Kindertage - Armarillo, Texas 02.02.2059
"Du bist so ein tapferes Mädchen, Vera." Mary Jackson platzte fast vor stolz auf ihre Tochter, die in den Sitz versunken am Tisch saß. Die junge Orkin hatte ihr Beanie so tief in die Stirn gezogen hatte, dass es ihr fast die Augen verdeckte. Dass sie die Mütze tragen durfte war eine Ausnahme, die dem zu verschulden war, dass ihr Kopf derzeit kahl rasiert und von einem Verband umwickelt war. Es waren die Folgen der kürzlich erfolgten Operation, bei der ihr ein Zelebralbooster zur Steigerung ihrer kognitiven Fähigkeiten eingeplanzt wurde. Nun war der dritte Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus und die ganze Familie Jackson besuchte eine der teuersten Sushibars der Umgebung. Wenn es um die Zukunft, vor allem um die Bildung ihrer sieben Kinder ging, scheuten Walter und Mary Jackson keine Kosten und Mühen. Und dass nun auch ihr fünftes Kind diese Operation überstanden hatte, war in der Tat ein Grund zum Feiern. Veras Zwillingsbruder Shaun war fast genauso begeistert wie seine Eltern. "Jetzt können wir wieder zusammen mehr unternehmen," freute er sich, "Jetzt wo du nicht mehr doof bist!" "Ich will auch nicht mehr doof sein!" rief Faith, eine der beiden jüngeren Schwestern und deren Zwillingsschwester Rose echote: "Ich auch!" Mary und Walter lächelten sich mit elterlichem Stolz an. "Keine Sorge, Mädchen" sagte ihr Vater, "in zwei Jahren seid ihr auch so weit." Die drei älteren Jackson-Geschwister Paul, Walter junior, und Monica waren ruhiger als die jüngeren. Monica hatte gerade einen Job als Sekretärin bei einem kleinen Werbeunternehmen angenommen und überprüfte in einem Taschenspiegel ihre sorgfältig abgeschliffenen Hauer. "Mum, ich glaube, sie wachsen schon wieder nach!" jammerte sie mit weinerlichem Tonfall, wurde jedoch ignoriert. Walter junior und Paul sprachen leise miteinander. Für sie war vor allem das Essen von Interesse und so klang ihr Gespräch so, als würden sie sich gegenseitig die Speisekarte vorlesen.
Die einzige, die nichts sagte, war Vera selbst. Die Schmerzen hatten inzwischen zwar nachgelassen, doch das Glück, den Stolz, die Begeisterung wollte sich bei ihr nicht so wirklich einstellen. Sie verstand den Hass nicht, den ihre Eltern, ihre ganze Familie auf den eigenen Metatyp hatten. Immer noch nicht. Sie wollte immernoch nicht ihre Haut färben oder die Hauer kürzen lassen. Vera fiel jedoch jetzt mehr auf als jemals zuvor, dass sie sich nicht beugen wollte. Sie wollte nicht bei dieser Charade mitmachen, sich nicht verstellen. Und im Moment wollte sie vor allem hier weg. Sie fühlte sich den Ork-kids auf der Straße, die, von denen ihre Eltern sie fernhalten wollten, so viel näher als ihrer eigenen Familie.
"Einmal die große Familienplatte, ja?" Die akzentbehaftete Stimme des jungen thailändischen Kellners riss Vera aus den Gedanken, wobei sie merkte, dass sie nun schneller ins Grübeln geriet als noch vor einer Woche. "Ich will das Maguro-Sashimi!" rief Paul auf, noch bevor die Platten fertig abgestellt waren. "Nein, Paul", schlichtete Mary, "Heute ist Veras besonderer Tag. Sie darf zuerst." Behutsam nahm die Orkin ihre Stäbchen in die rechte Hand und atmete den Geruch des Fisches ein. Sie spürte ein leichtes Kratzen im Hals und räusperte sich, fast unbewusst. "Mach hin," drängelte Walter junior, woraufhin sein Vater ihm einen strengen, tadelnden Blick zuwarf. Vera hatte noch nie zuvor Sushi gegessen und wusste auch jetzt nicht so richtig, was sie von der Platte aussuchen sollte. So wirklich appetitlich fand sie eigentlich nichts. Es war eher eine Trotzreaktion, die sie dazu führte, das von ihrem Bruder auserwählte Maguro-Sashimi, roher, fein geschnittener Thunfisch, zu probieren. Vera nahm das Stück Fisch in den Mund und begann zu kauen. Die Konsistenz war gewöhnungsbedürftig, aber der Geschmack nicht so übel, wie es aussah. Doch noch bevor sie das Stück herunterschlucken konnte, begann ihr Rachen zu brennen. Plötzlich, als hätte ihr jemand die Luftröhre zugeschnürrt, begann sie zu röcheln, das Atmen fiel ihr schwer, so sehr, dass sie das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Panik erfasste sie. Vera hörte noch die hysterischen Schreie ihrere Familie, die panischen Stimmen aller umherstehender, konnte jedoch durch ihre stark tränenden Augen fast nichts mehr sehen. Nur wenig später schwanden ihr die Sinne, so dass sie nicht mehr mitbekam, wie sie ins Krankenhaus gebracht wurde.  Â