als sie sich im Januar eine Woche lang an dem fetten, appetitlichen Elchfleisch hatten satt essen können und die Brust sich trotzdem nicht fĂŒllte, wurde ihr klar, dass ihre Milch zu Ende ging. (âŠ) Gesalzenes mochte er nicht und begann zu schreien. Daher konnte sie ihn nicht mit Trockenfisch fĂŒttern. Als sie mehrere Tage nacheinander hungerten, versuchte Suleika die aromatischen ZĂ€pfchen an den Fichtenzweigen zu kochen, aber diese pflanzliche Nahrung verursachte bei dem Kleinen grasgrĂŒnen, klebrigen Durchfall. (âŠ) Da Suleikas Gedanken stĂ€ndig um ihren Sohn kreisten, vergaĂ sie oft ihren knurrenden Magen. Sie spĂŒrte einen ziehenden Schmerz in den Eingeweiden und fĂŒhlte sich zuweilen sehr schwach. Sie hatte groĂe Angst, krank zu werden. Wer sollte sich dann um Jusuf kĂŒmmern? (âŠ)
In der ErdhĂŒtte ist es still geworden. Die Umsiedler schlafen dicht aneinandergedrĂ€ngt. (âŠ) Jusuf zuckt zusammen und bewegt sein NĂ€schen (âŠ). Er riecht die Milch. Gleich wird er aufwachen. So geschieht es auch. Er krĂ€chzt und stöhnt, schluchzt ein paarmal leise auf und lĂ€sst sein hungriges, forderndes Geschrei ertönen. Suleike flĂŒstert ihm leise etwas zu und nimmt ihn in den Arm. So schnell wie möglich, mit den Fingern in den verschlissenen Knopflöchern steckenbleibend, öffnet sie ihr Kleid. Sie greift nach der schlaffen, leichten Brust und schiebt sie in den gierig geöffneten Mund des Kleinen. Jusuf lutscht wie wild daran herum, da aber keine Milch kommt, spuckt er sie wieder aus. Nun weint er noch lauter. (âŠ) Das winzige Gesicht lĂ€uft augenblicklich rot an, die FĂ€ustchen fahren durch die Luft. Suleika (âŠ) beginnt Jusuf zu wiegen. (âŠ) Manchmal ist es ihr schon gelungen, ihn mit gleichmĂ€Ăigem Wiegen, SchĂŒtteln, Zureden und FlĂŒstern einzuschlĂ€fern, ohne dass sie ihn gefĂŒttert hatte, und so ein paar zusĂ€tzliche Stunden ohne sein Geschrei zu gewinnen. (âŠ) Sie drĂŒckt ihre Lippen auf die heiĂe, verschwitzte Stirn. Sie raunt ihm halb vergessene Wiegenlieder in das winzige Ohr, flĂŒstert und beschwört. Sie wiegt ihn zunĂ€chst sanft, dann immer stĂ€rker und heftiger. (âŠ) Suleika schĂŒttelt den angespannten, sich nach hinten biegenden kleinen Körper. Sein Geschrei ist inzwischen so laut und schrill, dass ihr die Ohren weh tun. Die Leute auf den Pritschen drehen sich seufzend von einer Seite auf die andere, aber sie schlafen weiter. Sie sind diesen LĂ€rm schon gewöhnt. (âŠ)
Suleika tritt an den Topf heran und nimmt den Löffel. Sie umschlieĂt den Stiel mit der Faust und fĂ€hrt mit dem scharfen Rand der Muschel in den Mittelfinger der anderen Hand. Aus dem kurzen, aber tiefen halbrunden Schnitt sprudelt es dick und rot hervor. Rasch geht sie zur Pritsche zurĂŒck und steckt den Finger ihrem Sohn in den Mund. Sie spĂŒrt, wie sich seine heiĂen Kiefer sofort darum schlieĂen, darauf beiĂen und ihn hineinsaugen. Jusuf saugt gierig, stöhnt und beruhigt sich allmĂ€hlich. Noch ist sein Atem schnell, noch zucken seine Ărmchen ab und zu. Aber er schreit nicht mehr, sondern trinkt ganz ruhig, wie er es vor einiger Zeit an ihrer Brust getan hat. Suleika kann sehen, wie das Blau auf seinen winzigen Lippen weicht, die Wangen sich rosig fĂ€rben, wie ihm, mĂŒde und satt, die Augen zufallen. In den Winkeln des kleinen Mundes erscheinen ein paar rote BlĂ€schen, platzen und laufen als gewundene Spur das Kinn hinab.â
(Suleika öffnet die Augen | Gusel Jachina)
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âXane drehte das Gesicht halb in das Kopfpolster, als sie Sally sah. Sallys Körper wollte rĂŒckwĂ€rts aus dem Zimmer, sie kĂ€mpfte wie ein Flugzeug gegen die Erdanziehung, noch drei Schritte, brumm, und sie saĂ neben dem Bett. Sie legte Xane die Bonbonniere auf die Bettdecke und bemerkte zu spĂ€t den Drainageschlauch, der darunter hervorhing. Sie riss die Schachtel in die Höhe. Entschuldige, tut das weh, fragte sie.
