Heute vor sieben Jahren
An einem ziemlich heissen 9. August, und zwar 2015. Aufgenommen dort, wo das Hors Tribu und der Absinth zu Hause sind, im Val-de-Travers in MÎtiers nÀmlich.
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Heute vor sieben Jahren
An einem ziemlich heissen 9. August, und zwar 2015. Aufgenommen dort, wo das Hors Tribu und der Absinth zu Hause sind, im Val-de-Travers in MÎtiers nÀmlich.

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Der Schreiberlinge Manifest
Hoffentlich hilfreich-imperativische Gedanken zum Schreiben von Mensch Meyer
Lies!
Achte jede Silbe!
Gebrauche gewöhnliche Worte, um ungewöhnliche Dinge zu erzÀhlen!
Höre auf das GeschwÀtz der Leute, es ist nicht immer nur GeschwÀtz!
Sei diszipliniert, ein Plan gelingt nur mit Plandisziplin!
Ehre den Gedanken und die Sprache, vergiss die Meinungen!
HĂŒte dich vor sinnlosen Ichs und sorge dafĂŒr, dass jedes Element im Text (s)eine Funktion erfĂŒllt!
Die Wahrheit ist: Nichts ist wichtig!
Die Wahrheit ist auch: Alles ist wichtig!
Am Ende entscheidend ist: Deine Texte werden gern und gut gelesen!
Ein Bleistift auf der Wand (beim Rundkino an der Prager Strasse in Dresden im Sommer 2020)
LiteraTour dâHorizon: «Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung»
Rezension zu «Zwischen Welten»
«⊠es ist toll, wie offen du bist. Und ja, ich verstehe dich. Ich glaube, wir sind uns (nicht nur du und ich, sondern die Gesellschaft im Ganzen) ziemlich einig, was die Ziele betrifft. Die Frage ist nur, wie man dahin kommt. Und, ob es um jeden Preis sein darf. Aus meiner Sicht, ist um jeden Preis immer falsch. Man muss immer nach den Kosten fragen, immer eine AbwÀgung vornehmen. Deshalb ist Demokratie niemals Zeitverschwendung.»
Zwanzig Jahre liegen zwischen dem letzten Treffen von Kuhschwester79 und Mercurius, die eigentlich Theresa und Stefan heissen. Sie haben sich jetzt an der Aussenalster wiedergetroffen (zufĂ€llig), sind dabei aneinander geraten (weniger zufĂ€llig) und versuchen nun, ihre Lebenswelten wieder in Einklang zu bringen und vielleicht sogar die alte Freundschaft wieder zu beleben. Theresa hat damals ihr Studium in MĂŒnster abgebrochen, ist einigermassen ĂŒberstĂŒrzt zurĂŒck in die ostdeutsche Provinz, hat dort den viel zu grossen und viel zu defizitĂ€ren Hof ihres verstorbenen Vaters ĂŒbernommen. Wobei «Hof» nicht ganz treffend ist, denn es ist ein grosser Betrieb mit vielen KĂŒhen und einigen Angestellten, die alle auch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Probleme haben. Stefan hingegen hat noch zu Studienzeiten das Magazin Heftig gegrĂŒndet, ein linkes Aktivistending, das ihm den Weg in die Chefetage des traditionell-liberalen Flaggschiffs Bote geebnet hat. Dort ist er zum Zeitpunkt des Wiedersehens stellvertretender Chefredaktor, nutzt den Genderstern, denkt ĂŒber veganen Lifestyle nach, arbeitet und trinkt zu viel.Â
Nach ihrem verheerenden Wiedersehen an der Hamburger Aussenalster trennen sich die Wege der beiden ehemaligen Wohngemeinschaftsgenossen wieder, aber sie beginnen, sich zu schreiben. Das Autorenduo Juli Zeh und Simon Urban wĂ€hlt fĂŒr die Form des ErzĂ€hlens einen modernen Briefwechsel: Erst schreiben sich Theresa und Stefan ausfĂŒhrliche E-Mails, wechseln dann zu Messengerdiensten wie WhatsApp und spĂ€ter Telegram und â aus GrĂŒnden â verschlĂŒsselten Diensten.Â
Buch und Geschichte funktionieren gut. Die Handlung ist klar, stimmig und trĂ€gt zuverlĂ€ssig durch die Seiten. Ăberzeugend ist auch die Charakterentwicklung. Man kann beide irgendwie ganz gut verstehen. Der Plot selbst ĂŒberrascht nicht stĂ€ndig, und das ist gut so. Gerade darin liegt die QualitĂ€t des Romans: «Zwischen Welten» interessiert sich weniger fĂŒr spektakulĂ€re Wendungen als fĂŒr das oft anstrengende Aushalten von Differenz. Theresa und Stefan stehen nicht fĂŒr Gut und Böse, sondern fĂŒr zwei legitime, allerdings nur schwer vereinbare Perspektiven auf Gegenwart und Verantwortung. Der Roman zeigt, wie schnell VerstĂ€ndigung in moralische Ăberhöhung kippt und wie viel Anstrengung und Willen es braucht, wieder zur Sache zurĂŒckzukehren. Demokratie wird wie nebenbei mitgeschrieben, nĂ€mlich als Haltung.
