6. Türchen: Gottfried und der Nikolaus
„Pah!“ ruft Gottfried lautstark und springt dabei fast von dem Kuschelkissen-Thron, den Enno und Kira ihm auf ihrem Stockbett gebaut haben. Wild gestikuliert er in Richtung des altmodischen Fernsehers, den die beiden Geschwister heute Morgen vom Nikolaus geschenkt bekommen haben. Dort läuft gerade ein vorweihnachtlicherCocaCola Werbespot, über den Gottfried offensichtlich sehr empört ist.
„Wo haben die denn diesen Hochstaplerher! Wenn DAS der Nikolaus sein soll, dann bin ich der Regenwurmpapst von Rom!“ Enno kichert. „Bist du vielleicht nicht, wärst du aber gern!“ neckt er seinen Turboraben. Kira ist sofort etwas kritischer. „Das ist ja auch nicht der Nikolaus, sondern der Weihnachtsmann. Oder Santa. Soweit ich weiß, sind das mindestens zwei verschiedene Jobs, Gottfried.“ „Na das will ich doch hoffen,“ erwidert der Turborabe sofort, „denn der echte Nikolaus sieht ganz anders aus alsdieser Grinsebartmit seiner möchtegern-Idealfigur!“
Kira und Enno kichern über Gottfrieds Wortwahl, doch jetzt sind sie neugierig geworden. „Der echte Nikolaus?“ fragt Kira ungläubig, und Enno fügt hinzu: „Sag bloß du kennst den, Gottfried?“ „Aber natürlich! Großes Turborabenehrenwort!“ Als ihm zwei sehr skeptische Augenpaare begegnen, beginnt Gottfried, sich zu erklären. „Ihr wisst ja, dass ich vor einigen Jahren eine Zeit lang in der Türkei gelebt habe, richtig?“ Die beiden Geschwister nicken.
„Da kommt der wahre Nikolaus nämlich her! Und natürlich war er nicht immer ein Bischof. Trotzdem hatte er aber schon von klein aufein ziemlichschönes Leben, denn seine Eltern waren reich. Und die kleine Gemeinschaft, in der er aufgewachsen ist, ist viel großzügigerals unsere. In den heißen Sommermonaten spielt sich dort alles Leben auf der Straße ab, die Menschen sind ständig draußen, sprechen miteinander und helfen sich gegenseitig. Das hat der Nikolaus sein ganzes Leben lang mit angesehen und auch als Erwachsenernicht vergessen.“
Beide Geschwister sehen ihren Turboraben fasziniert an. Vorher waren sie schonein bisschen skeptisch, aber mittlerweile ist Gottfrieds Geschichte so spannend, dass jegliche Zweifel in den Hintergrund rücken. „Eines Tages hört er hinter einer der zahlreichen Sandsteinmauern des Dorfes eine sehr traurige Stimme,“ fährt Gottfried fort,„Es ist ein Vater, der sich gerade von seinen beiden Töchtern verabschiedet. Die sollen ab dem kommenden Tag die Elternverlassen und in einem anderen Haushalt arbeiten, da die Familie sonst verhungert. Das kann der Nikolaus auf keinen Fall zulassen! Also läufter schnell nach Hause, füllt einen Sack mit Goldstücken und wirftihnheimlich durch das Fenster der armen Familie. So kommter auf die Idee mit diesen Säcken, versteht ihr?“
Gottfried wartet Enno und Kiras nicken kaum ab, bevor er fortfährt. „Die Familie stauntnicht schlecht, als sie so plötzlich und unverhofft zu Reichtum kommen. Sie vermuten sofort den Nikolaus, den reichsten Mann des Dorfes, als ihren Wohltäter und danken ihm herzlich. Die Freude, die der Nikolaus dabei empfunden hat, anderen zu helfen, lässtihn in den folgenden Jahren seines Lebens nicht mehr los. Er unternimmt Reisen, möchte auch an anderen Orten der Welt Menschen glücklich machen. So kommt esauch, dass erirgendwannden Bitten der Menschen von Myra nachkommt und ihr Bischof wird. Sein Ruf hattesich herumgesprochen. Auch bei mir. Ich hatte nämlich gehört, dass der Bischofgroßartige Schlagsahne macht.“
„Also gibt es beim Nikolaus Regenwürmer mit Schlagsahne zum Frühstück-Mittag-und Abendessen?“ kichert Enno. Sein Turborabe schnaubt frustriert. „Na eben nicht! Das warvielleicht enttäuschend. Als ich in Myra ankam, haben mir alle erzählt, wie der Nikolaus mal ein leeres Frachtschiff wieder komplett mit Korn befüllt hat. Nixda Regenwürmer, Pustekuchen Schlagsahne!Gar nicht großartig.“ „Aber Säcke hatte er, oder?“ fragt Kira.
Jetzt wissen Kira und Enno endlich, woher Gottfried sein tiefes Lachen hat: Vom Nikolaus natürlich! „Ganz, ganz viele“, fährt ihr Turborabe fort. „Die verteilen er und die Bewohner von Myra an brave Kinder auf der ganzen Welt. Vor allem an solche, die noch ein bisschen Hilfe dabei brauchen, glücklich zu sein.“ Kira lächelt sanft und schmiegt sich an ihren Turboraben. Enno blickt auf ihren Fernseher, wo der CocaCola Weihnachtsmann gerade breit grinsend eine Glasflasche in die Kamera hält.
„Egal, wer er ist, oder wo er herkommt, ich finde, der Mann mit dem Sack hat heute einen ganz tollen Job gemacht!“ Weder Kira noch Gottfried können ihm da widersprechen.