Vorwärts ist keine Richtung
Es ist ja nun einmal so: Die Rallye-Welt ist ein hartes Pflaster. Ein nie endender Kampf zwischen Beton und Reifenwahl. Die Auseinandersetzung mit den Gezeiten und der Truppe, die einem nicht im Nacken, aber immerhin an der Stoßstange sitzt. Da musst du flink sein, superflink. Oder clever. Oder eben beides nicht. Dann braucht es wenigstens Vorbereitung. Jahrelange Vorbereitung. Drei Jahre sollte man schon rechnen. Bei Achsbruch vielleicht auch fünf. Sollte die Karosserie wegfaulen, eher zehn. Ach, dann kann man im Grunde auch von vorn anfangen. Sagen wir also drei Jahre. Wenn man also die Ostsee umschifft hat, sollte man nahtlos in die eigens errichtete Werkstatt aufbrechen, um erst einmal den Staub aus den Ritzen zu blasen. Dann Neuaufbau. Von Grund auf. Jedes Teil demontieren und im besten Falle ersetzen. Wenn das neue Teil nun in Gold am Wagen prangt oder wenigstens irgendetwas mit Uran am Hut hat, ist es gerade gut genug. Alles klar. Den Motor ersetzen wir durch eine Spezialkonstruktion, die uns auf dem Balkan zwar nicht viel nützen wird, auf dem Mond hingegen so richtig zur Geltung käme. Egal, haben ist besser als brauchen. Die Soundanlage montieren wir auf und unter dem Dach, wegen des Druckausgleichs. Sonst fliegt uns noch das Heck weg, wenn wir Harald Juhnke mit Volume max rausblasen. Das ist alles gut durchdacht. Hier sind absolute Profis am Werk. Am Ende noch illuminierte Rallyestreifen und ein Scheinwerfer auf dem Dach, der das ewige Batman-Logo ablöst und den Schriftzug "Ram Pam Pam" in den Nachthimmel wirft. Wo sind die Capes und die Einteiler? Wir wären dann soweit.
Schnitt. Tag des Rallye-Starts. Die Trostlosigkeit eines Parkplatzes vor einem Supermarkt im Leipziger Norden. Dazu folgender ausgefeilter Dialog zwischen uns: "Wie spät ist es?" Antwort: "10.20 Uhr". "Wann müssen wir in Dresden sein?" Antwort: "Um 10 Uhr". "Alles klar. Schaffen wir das noch?" Antwort: "Locker."
Also alles beim Alten. Das Kartenmaterial haben wir zwar gekauft, die Beschäftigung damit aber auf die Straße verlegt. Kommt Zeit kommt Rat oder eben ein Hinweisschild. In der Slowakei gibt es einen Ort der den klangvollen Namen "Martin" trägt. Das taugt als erste Richtungsweisung also schon mal. "Aber vielleicht fahren wir erst mal zum Start?" Richtig.
Und das im Schnelldurchlauf: Geschwind nach Dresden, abklatschen mit dem einen oder anderem Team, Roadbook in den Kofferraum und PENG ertönt der Startschuss. "Wohin geht's?", werden wir von verwunderten Passanten gefragt. "Osten. Irgendetwas mit Osten. Der Rest wird sich zeigen."
Oswald taucht danach für die nächsten Stunden ins tschechische Hinterland ab. Ein roter, elegant gleitender Punkt in einer Fläche aus mattem Grün und fadem Braun. Der erste Rallyemoment erscheint, als eben nicht Harald, sondern Michael Jackson uns um die Kurven treibt und sich die so ersehnte Weite des Horizont unter das lederbespannte Dach treibt. Dann Stille und die bange Frage: Was hat uns Michael, also Rallye-Michael, der dieses Mal leider im heimischen Österreich geblieben ist, mit auf die Reise gegeben? Vielleicht Schuhpolitur? Sehr altes Knäckebrot? Oder eben einen Geheimtipp für Albanien? Ha, das wäre viel zu einfach. Unter dem Klebeband verbirgt sich nichts Geringeres als eine Baltic-Sea-Circle-Referenz und das einzige Notfallpaket das wir ab jetzt an Bord haben. Eine Dose Surströming. Und wer beim letzten Mal nicht richtig aufgepasst hat, dem sei gesagt: Probiere diese Köstlichkeit mit deinen Liebsten und ihr werdet auf immer vereint sein. Oder auch nicht.
Und zurück auf die Straße. Die Nacht hat uns inzwischen erreicht. Wir irren durch die Winkel kleiner Städte und bremsen hart vor einem Angler, der uns danach ähnlich hart durch seine Hood führt, obwohl er uns eigentlich nur zu einem Campingplatz bringen wollte. Als er selbst fragend auf einer Kreuzung steht, um sich in seiner Hood durch zu fragen, wird uns bewusst, dass wir heute Abend wieder einmal irgendwo ankommen, aber vermutlich nicht an dem lauschigen See, der uns auf der Karte das Paradies versprach. Danke Vendelin.
Für den Fall, dass Jemand das Wirrwarr an Zeitformen in diesem Text entlarvt, möchten wir herzlich gratulieren. Alles Absicht. Wir nennen das Stilmittel.