Bisweilen wirkt die gewĂ€hlte Form zu gesucht, etwa wenn Theresa in einer Mail an Stefan ausfĂŒhrlich erzĂ€hlt, wie sie ihr Wiedersehen erlebt hat, auch wenn nicht alles in aller Deutlichkeit ausgesprochen â ausgeschrieben â wird, wirkt die Unterhaltung gerade in den ersten Korrespondenzen stellenweise unnatĂŒrlich, wenn auch fĂŒr die Leserschaft wichtig: «âŠund da stehst du plötzlich in der U-Bahn vor mir und breitest deine Arme aus. Wenn das kein Schicksal war. Danach ist das Ganze allerdings ziemlich aus dem Ruder gelaufen.» Gleichzeitig passt gerade diese UmstĂ€ndlichkeit zur Sache. Demokratie vollzieht sich nun mal selten in pointierten Dialogen, sondern in langen, mitunter umstĂ€ndlichen ErklĂ€rungen, in MissverstĂ€ndnissen, in RĂŒcknahmen, in Anpassungen und feinen Justierungen. Dass nicht jede Mail literarisch elegant wirkt, ist vielleicht weniger SchwĂ€che als Konsequenz der gewĂ€hlten Perspektive: Wer sich wirklich verstĂ€ndigen will, muss sich wiederholen, rechtfertigen und muss â eben â aushalten.
«Zwischen Welten» ist weniger ein Roman ĂŒber zwei Menschen als ĂŒber die Zumutung der Gegenwart. Er zeigt, wie brĂŒchig VerstĂ€ndigung geworden ist und wie notwendig sie bleibt. Wer wissen will, warum Demokratie anstrengend ist und gerade deshalb keine Zeitverschwendung, findet hier einen literarischen Versuch, der klĂŒger ist als so manche politische Debatte.
Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten; Luchterhand Literaturverlag, MĂŒnchen 2023; ISBN 9783630877419; 448 Seiten
LiteraTour dâHorizon | Was ist das?
«LiteraTour dâHorizon»: Was ist das? Tour dâHorizon bedeutet so viel wie «Ăberblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und â eben â der Tour.
LiteraTour dâHorizon: «Tulukkat qaqortippata»
Rezension zu «Das Tal der Blumen»
«Der Rabe wachte ĂŒber mich, bis das Tageslicht kam. Dann flog er davon und liess mich allein mit den Toten zurĂŒck. Er wusste nicht, dass er mich vor dem Licht beschĂŒtzen sollte, nicht vor der Dunkelheit.»
In ihrem Roman «Das Tal der Blumen» entfĂŒhrt uns die grönlĂ€ndische Autorin Niviaq Korneliussen in eine Landschaft von karger Schönheit und existenzieller Wucht: nach Ostgrönland, wo der titelgebende Ort â ein Friedhof â als Symbol fĂŒr Trauer, Erinnerung und gesellschaftliche VerdrĂ€ngung steht.Â
Die namenlose Protagonistin bewegt sich in einer seltsamen Mischung aus GleichgĂŒltigkeit und tiefem Erleben durch die, durch ihre Geschichte. Sie taumelt, scheinbar unberĂŒhrt und doch von jedem Augenblick tief durchdrungen, bis zum Ende. Dieses Schweben zwischen NĂ€he und Distanz macht die LektĂŒre gleichermassen intensiv wie verstörend. Der Ton ist direkt, frisch, ungeschönt. Korneliussen ist dabei niemals sentimental, sondern behĂ€lt stets eine starke, unmittelbare Klarheit bei. Stossend ist, dass in der deutschen Ăbersetzung von Franziska HĂŒther stets von «Selbstmord» gesprochen wird, ist dieser Begriff doch stark negativ belastet. Immerhin rĂŒckt er den Suizid in die NĂ€he eines der schlimmsten Verbrechen, das verĂŒbt werden kann: Mord. Dabei ist der Suizid an sich wertfrei, er ist lediglich eine mögliche Handlungsoption des Menschen. Ansonsten scheint die Ăbersetzung aus dem DĂ€nischen den unmittelbaren Ausdruck Korneliussens zu bewahren und dessen schonungslose Offenheit zu transportieren.
