WiderspruÌche der Nachkriegszeit | Journal21
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WiderspruÌche der Nachkriegszeit | Journal21
In den IndustrielĂ€ndern des Westens ergab sich da eine Verschiebung von der Klassen- zur Mittelschichtsgesellschaft und damit eine materielle Besserstellung der arbeitenden Bevölkerung; dies als Folge einer gezielten Politik des Welfare, die gegen die VerfuÌhrungen des Kommunismus immunisieren sollte. Weil sie unter ganz anderen UmstĂ€nden geprĂ€gt worden war, konnte die Vorkriegsgeneration im Kopf mit dieser gesellschaftlichen Transformation nur bedingt Schritt halten. Neues und Altes prallten schliesslich aufeinander; der rasante Umbau stuÌrzte die Industriegesellschaften in eine Art von Wachstumskrise.
50 Jahre sind seither vergangen und noch immer zittert es in historischen oder kulturpolitischen Debatten nach: das Beben von 1968. Doch nicht einmal hinsichtlich der Frage, ob jene Jugendrevolte eine epochale ErschuÌtterung bedeutet, besteht Einigkeit, geschweige denn in Bezug auf ihre Wertung. âWar â1968â ein politisch-kulturelles Jahrhundertbeben, das bis heute die Gesellschaft prĂ€gt â oder nur eine randstĂ€ndige Episode, eher wirre Folklore als wirkliche Historie, ein peinlicher Irrtum der Geschichte?â So fragt Reinhard Mohr, deutscher Soziologe und Publizist, in einem Buch (Der diskrete Charme der Rebellion), das 2008 zum vierzigsten JubilĂ€um erschienen ist. Hat jene Bewegung die westlichen Gesellschaften von alten patriarchalen Zöpfen befreit und damit weitergebracht, oder hat sie die TuÌr zum Abgrund aufgestossen, zu einem allgemeinen Werteverfall? Auch da gehen die Meinungen diametral auseinander.
Ganz offensichtlich stellt der Aufruhr von 68 ein höchst vielschichtiges historisches Ereignis dar, ist weder in sich einheitlich gerichtet noch auf eine klar fassbare Ursache zuruÌckzufuÌhren, zudem ausgesprochen widerspruÌchlich in Bezug auf seine Auswirkungen ist. Wer ihm gerecht werden will, muss ziemlich weit ausholen: Zu beleuchten sind zuerst einmal die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit, aus denen der Jugendprotest letztlich erwuchs, dann sind dessen verschiedene â z. T. gegenlĂ€ufigen â Unterströmungen zu differenzieren, und letztlich gilt es den sehr unterschiedlichen NiederschlĂ€gen nachzuspuÌren, die jene Welle in der kulturellen und politischen Landschaft hinterlassen hat. Den sozioökonomischen Hintergrund erlĂ€utert nun dieser erste Artikel der Reihe, die beiden folgenden werden sich mit der Bewegung selbst und mit deren Folgen befassen.
In der Nachkriegszeit kommt es in den westlichen IndustrielĂ€ndern zu einer entscheidenden sozialen UmwĂ€lzung: Es bilden sich da nach und nach Mittelschichtsgesellschaften heraus, in denen sich der alte Klassengegensatz auflöst. Die US-Ăkonomen Claudia Goldin und Robert Margo haben diese Entwicklung, die revolutionĂ€r, aber politisch durchaus gewollt war, als Grosse Kompression charakterisiert, und zwar in Anlehnung an den Begriff der Grossen Depression, die metaphorische Bezeichnung fuÌr die Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre.
Diese Kompression brachte primĂ€r eine materielle Besserstellung der arbeitenden Bevölkerung zulasten der wirtschaftlichen Eliten, deren Reichtum durch erhöhte Steuern abgeschöpft wurde. In Gang gesetzt hatte diesen Prozess schon vor dem Krieg Roosevelts New Deal, der durch Umverteilung die serbelnde Nachfrage ankurbeln und so aus der Depression herausfuÌhren sollte.
Wohlstand als Immunisierungsstrategie
In Roosevelts Wirtschaftsreform war im Grunde schon das Konzept des Sozialstaats enthalten, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt dieser Ansatz den entscheidenden Schub, und zwar durch die Rote Gefahr, die Bedrohung des kapitalistischen Westens durch die Sowjetunion.
