1971 bis irgendwann (nacherzÀhlt 2017)
Ab wann man nicht mehr rubbeln musste
Wolfgang RĂŒgner: Das mit den Stadtzeitungen war nur möglich, als es irgendwann mal die Composer gab â die GerĂ€te stehen heute im Museum fĂŒr Verkehr und Technik, hab ich gesehen. Das waren Schreibmaschinen, da konnte man Kugelköpfe mit verschiedenen Schriften und GröĂen einsetzen. Man konnte auf Barytpapier selber Satz machen, das war so ein beschichtetes Papier. Und die Erfindung des Offsetdrucks. Die beiden Sachen haben ĂŒberhaupt ermöglicht, dass man so was wie eine Stadtzeitung machen konnte. Vorher wĂ€re das vom Aufwand und vom Preis her nicht möglich gewesen. Dann konnte man so was richtig selber machen. Die Dinger wurden in Spalten runtergeschnitzt, da gabâs Speicherkarten, da konnte man das auch speichern und dann rauslassen. Die Grafiker haben das dann zusammengeschnitten, die Fotos wurden in der Repro gerastert, auch auf Papier, und das alles wurde auf Standbögen zusammengeklebt, erst mit Prittstift und spĂ€ter mit Wachs. Und das wurde dann fotografiert. Davon wurden Filme gemacht, davon wurden Druckplatten gemacht, und dann wurde es gedruckt.
Kathrin Passig: Das ist wann passiert?
Wolfgang RĂŒgner: Ich war ganz von Anfang an dabei, das war noch bei Hobo, dem VorlĂ€ufer von tip und Zitty. Das war durch Zufall, ich hab eine Wohnung gesucht, da wurde ich an einen Typen verwiesen, da bin ich hin, der hatte eine Ladenwohnung in der FichtetraĂe, den kannte ich von frĂŒher, weil wir aus derselben Stadt kamen, und der hat da irgendwas gemacht. Ich hab gesagt: âWas machst du da?â â  âJa, ich layoute gerade die erste Hobo-Ausgabe.â â âWas ist das?â â âDas ist ne Stadtzeitung.â Da hab ich gesehen, wie das gemacht wurde. Das wurde in der KĂŒche bei dem Typen zusammengeklebt und wurde dann in irgendeiner Druckerei auf einer kleinen Maschine gedruckt. Das war 1971. So fing das alles an.
Foto aus der Ausstellung: eine frĂŒhe tip-Seite. Leider habe ich die Jahreszahl nicht mitfotografiert; vermutlich ist diese Seite von 1972. Die in der Ausstellung folgenden Beispielseiten sehen schon viel weniger handgeschnitzt aus, es ist nur diese Seite aus dem ersten Jahr, die offenbar noch auf der Schreibmaschine getippt wurde.
Kathrin Passig: Aber letztlich waren das Schreibmaschinen?
Wolfgang RĂŒgner: Ganz am Anfang war es Schreibmaschine, ja. Schreibmaschine war ja ziemlich groĂ, also mit groĂem Abstand. Bei dem Ding konntest du die Schrift von acht bis zwölf Punkt hochfahren, verschiedene Kugelköpfe, auch verschiedene Schriftsorten. Und dann gabâs halt noch die Erfindung Letraset. Die Buchstaben fĂŒr Headlines wurden da abgerubbelt.
Kathrin Passig: Das war in dem Video zu sehen.
Wolfgang RĂŒgner: Das waren meine HĂ€nde.
Kathrin Passig: Was?
Wolfgang RĂŒgner: Das waren meine HĂ€nde, die da zu sehen waren.
Kathrin Passig: Ah! Ich hab das Video gesehen und gedacht, ich muss jemanden ausfindig machen, der das erklÀren kann, was Letraset damit zu tun hat.
Wolfgang RĂŒgner: So wurden die Headlines gerubbelt, ja, und so wurde es alles zusammengeklebt und dann fotografiert. Das andere haben wir dann teilweise ... da haben wir eine Kamera gekriegt, und da konnte man das Gesetzte vergröĂern, ZwischenĂŒberschriften und so, wo es keine Kugelköpfe gab, so ein bisschen gröĂer. Mit der Kamera wurde das dann hochgezogen.
Gedruckt wurde das im Bogenoffset. Das war auch ziemlich aufwendig, weil auf eine Druckseite passten nur acht Seiten drauf. SpĂ€ter ging das dann auf Rollenoffset. Da wurde das alles an einem StĂŒck gedruckt. Das waren riesige Maschinen, da kam vorne die Rolle Papier rein und hinten kamen die fertigen Hefte raus. Das war dann aber schon viel spĂ€ter.
Kathrin Passig: Wann ungefÀhr?
Wolfgang RĂŒgner: Oh, das kann ich jetzt schlecht sagen. Also bestimmt fĂŒnfzehn Jahre spĂ€ter.
Kathrin Passig: Ab wann musste man nicht mehr rubbeln?
Wolfgang RĂŒgner: Gerubbelt wurde lange. Bis die ersten Computer kamen. Das weiĂ ich nicht mehr, wann das war, also schĂ€tzungsweise so ⊠weiĂ jetzt nicht, das kann ich nicht mehr sagen. Uns wurde einfach mal irgendein Mac reingestellt, und dann konnten wir selber probieren. Vorher gabâs noch Fotosatz. Das waren GerĂ€te, da gabâs Schablonen von Schriften, die hat man oben reingeschoben und im Halbdunkel wurde unten Papier mit Entwickler bearbeitet. Dann hat man das so durchgeschoben und die Buchstaben einzeln hintereinander weg belichtet. Das war noch so ein Zwischenschritt.
Kathrin Passig: Wann war der Fotosatz so ungefÀhr?
Wolfgang RĂŒgner: Das war, als wir noch in der SchlĂŒterstraĂe waren, ganz am Anfang. Bis in die 80er Jahre waren wir da. Ich glaub, 1991 sind wir umgezogen ans Tempelhofer Ufer und da wurde dann auf Rolle gedruckt, und da war das passĂ© ... Doch, der Fotosatz ging noch weiter, das ging noch lĂ€nger. Das wurde auch geschnibbelt alles. So ganz genau ⊠da mĂŒsste ich noch mal ⊠ist schon so lange her. Aber so in etwa.
(Wolfgang RĂŒgner, befragt von Kathrin Passig auf einer Ausstellung zum 45. und 40. Geburtstag der Berliner Stadtmagazine tip und Zitty)


















