Die Hintergründe einer "Hintern-gründigen" Decameron-Episode
Die Geschichte von Peronella, die sich über ein Fass gebeugt von ihrem Liebhaber hinterrücks penetrieren lässt, während der ahnungslose gutmütige Gatte mit Reinigungsarbeiten beschäftigt ist, gehört sicher zu den pikantesten und frivolsten Geschichten des Decamerons. Dass diese deftige Szene sehr oft bebildert wurde, ist nicht verwunderlich. Auch ich habe mich nach drei Anläufen – die Story lag in der Grundform schon lange in meiner Schublade - dran gewagt.
Wie immer versuche ich bei meinen Bildergeschichten ein wenig die Hintergründe zu beleuchten. Denn bei aller vordergründigen Erotik und gehöriger Portion Bosheit hält Boccaccio für seine Leser stets eine Botschaft bereit. Zudem steckt die Episode voller versteckter Anspielungen. Die entscheidende Erkenntnis ist sicherlich, dass Peronella und ihr Liebhaber Gianello Strignario kein „Liebespaar“ im klassischen und auch im Decameron oft gebrauchten Sinne sind, sondern es sich bei der Geschichte höchstwahrscheinlich um eine Milieu-Schilderung mit der dazugehörigen „Gelegenheitsprostitution“ handelt. Peronella, so wird gleich zu Anfangs erwähnt, ist sehr arm und durch Spinnen auf einen „Zugewinn“ angewiesen. Ihr Mann ist Maurer. Er muss allerdings schon mal bessere Tage gesehen haben, denn er besitzt ein eigenes Haus mit Vorratsraum in dem ein großes Weinfass steht. Zu einem großen Weinfass mit Schätzungsweise 300 Litern Fassungsvermögen gehört meist auch ein Weinberg. Wahrscheinlich war der Mann schon mal verheiratet und hat unbeschwerte Tage erlebt als das Fass randvoll war; dann kam die Pest, seine Frau starb und auch mit ihm ging es bergab. Jahre später hat er noch mal geheiratet. Ein junges Mädchen. Vielleicht die Tochter eines noch ärmeren Kollegen. Eine Liebesheirat war es auf keinen Fall. Paare dieser Art – Reifer Mann und Mädchen, ältere Witwe und junger Geselle – waren im Mittelalter bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 30 Jahren keine Seltenheit und wurden von Künstlern gerne kolportiert.
Das Fass ist seit langem leer und steht daher als Symbol für fortgesetzte Hoffnungslosigkeit zum Verkauf. Vielleicht ist es auch ein versteckter Hinweis für die beginnende Impotenz des nicht mehr ganz so frischen Ehegatten.
Der „artige Jüngling“ der Peronella besucht, vermutlich ein reicher Bürgersohn, ist demzufolge ein Freier. Denn warum sollte sich die arme Peronella, die bereits einen armen Mann hat sich noch einen armen Liebhaber zulegen. Im Laufe der Geschichte wird dieser Umstand immer deutlicher, nämlich dann wenn Peronella ihrem Mann klar macht, warum viele ihrer Freundinnen „mehrere Liebhaber“ haben und dass die Nachbarinnen sie wegen ihrer Armut verspotten. Fast jeder Satz von Peronella dreht sich um Geld. Sie ist nicht nur geil, sondern – vielleicht sogar in viel höherem Maße – geldgierig.
Die Schimpf-Kanonade und unverfrorene Moralpredigt endet mit den Worten:„Ich kenne artige Jünglinge, die mich lieben und vieles Geld, Kleider und Juwelen oder was ich verlange, haben anbieten lassen; doch ich habe niemals darauf geachtet, und du kommst nach Hause, wenn du arbeiten sollst“
Das hundsgemeine an Litanei ist der Umstand, dass Peronella bis auf den vorletzten Halbsatz hier eigentlich die Wahrheit sagt. Damit werden auch die Motive ihrer „Liebschaft“ allzu deutlich, ebenso der Umstand, dass ihr Mann mit seiner frühen Rückkehr von der Arbeit ihren Nebenverdienst gestört hat.
Peronella hat ihren „Liebhaber“ in jenem besagten leeren Fass versteckt. Dieses Fass wiederum hat der Ehemann bereits verkauft. Der Käufer wartet vor der Tür. Peronella rettet die Situation dadurch, in dem sie ihrerseits den versteckten Liebhaber als „Käufer“ ausgibt. Der Trick funktioniert. Der Junge Mann hat seine Haut gerettet; aber was soll er mit einem großen alten 300Liter-Weinfass?
Außerdem hat Peronella mit ausgesprochener Geschäftstüchtigkeit den Preis nach oben getrieben. Sieben Gulden soll der Bürgersohn jetzt dafür zahlen. Zwei Gulden mehr als der Kundedes Mannes. Der junge Mann macht aus der vertrackten Situation das Beste. Er willigt in den Handel ein. Um Zeit zu gewinnen und nicht als Verlierer der Situation da zu stehen, lässt er das Fass reinigen und nutzt die Zeit um „mitzunehmen was er könnte“.
Im Grunde genommen werden beide Männer von Peronella betrogen. Der Ehemann per se, der „artige Jüngling“ durch den Kauf eines alten Fasses, das er über seinen Kopf hinweg „aufgeschwatzt“ bekommt. Es ist sozusagen der „Hurenlohn“ den Gianello für seinen Beischlaf abdrücken muss. Da Jünglinge, auch reiche, nicht unbedingt über einen eigenen Hausstand verfügen, ist er vielleicht zu hause unangenehmen Fragen ausgesetzt. Es sei denn er ist Winzersohn und ein solches Fass wird gerade auf seinem Weingut gebraucht.
Zum Abschluss noch ein Hinweis zur pikanten Szene. Die Parallele zwischen Peronellas Penetrierung und der Auskratzung des Fasses ist nur allzu offensichtlich. Der Mann verkauft das Fass, die Frau ihren Hintern. Auch im Deutschen wurden große Hintern gerne als Fass oder Kübel-Hintern bezeichnen. Noch deutlicher wird man im Angelsächsischen. Im Vulgär Amerikanisch ist ein „Butt“ nicht nur ein großes Fass, sondern auch ein großer Hintern.
Peronella ist kein Engel und der Epilog den Boccaccio am Anfang seines siebten Erzähltages stellt, trifft den Nagel auf den Kopf. Der Tag „enthält Erzählungen von den Ränken welche Weiber zur Befriedigung oder Bemäntelung ihrer Lüste den Männern merklich oder unmerklich gespielt haben“