Armut und Not waren nach den Verheerungen des Krieges verbreitet und machten die Bevölkerungen anfĂ€llig fuÌr kommunistische Verlockungen; ihre wirtschaftliche Einbindung sollte die Arbeiter genau dagegen immunisieren und war insofern Teil der Containment- Strategie, die der Westen den ExpansionsgeluÌsten der UdSSR entgegenhielt. In Nato-Staaten wie Frankreich oder Italien gab es traditionell eine starke Linke, in Griechenland war es unmittelbar nach dem Krieg zu einem kommunistischen Aufstand und im Gefolge zum BuÌrgerkrieg gekommen; sozialistischer Umsturz â mit russischer Beihilfe â war also fuÌr Europa durchaus denkbar. Vor diesem Hintergrund wurden moderat sozialdemokratische Forderungen auf der buÌrgerlichen BelĂ©tage salonfĂ€hig, und die Unternehmer zeigten sich zu bisher undenkbaren ZugestĂ€ndnissen bereit, was Lohn, Arbeitszeit sowie soziale Absicherung betraf.
Das Ende der Ausschliessungen
Der Sozialstaat ist letztlich aus politischer Not geboren; sein Zweck war es urspruÌnglich, angesichts einer Ă€usseren Bedrohung innere GegensĂ€tze zu mildern, indem man gesellschaftliche Schranken abbaut. Die Einigkeit nach innen wurde schlicht durch die globale Polarisierung erzwungen, die im Ăbrigen auch bei der Ăberwindung der europĂ€ischen Nationalismen half, weil sich die Aggression jetzt auf einen gemeinsamen Feind buÌndeln liess. Das Konzept der Mittelschichtsgesellschaft folgte einem Prinzip der Inklusion und war so generell gegen soziale Ausschliessung gerichtet; damit gerieten nach der Aufhebung des Klassengegensatzes fast zwingend weitere traditionelle Ausgrenzungen ins Rutschen: Die Emanzipation der Frauen wie die BuÌrgerrechtsbewegung in den USA sind in jenem Prinzip bereits angelegt â und ansatzweise eben auch die Jugendrevolte.
Das zweite historische Charakteristikum der Nachkriegsepoche bildete der enorme wirtschaftliche Aufschwung, der nahezu zwei Jahrzehnte anhielt und fuÌr den die Deutschen den Begriff Wirtschaftswunder erfanden. Angestossen wurde dieser Boom sicher durch die amerikanische Aufbauhilfe â auch sie Teil der Containment-Strategie â, weiter befeuerte ihn dann jedoch der Anstieg der Reallöhne. Das KalkuÌl, das hinter dem New Deal gestanden hatte, ging erst in der Zeit nach dem Krieg so richtig auf. TatsĂ€chlich war das massive und dauerhafte Wirtschaftswachstum aufs engste mit der Vergrösserung der Mittelschicht verklammert:
Der Konsum der BeschĂ€ftigten stieg proportional zu den Löhnen an; dadurch wiederum wurden neue ArbeitsplĂ€tze â d. h. zusĂ€tzliche Einkommensmöglichkeiten â geschaffen.
WiderspruÌche der Nachkriegszeit
Die steigende Nachfrage nach ArbeitskrĂ€ften druÌckte die SalĂ€re weiter nach oben und fuÌhrte dazu, dass die herkömmlichen Reservoire schliesslich ausgeschöpft waren. Das ist der Punkt, wo sich der Arbeitsmarkt auch grossflĂ€chig den Frauen öffnet und wo eine Arbeitsmigration einsetzt, die vor allem den mittel- und nordeuropĂ€ischen LĂ€ndern eine erste BeruÌhrung mit MultikulturalitĂ€t verschafft. Grenzen öffnen sich und traditionelle Vorstellungen geraten ins Wanken: Die Frauen lösen sich vom Herd, gewinnen auf der Basis eigener Einkommen Selbstbewusstsein und fordern entschiedener als je die Gleichberechtigung; Fremde erscheinen im Strassenbild, bringen ihre Sitten und ErnĂ€hrungsweisen mit â von der Pizza bis zum Döner â, was bei den Gastgebern bald einmal zu ĂberfremdungsĂ€ngsten fuÌhren sollte.