Nein, sagte Xane heiser, man kommt inzwischen ohne Bauchschnitt aus, und wieder zerfiel ihr das Gesicht und wurde rot und flĂŒssig.
Xane, begann Sally, das ist keine Tragödie, du bist jung und âŠ
Sag du mir nicht, was eine Tragödie ist, fauchte Xane unter TrÀnen, du hast ein Kind, das du gar nicht wolltest, warum bist du gekommen, ich wollte niemanden sehen.
Sally schwieg und sah auf die Bonbonniere.
Magst du eine, flĂŒsterte Xane, und sie nickte.
Sally öffnete die Schachtel, und so aĂen sie die Pralinen, eine nach der anderen.
Ich hab gar nicht gedacht, dass du eigene Kinder willst, sagte Sally.
Xanes Augen liefen wieder ĂŒber, und sie rieb sich die FĂ€uste hinein. Sie wollte nicht weinen und weinte umso mehr, je wĂŒtender sie es zu bekĂ€mpfen suchte.â
(Eva Menasse â Quasikristalle)
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âDann sah ich Giles. Er lag auf dem Boden am Rand der Klippe, als wĂ€re er gerade aus groĂer Höhe heruntergestĂŒrzt. Ich hatte sein Handy nicht mitgenommen, wĂŒrde ihn dort liegen lassen und mit den Kindern zum Haus zurĂŒcklaufen mĂŒssen, und wenn Raph ihn erst sah, wĂŒrde er nicht weggehen wollen. Wir hĂ€tten unser Testament machen sollen. Die Insel Raph zu treuen HĂ€nden, das Haus in Oxford mir, zurĂŒck zu Kindergarten, Schlaf â das Ende des Krieges, ich die letzte verbliebene Erwachsene. Ein Leben als Alleinerziehende lockte, mit ruhigen Abenden und heiĂer Schokolade. Wir könnten FischstĂ€bchen und Pfirsiche aus der Dose essen, ohne zu sĂŒndigen. Wie sollte ich jemals wieder heiraten, nachdem Körper und Geist von kleinen Kindern zerstört worden waren? â âPapa!â (âŠ) Giles rollte sich herum und stand auf. âWas?'â
(Sarah Moss â Schlaflos)
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âSie hatte sich von ihren Freundinnen abgewandt. Sie wollte nicht, dass man sie als Mutter bezeichnete, âdie ihre beiden Töchter allein aufzogâ, auch nicht als âunverheiratetâ und noch weniger als eine, âdie anfangen muss, sich ein neues Leben aufzubauenâ. Sie hatte nichts mit all diesen Verlorenen gemein, die sich dazu verstiegen, sie als eine der Ihren zu betrachten.
(âŠ)
Die einzige Gesellschaft, die Claire jetzt ertrug, waren unverheiratete Freundinnen in ihrem Alter, die keine Kinder hatten. Das waren die einzigen Frauen, die ihrer Meinung nach unter ihr standen, mit denen sie sich also treffen konnte, ohne zu befĂŒrchten, dass der Vergleich zu ihren Ungunsten ausfiel. Aber sogar die machten sie am Ende nervös. Elise, seit zwei Jahren ihre beste Freundin, war vierzig. Sie hatte kein Kind, die Arme behauptete, das fehle ihr nicht. Claire hörte sich ihre LĂŒgen an, mit der mĂŒtterlichen Geduld derjenigen, die weiĂ, dass die andere ihre Verzweiflung nicht eingestehen kann. Was sollte das sein, ein Frauenleben ohne Kinder, ohne diesen elemanteren Fixpunkt, um den sich das Leben organisiert, Claire dachte lieber nicht zu viel darĂŒber nach und ertrug Elises SchmĂ€hreden wohlwollend, ohne mit der Wimper zu zucken.â
(Virginie Despentes â Apokalypse Baby)
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âEr schaute in den RĂŒckspiegel und zog im selben Moment zum vierten Mal die Nase auf, laut und feucht. Ben fuhr zusammen.
