Theoriemosaik, mosaisch, musisch
Theoriemosaik ist ein Titel, den Marietta Auer gewählt hat. So ein Titel dient unter anderem dazu, Projekte zusammenzubringen, also Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anzulocken, ihnen Raum und Zeit zu geben, um an der Forschung der Abteilung und des Institutes aktiv und passioniert teilzunehmen. Das Institut befasst sich mit Rechtsgeschichte und Rechtstheorie. Auers Abteilung fokussiert Theorie und legt den Schwerpunkt auf das Privatrecht.
Am Privatrecht interessieren die Grundlagen, die Theorie und der Vergleich. Eine Schlüssselvorstellung am Institut lautet MultiPliCity, die Auer als Multidisziplinarität fokussiert. Theoriemosaik gibt dem Programm einen dichten Titel, also mehrfach deutbaren Titel. Man kann den Titel wörtlich verstehen, bildlich, abstrakt und konkret. Solche Titel haben auch eine werbende Funktion, das heißt aber nicht, dass sie rein äußerlich sind, sie sollen auch wirbeln und Wind machen, den Mitarbeiten den Kopf durchpusten. Sie sind auch Programm und Teil einer wissenschaftlichen Poetik oder Poiesis, die Forschung strukturiert, zum Beispiel Forschungsgegenstände konturiert und Verfahren austreiben lässt.
Ein Titel wie Theoriemosaik mag heteropoietisch klingen, nicht autopoietisch, er ist nicht unbedingt selbsterklärend oder selbstverständlich. Gut so, denn er soll Forschung initieren, die mit Multiplizität zu tun hat. Versteht man Theoriemosaik wörtlich, ist es einfach, die Bodenmosaik aus der Hafenstadt Otranto (s.o.) auch als Theoriemosaik zu verstehen. Diese Mosaik ist Grund und Einrichtung im Süden, hier ist sie ein Beispiel. Nicht ganz so schnell mögen rechtliche, privatrechtliche Fragen auftauchen. Ein berühmter Jurist (der auch über Kausalität im Süden geschrieben hat) hat zwar über diese Mosaik in Otranto etwas geschrieben, aber der soll erstens Verwaltungsjurist, zweiten Gesellschaftstheoretiker, drittens Systemtheoretiker sein, und er schreibt über diese Theoriemosaik in einem Buch über die Kunst der Gesellschaft, aber doch nicht in dem Buch über das Recht der Gesellschaft. Wenn jemandem sicher wäre, dass das nichts mit Privatrecht zu tun hat, dann wird unsere Forschung eventuell nicht verlockend erscheinen.
Wenn man davon ausgeht, dass Grundlagen des Rechts und Theorie und Vergleich doch keine Begriffe wären, die man wörtlich nehmen müsse, sondern dass es nur und nichts als Metaphern wären und darum Grundlagen nichts mit Architektur, städtischem Raum, Vielzweckhallen und Messehallen, mit entfernten Bodenstrukturen und Einrichtungen im Süden zu tun habe, dass Theorie nur eine Metapher ist, die weder mit göttlicher oder auch nur hoch distanzierter Wahrnehmung oder Supervision/ Überblick zu tun hat, dass Vergleich doch nur eine Metapher ist und man das nicht wirklich als Auseinandersetzung mit unterschiedlichem Wissen, unterschiedlicher Wissenschaft und unterschiedlichen Verfahren zu verstehen hat (der Vergleich also auch nichts Ungleiches in den Blick nimmt und das tertium comparationis, der Dritte also immer schon feststeht), dann fällt einem vielleicht schwer, zu verstehen, warum Marietta Auer diesen Titel gewählt hat. Wenn man aber in allem dem Unsicherheiten, Neugierde und Klärungsbedarf erkennt, könnte der Begriff Theoriemosaik verlockend sein.
Marietta Auers Arbeitsweise kommt aus dem Privatrecht, nicht aus dem öffentlichen Recht. Das fällt mir an einem Punkt schnell auf: Solche Titel wählt sie, weil sie von der Abteilung auch erwartet, dass niemand seine Interpretation des Titels von der Autorisierung durch Marietta Auer abhängig macht. Sie verträgt viele Begriffe und will sie nicht unbedingt regieren. Das kenne ich doch teilweise auch anders, man trifft sonst auch Typen, die Interpretation nur als autorisierte Interpretation akzeptieren.
Was ist meine Aufgabe? Ich bin als senior researcher einer der Schäferhunde, also ein pastoral-kynisch tickender (insoweit besonders dogmatischer) Gefährte (im Sinne von Donna Haraway) der Theoriemosaik. Die Schäfchen, also die betreut werden sollen und betreut werden wollen, die betreue ich bei Bedarf mit, dann laufend, kreisend und lärmend. Mir kommt der Titel Theoriemosaik gelegen, nicht nur, weil mein Forschungsschwerpunkt die Bild- und Rechtswissenschaft ist und ich die Mosaik für eine fantastische Konstellation aus Mosaischem und Musischem halte. Theoriemosaik ist nämlich eine scharfe und wohl überlegte Figur, die Ungewissheit, Neugierde und Klärungsbedarf sehr spezifisch strukturiert.
