FrĂŒhe 1980er-Jahre, aufgeschrieben 2021
Ich stelle eine Spotify Playlist zusammen und stolpere dabei ĂŒber das InstrumentalstĂŒck 1980-F der Band After The Fire. Hörend erinnere ich mich, dass das die Titelmelodie einer Sendung war, die ich sehr mochte, weiĂ aber nicht mehr welche.
Ich denke zunĂ€chst an eine Fernsehsendung und brauche einen Moment, sowie Google und Wikipedia, um meiner Erinnerung auf die SprĂŒnge zu helfen. Es handelt sich um das NDR2 Club Wunschkonzert mit GĂŒnter Fink, das in den frĂŒhen achtziger Jahren einmal wöchentlich abends im Radio lĂ€uft.
Dessen â meist jugendliche â Hörer:innen können MusikwĂŒnsche per Briefpost einsenden. Aus diesen wird dann in einem nicht nĂ€her benannten Verfahren eine Auswahl getroffen und in der Sendung gespielt. Manchmal werden auch Preise verlost.
Der relativ unverhohlene Zweck des Wunschkonzerts ist nicht, dass man plötzlich um 20:53 Uhr einmal sein LieblingsstĂŒck im Radio hören kann, sondern dass die StĂŒcke so gespielt werden, dass sie sich gut auf Compact Cassetten mitschneiden lassen.
Das heiĂt, zunĂ€chst werden Interpret und Titel deutlich angekĂŒndigt, dann folgt eine halbe Sekunde Pause, um die Aufnahmetaste zu drĂŒcken, dann wird das StĂŒck in voller LĂ€nge abgespielt, ohne Ausblenden oder vorzeitige Unterbrechung durch Moderator oder Nachrichten. Bisweilen kommen auch ĂŒberlange StĂŒcke wie In-A-Gadda-Da-Vida dran, die im Radio sonst eigentlich nie voll ausgespielt werden. Durch dieses Format eignet sich die Sendung natĂŒrlich allgemein zum Mitschneiden von Musik.
Oft enthalten die Wunschbriefe Schilderungen von Bedeutung und Dringlichkeit, die in der Sendung vorgelesen werden: "Zu diesem StĂŒck haben wir uns zum ersten Mal gekĂŒsst und nĂ€chsten Monat ist unser dritter Jahrestag. Ich brauche dafĂŒr unbedingt diesen Song und kann ihn nirgends finden!" Oder Band oder Songtitel sind nicht bekannt und können nur umschrieben werden: "Dieses Live-Aufnahme von Deep Purple, wo sie abwechselnd so Klassikthemen auf der Orgel und der Gitarre spielen".
Insgesamt ergibt sich der Bedarf fĂŒr die Sendung wohl aus drei GrĂŒnden: Erstens ist bei weitem nicht alles, was ein groĂer Radiosender in seinem Archiv hat, oder anderweitig auftreiben kann, auf TontrĂ€gern â also Schallplatten oder Musikkassetten â erhĂ€ltlich.
Zweitens ist fĂŒr viele Provinzjugendliche der nĂ€chste Plattenladen kilometerweit entfernt und man mĂŒsste dort ĂŒber Bandnamen wie Aphrodite's Child kommunizieren, bei deren Aussprache und Schreibweise man sich selbst sehr unsicher ist, um die entsprechende Platte dann vermutlich nur verbindlich bestellen zu können.
Und drittens sind die Standardpreise von 19,99 DM fĂŒr eine Langspielplatte bzw. sieben Mark fĂŒr eine Single im VerhĂ€ltnis zum Taschengeld nicht unerheblich. Eine LP enthĂ€lt meist 8 - 12 Popsongs von insgesamt 40 - 50 Minuten LĂ€nge, eine Single eigentlich immer nur je ein StĂŒck auf Vorder- und RĂŒckseite. Eine Leerkassette, die 90 Minuten fasst, kostet hingegen, je nach QualitĂ€t, nur 3 bis 6 DM.
Die Radiosender befinden sich vermutlich in einem Zwiespalt zwischen einem jugendlichen Publikum, das gern StĂŒcke aus dem Radio mitschneiden will, und den Plattenfirmen, die wegen des Home TapingÂ ĂŒber GeschĂ€ftseinbuĂen klagen, weil so weniger TontrĂ€ger verkauft wĂŒrden. Wohl auch deswegen werden im allgemeinen Programm MusikstĂŒcke oft nicht in voller LĂ€nge ausgespielt, sondern ein- und ausgeblendet oder durch Moderatorenansagen ĂŒberlagert.
Jeder meiner Freunde besitzt die eine oder andere Aufnahme eines seltenen StĂŒcks, die auf diese Weise verstĂŒmmelt ist. Und die auch nur errungen werden konnte, indem stets eine aufnahmebereite Cassette eingelegt war und man im entscheidenden Moment zum GerĂ€t hechtete, um den Aufnahmeknopf zu drĂŒcken. Am schlimmsten sind natĂŒrlich Unterbrechungen durch den Verkehrsfunk mitten im Song. Radiowerbung hingegen kommt in Norddeutschland erst Mitte der Achtzigerjahre mit dem Entstehen von Privatsendern auf.
SpĂ€ter kann ich dem Problem, rare MusikstĂŒcke aufzutreiben, teilweise durch Freundschaft mit Personen begegnen, die bei Radiosendern arbeiten, und Zugriff auf deren Archive haben. Noch etwas spĂ€ter revanchieren sich diese Personen dann mitunter, indem sie mir SuchauftrĂ€ge fĂŒr Musik erteilen, die es nur in diesem Internet gibt.