So kann ich nicht schlafen, schimpfte er, schneuz dir die Nase und hör auf damit! Du hÀttest ihm auch etwas sagen können!
Ich war gerade dabei, sagte sie.
Ben schĂŒttelte den Kopf. Haben wir TaschentĂŒcher, fragte er.
Haben wir eine Trinkflasche, fragte eine schnippische Stimme in Jennas Kopf, haben wir eine Ersatzwindel mit, haben wir noch Waschmittel, Klopapier, GlĂŒhbirnen, wo haben wir eigentlich die Heftpflaster, haben wir an Sonnencreme gedacht. Auf alle diese Fragen hĂ€tte ihre Antwort gelautet: Ja, ich habe, nicht du, deshalb haben wir jetzt.
Aber das war eines der verbotenen Themen. Da Ben zur ersten selbstbewussten Generation der engagierten VĂ€ter gehörte, fand er jede Kritik an sich und seinesgleichen grundsĂ€tzlich unzulĂ€ssig. Er lieĂ einzig den Vergleich mit seiner VĂ€tergeneration gelten, dagegen sahen die neuen VĂ€ter natĂŒrlich aus wie Helden im Strahlenkranz. Davon abgesehen, schrie er bei einschlĂ€gigen Diskussionen mit unĂŒberwindlicher Wut, machen wir alles genauso wie ihr Frauen: So gut wir es eben können.
Sie sind in meiner Handtasche, sagte Jenna, und verkniff sich ein Wie-immer.â
(Eva Menasse | Tiere fĂŒr Fortgeschrittene)
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âUnd Helen wĂŒrde sich weiter anstrengen, all das auszugleichen und glattzuschleifen und wieder geradezurĂŒcken, was Paul mit seiner Sucht, seiner Krankheit einkerbte und verschob. Sie wĂŒrde immer ein bisschen mehr gute Laune haben als er schlechte, sie wĂŒrde die Stimmung in diesem Haus auf einem ertrĂ€glichen Niveau halten, sie wĂŒrde viel lĂ€cheln und dem Kind gegenĂŒber die gelassene Mutter geben, und sie wĂŒrde nur weinen, wenn niemand in der NĂ€he war. Sie wĂŒrde die Scherben von dem Glas wegkehren, das Paul auf den Boden fallen hatte lassen, sie wĂŒrde, bevor sie mit dem Kind die Wohnung verlieĂ, Paul eine fertig vorbereitete Bialetti auf den Herd stellen, sie wĂŒrde die verkohlte Pfanne auskratzen oder sie wegschmeiĂen und eine neue besorgen, sie wĂŒrde das im Suff eingeschlagene Fenster reparieren und den SchlĂŒssel nachmachen lassen, den er verloren hatte, sie wĂŒrde sein blutiges Hemd waschen und seine Schulden bezahlen. Sie wollte das, sie wollte, dass das funktionierte. Es war ihr Lebensplan, und dieses bissl Sucht wĂŒrde diesen Plan nicht ruinieren. Auch nicht seine schlechte Laune, wenn er verkatert war. Sie konnte das. Sie konnte das ja. (âŠ) Sie waren ja eine glĂŒckliche Familie. Es waren ja nur ein paar Kratzer. Und die wĂŒrde Helen reparieren, es wĂŒrde gut aussehen von auĂen.â
(Doris Knecht | Alles ĂŒber Beziehungen)
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âSchnitzel gart Liat im Backofen. Das ist gesĂŒnder und unkomplizierter. (âŠ) Wenn Etan kommt, deckt er den Tisch und macht den Kartoffelbrei. Das ist seine SpezialitĂ€t. Jahali wird fragen, ob man beim Essen fernsehen darf, und sie wird verneinen, in der Hoffnung, standhaft zu bleiben. Stattdessen wird sie ihn fragen, wie es im Kindergarten war, und Itamar, wie es in der Schule war, und Etan, wie es bei der Arbeit war. Diese Frage war eine direkte Fortsetzung des Kartoffelbreis und der Schnitzel, des Shampoodufts von den Köpfen der Kinder und den KakaoglĂ€sern auf der ArbeitsflĂ€che. Doch eine Familie am Tisch besteht eigentlich aus lauter einzelnen Zeitbröseln. Keiner weiĂ, worĂŒber die anderen heute beschĂ€mt oder stolz gewesen sind. Was sie gewollt, was sie verabscheut haben. Sie sprechen nicht darĂŒber. Sie futtern Schnitzel und Kartoffelbrei. Und nur Liat, in ihrer vagen Unruhe, will unbedingt von jedem eine Antwort erhalten. Nicht nur âAlles okayâ, sondern was wirklich war, um diese Erlebnisbrösel gut zu einem Ganzen zu formen, so wie sie vorher die Semmelbrösel an das feuchte, rosarote Fleisch gedrĂŒckt hat.â
(Löwen wecken | Ayelet Gundar-Goshen)
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âEin Geschlecht ohne VĂ€ter, ohne MĂ€nner.
