Erdogans vorgezogene Wahlen | Journal21
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Erdogans vorgezogene Wahlen | Journal21
PrĂ€sident Erdogan hat am Mittwoch ĂŒber das tĂŒrkische Fernsehen angekĂŒndigt, dass die TĂŒrkei ihre Parlaments- und PrĂ€sidialwahlen verfrĂŒht durchfĂŒhren werde. Der ursprĂŒnglich angesetzte regulĂ€re Wahltermin wĂ€re der 3. November 2019 gewesen. Erdogan hatte mehrmals erklĂ€rt, er wolle an diesem Termin festhalten.
Die Vorverlegung kam, nachdem er Beratungen mit seinem politischen VerbĂŒndeten, Devlet Bahçeli, dem Chef der ultranationalistischen MHP (Nationalistische Volkspartei), abgehalten hatte. Erdogans ErklĂ€rung fĂŒr die Umstellung lautete: âObwohl PrĂ€sident und Regierung in Harmonie arbeiten, behindern uns die UnzulĂ€nglichkeiten des alten Systems auf jedem Schritt. Die Entwicklungen in Syrien und anderen Ortes machen es eilig, zu dem neuen System ĂŒberzugehen, damit wir die Schritte in die Zukunft unseres Landes entschiedener gehen können.â
Festigung der Macht angestrebt
Die Wahlen, gleichzeitig fĂŒr das Parlament und den PrĂ€sidenten, werden fĂŒr die Zukunft der TĂŒrkei entscheidend wichtig sein. Wenn Erdogan und seine AKP sie gewinnen, wird der PrĂ€sident im Zeichen einer âexekutiven PrĂ€sidentschaftâ schwerwiegende Vollmachten erlangen, die ihm fast absolute Macht ĂŒber die âtĂŒrkische Demokratieâ gewĂ€hren. Er wird in der Lage sein, Minister zu ernennen, das Parlament aufzulösen, 12 der 15 Richter des Verfassungsgerichtes zu ernennen, durch Dekret Gesetze zu erlassen und anderes mehr.
Vor einem Jahr, im April 2017, hatte das tĂŒrkische Volk in einem Referendum den PlĂ€nen fĂŒr die âexekutive PrĂ€sidentschaftâ sehr knapp zugestimmt. Das Ja hatte 51,4 Prozent der Stimmen erhalten. In den drei grössten StĂ€dten der TĂŒrkei, Istanbul, Ankara und Izmir, hatte das Nein gesiegt. Damals war bestimmt worden, dass die VerfassungsĂ€nderungen fĂŒr die neue Regierungsform nach den regulĂ€ren Neuwahlen vom November 2019 und deren Ausgang entsprechend vollstĂ€ndig in Kraft treten sollten.
Gefahr einer Wirtschaftskrise
FĂŒr die Vorverlegung der Wahlen sehen die tĂŒrkischen Politiker und Kommentatoren mehrere GrĂŒnde. Als wichtigsten schĂ€tzen sie die wirtschaftliche Lage ein. Erdogans Dauererfolg an den Urnen seit 2002 hatte nicht zuletzt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu tun, den die TĂŒrkei in seiner Zeit bisher erfahren hat.
Doch gegenwĂ€rtig zeigen sich allerhand Krisenzeichen im Wirtschaftsbereich. Die Inflation betrĂ€gt ĂŒber 10 Prozent, der Kurs der tĂŒrkischen WĂ€hrung sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, Handels- und Staatsdefizit wachsen. Umfragen haben ergeben, dass Wirtschaftsfragen 27,4 Prozent der TĂŒrken am meisten Sorge bereiten, verglichen mit 1,3 Prozent, die die Kurden als Hauptproblem nennen und 1,8 die Einwirkung auslĂ€ndischer MĂ€chte, wie sie Erdogan in seinen Reden gerne fĂŒr alle MissstĂ€nde verantwortlich macht. Wenn sich die Krisenzeichen im kommenden Jahr vermehren sollten, wĂŒrden möglicherweise die Hoffnungen Erdogans und seines politischen VerbĂŒndeten enttĂ€uscht.
Auch der Termin der Munizipalwahlen, die auf den MÀrz des kommenden Jahres angesetzt sind, spielte eine Rolle bei der Vorverlegung der PrÀsidial-und Parlamentswahlen. Falls sich die Erfahrung der Referendums von 2017 bestÀtigen sollte und die grösseren StÀdte Behörden wÀhlen, in denen nicht die AKP, sondern die Oppositionspartei, CHP (Republikanische Volkspartei), die Mehrheit gewinnt, könnte sich der Prestigeerfolg der Opposition dahin auswirken, dass die AKP ihre knappe Mehrheit in spÀter folgenden Parlaments- und PrÀsidialwahlen verlöre.
WÀhlen wÀhrend des Ausnahmezustandes
Als dritten Grund fĂŒr die Vorverlegung der Wahlen kann man den Ausnahmezustand betrachten. Dieser wurde nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich vom Juli 2016 verhĂ€ngt. Er ist seither sechsmal verlĂ€ngert worden und wurde am vergangenen Mittwoch vom Parlament fĂŒr weitere sechs Monate bestĂ€tigt. Was bedeutet, die vorgezogenen Wahlen werden unter dem Ausnahmezustand durchgefĂŒhrt werden.
