Olympia-Interview mit Goldmedaillen-Gewinnerin Edina MĂŒller:
âSie haben gute GrĂŒnde, dafĂŒr zu stimmenâ
Edina MĂŒller hat seit 2008 bei 5 Paralympischen Spielen Medaillen gewonnen, 2012 und 2012 in London Gold im Rollstuhl-Basketball und 2021 in Tokio Gold im Para-Kanu. 2024 in Paris war sie FahnentrĂ€gerin der deutschen Mannschaft. Ich habe mit ihr ein lĂ€ngeres Interview zu bevorstehenden Abstimmung ĂŒber eine Olympia-Bewerbung gefĂŒhrt (Foto-Credit: Matthias Buchholz)
Sie haben ja an 5 Paralympics teilgenommen. Welche waren denn warum diejenigen, die den meisten Eindruck hinterlassen haben?
Die Frage ist megaschwer zu beantworten, weil alle Spiele ihren eigenen Flair, ihre eigene Ausstrahlung und ihre Eigenheiten hatten. Das ist ja das Besondere an den Spielen: wenn ich nach Rio fahre, möchte ich auch Rio-Spiele erleben. Wirklich herausgestochen haben die Spiele in London, weil die gerade fĂŒr die Paralympics ganz anders aufgezogen waren. Sie kannten dort ihre Athleten und Athletinnen. Sie kannten teilweise sogar uns, die Gegner und Gegnerinnen. Sie haben uns einfach so willkommen geheiĂen. Dort gab es ja Plakate nach den Olympischen Spielen, auf denen dann âThank you for the warmupâ stand und dann kamen die Paralympischen Spiele. Das haben sie schon sehr gut gemacht in der Stadt, dort war eine unfassbare Stimmung. Die ganze Stadt hat vibriert vor Sportbegeisterung. Wir haben Freunde angerufen und gesagt, ihr mĂŒsst einfach herkommen, egal, ob ihr Tickets bekommt oder nicht. Ihr mĂŒsst einfach in die Stadt kommen und diese Stimmung, diese AtmosphĂ€re hier aufsaugen. Es war einfach gigantisch. Das ist schon etwas, das bleibt.
Ich hatte ja gedacht, Paris wĂ€re etwas Besonderes gewesen, weil das â vielleicht auch, weil es erst kurz zurĂŒckliegt - in den Medien als kulturell besonders hochwertig bewertet wurde.
Wie gesagt, alle Spiele haben ihr Besonderes. In Paris war ich die FahnentrĂ€gerin fĂŒr das deutsche Team, was natĂŒrlich noch mal ein besonderes Highlight meiner Karriere war. Alle Spiele hatten so ihren besonderen Moment, etwas EindrĂŒckliches. Tokio hatte zwar keine Zuschauer und Zuschauerinnen. Doch da waren es die Volunteers, die einfach trotzdem diese Spiele feiern wollten. Wir durften ja wegen Corona keinen Kontakt zur Bevölkerung haben, aber die standen da vorm Zaun und haben gejubelt. Also Tokio, da haben sicher viele gedacht, dass das total traurig war, doch das war toll.
Ich erinnere mich an die Begeisterung um die olympischen Spiele 1972 in MĂŒnchen vor dem Attentat und â nĂ€her gelegen â das FuĂball-SommermĂ€rchen 2006. Bei letzterem kam die Begeisterung ja auch erst quasi mit dem Beginn der Spiele. Kann Hamburg das auch: Lebensfreude, Euphorie, weltoffene Gastfreundschaft?
Davon bin ich fest ĂŒberzeugt. Wir sind ja nicht umsonst das Tor zu Welt und als Hafenstadt sind wir ja schon immer international geprĂ€gt, mit Menschen aus vielen Kulturen. Das spĂŒrt man auch im Alltag: das Essen, die Sprache, die Szene in Hamburg, das ist schon jetzt einfach wahnsinnig vielfĂ€ltig. UrsprĂŒnglich komme ich aus Köln und habe das bei meinem Umzug hierher selbst erfahren, ob die Menschen hier in Hamburg nordisch kĂŒhl sind. Ich habe das ĂŒberhaupt nicht so empfunden. Man rempelt hier niemanden an und ist sofort âBest friendsâ, es ist irgendwie was Tieferes. Die Hamburger und Hamburgerinnen sind wahnsinnig gastfreundlich. Es ist vielleicht keine Stadt, die einem so ins Gesicht springt, doch da ist etwas, das richtig hĂ€ngen bleibt. Ich bin ĂŒberzeugt, dass Hamburg Olympische Spiele kann und den Spirit schon jetzt lebt.
