Brief an B.
Guten Tag alter Freund
Lange ist es her, seit wir uns das letzte Mal sahen, und noch lĂ€nger, seit wir damals das letzte Mal zusammen zur Schule gefahren sind. Nichts ahnend traten wir an jenem Tag in die Pedale, wie schon all die Jahre zuvor. An diesem Tage aber fand in mir eine VerĂ€nderung statt, welche zu einer Entscheidung fĂŒhrte, ĂŒber die ich heute nicht gerade stolz bin und welche ich bis jetzt zutiefst bereue. Diese VerĂ€nderung fĂŒhrte dazu, dass ich mich kurz vor der Zielgeraden von dir trennte und dich, du treue Seele, allein zurĂŒckliess.
Ich hole etwas weiter aus: Ich glaube, die Schulzeit war fĂŒr keinen von uns leicht und die sozialen Gruppen in einer Klasse oder gar in einem Schulhaus sind starr, wie die StĂ€nde in einem feudalen Staat. Man nimmt die Rolle an, die einem von der Gruppe gegeben wird und kann sich oft die ganze Kindheit ĂŒber nicht mehr aus jener befreien. In Zeiten, in welchen ich wenig bis keine Freunde hatte, habe ich dieses System oft mit viel Hass, aber doch grossem Interesse studiert. Ich lernte viele Faktoren kennen, welche in einer solchen Gruppe von Relevanz sind, sah die anderen auch in den ihnen gegebenen Rollen agieren und untersuchte mit grosser Neugier die sozialen Grenzen, welche ich als Aussenseiter gut erkunden konnte, da ich nichts zu verlieren hatte.
In der Mittelstufe dann, als die Rollen in unserer Klasse definiert zu sein schienen, fanden wir dann zusammen in einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten. Dies war bezogen auf die Schule wohl eine der schönsten Zeiten in meinem Leben â endlich einen ganzen Freundeskreis mit Gleichdenkenden zu haben. Menschen, welche irgendwie genauso waren wie ich selbst und die gleichen Interessen teilten. Stundenlang verbrachten wir damit, in unseren fantastischen Welten zu leben oder immerzu davon zu reden.
Als wir dann in die Oberstufe kamen, waren da nur noch wir beide, doch ging alles weiter wie gewohnt. Auch in der neuen Klasse waren wir die Aussenseiter, doch schon damals hatte ich das leise GefĂŒhl, ich könnte mich von meiner alten Rolle losreissen und aufsteigen in einen höheren Stand, jetzt, wo alle Klassen neu zusammengestellt wurden. Der Schein trog aber und mein altes Ich und dessen Ruf klebten an meinen Fersen wie mein Schatten selbst. So beobachtete ich dann weiterhin die sozialen GefĂŒge und ich weiss nicht, ob ich mich verĂ€ndert habe oder ob alle um mich reifer wurden â wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
Jedenfalls lockerten sich die StĂ€nde ein wenig und da dachte ich doch plötzlich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, an dem mein sozialer Aufstieg gelingen könnte. Diesmal, dachte ich aber, muss ich diesen Klotz an meinem Bein loswerden, welchem ich damals in der ersten Oberstufe schon insgeheim die Schuld an meinem Versagen gab. So gab ich dir dann, auch auf den Rat unseres Freundes S. hin, mit welchem ich einen lĂ€ngeren Schulweg teilte und der, genauso wie ich, begierig darauf war, nicht mehr zu den Aussenseitern zu gehören, den Laufpass. Mein damaliges Argument mit dem Schulweg war natĂŒrlich nur eine faule Ausrede, die sich in diesem Moment nur allzu gut darbot.
So kam es dann, dass, obwohl wir in der Schule noch etwas Kontakt pflegten, wir uns immer weiter voneinander distanzierten und uns schlussendlich gÀnzlich aus den Augen verloren. Mein Aufstiegsversuch blieb erfolglos und ich machte mir auch auf einmal nicht mehr ganz so viel daraus. In jenen Stunden schon bereute ich den LoyalitÀtsbruch an deiner treuen Seele, welche sich nie etwas zu Schulden kommen lassen hatte.
