Auf der Suche nach der Herrschaft der Mechanisierung
Ich lese âDie Geschichte des Fahrstuhls: Ăber einen beweglichen Ort der Moderneâ, und zwar auf Papier, da es kein E-Book zu kaufen oder auch nur anderweitig zu beschaffen gab. Beim Lesen plagt mich inzwischen das GefĂŒhl, ach was, das Wissen, dass ich alles Gelesene spurlos wieder vergessen werde, wenn ich keine Stellen markieren und mit mir herumtragen und wiederfinden kann. Letzteres funktioniert mit Hilfe des Ă€uĂerst komfortablen Readwise jetzt endlich ohne die Verrenkungen von frĂŒher. (Unbrauchbare von Amazon vorgesehene Lösung / Kostenpflichtige und nicht funktionierende Lösung / Teure Abo-Lösung / MittelmĂ€Ăig funktionierende Gratislösung)
Im Fahrstuhlbuch steht ein Zitat aus âDie Herrschaft der Mechanisierungâ des Schweizer Architekturhistorikers Sigfried Giedion, das mir auch das Techniktagebuch gut zu beschreiben scheint. Ich google die Stelle, um mehr ĂŒber den Kontext zu erfahren, finde aber nur andere Zitate genau derselben Stelle. Eventuell schreiben die Zitierenden bloĂ voneinander ab und besitzen die âHerrschaft der Mechanisierungâ so wenig wie ich. Auf Englisch ist das Buch 1948 erschienen, auf Deutsch 1982.
Ich hatte es sogar einmal. Im MĂ€rz 2012 habe ich es antiquarisch bei Amazon gekauft (eventuell, weil ich etwas daraus zitieren wollte?) und im April 2016 zusammen mit einer Axt und einem SchĂŒrhaken an Franziska Nyffenegger verschenkt. Ich war zum Verschenkzeitpunkt schon im Besitz einer von Libgen bereitgestellten PDF-Version der englischen Ausgabe und fand das ausreichend. Das Papierbuch hat schlieĂlich 800 Seiten, wiegt anderthalb Kilogramm und braucht entsprechend viel Platz im Regal. Jetzt hĂ€tte ich aber doch gern das Zitat auf Deutsch.
Bei Google Books: Fehlanzeige. Bei Libgen: immer noch nichts. Auf dem legalen Weg: natĂŒrlich sowieso nicht.
Ich suche das Zitat in meiner englischen PDF-Ausgabe, um seinen Anfang und sein Ende zu bestimmen. Das geht nur durch Betrachten jeder Seite, denn das PDF besteht aus nicht texterkannten Scans und lĂ€sst sich daher nicht durchsuchen. Also schon, aber nur wie ein Papierbuch eben. Zum GlĂŒck steht die Stelle gleich am Anfang. Ich schreibe an Franziska (im Facebook Messenger):
Am nÀchsten Morgen erhalte ich drei Fotos.
Ich tippe den Text von den Fotos ab, Preview im Hintergrund, TextEdit im Vordergrund, denn TextEdit ist mein einziger Editor, der immer im Vordergrund bleiben kann. Auf OCR habe ich gerade keine Lust, nachher muss ich nur wieder einen Beitrag ĂŒber lustige Texterkennungsprobleme schreiben. Das Ergebnis:
âEs sind Ă€uĂerlich bescheidene Dinge, um die es hier geht, Dinge, die gewöhnlich nicht ernstgenommen werden, jedenfalls nicht in historischer Beziehung. Aber so wenig wie in der Malerei kommt es in der Geschichte auf die GröĂe des Gegenstandes an. Auch in einem Kaffeelöffel spiegelt sich die Sonne.
In ihrer Gesamtheit haben die bescheidenen Dinge, von denen hier die Rede sein wird, unsere Lebenshaltung bis in ihre Wurzeln erschĂŒttert. Diese kleinen Dinge des tĂ€glichen Lebens akkumulieren sich zu Gewalten, die jeden erfassen, der sich im Umkreis unserer Zivilisation bewegt.
Die langsame Ausformung des tĂ€glichen Lebens ist ebenso wichtig wie die geschichtlichen Explosionen, denn ihr ZĂŒndstoff hat sich im anonymen Leben aufgespeichert. Werkzeuge und GegenstĂ€nde sind Ausdruck grundsĂ€tzlicher Einstellungen zur Welt. Diese Einstellungen bestimmen die Richtung, in der gedacht und gehandelt wird. Jedem Problem, jedem Bild, jeder Erfindung liegt eine bestimmte Einstellung zur Welt zugrunde, ohne die sie niemals entstanden wĂ€ren. Der Handelnde folgt Ă€uĂeren Antrieben â Gelderwerb, Ruhm, Macht â, dahinter jedoch steht unbewuĂt die Einstellung seiner Zeit, sich gerade diesem Problem und dieser Form zuzuwenden.
FĂŒr den Historiker gibt es keine banalen Dinge. Er darf â wie der exakte Wissenschaftler â nichts als selbstverstĂ€ndlich hinnehmen. Er hat die Objekte nicht mit den Augen des tĂ€glichen Benutzers zu sehen, sondern mit denen des Erfinders, so als wĂ€ren sie gerade erst entstanden. Er benötigt die unverbrauchten Augen der Zeitgenossen, denen sie wunderbar oder erschreckend erscheinen. Gleichzeitig hat er ihre Konstellation in der Zeit und dadurch ihren Sinn zu bestimmen.
Geschichtsschreibung bleibt immer Fragment. Die bekannten Tatsachen sind oft verstreut wie Gestirne am Firmament. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, sie seien ein zusammenhĂ€ngendes Gebilde in der historischen Nacht. Darum stellen wir sie bewuĂt als Fragmente dar. Bilder und Worte sind nur Hilfsmittel; der entscheidende Schritt vollzieht sich im Leser. In ihm werden die Bedeutungsfragmente, die hier ausgebreitet werden, in der Neuartigkeit und Vielfalt ihrer Beziehungen lebendig.â