Endlich mal Strecke machen beim Grundgesetz-Abschreiben
Ich habe meinen Stiftplotter (2019 angeschafft fĂŒr dieses Kunstprojekt) in eine groĂe Kiste gepackt und mit der Bahn nach Bayern transportiert, um ihn fĂŒr eine Sitzung des Handschrift-Seminars zu verwenden. NatĂŒrlich habe ich alles wieder vergessen, aber die Inbetriebnahme ist einfacher als erwartet. Ich muss nur irgendwelche Extensions fĂŒr Inkscape installieren und dann ein bisschen in der guten Anleitung lesen. Schon malt er mir wieder eine Testgrafik aufs Papier.
Dann verbringe ich viel Zeit damit, die nĂ€chste abzuschreibende Grundgesetz-Seite in Inkscape so zu formatieren, dass der Text möglichst korrekt auf den 34 vorgedruckten Zeilen meines Abschreibehefts landen wird. Als Schriftart habe ich die neue Schulschriftart Prima vom Wiener Bildungsserver gewĂ€hlt, weil sie mir gut gefĂ€llt und ich die ausfĂŒhrlichen BegrĂŒndungen mag, warum es sie geben sollte. Wenn ich nicht nur zwei Stunden Zeit fĂŒr die Vorbereitung gehabt hĂ€tte, hĂ€tte ich meine eigene Handschrift dafĂŒr verwendet. Bevor ich mit meinen Experimenten fertig bin, beginnt schon das Seminar, naja, dann muss es eben so gehen.
"Heute werde ich Strecke machen dank Stiftplotter!", schreibe ich in den Chat zum Seminar. Normalerweise schaffe ich in den anderthalb Stunden des Abschreibeteils etwa fĂŒnf A4-Heftseiten.
Dann merke ich, dass ich die falsche Version von "Prima" gewĂ€hlt habe, jeder Strich ist doppelt. Deshalb geht es sehr langsam. "Da schreib ich ja zu FuĂ schneller", beschwere ich mich im Chat. AuĂerdem schreibt der Plotter lĂŒckenhaft, weil die Schreibunterlage sich durch das Rumliegen etwas verbogen hat.
Weil der Zeilenabstand im Inkscape-Dokument nicht zum Zeilenabstand im Heft passt, muss ich auĂerdem alle paar Zeilen im laufenden Betrieb das Heft unter dem Stift zurechtrĂŒcken, was zu unansehnlichen Stufen fĂŒhrt.
Ich justiere viele Male die Stifthöhe, was nur dazu fĂŒhrt, dass jetzt die Verbindungslinien, die der Stift eigentlich in der Luft machen sollte, auch auf dem Papier landen. (Ja, ich weiĂ, kann man einstellen. Aber ich hatte es halt nicht vorher gemacht und wollte ungern wĂ€hrenddessen dran herumbasteln.)
"Zwischenfazit: Der Stiftplotter ist ein unordentliches Ferkel, die Seite gehört eigentlich rausgerissen aus dem Heft."
Auf der zweiten Seite schreibt der Plotter mehr LĂŒcken als Text. "Vielleicht ist auch einfach der Stift leer", ĂŒberlege ich, und setze stattdessen einen grĂŒnen Glitzer-Gelroller ein.
"GrĂŒner Glitzerstift auch keine Verbesserung. Aber um auch mal das Positive dran zu erwĂ€hnen: 'Prima Wien' ist schon eine ganz gute Schreibschrift. Und: Der Glitzerstift glitzert vorschriftsmĂ€Ăig! Werde jetzt also immer sagen können: Ich habe das Grundgesetz von Hand abgeschrieben. Mit grĂŒnem Glitzerstift."
Am Ende der Schreibzeit ist gerade mal das bisschen Text geschrieben, das ich in Inkscape vorbereitet habe. Wie um mich zu verhöhnen, beeendet der Plotter seine Arbeit damit, dass er den Stift auf dem Papier zurĂŒck in seine Ausgangsposition fĂ€hrt und so die ganze Seite durchstreicht.
AbschlieĂend fĂŒlle ich die LĂŒcken im Text handschriftlich aus, wodurch das Ergebnis noch etwas hĂ€sslicher wird. Anderthalb Seiten haben wir gemeinsam geschafft, der Plotter und ich.
Aber so ist es halt mit der Arbeitsersparnis durch technische Lösungen. Vor allem, wenn man sie nur selten benutzt.