Was sind fĂŒr Sie persönlich die zentralen Argumente, aus denen heraus Sie sich fĂŒr die Hamburger Olympia-Bewerbung einsetzen?
Ich habe schon an 5 Spielen teilgenommen, und es ist einfach das GröĂte, dorthin zu fahren. Bis hierher war ich immer Teilnehmerin, also eher Konsumentin. Jetzt die Chance zu haben, mitzugestalten, also wirklich die historische Chance, diesen Prozess zu begleiten, das wachsen zu sehen und sich einbringen zu können, das ist etwas, das mich wahnsinnig begeistert. Und das kann jeder BĂŒrger, jede BĂŒrgerin tun. Das ist, so denke ich, eine unglaubliche Chance. Wenn ich das Konzept sehe, dass Hamburg die barrierefreiste Metropole Deutschlands werden möchte: Was fĂŒr ein Boost könnte das fĂŒr Inklusion in der Stadt sein. Die eigentliche Seele der Spiele ist fĂŒr mich, Begegnungen zu schaffen, Menschen zu verbinden. Wenn ich mir vorstelle, die Athletinnen und Athleten sind in Bahrenfeld, haben Spiele der kurzen Wege. Du kannst die MobilitĂ€tsangebote der Stadt nutzen, bist bei den SportstĂ€tten, und doch auch mitten in der Stadt. Gerade die Paralympics brauchen Sichtbarkeit, doch fĂŒr Sichtbarkeit brauchst du wieder Barrierefreiheit. Und dann bist du mitten im Herzen der Stadtgesellschaft.
Ist das etwas, was Sie in den anderen Olympia-StÀdten nicht so erlebt haben?
In Paris war es schon schwierig. Da waren wir in Saint Denis, die WettkĂ€mpfe im Kanu waren 40 Kilometer auĂerhalb von Paris. Die U-Bahn ist in Paris nicht barrierefrei, was bedeutet, dass, wenn ich kein Auto gehabt hĂ€tte, ich keine Möglichkeit gehabt hĂ€tte, Pariser Spiele wirklich zu erleben. Bei einer Sportart, die mitten in Paris im Stadion war, war das sicherlich anders.
Das war dann in etwa so, wie kĂŒrzlich in Italien bei den Winterspielen, die ja an recht weit auseinander liegenden Orten waren?
Ich weià nicht, wie die Athletinnen und Athleten sich dort fortbewegen konnten. In Paris konnten wir das eben nicht. In Rio war das besser gelöst. Wir konnten dort in jeden Shuttle-Bus einsteigen und zu den SportstÀtten fahren Da waren wir auch mittendrin und konnten uns andere Sportarten anschauen. Das war in Paris schon deutlich schwieriger. Das ist etwas, das im Hamburger Konzept schon jetzt deutlich athletenfreundlicher gelöst ist.
Die Idee der kurzen Wege hĂ€tte MĂŒnchen aber vermutlich auch, die sind ja auch relativ klein im Vergleich etwa zu Paris.
In MĂŒnchen haben sie das in ihrem Konzept nicht so hervorgehoben. Das ist schon etwas Hamburg-spezifisches. Und das, was hinsichtlich der Barrierefreiheit im infrastrukturellen Bereich umgesetzt werden soll, ist ja etwas, das den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern nachhaltig erhalten bleibt. Wir bewerben uns fĂŒr Spiele in ungefĂ€hr 15 Jahren. Da darf man heute auch schon mal daran denken, ob man vielleicht irgendwann selbst auf Hilfsmittel angewiesen ist oder zum Beispiel die eigenen Eltern, ob sich die LebensumstĂ€nde Ă€ndern, ob man sich mit dem Kinderwagen irgendwo langfahren sieht. Das ist etwas, das jede und jeden von uns angeht, was nicht einfach nur ein abstrakter Begriff von Inklusion ist.