So könnte Calixe ihre Familie beschreiben. Wenn sie zurĂŒckblickte, gab es dort weit und breit keinen Mann. Dennoch handelte es sich nicht um eine unbefleckte EmpfĂ€ngnis. Sie hatten existiert, ganz zu Anfang, doch sie verschwanden, sobald ihr Samen sich behaglich in der WĂ€rme eingenistet hatte.
Und die Töchter, die danach kamen, waren eine lebenslange schmerzhafte Erinnerung an die Abwesenheit, die wie ein Schatten ĂŒber ihnen schwebte und sie daran hinderte, Anschluss an ein Leben zu finden, wie es hĂ€tte sein sollen. Es hatte die Töchter scheu gemacht.
Ihre Mutter hatte sie eines abends gekĂŒsst und ins Bett gebracht, danach hatte sie sich selbst hingelegt, mit einer Handvoll Pillen und einem Glas Leitungswasser. Am nĂ€chsten Morgen hatte Calixe zunĂ€chst gewartet und danach vergeblich versucht, sie zu wecken. Es hatte Jahre gedauert, bis sie nicht mehr glaubte, es habe an ihr gelegen, dass ihre Mutter nicht mehr hatte aufwachen wollen.â
(Rachida Lamrabet | Ăber die Liebe und den Hass)
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ââErzĂ€hl mir von deinen Kindernâ, bat er.
âWarum?â, flĂŒsterte sie, fast ohne Stimme.
âWeil du sie liebst.â
Sie seufzte, ihre Brust und mit ihr sein Kopf hoben sich, sanken wieder. Dann schob sie ihn weg, setzte sich auf, Blick zum Fenster, die Arme um den Oberkörper geschlungen. âEs ist eine Illusion, Thomasâ, sagte sie. âNichts bleibt.â (âŠ)
âUnd die Zeit rast jaâ, fuhr sie fort, âsie ĂŒberholt dich auf deinem Weg, denn du trittst auf der Stelle, nur dass du immer Ă€lter wirst, es ist eher so, als ob man unter deinen FĂŒĂen den Boden wegzieht, immer weiterzieht, obwohl sich nichts Ă€ndert, oder es Ă€ndert sich zum Schlechteren, fast unmerklich Ă€ndert sich jeden Tag alles zum Schlechteren, du kannst die Zeit nicht zurĂŒckholen, du verlierst immer mehr Illusionen, jeden Tag eine andere kleine Illusionâ, sie senkte den Kopf, rieb mit dem Kinn ĂŒber ihre Schulter, âund es ist nun einmal so, es ist ein Trugschluss: Deine Kinder sind keine Lebensversicherung, sie können deine Leere nicht ausfĂŒllen, es ĂŒberfordert sie, kein Kind kann seine Eltern retten, und niemand kann das Leben seiner Kinder leben.â Sie schwieg, ihr Gesicht wandte sich in die Dunkelheit des Gartens.
âAber du liebst sie, das ist das Wichtigsteâ, sagte er.
Zwei stille Minuten vergingen.
