Statement von PEN-PrÀsidentin Regula Venske zu Antisemitismus und Meinungsfreiheit
Pressemitteilung, Darmstadt, 27. Januar 2020. Der deutsche PEN ist entsetzt ĂŒber die Sprache der Verrohung, die seit einigen Jahren vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Die Grenze des öffentlich Sagbaren wird durch gezielte TabubrĂŒche verschoben, Rassismus oder Sexismus sollen wieder klingen wie zu respektierende Meinungen. Freie MeinungsĂ€uĂerung bedeutet jedoch keinen Freibrief fĂŒr Hass und Hetze. Das Recht auf Meinungsfreiheit findet seine Grenze im Straftatbestand der Volksverhetzung. Es findet seine Grenze dort, wo die MenschenwĂŒrde angetastet wird. Sprache ist wirkmĂ€chtig, Sprechakten folgen Taten. Seit den 1990er Jahren sind in Deutschland fast 200 Menschen Opfer rechtsextremer Mörder geworden. Dies ist unertrĂ€glich.
Wir wenden uns entschieden gegen alle ĂuĂerungen des Antisemitismus. Zunehmend tritt der Hass erschreckend krude auf, wenn Neonazis wie Islamisten die altbekannten antisemitischen Verschwörungstheorien und Stereotypen verbreiten. Antisemitismus kommt aber auch scheinbar harmlos, wohlmeinend, gar im Gewand des Philosemitismus daher. Wer mit paternalistischem Gestus âdie jĂŒdischen MitbĂŒrger unserer besonderen SolidaritĂ€t!â versichert, sollte sich fragen, warum er nicht einfach von BĂŒrgern und BĂŒrgerinnen spricht. Und wer Kritik am israelischen Regierungshandeln reflexhaft als Antisemitismus verteufelt, sollte sich fragen, warum er an Israel andere MaĂstĂ€be anlegt als an jeden anderen Staat der Erde.
Einige Beispiele:
-      Seit Jahren wird die Autorin und Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, durch antisemitische Hassreden bedroht; sie erhÀlt Morddrohungen und steht auf den Listen rechter Terroristen. Wir fordern die Sicherheitsbehörden auf, ihr den notwendigen Polizeischutz zukommen zu lassen.[ii]
-      Eine Veranstaltung der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron im August 2019 in Berlin musste abgebrochen werden, da 60 offenbar aus London angereiste Vertreter der zum Boykott Israels aufrufenden BDS-Bewegung ihren Vortrag mit Rufen wie âDeine HĂ€nde sind voller Blutâ unterbrachen. Lizzie Doron setzt sich fĂŒr eine Versöhnung zwischen Israelis und PalĂ€stinensern ein; sie selbst hĂ€lt Boykott fĂŒr ein legitimes Konzept, da niemand dabei getötet werde.[iii]
Als Schriftstellerinnen und Schriftsteller lehnen wir im PEN kulturellen Boykott ab, da er den freien Meinungsaustausch unterbindet. Gleichwohl sollten Diskussionen darĂŒber im Interesse eines freien Meinungsaustausches in Deutschland öffentlich Raum und dessen Verfechter Gehör finden können.
-      Der Wissenschaftler und Publizist Reiner Bernstein, der sich als Vertreter der Zwei-Staaten-Lösung seit vielen Jahren darum bemĂŒht, israelischen und palĂ€stinensischen Friedensaktivisten und Menschenrechtsorganisationen im deutschen Diskurs Gehör zu verschaffen â gemeinsam mit seiner Frau Judith beteiligt er sich am Gedenkprojekt âStolpersteineâ in MĂŒnchen â wurde im Buch âDer neu-deutsche Antisemitâ als âein selbsthassender Judeâ bezeichnet, der tote Juden in Deutschland liebe, aber mit lebenden Juden in Israel ein Problem habe. Dessen Autor, Arye Sharuz Shalicar, ist Leiter der Abteilung fĂŒr auswĂ€rtige Angelegenheiten des israelischen Ministeriums fĂŒr Nachrichtendienste; seine Lesereise in der Bundesrepublik Deutschland wurde vom Beauftragten der Bundesregierung gegen Antisemitismus gefördert. Eine Klage Bernsteins gegen Shalicar und dessen Verlag wegen Rufmords und Verleumdung wurde vom Landgericht Berlin abgewiesen.[iv]
Wir erklĂ€ren unsere SolidaritĂ€t mit Reiner und Judith Bernstein, die vom âAktionsforum Israelâ gar des âTerrors gegen Judenâ bezichtigt wurden. Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Politik ist nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Eine solche Sichtweise verweigert anderen, z. B. kritischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, die SolidaritĂ€t.
Unsere Charta verpflichtet jedes PEN-Mitglied nicht nur, âjeder Art der UnterdrĂŒckung der freien MeinungsĂ€uĂerungâ entgegenzutreten, sondern auch, âmit Ă€uĂerster Kraft fĂŒr die BekĂ€mpfung jedweder Form von Hassâ â wie Rassen-, Klassen- und Völkerhass sowie Hass aufgrund des Geschlechtes oder der sexuellen Orientierung â âund fĂŒr das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.â Diese Ziele, Meinungsfreiheit und VölkerverstĂ€ndigung, widersprechen einander nicht, sondern gehören zusammen. Ihre Dialektik auszuhalten und von Fall zu Fall immer wieder neu auszuloten erfordert Sorgfalt beim Hinhören und MĂ€Ăigung beim Sprechen. Freiheit, auch Meinungsfreiheit, ist ohne Verantwortung nicht zu haben. Finden wir uns nicht ab mit den GrĂ€ueln, erheben wir Einspruch mit Herz und Verstand und, wo immer möglich, âmit der Stimme der Liebeâ!
FĂŒr das PrĂ€sidium des PEN-Zentrums Deutschland
Regula Venske
PrÀsidentin