Die Schranken des Vorkriegscharakters
Ăkonomisch sah sich die Vorkriegsgeneration zwar ins Schlaraffenland versetzt, doch mental war sie fuÌr diesen Sprung schlecht geruÌstet. Diese Generation hatte ihre Jugend in Krise und Krieg durchlebt; Ihre prĂ€gende Erfahrung war die von Mangel und politischer, wenn nicht gar militĂ€rischer Disziplinierung. Sie war durch die UmstĂ€nde auf eine rigide Verzichtmoral getrimmt worden, hatte also primĂ€r gelernt, an sich zu halten und sich zu ducken. Der durchschnittliche Vorkriegscharakter ist seinem Wesen nach autoritĂ€r, das heisst, er wuÌnscht sich vor allem Ordnung und klare hierarchische VerhĂ€ltnisse; dementsprechend gestalten sich auch die gesellschaftlichen ZustĂ€nde in den FuÌnfzigern: Man hatte sich in konservativ-patriarchalen Lebens- bzw. Vorstellungswelten eingerichtet, wo die MĂ€nner das Sagen, Frauen und Kinder dagegen zu gehorchen hatten, wo traditionelle Tugenden hochgehalten und nationale Symbole respektiert wurden.
Die Ă€ltere Generation liess sich die neuen wirtschaftlichen Segnungen durchaus gefallen, aber sie hatte es nicht so mit dem Neuen, das diese im sozialen wie im kulturellen Umfeld nach sich zogen. Zudem hatte der Vorkriegscharakter auch verinnerlicht, wie wichtig es ist, mit wenig auszukommen und fuÌr noch schlimmere Zeiten zu sparen; so fiel es ihm nicht leicht, die jetzt ökonomisch angesagte Kauffreude aufzubringen. Kurz: Die Menschen, die den Aufschwung im Wesentlichen durch ihre Disziplin erarbeitet hatten, standen ihm zuletzt mit den lebensgeschichtlich erworbenen Hemmungen im Weg. Sollte dieser Aufschwung weitergehen, brauchte es nicht weniger als eine fundamentale geistige UmruÌstung der Gesellschaft, und als Adressat dafuÌr bot sich eben die Nachkriegsjugend an, die noch nicht fix in ein autoritĂ€res Korsett gepackt war.
Moralische Neukalibrierung
In diesem Zusammenhang lĂ€sst sich auch die Jugendbewegung verstehen, nĂ€mlich als Vehikel einer moralischen Neukalibrierung, die am Ăbergang zur postindustriellen Gesellschaft nötig geworden war. Dabei lag nicht etwa ein klar bewusster Wille zugrunde, der eindeutig gerichtet und von wenigen Akteuren ausgegangen wĂ€re; es gab keine Kommandozentrale, weder einen Mastermind noch einen Masterplan. Der Umbruch ist das Resultat aus einer unuÌberschaubaren Vielzahl anonymer Prozesse, den unzĂ€hligen Wirbeln vergleichbar, die in ihrer Summe die Welle ausmachen. NatuÌrlich gab es Kreise, etwa unter KuÌnstlern und Intellektuellen, die schon seit den FuÌnfzigern gegen die allgemeine Enge und den KonformitĂ€tsdruck aufbegehrten. NatuÌrlich gab es die Rockmusik, die zuerst mehr durch ihre Perfomance WiderspruÌche der Nachkriegszeit â Elvis the Pelvis â als durch ihre Textbotschaften Gegenakzente zur herrschenden Moral setzte; doch das entscheidende Momentum lag woanders: Die Nachkriegsjugend war in den Wohlstand hineingewachsen, und wenn auch die Elterngeneration die Verwöhnung der Kinder ideologisch ablehnte, ganz konnte sie es nicht lassen; dafuÌr waren zu viele eigene Versagungen zu kompensieren. Im Gegensatz zu ihren Erzeugern wuchs die neue Generation auf mit einer Erfahrung der relativen FuÌlle, welche jede EinschrĂ€nkung als willkuÌrlich und sinnlos erscheinen liess; insofern besorgte ihre eigentliche und nachhaltige Erziehung der Wohlstand selber. So vieles lag doch in unmittelbarer Reichweite, wieso sollte man da warten, warum gar verzichten?