âWir verlieren, was wir liebenâ, flĂŒsterte sie.â
(Monika Zeiner | Die Ordnung der Sterne ĂŒber Como)
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âMit Frauen war es auch alles nicht so einfach, aber deutlich besser. Eva gestand Chrystyna, dass sie bisher noch mit keiner Frau zusammengewesen sei, von der sie den Eindruck hatte, sie sei ihr ebenbĂŒrtig, wie Chrystyna es war. Meist hatte sie sich Partnerinnen gesucht, die emotional von ihr abhĂ€ngig und deutlich schwĂ€cher waren als sie. Meist waren sie fast ĂŒbertrieben weiblich und sehr hĂŒbsch, aber nicht ĂŒbermĂ€Ăig intelligent und oft hysterisch. Ihre Therapeutin erklĂ€rte das mit einer erstarrten Gestalt aus Evas Kindheit: Als typische âPapatochterâ wĂŒrde sie fĂŒr ihre Beziehungen stets nicht weniger typische âMamatöchterâ wĂ€hlen, Frauen, die keine Beziehung zu ihrem Vater aufbauen konnten, entweder aufgrund dessen Abwesenheit oder GleichgĂŒltigkeit oder im Gegenteil aufgrund ĂŒbertriebener Aufmerksamkeit. Wie die Therapeutin erklĂ€rte, wĂŒrden VĂ€ter, die in ihrer Ehe keine ErfĂŒllung finden, versuchen, dies in der Beziehung zu ihrer Tochter zu kompensieren und ihr dadurch eine fast vollwertige Erwachsenenbeziehung vortĂ€uschen, und wenn sie dann von ihrer Tochter zu einer wirklich erwachsenen Frau gehen, wĂŒrde das Kind das als Verrat auffassen und das GefĂŒhl haben, fĂŒr eine andere Frau verlassen worden zu sein.â
(Natalka Sniadanko | Frau MĂŒller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen)
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âFrau Yukawaâ, sagte Dr. Ballon schlieĂlich und seine Stimme klang so warm, so vertrauensvoll, dass Makiko hĂ€tte lachen mögen. âSie sind verwirrt. Schockiert. Das ist ganz normal!â, sagte er und lehnte sich in seinem Sessel zurĂŒck. âEine Schwangerschaft ist letztlich immer eine kleine Revolution. Besonders ââ, er lĂ€chelte vielsagend, âwenn sie einen ĂŒberrascht. Zudem bedeutet ein Kind fĂŒr eine vielbeschĂ€ftigte Frau wie Sie sicherlich eine Umstellung, Kinder verlangen eine neue Organisation ââ Makiko ballte ihre HĂ€nde zu FĂ€usten: Dieser Fremde erklĂ€rte ihr, was die Schwangerschaft von ihr forderte? Er sprach von ihrem Kind, als wĂ€re es bereits da? Makiko erkannte, dass der Moment gekommen war, um das GesprĂ€ch in eine andere Richtung zu lenken, sie richtete sich auf, brach die Starrheit ihrer Glieder, was mehr Kraft kostete als erwartet.
âUnd wenn ich ââ, sie stockte, sah, wie Dr. Ballon die Augenbrauen hob. âWenn ich mich ââ, wieder hielt sie inne. Etwas in ihr zögerte vor dem Wort âEntscheidungâ und doch musste sie wissen, wie viel Zeit ihr blieb, sie brauchte so viel Zeit wie möglich.
âBis wann mĂŒsste es passieren, wenn ich es ââ Dr. Ballon verstand anscheinend noch immer nicht. Da legte Makiko zur ErklĂ€rung die Hand auf ihren Bauch: âWenn ich es nicht behalten will.â
Jetzt verstand Dr. Ballon und sein Gesicht verdunkelte sich.
(Hannah DĂŒbgen â Strom)
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âBald danach war ich mit deinem Bruder schwanger und nichts deutete mehr auf mein frĂŒheres Leben hin, nicht einmal meine Platten standen im Wohnzimmer. Keine Last-Minute-Anrufe aufgebrachter Regisseure morgens um drei, mal eben noch schnell diese oder jene âDialogtapeteâ zu verĂ€ndern. Schon gar keine philosophischen Diskussionen, die uns ja sowieso nur wegen der Joints so ungemein bedeutsam erschienen waren. Behauptete ich dann.
Stattdessen bekam ich endlich ausreichend Schlaf und lernte, mit echtem GemĂŒse zu kochen. Nach den Rezepten meiner GroĂmutter Irma, und meine Mittagessen begannen, nach den Sommerferien meiner Kindheit zu schmecken.
Wir stellten unseren Fernseher in den Keller, nachdem ich Tom mit der ruhigen Bestimmtheit einer Schwangeren erklĂ€rt hatte, dass sowohl die Strahlen als auch die GerĂ€usche, die aus einem technischen GerĂ€t kamen, unser Baby irreparabel in seiner Entwicklungen beeintrĂ€chtigen wĂŒrden. Auch vorgeburtlich.
