März 2017
Zettelsystem
Der Satz „Wir verwenden hier noch ein Zettelsystem“ lässt sich mit Scham in der Stimme vortragen, oder mit fröhlichem Nachdruck, der klar macht, dass es hier nichts zu verstecken und schon gar nichts zu bedauern gibt. Die Bibliothekarin, die mir den Satz sagt, hat nichts zu verstecken oder zu bedauern und ich merke: wer hier neu ist und mitmachen will, gewöhnt sich lieber an ein Zettelsystem. Also leihe ich mir, um mich zu gewöhnen, ein Buch aus, denn ich bin neu an der Universität Göttingen und will mitmachen im Seminar für Deutsche Philologie. Um nicht gleich als angeberischer Grobironiker dazustehen, verwerfe ich den Gedanken an Arno Schmidt und nehme mir stattdessen eine unauffällige graue Edition von Georg Wickrams ‚Irr reitenden Pilger‘ von 1556. Damit muss ich ein Stockwerk höher in die Bibliotheksverwaltung gehen und dort gibt es dann die Zettel zum Ausfüllen – und zwar zum Ausfüllen unter professioneller Aufsicht. „Beim ersten Mal schauen wir lieber immer noch einmal zu“, sagt mir eine gutgelaunte Bibliothekarin und schaut mir lächelnd über die Schulter, während ich versuche, die Signatur korrekt abzuschreiben. „Da“ – „Ahja“, jetzt habe ich es selbst gemerkt, gleich eine Ziffer vergessen, zum Glück ist die Bibliothekarin da! Mit dem Zettel und dem Buch geht es nun also wieder die Treppe hinunter zum Ausgang, wo mich eine weitere Bibliothekarin in einem Glaskasten erwartet. Sie muss das Buch jetzt „entsichern“.
Die Vorrichtung zum Entsichern der Bücher ist nicht, wenigstens nicht für mich erkennbar, an einen Computer angeschlossen. Sie ist aus militärgrünem Eisen (es ist bestimmt Eisen) und scheint autark zu operieren. Mir geht das Wort „Apparat“ durch den Kopf. In einer Arztpraxis hätte eine vergleichbare Vorrichtung mich zur Umkehr bewegt, aber hier schützt mich ja der Glaskasten und die Bibliothekarin hinter der Scheibe sieht nicht so aus, als würde sie Unbefugte in der Nähe des „Apparates“ dulden. Das mir vertraute System in den Hamburger Institutsbibliotheken lief über das Einscannen von Barcodes, das mir vertraute Geräusch beim Ausleihen von Büchern war also ein dezenter Pieps. Der Pieps ist erfunden worden, um die mangelhafte Biologie des Menschen zu beschwichtigen, die es gern hat, wenn die Technik, die es eigentlich nicht nötig hat, noch einmal Bescheid gibt, das jetzt wirklich alles geklappt hat: „aaalles gut“. Das Geräusch hingegen, das der „Apparat“ erzeugt, ist schon deswegen etwas ganz anderes, weil es sich hörbar um eine technische Notwendigkeit handelt: ein entschiedenes metallenes SCHNAPP, das beim Anlegen des Buches an eine Metallkante entsteht und vermutlich ein in das Buch eingearbeitetes Magnetband so beeinflusst, dass beim Verlassen der Bibliothek kein Alarm ausgelöst wird. Der Pieps zeigt mitleidig auf das Mängelwesen Mensch, das SCHNAPP ist stolzer Ausdruck seiner Souveränität. Jedenfalls strahlt die Bibliothekarin am „Apparat“ irgendwie aus, dass sie sich nicht vom Pieps erniedrigen lässt, sondern den SCHNAPP regiert. Zurück im Büro fühle ich mich seltsam verändert und denke: „Wir verwenden noch ein Zettelsystem“.
(Christian Schmidt)












