Sonntagnachmittag in Mostindien: Ein schmaler, kleiner Mann stakt über die grosse Wiese. Die Kapuze hat er hoch- und die Schuhe ausgezogen. Er sieht nicht so aus, als wäre er oft barfuss unterwegs. Eigentlich sieht er überhaupt nicht so aus, als wäre er oft mitten im Nirgendwo auf Feldern unterwegs. Das hat sich wohl auch die Frau mit Hund gedacht, die ihn angesprochen hatte. Ob man wohl etwas unternehmen müsse, fragt sie uns. Was denn mit ihm los sei, fragen wir sie. Das sei nicht aus ihm herauszubekommen, einzig: zum Wasser wolle er. Zum Wasser? Aber doch nicht etwa in die Aach? Der Bach, der seit Neustem offenbar ein Fluss und damit Kantonsangelegenheit ist, wie Grossvater kurz vorher erzählt hatte, führt viel Wasser. Mancherorts ist sie über die begradigten Ufer getreten, hat Strassen und Felder überspült. Auch hier ist sie hoch und vor allem schnell. Und der schmale, kleine Mann stolpert weiter in ihre Richtung. Doch, halt, nein, er biegt ab zum Güllewagen. «Nein, nein», sagt die Frau, «das ist der Wasserwagen für die Kühe.» Und tatsächlich, er scheint Wasser gefunden zu haben, er trinkt und wäscht sich das Gesicht. Dann legt er sich einen ganz kurzen Augenblick ins hohe, nasse Gras, nur um gleich auf allen Vieren zurück in Richtung Feldweg zu krabbeln. Er rutscht unter dem Draht durch und setzt sich an den Strassenrand. Seine Füsse sehen nicht gut aus. Gar nicht gut. «Geschunden» ist nicht das richtige Wort, sie sind viel eher aufgeweicht. So, als hätte er sie zu lange ins Wasser gehalten. Viele, viele Stunden zu lange. Marek sei sein Name. «Beautiful», sage ich. «You think so? I‘d rather think it awkward.» Immerhin sei er in dem Ort, in dem er aufgewachsen sei, unter den 6000 Einwohnern der einzige Marek gewesen. Das ist aber schon lange her, inzwischen ist er im Thurgau auf einem Feld gelandet. Er suche seinen Schlüssel, erzählt er. Einen einzelnen Autoschlüssel. Im hohen Gras oder in den Reihen des Maisfeldes. So genau ist das nicht zu erfahren. Helfen könne man ihm allerdings nicht. Es sei denn, wir könnten ein Paar Gummistiefel besorgen. So lange die Sonne noch scheint, will er suchen. Die Frau mit Hund seufzt und besucht den Bauern gegenüber. Vielleicht verborgt der ja ein Paar Gummistiefel.
Morgens als es noch warm und trocken gewesen ist, ist Marek über die Felder gestreift, hat Schuhe und Socken ausgezogen und seiner Hosentasche nicht getraut. Deshalb hat er den Schlüssel in die Schuhe gesteckt und wohl verloren. Oder aber ein Mann habe ihn gestohlen. Vor einer ganzen Weile habe er ein älteres Ehepaar getroffen, der Mann hätte seinen Schlüssel nehmen können. Warum er das getan haben sollte? «I don‘t know why he took it!» Das wissen wir auch nicht. Was wir wissen: Einen einzelnen Autoschlüssel in hohem Gras auf einem grossen Feld zu finden, das schaffen auch wir nicht. Er setzt sich auf und macht sich erstaunlich elegant im Spinnengang auf zu seinen Schuhen, die er zum Trocknen neben dem Maisfeld in die nasse Wiese gelegt hat. Grossmutter hat mir wenig vorher ein paar frisch gewaschene, trockene Socken in die Hand gedrückt, ich überlasse sie Marek. Er nimmt sie, steckt sie in die Hosentasche, die Socken jetzt anzuziehen wäre ziemlich sinnlos, findet er. Er will ja seinen Schlüssel weitersuchen. Er braucht ihn nämlich, spätestens morgen. Auf den Schlüsseldienst will er sich nicht verlassen, das dauert ihm zu lange. Ob er den Schlüssel denn sicher hier verloren habe? Ja, er müsse hier sein. Schliesslich habe er sämtliche Felder der Umgebung schon abgesucht, auch in die benachbarte Kleinstadt sei er schon zurückgegangen. Immer barfuss, immer der Aach entlang. Die Frau mit Hund kommt zurück, Gummistiefel hat sie keine bekommen, der Bauer habe nämlich vor ein paar Stunden schon mit Marek gesprochen als er im Maisfeld nach seinem Schlüssel gesucht hatte. Das ist offenbar Grund genug, dem kleinen, schmalen Mann nicht helfen zu wollen. Ja, verschiedene Reihen habe er abgesucht, aber längst nicht alle. Natürlich nicht, das Maisfeld ist – mindestens für Schweizer Verhältnisse – riesig. Also weiter im Spinnengang. So lange, bis die Frau mit Hund fragt, ob sie nicht doch die Polizei rufen soll. Marek verneint, sie tut es trotzdem. Also zieht Marek die nassen Socken über seine aufgeweichten Füsse, stülpt die Schuhe drüber und erhebt sich. Das Gehen fällt ihm schwer, kein Wunder, aber er ist zäh, beisst die Zähne zusammen und verschwindet im Maisfeld. Die Patrouille aus der benachbarten Kleinstadt taucht dann auch noch irgendwann auf, allerdings nicht, ohne sich verfahren zu haben. Marek tritt aus dem Maisfeld, bittet darum, englisch sprechen zu dürfen. «Yes, yes I understand it», sagt die Beamtin ein wenig ungehalten. Das Gespräch wird sie trotzdem in Schweizerdeutsch weiterführen. Besonders hilfreich sind die Beamten ohnehin nicht, aber immerhin: Sie nehmen Marek nicht in Gewahrsam, stattdessen bieten sie ihm an, ihn in die Stadt zu fahren. Marek aber muss das verbleibende Sonnenlicht ausnutzen und nach seinem Schlüssel suchen. Im Maisfeld.
Die besessene Regan (Teresa MacNeil) bewegt sich im Spinnengang ähnlich elegant wie Marek, allerdings hatte sie dafür Seile und Kabel gebraucht: https://www.youtube.com/watch?v=5Kc5spVvWdY (The Exorcist - Spiderwalk (Behind-The-Scenes)