(âŠ)
Wir kaufte Dinkelkissen fĂŒr die Kinderbetten, trugen euch in TagebĂŒchern aus Biobaumwolle. Unsere GĂ€ste wiesen wir an, kein Plastikspielzeug zu bringen, wie alle Eltern das taten.
Ich habe mich hineingelegt in mein neues Leben, das mit einem Male so reibungslos zu funktionieren schien, nach Regeln, die ich fĂŒr uneinhaltbar fĂŒr mich gehalten hatte. Vorsichtig hineingelegt habe ich mich, wie man sich in ein Schaumbad sinken lĂ€sst, angespannt, ob es nicht doch ein wenig zu heiĂ ist.â
(Pia Ziefle â Suna)
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âWeiĂt du, was ich glaube?â, fragte sie. âEiner Frau wie Jola wĂŒrde es guttun, ein Kind zu bekommen. Denk mal an Luisa. Oder Valentina. Wie nervös die immer waren. Und wie ruhig sie durch ihre Kinder geworden sind.â
Antje verfĂŒgte ĂŒber eine groĂe Anzahl spanischer Freundinnen, die sie um ihre blonden Haare beneideten und die allesamt entweder Kinder hatten oder Kinder erwarteten oder beides. Es Ă€rgerte mich maĂlos, dass Antje keine Gelegenheit auslieĂ, mir durch die Blume ihren eigenen Kinderwunsch zu prĂ€sentieren.
âMeinst du nicht, dass ihr ein Kind gut stehen wĂŒrde?â
Ich sagte: âDu weiĂt genau, dass ich keine Kinder will. Also hör auf mit dem ScheiĂ.â
(Juli Zeh â Nullzeit)
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âMeine Augen wanderten zwischen Kind und Mutter hin und her, wĂ€hrend das MĂ€dchen von kaum hörbarem FlĂŒstern ĂŒber erstickte EingestĂ€ndnisse zu heiserem, keuchendem Schluchzen wechselte. Das Gesicht der Mutter war ein recht getreues Abbild der Mimik des Kindes. Wenn Alice leise sprach, beugte sich Ellen angespannt vor, und ihre Lippen registrierten jede KrĂ€nkung mit winzigen Bewegungen. Wenn Alice weinte, verengten sich Ellens Augen, eine Falte erschien zwischen ihren Brauen, und ihr Mund verkrampfte sich zu einem dĂŒnnen, geraden Strich, aber sie weinte nicht. MĂŒtterliches Zuhören ist von besonderer Art. Die Mutter muss zuhören, und sie muss mitfĂŒhlen, aber sie darf sich nicht vollstĂ€ndig mit dem Kind identifizieren. Das erfordert eine erzwungene ZurĂŒcknahme, eine Distanz, die nur erreicht wird, indem sie sich gegen die gerade erzĂ€hlte Geschichte stĂ€hlt.â
(Siri Hustvedt â Der Sommer ohne MĂ€nner)
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âDarf man fragen, warum du plötzlich Lust hast zu weinen?â Ihr Gesicht war schon trocken, ihrer Stimme war noch etwas Weinerliches anzuhören. âEinfach so.â âIch habe nicht allzu viele MĂŒtter gesehen, die einfach so weinten, aber es ist dein gutes Recht.â
(Mira MagĂ©n â Als ihre Engel schliefen)
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Sie versuchte, Mutter zu sein, von einem Tag auf den anderen, und sie wird Leo nie vergessen, wie er das alles mitgemacht hat. Und weil sie es bald leid war, am Spielplatz den âGeburtsberichten in Echtzeitâ auszuweichen, bekamen sie Joshi. Als sie, viele Jahre spĂ€ter, noch einmal schwanger war, flĂŒsterte sie Leo ins Ohr: âEin Kind, ganz ohne Zwang und Zweck. Nur so.â Da wurde er aber böse.