Jugendkultur als Transportmedium
Als die juÌngere Generation die PubertĂ€tsschwelle erreichte, kam es nicht bloss zum bekannten kurzzeitigen Ablösungsgerangel; da stiessen tief gegensĂ€tzliche, letztlich unvereinbare PrĂ€gungen aufeinander. Daraus lĂ€sst sich die Heftigkeit erklĂ€ren, mit welcher der Generationenkonflikt damals ausgetragen wurde, die extreme Spannung zwischen den Ălteren und der Jugend, die sich so bezeichnenderweise nie mehr wiederholt hat. Kommt ein Zweites hinzu:
Diese Jugend verfuÌgte, ebenfalls als Folge des materiellen Aufschwungs, uÌber eine betrĂ€chtliche Kaufkraft und konnte fuÌr jeden zum ertragreichen Absatzmarkt werden, der ihre Interessen ansprach. So entstand eine Jugendkultur, welche spezifische BeduÌrfnisse von Adoleszenten aufnahm, medial spiegelte und dadurch bestĂ€rkte. Kino, Fernsehen und Popmusik transportierten schliesslich Werthaltungen, die den neuen PrĂ€gungen entsprachen und damit die Vorstellungen der Elterngeneration unterminierten. Es kommt zum Paradox, dass die Wirtschaft Haltungen förderte, die ihre EntscheidungstrĂ€ger wohl mehrheitlich als unmoralisch bzw. systemfeindlich abgelehnt haben.
Das Credo der Begehrlichkeit
Die Nachkriegsgeneration erlebte ihre Jugend nicht mehr als blosse Ăbergangsphase, als ein soziales Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, das man so schnell wie möglich zu durchqueren hat. Weil sie eine potente Zielgruppe war, beschenkte sie der Markt mit einer eigenen Kultur; die wiederum wurde zum Echoraum, der den Kids erlaubte, eine IdentitĂ€t als selbstbewusste gesellschaftliche Mitspieler auszubilden. In der Folge erschienen die traditionellen Erziehungsinstanzen schnell als autoritĂ€rer Popanz und verloren ein StuÌck weit den Zugriff. Anders als fruÌhere Generationen standen die 68er nicht mehr vor der alternativlosen institutionellen Einbahnstrasse, welche Schule, Kirche oder Armee mit ihren herkömmlichen Initiationswegen anboten. Es gab jetzt andere Pfade, Ausweichrouten, die dazu verlockten, im adoleszenten GĂ€rungszustand zu verweilen und sich im Ăbergangsstadium auf einige Dauer einzurichten. Im Rahmen der Jugendkultur waren Vernunft, ZweckmĂ€ssigkeit oder der Anpassungszwang, eben die Standards der Erwachsenenwelt, quasi ausgesetzt; hier herrschte ein Credo der Begehrlichkeit, das die Rolling Stones mit ihrem Dauerhit von 1964 auf den Punkt gebracht hatten: âI canât get no satisfaction!â
Das Begehren aber, das hier unbefriedigt bleibt, richtet sich auf nichts Bestimmtes, schon gar nicht auf materielle GluÌcksguÌter, wie sie im Ăberfluss vorhanden waren. In Jaggers Refrain steckt vielmehr der Urschrei der reinen Absetzung, das Statement an die Adresse der Ălteren, dass sie den Bruch durch nichts mehr kitten können. Hier artikuliert sich der Trotz von Kindern, die nicht lĂ€nger gegĂ€ngelt werden wollen und die zu gĂ€nzlich unbedachten, ja gefĂ€hrlichen Aktionen bereit sind, um sich und den Eltern ihre UnabhĂ€ngigkeit zu demonstrieren.
Um diese Distanzierungsthematik kreiste letztlich der Protest von 68; sie gab ihm das Ăberbordende, teilweise Irrwitzige und in einigem durchaus Destruktive, das die buÌrgerliche Gesellschaft nachhaltig in Schrecken versetzt und damit auch den spĂ€teren Backlash eingeleitet hat.
Wenn die Welle aber auch rasch verebbte, sie hatte doch die SelbstverstĂ€ndlichkeit der buÌrgerlichen Nachkriegswelt unterspuÌlt. OberflĂ€chlich kehrte die Gesellschaft zwar rasch wieder zur NormalitĂ€t zuruÌck, doch in den Köpfen hatte sich einiges verschoben. NatuÌrlich war die Bewegung mit dem Kampfruf Sex, Drugs und Rockân Roll primĂ€r auf Provokation aus gewesen; andererseits schwang da auch die konkrete Forderung nach einem freieren Leben mit, nach mehr SpontaneitĂ€t und einer Ăffnung der Horizonte. Und dieses Verlangen wurde mehrheitsfĂ€hig, nachdem die Exzesse abgeklungen waren: Die Schule â uÌberhaupt Erziehung â war nun weniger autoritĂ€r, die Moral lockerer, die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten vervielfĂ€ltigten sich rasant. Der Aufruhr von 68 hat in der Tat nicht das System verĂ€ndert, brachte aber einen Wertewandel mit sich, der es den Menschen ermöglichte, reibungsloser in diesem System zu leben.