Vielleicht bestanden Zweifel darĂŒber, ob der Ausnahmezustand wirklich bis zum November des kommenden Jahres durchgehalten werden kann. Wahlen unter dem Ausnahmezustand durchzufĂŒhren, bedeutet einen wichtigen Vorteil fĂŒr die Regierung, weil sie die Sondervorschriften des Ausnahmezustands dazu gebrauchen kann, die Propaganda und Bewegungsfreiheit der Opposition einzuschrĂ€nken.
Zyniker könnten sogar anmerken, falls es nötig werden sollte, die Wahlresultate etwas âzu korrigierenâ, wĂ€re dies unter dem Ausnahmezustand viel leichter zu bewerkstelligen als unter normalen Bedingungen. VorwĂŒrfe von ungebĂŒhrlicher Einflussnahme der Regierung hat es anlĂ€sslich des Referendums vom vergangenen Jahr gegeben.
Wirkungsloser Protest der Opposition
Der Ausnahmezustand erlaubt es dem PrĂ€sidenten schon jetzt, Gesetze unter Umgehung des Parlamentes zu dekretieren. Die Hauptoppositionspartei, CHP, hat ihrerseits bereits ĂŒber ihren Sprecher erklĂ€rt, Wahlen unter dem Ausnahmezustand abzuhalten, sei unmöglich. Dieser mĂŒsse aufgehoben werden. Doch die CHP wird mit ihrer Forderung nicht durchdringen. Die Parlamentsmehrheit liegt bei der AKP, und die VerlĂ€ngerung des Ausnahmezustandes ĂŒber den neuen Wahltermin hinaus ist bereits vollzogen.
Die Ansetzung der bevorstehenden Wahlen ist dermassen zentral fĂŒr die Zukunft der TĂŒrkei und fĂŒr die ehrgeizigen PlĂ€ne ihres PrĂ€sidenten, dass man annehmen muss, wer die Macht innehat, und das ist PrĂ€sident Erdogan, wird alles tun, was in seiner Macht liegt, um diese Wahlen zu gewinnen.  Â
Es wird Gegenkandidaten geben. FĂŒr den ersten Wahlgang werden alle Parteien die ihrigen aufstellen. Ausser der MHP, die sich mit Erdogan verbĂŒndet hat.
Meral Aksener oder Selahattin Demirtas?
Die ultranationalistische MHP hat sich ĂŒber der Frage des BĂŒndnisses mit Erdogan gespalten. Die sehr bekannte Politikerin und feurige Rednerin, Meral Aksener, hat die MHP verlassen und eine eigene Partei gegrĂŒndet, die sie Iyi Partisi (Partei des Guten) genannt hat.
Aksener war 1996 kurzfristig Innenministerin der TĂŒrkei. Sie hat gelobt, sie werde als Gegenkandidatin gegen Erdogan auftreten. Ob ihre Partei zu den Wahlen zugelassen wird, ist zur Zeit ungewiss. Es gibt eine Vorschrift, nach welcher eine Partei, die bei den Wahlen mitwirken will, mindestens sechs Monate vor den Wahlen einen Parteikongress durchfĂŒhren muss, in dem ihre FĂŒhrungshierarchie offen dargelegt wird.
Es ist unklar, ob ein solcher Kongress in rechtsgĂŒltiger Form durchgefĂŒhrt worden ist oder nicht. Als Alternative können die Parteimitglieder sich als Individuen einschreiben lassen. Um sich um die PrĂ€sidentschaft zu bewerben, mĂŒsste Frau Aksener 100â000 notariell beglaubigte Unterschriften von tĂŒrkischen BĂŒrgern sammeln. Sie hat erklĂ€rt, sie werde das tun und habe damit schon begonnen.
Die Stimmen der Kurden könnten angesichts der knappen Mehrheit der AKP, wie sie sich im Referendum gezeigt hatte, bei einer Stichwahl möglicherweise den Wahlausgang entscheiden. Die Links- und Kurdenpartei, DHP (Partei der Demokratischen Völker), ĂŒberlegt sich, ob sie ihren charismatischen FĂŒhrer in die PrĂ€sidentenwahl schicken soll: Selahattin Demirtas, der sich allerdings seit November 2016 im GefĂ€ngnis befindet. Er wird der Sympathie und Zusammenarbeit mit der verbotenen PKK beschuldigt. Da er jedoch nicht verurteilt ist, hĂ€tte er ein Recht darauf, vom GefĂ€ngnis aus zu kandidieren. Doch möglicherweise benĂŒtzt Erdogan seinen Einfluss ĂŒber die Richter dazu, dass dieser Rivale noch vor dem Wahltermin verurteilt wird.
Wenig Zeit fĂŒr die Opposition
Ein weiterer Vorteil, den sich die AKP und Erdogan durch die Vorverlegung der Wahlen sichern, besteht darin, dass die Vorwahlperiode von gut zwei Monaten bis zum Wahltermin sehr kurz ausfĂ€llt. Dies wirkt sich zugunsten des PrĂ€sidenten und seiner Partei aus, weil sie durch die PrĂ€senz und die beinahe tĂ€glichen Reden Erdogans und dank der Ăberlegenheit der staatlichen und verstaatlichten Medien seit Jahr und Tag in den Augen ihrer AnhĂ€nger und WĂ€hler prĂ€sent ist. Die Opposition hat dagegen nur eine kurze Frist, um sich bemerkbar zu machen.
Politik | Journal21
Quelle
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