(Eva Menasse â LĂ€ssliche TodsĂŒnden)
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âHannah Luckraft = (Wegen erzwungener Abwesenheit von Alkohol.) Kein Trinken mehr. (Wegen erzwungener Abwesenheit von Robert.) Kein Sex mehr. Und umgekehrt. Daher. Kein Trinken, kein Sex, keine Liebe, kein Robert, keine Freude. Daher. Kein Alles. Plus. (Wegen erzwungener Abwesenheit von allem.) Keine Kinder. Kein Kind. Daher. Hannah Luckraft = Nichts.â
(A. L. Kennedy â Paradies)
Medien und Wahrheit | PĂ€dagogische Hochschule
Referentin | Lehrveranstaltung âMedien und Wahrheit â Wie Fake News, Digitalisierung und Krisen einander befeuernâ | 8 UE
Das Seminar bietet Einblicke in wesentliche kommunikationswissenschaftliche Theorien. Dadurch werden die ZusammenhĂ€nge und Wirkmechanismen sichtbar, die beeinflussen, wie Ereignisse zu Nachrichten werden - zur StĂ€rkung der eigenen Medienkompetenz und deren Vermittlung in der Schule. Ein besonderes Augenmerk wird dabei darauf gelegt, wie ReprĂ€sentation, Selektion, Perspektive, Bildpolitiken und medial vermittelte Stereotype rund um Rassismus, Sexismus, Klassismus etc. unsere Wahrnehmung und damit letztlich die Wirklichkeit formen und (mit-)produzieren. (anrechenbar fĂŒr das DigikompP-Zertifikat)
Wintersemester 2019/20:
PH Oberösterreich
KPH Krems/Wien
Archiv:
SS 2019: PH Burgenland
WS 2018/2019: PH Burgenland und PH Niederösterreich
SS 2018: PH Oberösterreich

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Wissenschaftsbuch des Jahres 2019 | Shortlist
Ich durfte heuer als Ersatzmitglied Teil der Jury fĂŒr das âWissenschaftsbuch des Jahres 2019âł sein. Ende Oktober fand die Diskussion und Abstimmung der Shortlist statt, nun lĂ€uft bis Anfang 2020 die Publikumswahl: hier abstimmen.
Ein Tag im Jahr
Ich habe fĂŒr das Tagebuchprojekt von Susanne Hösel und Christina MĂŒller, die Christa Wolfs Ein-Tag-im-Jahr-Projekt (1960-2011) seit 2015 in die Gegenwart holen, heuer meinen 27. September dokumentiert: #einTagimJahr
northern things.
Auszugsweises | Die Presse
RESTAURATIONSWISSENSCHAFT. An der UniversitĂ€t fĂŒr angewandte Kunst Wien werden beschĂ€digte GemĂ€lde, Textilien und Objekte wieder auf Vordermann gebracht. Naturwissenschaftliche Methoden untermauern die historischen Befunde der Forschenden. Facelifting fĂŒr alternde Kunstwerke (Reportage, "Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)
SERIE. Die Sommerferien stehen bevor. Auch âDie Presseâ-Redaktion fiebert den sonnigsten Monaten des Jahres entgegen - mit persönlichen Anekdoten. Cool, cooler, MĂŒrzzuschlag (Serie Ferien-Countdown; Teil 9)
WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION. Die MitbegrĂŒnderin des österreichischen Science-Center-Netzwerks Barbara Streicher will bildungsbenachteiligte Menschen fĂŒr Wissenschaft begeistern. Jetzt wurde sie fĂŒr ihr Engagement ausgezeichnet. Wenn Mathe-Defizite Kavaliersdelikte sind (Interview, Print-Ausgabe, 29.06.2019)
NEUROTECHNOLOGIE. Grazer und Heidelberger Forscher entwickeln eine gedankengesteuerte Neuroprothese fĂŒr querschnittgelĂ€hmte Menschen. Sie soll den Betroffenen wieder ermöglichen, im Alltag nach Dingen zu greifen. Prothesen aus dem Labor der Gedankenleser (âDie Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)
BIOLOGIE. ForscherInnen kombinieren im EU-Projekt âNewcotianaâ molekulare Zuchttechniken, um neue Tabaksorten zu entwickeln. Dadurch soll es gelingen, Antikörper, Impfstoffe und Medikamente nachhaltig in den Pflanzen herzustellen: Labor-Shootingstar Tabak (Aufmacher âWissen & Innovationâ, Die Presse, 01.06.2019)
