Um ehrlich zu sein, wenn es zum Thema Lyrik und Gedichte kam, so habe ich immer die Augen gerollt, geseufzt und gehofft, dass jemand schnell von etwas anderem reden konnte. Und wenn ich mir meine Bücherkollektion so zu Hause ansehe, dann besteht diese hauptsächlich aus epischen Büchern, á la Romane und co. Kann sein, dass ich Lyrik nämlich mit Minnesang gleichsetzte - Lieder, die ein blond-gelockter Walther von der Vogelweide auf einem Felsen, in Denkerpose laut vor sich her singt, während in der Ferne ein junges Fräulein auf der Spitze der Burg sitzt und den Klängen lauscht und flüstert: "Hach, so relateable". Aber ich gib ja zu, dass der lyrische Bereich nicht NUR aus solchen Liedern besteht, es gibt auch normale Gedichte.
Zum Beispiel, die aus dem Internet, die meist von anonymen Leuten stammen, deren Künstlername fast immer nur aus ein paar Buchstaben besteht. Doch diese Gedichte handeln meiner Meinung nach immer nur von reparierten, massakrierten, frittierten, kreierten, polierten und spekulierten Herzen… You know what I mean. Und wenn die Gedichte mal nicht über Liebe handeln, dann über Tod. Yop und versteht mich nicht falsch, viele Romane handeln eben auch von diesem Zeugs und Gott weiß vermutlich werde ich auch mal Bücher über genau das schreiben, weil wir Menschen ja diesen fiesen Liebes- und Todkomplex haben, aber dann kam das Buch von Yoko Tawada in mein Leben und es veränderte alles.
Ich meine vor dem hätte ich nieee gedacht, dass Lyrik unterhaltsam sein könnte, geschweige denn witzig, geistreich, intelligent, nachvollziehbar und zum Denken anregt. Doch genau davon hat mich dieses Buch überzeugt.
Es geht in ihm über einen Ich-Erzähler, der einfach über seine Erlebnisse in seinem Leben erzählt, wobei jedes Kapitel einen anderen Aspekt behandelt. Der Erzählstil ist entspannend und doch fesselnd, da man jedes Wort genau lesen muss, in der Tat war es so, dass ich einige Sätze nochmal lesen musste - nicht weil sie so umständlich geschrieben wurden, sondern einfach weil ich Angst hatte irgendetwas zu verpassen. Denn Tawada spielt mit der Lesegeschwindigkeit des Lesers, den Worten und Sätzen, aber auch viele Metaphern kommen hier gut zur Geltung. Eines meiner Lieblingsstellen ist, als die Ich-Erzählerin in der Toilette ist und sagt: "Der Urin stinkt, nach unbekanntem Urinstinkt" (S. 107). Daher für alle die Sprachwitze mögen, Puns, Dad Jokes und intelligente Sprachspiele lesen wollen, der ist mit dem Buch am richtigen Ort. Doch nicht nur mit dem Inhalt, auch das Aussehen, ist wunderschön mit anzusehen und auf den Seiten finden sich draufgedruckte, wunderschöne Bilder, die zum Thema passen, und auf dem Cover und auf der Rückseite finden sich einige Worte zum Fühlen (Blindenschrift).
Im Großen und Ganzen kann man wirklich sagen, dass das Buch ein wirklich schöner Balkonplatz ist, für flüchtige Abende, wo man sich im Bett mit Himbeertee unter der Decke verkriechen kann. Von daher würde ich euch das Buch sehr wärmst ans Herz legen, denn es ist für mich so gut, dass es bei meinem Top 5 ist.