Die Gegner der Olympia-Bewerbung argumentieren (etwas verkĂŒrzt dargestellt), die Spiele seien zu teuer, brĂ€chten keinen wirtschaftlichen Nutzen, wĂ€ren ökologisch schĂ€dlich, erhöhten das Armutsrisiko. Und wir haben nur Stress.  Was entgegnet sie dazu?
Ich bitte darum, sich wirklich mit dem Konzept zu beschĂ€ftigen und dann wĂ€hlen zu gehen. Es hat jede und jeder das Recht, dagegen zu sein, doch bitte nicht aus den falschen GrĂŒnden. Und mit falschen GrĂŒnden meine ich, aus einer Fehlinformation heraus. Ich muss das sehr oft wiederholen, wenn ich mit Leuten ĂŒber die Olympischen Spiele spreche. Es sei zu teuer, das Geld könnte man fĂŒr etwas Besseres verwenden, das Geld haben wir doch gar nicht. Es ist nicht so, dass wir hier die Hamburger Töpfe leer machen, die fĂŒr Kitas oder irgendetwas anderes zur VerfĂŒgung stehen wĂŒrden. Das Geld kommt ja eben nur, wenn auch Olympia kommt. Ich glaube, viele haben noch nicht verstanden, dass das Geld jetzt noch gar nicht da ist. Wir bekommen Geld fĂŒr die Spiele und können das dann investieren. Zudem ist ja alles ungefĂ€hr kalkulierbar. Wir rechnen mit einem Gewinn von 100 Millionen Euro und haben jetzt schon ein ausgearbeitetes Nachhaltigkeitskonzept. Gelder flieĂen in Infrastruktur, in Wohnungsbau. Also noch einmal meine Bitte: Wer diese Ăngste hat, kann sie sich selbst nehmen, indem man sich mit dem Konzept beschĂ€ftigt. NatĂŒrlich kosten die Spiele Geld, darĂŒber mĂŒssen wir nicht diskutieren. Doch was bleibt davon nachhaltig in der Stadt: die Steigerung der LebensqualitĂ€t, Barrierefreiheit, der Drive, den diese Stadt erfahren wird, die Infrastruktur, der Bahnhof. Das sind alles Dinge, die wir gerade durch den finanziellen Schub anpacken können. Der Bahnhof wird saniert, die Infrastruktur verbessert, SportstĂ€tten werden saniert, temporĂ€re Anlagen wie die Skatebahn werden an einer anderen Stelle wieder aufgebaut. Es gibt Schulsport-Konzepte, mehr Angebote fĂŒr Kinder. Der Bekanntheitsgrad der Stadt wird steigen, was wiederum Unternehmen und andere Sportangebote in die Stadt ziehen wird. Das sind alles Punkte, die sich nicht so einfach in Zahlen und Euros berechnen lassen. Ich glaube, die Stadt wird in jedem Fall gewinnen.
Ich persönlich denke da an die Elbphilharmonie, die hat ein Wahnsinnsgeld gekostet, aber letztendlich hat Hamburg davon profitiert. Und MĂŒnchen 1972 hat einen Riesensprung im Zusammenhang mit den Investitionen wegen der Olympischen Spiele gemacht.
Sie haben gute GrĂŒnde, die Olympischen Spiele wieder bei sich haben zu wollen. In MĂŒnchen haben sie kein so ausgearbeitetes Finanzkonzept, wie wir das vorgelegt haben. Und dennoch haben die MĂŒnchenerinnen und MĂŒnchener mit groĂer Mehrheit fĂŒr die Spiele gestimmt, weil sie eben wissen, was die Spiele einer Stadt bringen und was sie MĂŒnchen 1972 gebracht haben. In MĂŒnchen wissen sie genau, warum sie fĂŒr die Spiele gestimmt haben.















