Tag 156 bis 160 (Skykomish über Burlington bis Manning Park, 70,3 Meilen)
Nach einer regnerischen Nacht in Skykomish erwartet uns ein sehr sonniger Morgen. Zusammen mit einem Dutzend anderer Hiker pilgern wir zum Post Office, müssen aber zunächst geduldig warten, bis die USA-Flagge gehisst ist, ehe die Post öffnet. Anschließend gratuliert die Dame hinter dem Schalter jedem einzelnen von uns, ehe sie die jeweiligen Pakete überreicht.
Da unser Visum bald ausläuft und wir noch ein paar Tage bei Ks Schwester in San Francisco verbringen wollen, haben wir uns entschlossen, ein Stück vom Trail zu überspringen. Die ca. 120 Meilen von Skykomish bis kurz hinter Stehekin auszulassen, fiel uns nicht leicht, war jedoch die einzige Möglichkeit, ein paar Extratage nach dem PCT in den USA zu gewinnen. Wir bouncen das letzte Paket daher nicht nach Stehekin weiter, sondern nehmen alles mit – eine erfrischend große Auswahl für das letzte Stück Weg! Wir suchen uns unsere Lieblings-Trailnahrung heraus, mit dem Rest füllen wir die Hiker Box oder verschenken gleich einige Clifbars und M+Ms an die anderen.
Nachdem wir schließlich unter größten Mühen den richtigen Rückflug von Vancouver nach San Francisco gebucht haben, folgt der schwierige Teil des Unterfangens: zum Rainy Pass trampen. Tatsächlich bekommen wir relativ schnell einen Ride von einer Vorjahres-PCTlerin nach Everett, von wo aus wir mit dem Bus nach Mount Vernon und dann weiter nach Burlington fahren. Es ist wirklich merkwürdig, sich plötzlich in „normaler“ trailfremder Zivilisation zu bewegen, ein bisschen fühlen wir uns wie gestrandet. Von Burlington nach Stehekin zu kommen, erweist sich nun wie befürchtet als problematisch. Zumindest nimmt uns eine Frau in unserem Alter, nennen wir sie M., von Burlington mit bis zur letzten Tankstelle vor dem Ortsausgang – es ist ja meist schon von Vorteil, erstmal raus aus der Stadt zu sein. M. gibt uns noch ihre Handynummer: wenn wir heute Abend keinen Ride mehr bekommen, sollen wir uns bei ihr melden. So kommt es dann auch… Als es richtig dunkel wird, rufen wir sie an. Im Pyjama holt uns M. von der Tankstelle ab und nimmt uns mit zu sich nach Hause nach Sedro Wooley, einem kleinen Vorort Burlingtons. Wir verbringen die Nacht mit einem Zombiefilm (M. mag Zombiefilme) und spielen mit Ms riesigen Hunden, ehe wir im Gästezimmer ins Bett gehen.
Am nächsten Morgen werden wir mit French Toast und Saft geweckt. Außerdem besteht M. darauf, uns bis zum nächsten Passanstieg zu fahren (mehr schafft ihr Auto nicht), damit wir „mit unserer Sache weiterkommen“. Gesagt, getan – wir basteln uns noch schnell ein Schild für die folgende Etappe, dann sind wir auch schon wieder auf dem Weg Richtung PCT! M. setzt uns neuerlich an einer Tankstelle ab, wir wünschen uns gegenseitig alles Gute und schon verschwindet sie wieder. Wir haben kaum Zeit, uns über diese wundersam-gastfreundliche Begegnung den Kopf zu zerbrechen, da schleicht sich von hinten ein Auto an uns heran. Ein Paar mittleren Alters will uns zum Rainy Pass fahren, wo der PCT von Stehekin kommend den Highway kreuzt! Die beiden kommen gerade von einem Jonglier-Festival. Wir haben keine Ahnung, wie sie überhaupt unser Schild lesen konnten (K. hatte nichtmal Zeit, sich bei der Tankstelle ein 7up zu kaufen), aber wir sind froh, dass es nun so gut klappt und wenig später finden wir uns am Pass wieder. Zurück auf dem Trail, zurück zu Hause! Es war ein durch und durch komischer Ausflug und wir bedauern es, einen Abschnitt des PCT nicht gewandert zu sein, freuen uns aber auch, irgendwie etwas ganz anderes, gleichartig Fantastisches erlebt zu haben. Wir frühstücken erstmal ausgiebig, dann gehen wir das letzte Stück Weg an.
Die Landschaft erinnert entfernt an die Berge in der Wüste und zugleich an die Alpen: kahle Bergspitzen und neuerdings stechen immer mehr goldgelbe Lärchen aus den Wäldern heraus. Tagsüber ist es angenehm warm und sonnig, aber morgens und abends richtig kalt. Es geht hier mit großen Schritten auf den Winter zu. In der nächsten Nacht sucht uns eine Maus heim, knabbert an unseren Ziplocks herum und lässt sich kaum vertreiben. Zum Glück hat sie unsere Zeltwände unbehelligt gelassen. Die Gray Jays (Meisenhäher) sind hier nicht minder zutraulich.
Es scheint, als würde der Trail zum Schluss nochmal alles geben und wartet mit großartigen Aussichten auf. Immer wieder begegnen uns auf diesem letzten Stück Hiker, die vom Northern Monument zum Hart’s Pass zurückkehren und nicht nach Kanada reinlaufen. Wir beglückwünschen uns gegenseitig.
Die letzte Nacht auf dem Trail ist wehmütig-euphorisch; den letzten Tag starten wir bei schönstem Sonnenschein – und in wenigen Minuten zieht es sich plötzlich zu und wir finden uns in dichten Wolken- und Nebelmassen wieder. Wir halten oft an, schauen uns viel um, lassen es langsam angehen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Gegen Mittag biegen wir im Wald um eine Kurve und erblicken den nördlichen Terminus: wir haben die kanadische Grenze erreicht! Wir verbringen über eine Stunde damit, Fotos zu machen und das Logbuch zu lesen. Viele bekannte Namen und schöne Einträge. Auch wir schreiben uns ein.
Dann wandern wir weiter, neun Meilen durch Kanada, bis wir an die Manning Park Lodge gelangen. Nach einer kurzen Nachfrage im Hotel entscheiden wir uns für eine weitere Nacht im Zelt. Am nächsten Morgen nutzen wir immerhin das Schwimmbad – Luxus! – und warten auf den Greyhound-Bus, der uns und einige andere Hiker nach Vancouver bringt. Abends im Flugzeug nach San Francisco verfolgen wir ungläubig den Bildschirm, der die Flugstrecke in Echtzeit darstellt: so schnell fliegen wir alles zurück, was wir monatelang zu Fuß zurückgelegt haben…
Text: K; Fotos: L