Es war dann nur allzu gerecht, wurdest du, als Einsamer zurĂŒckgelassen, von der Gruppe mehr und mehr respektiert, wĂ€hrend ich mich mit S. begnĂŒgen musste, dem doch nichts an mir lag und der selbst nur dazugehören wollte. WĂ€hrend S. wie ein geschlagener Hund, der immer wieder zu seinem Meister zurĂŒckkehrt, ganz gleich, wie viele SchlĂ€ge er schon eingesteckt hatte, immer wieder versuchte, ein Teil der Beliebten zu sein, stand ich lĂ€ngst Aug in Aug mit meiner Schmach, dich, meinen treuen Freund, verraten und verlassen zu haben. Vielleicht hĂ€tten wir damals alles mit einem einfachen GesprĂ€ch aus der Welt schaffen können, doch dafĂŒr fehlte mir, wie heute noch, der Mut und ich war zu stolz.
So verlor ich dich oder besser gesagt, gab ich dich auf, auf den letzten Metern, die wir in unserer Schulzeit noch zu gehen hatten. Warf dich und unsere Freundschaft meinem hungrigen Egoismus zum Frass vor und dieser schlang das alles so voller Gier hinunter, dass er sich daran fast den Kiefer ausrenkte.
Mein Ego war es dann vermutlich auch wieder, welches in mir flĂŒsterte, als ich dich einige Jahre spĂ€ter mit meinem Auto ĂŒberholte. Du sassest wie eh und je schon auf deinem Drahtesel und tratst in die Pedale â ein Bild, wie ich es nur allzu gut kannte. Ich wiederum hatte gerade meinen FĂŒhrerschein gemacht und fĂŒhlte mich so erwachsen. Da sah ich dich also so, wie du allein zur Arbeit fuhrst, ganz genau so, wie du nach meinem Bruch mit dir jeweils allein in die Schule gefahren bist. Mitleid erfĂŒllte mich und mein Ego liess mich denken, dass du wohl seit damals immer nur noch alleine gewesen bist.
Ich stellte mir also vor, wie mein Leben nach der Schule gerade erst richtig losging. Hiess alles Vergangene nur Kindereien und sah mich meiner BlĂŒte entgegenschreiten, wĂ€hrend du, gĂ€nzlich abhĂ€ngig von meiner GĂŒte, vereinsamst und verwahrlost. Ja, ich stellte mir vor, wie du nach mir nie mehr einen neuen Freund hĂ€ttest finden können und wie ich der einzige Sonnenschein war, der dein Leben erwĂ€rmte.
Doch tatsĂ€chlich war ich selbst wohl der Verlierer von uns beiden. Denn genauso einsam, wie du damals auf deinem Fahrrad sassest, war ich in meinem Auto und auch sonst in meinem Leben. In Wahrheit war ich nicht dein, sondern du mein Sonnenschein, der immerzu und ungefragt mit seiner WĂ€rme ĂŒber mir flog, um mir das gute GefĂŒhl zu geben, das ich versĂ€umt habe, dir zurĂŒckzugeben. Leider stufe ich oft die Liebe, die ich anderen gebe, höher ein, als jene, die ich selbst erhalte. Ob das mangelnde Empathie oder purer Egoismus ist, vermag ich nicht genau zu sagen. Vielleicht verlangt es mir einfach zu viel ab, anderen meine WertschĂ€tzung zu zeigen, und vielleicht ist das aber auch nur der verzweifelte Versuch eines TĂ€ters, der sich, auf der Flucht vor seiner eigenen Scham, allzu gerne auf die Opferseite schlagen möchte, um seinem eigenen Gewissen zu entgehen.
Wie dem auch sei, ich schliesse meinen Brief an dich mit der Bitte um Entschuldigung. Es tut mir leid, dass ich nie der Freund war, der du fĂŒr mich warst und welchen du verdient hast. Ich hoffe, dein Lebensweg verlĂ€uft ohne weite Umwege und Hindernisse und du hast gute Menschen um dich, die dich schĂ€tzen und lieben und dir das auch zeigen können. Ich bedauere das Geschehene zutiefst und wĂŒnsche mir stehts, alles ungeschehen machen zu können und noch einmal deinen warmen Sonnenschein auf mir spĂŒren zu können.
Liebe GrĂŒsse
C.