SOZIOLOGIE. WissenschaftlerInnen sollten gegenaufklĂ€rerische Graswurzelbewegungen ernst nehmen, sich aber nicht dazu verleiten lassen, internen Dissens zu verdecken, sagt der Soziologe Alexander Bogner im GesprĂ€ch mit der âPresseâ: âWir mĂŒssen unser Wissen besser verteidigenâ (Die Presse, Print-Ausgabe, 18.05.2019)
ZEITGESCHICHTE. Kinder des Krieges gibt es ĂŒberall auf der Welt. Interviews mit Betroffenen in Uganda, Indochina, Bosnien, im Baltikum und in Ăsterreich zeigen, dass sie alle Ă€hnliche Stigmatisierungen und IdentitĂ€tskrisen durchlebten: âIch war das Hassobjekt meines Stiefvatersâ (Die Presse, Print-Ausgabe, 11.05.2019)
SOZIALĂKOLOGIE. Hunderte WasserfĂ€lle, KieselstrĂ€nde, ein spektakulĂ€res Gebirge und alte PlatanenwĂ€lder â die griechische Insel Samothraki ist ein Paradies. Ein österreichisches Forschungsteam unterstĂŒtzt die Bevölkerung dabei, dass das so bleibt: Samothraki - ein Idyll kurz vor dem hausgemachten Kollaps (Aufmacher âWissen & Innovationâ, Die Presse, Print-Ausgabe, 11.05.2019)
KRIMINALSOZIOLOGIE. Das Internet spielt eine zentrale Rolle fĂŒr die Radikalisierung junger Menschen. Das will sich ein Wiener Forschungsteam zunutze machen â es arbeitet an der Entwicklung eines Videospiels zur ExtremismusprĂ€vention: Rettungsring fĂŒr radikalisierte Jugendliche (Aufmacher âWissen & Innovationâ, Die Presse, Print-Ausgabe, 27.04.2019)
KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT. Eine Online-Ausstellung macht die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der UniversitĂ€t Wien zu Pressefotografie und Bildkultur im Nachkriegsösterreich auch fĂŒr Schulen und interessierte Laien zugĂ€nglich: Ăsterreichische IdentitĂ€t im Blitzlichtgewitter (Die Presse, Print-Ausgabe, 06.04.2019)
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE. Der neue Ausstellungskatalog zur GedenkstĂ€tte Steinhof beleuchtet die Rolle der Wissenschaft, die letztlich die rassistische und tödliche Politik der Nazis legitimierte â und macht auch einen Schwenk in die Gegenwart: Tödliche NĂ€he von Heilung und Vernichtung (Die Presse, Print-Ausgabe, 30.03.2019)
ENTWICKLUNGSMEDIZIN. Je spĂ€ter Störungen wie Autismus diagnostiziert werden, desto geringer sind die Chancen, ihre Schwere einzudĂ€mmen. Es wird an Instrumenten zur FrĂŒherfassung gefeilt: Bei der Diagnose kindlicher Störungen hapert's (Aufmacher âWissen & Innovationâ, Die Presse, Print-Ausgabe, 23.03.2019)
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(Alle BeitrĂ€ge sind zuerst auf den samstĂ€glichen Wissensseiten der âPresseâ in Print erschienen. Online können Premium-Artikel mit regulĂ€rem Digitalabo bzw. Testabo, aber auch mit einem âTagespassâ gelesen werden.)

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Kollateralschaden
Gelb ist die Farbe der Eifersucht, haben sie gesagt. Also schrieb sie fortan âGrĂŒnâ in die FreundschaftsbĂŒcher, die unter den SchulbĂ€nken die Runde machten. Hoffnung, so befand sie, sei unverdĂ€chtig. OlivgrĂŒn, GrasgrĂŒn, FrĂŒhlingsgrĂŒn, LodengrĂŒn, BlattgrĂŒn, MoosgrĂŒn, SmaragdgrĂŒn, TannengrĂŒn, SeegrĂŒn, TĂŒrkisgrĂŒn. Bis sich ihre Augen selbst eines Tages geflissentlich tĂ€uschen lieĂen. Als sie es bemerkte, war es freilich lĂ€ngst zu spĂ€t und das Gelb verloren, wie sie bitter feststellen musste.
"Auch österreichische Forscher hatten Sklaven" | Interview
Christa Riedl-Dorn, Chefin des Archivs fĂŒr Wissenschaftsgeschichte im Naturhistorischen Museum Wien, stellt auĂergewöhnliche Forschende wie den Universalgelehrten Stephan L. Endlicher ins Licht, nimmt aber zeitgleich gefeierte Forschungserfolge wie jene der Novara-Expedition (1857â1859) kritisch ins Visier. Im âPresseâ-Interview spricht sie sich fĂŒr einen neuen, offeneren Umgang mit kolonialen Objekten in österreichischen Museen aus.
âAuch österreichische Forscher hatten Sklaven" (Die Presse, Printausgabe, 16.3.2019)