Dass die Autorin fĂŒr «Das Tal der Blumen» als erste grönlĂ€ndische Autorin ĂŒberhaupt mit dem Nordischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, ist ein Zeichen dafĂŒr, dass eine Stimme zu hören ist, die nicht nur literarisch ĂŒberzeugt, sondern auch gesellschaftlich dringend notwendig ist.
Denn das Buch ist mehr als eine individuelle ErzĂ€hlung. In, aber vor allem zwischen den Zeilen klingt eine deutliche Kritik an: Grönland leidet seit Jahrzehnten unter einer erschĂŒtternd hohen Suizidrate â so sehr, dass es dafĂŒr gar einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Die Autorin benennt dies nicht mit Anklage, sondern mit literarischer Konsequenz. Indem sie nĂ€mlich das Schweigen der Gesellschaft in ihre Prosa ĂŒbersetzt, legt sie zugleich den Finger in die Wunde, die das Nichtstun hinterlĂ€sst. Der Roman wirkt wie ein Schreiben gegen das kollektive Verstummen, gegen Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. «Tulukkat qaqortippata» â erst, wenn die Raben weiss werden â sagen die GrönlĂ€nder*innen und meinen damit das Unmögliche. Und genau darin liegt die Hoffnung des Romans: Dass es auch fĂŒr das UnverstĂ€ndliche Worte gibt, dass das Schweigen gebrochen werden kann, dass Heilung möglich ist.
So wird «Das Tal der Blumen» zu einem fast schon radikalen Erlebnis. Der Roman hĂ€lt uns dazu an, auszusprechen, was sonst lieber verschwiegen wird. Und er erinnert daran, dass Literatur nicht nur Geschichten erzĂ€hlt, sondern auch RĂ€ume öffnet, in denen verdrĂ€ngte Wirklichkeiten und verschĂŒttete Lebenswelten sichtbar werden.
Niviaq Korneliussen: Das Tal der Blumen; Ăbersetzung aus dem DĂ€nischen von Franziska HĂŒther; btb, 2023; ISBN 978-3-442-76239-2 281 Seiten
LiteraTour dâHorizon | Was ist das?
«LiteraTour dâHorizon»: Was ist das? Tour dâHorizon bedeutet so viel wie «Ăberblick, Blickfeld», und die Literatour ist eine Wortschöpfung aus der Literatur und â eben â der Tour.
In loser Folge erscheinen in der LiteraTour dâHorizon Buchbesprechungen, meist von Wiederentdeckungen, hin und
Reise ins Gewisse
Kontrolleur: «Guten Morgen. Sie fahren von wo bis wo?» Ich: «Wil â Scheuren.» Kontrolleur: «Scheuren? Ist das ein Bahnhof?!» Ich: «...»

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VersatzstĂŒck
I became rather good at self-medication, which, of course, never really helped.
Dieser Satz ... Er schwirrte in ihrem Kopf umher und liess sie nicht los. Warum? Weil er so schön war (sie hatte es ja, dieses Faible fĂŒr schöne SĂ€tze)? So prĂ€gnant? So zutreffend? Sie wusste es nicht, aber der Satz schwirrte. Und schwirrte. In Englisch. Krempelte den Kopf um, alles war englisch. Und vor dem Fenster zog der graue Morgen vorbei. Ein bleierner Himmel wurde langsam hell, einzelne zerrissene Nebelschwaden waberten ĂŒber die Felder.
Herbstzeitlos.
Arbeitstitel: Die automatische Transkription und der Substanzkonsum
Herr P. und die alte Frau
Die alte Frau: «Halbtax. Gilt da no?» Herr P.: «Jojo, wenn Sie nö sĂ€ged, Sie wöns nĂŒme, werds afach verlĂ€ngered. Wie bine Zitig.» Die alte Frau: «Aha, denn muni mer ke Sorge mache es sig abgloffe?» Herr P.: «Nanei. Irgendwann chunt denn amel d'rechnig, abo do mĂŒend Sie au nö pressiere, sind amel au nö die Schnellste.» Die alte Frau: «Ah guet.» Herr P.: «FĂŒr die eine ischs guet, fĂŒr die andere nöd eso. Sch wie bim Handy au: Do chame au nö sĂ€ge, me sind im Usland gsi...» Die Aufzeichnende: «Chame scho, da intessierts afach nö.» Herr P.: «Hehe, jo! Schöne Sunntig!»