Die Mosaik deute ich zuerst mosaisch. Eine Mosaik lässt also wahnehmen, was man auch Tafel und Gesetz nennt. Sie ist auch eine Gesetzestafel. Sie ist dazu noch musisch, lässt also auch wahrnehmen, was an den Informationen über Tafeln und Gesetze auch rauscht, singt, trinkt, isst/frisst oder reigt, dazu später mehr.
Das Mosaische ist eine Angelegenheit höherer und höchster Wesen. Von höheren und höchsten Wesen wurde gedacht, dass erstens die Menschen ihr Ebenbild und sie wiederum anthropomorph oder anthropobolisch seien. Zweitens wurde von höheres und höchsten Wesen gedacht, dass ein höchstes Wesen ein einziges und einzelnes , dass dieses höchste Wesen zwar eins sei, aber dreifaltig, also in kleiner Anzahl multiple (die drei ist eine kleine Zahl) sei.
Wurde überall so gedacht? Im zuletzt an diesem Institut sogenannten Europa wurde das bestritten, also gehändelt und verhandelt. Gemeint war mit Europa nicht einfach das, was innerhalb des Umrisses einer kontinentalen und zerklüfteten Landspitze zu einer Ansammlung von Nationalstaaten wurde. In einem historisch und theoretisch anspruchsvollen Sinne was Europa Teil des "Mittelmeerbeckens" (Warburg), des Schwarzen Meers, sogar des Kaspischen Meers und des Atlantiks. Europa war Land und See, Troja liegt da, und Moses, der Ägypter, der taucht dort auf. Derrida hat darauf hingewiesen, dass dieses Europa zwar im Westen an einem Kap scharf konturiert endet, dort aber eine Schleuse sich öffnet, die mit dem Titel Plus Ultra versehen ist. Im Osten wiederum franst dieses Europa aus, was vermutlich die Vorstellung genährt hat, die im Osten würden übertreiben, während die im Westen sparsamer und begrifflich tugendhafter und asketischer wären.
Otranto ist ein Beispiel, Otranto ist eine Hafenstadt. Die Theoriemosaik, die dort in einer ehemaligen Vielzweckarchitektur, einer Messehalle (einer Basilika) entworfen wird, mag in Europa vertraut sein, kommt aber weit aus dem Osten, aus Gebieten, die man auch Kleinasien oder naher Osten nennt, teilweise ist umstritten wie man sie nennt. Es gibt sogar Versuche, die Benennung strafrechtlich zu ahnen. Man dürfe sagen, dass die Gegend frei sein soll, aber dann dürfe man sie nicht Palästina nennen sondern müsse sie Israel nennen. Theoriemosaik ist Theoriemosaik, durchaus mit bildungsbürgerlichem Zitatenschatz, aber mit rechtlichen und teils sogar tödlichen Konsequenzen in der Gegenwart. Soweit zum Mosaischen von Theoremosaik. Wir forschen zum Multiplen, nicht weil wir denken, dass nichts mehr Mono läuft, ganz im Gegenteil. Die Welt ist nicht fragmentiert, nicht auseinandergebrochen, die Trennungen zur Vergangenheit oder die zum Osten wurden nicht unbedingt größer. Die Welt hat kontrahiert und distrahiert, sie kontrahiert und distrahiert auch weiter. Die Abstände zur Vergangenheit und zum Osten werden dabei mal größer gemacht, mal kleiner. Multiplizität ist ein Vorgang, der sich zwar auf die Seite der Vermehrung schlagen kann, aber auch auf die Seite der Verminderung. Damit sind wir auch beim zweiten Aspekt einer Theoriemosaik, nämlich den Musen und dem Musischen.
Das Musische der Mosaik deute ich musisch. Die Wesen des Musischen gelten in Zonen, zu denen Otranto seine Theoriemosaik entworfen hat, nicht unbedingt als höhere oder höchste Wesen. Musen, Sirenen, Nymphen oder Satyre gelten auch als 'adamtische' und 'evaistische', als wilde, parasitäre, situationistische (unbeständig lettristische, also weder begreifende und literale noch besonders gebildete und ideale Wesen). Die greifen und lassen sich betouchen, aber nicht begreifen. Die führen sich sogar exhibitionistisch vor,lassen sich sogar als Akt nackt anschauen, sollen darum aber auch eher ungebildet, keine Vor- oder Leitbilder und keine Ideale sein, schon gar keine "Persönlichkeitsideale" (Vesting). Musen, Nymphen, Satyre gelten als niedere Wesen. Die Sinne, die sie teilen, gelten als niedere Sinne. Wenn niedere Wesen (Minore) Recht wahrnehmen, so soll das nach Ansicht einiger Asketen etwas anderes als Nutzen sein, eher so etwas wie Trieb und Genuß.
Wenn das Mosaische höhere Epistemologie, höhere Anthropolgie und höhere Jurisprudenz befördert haben soll, dann soll das Musische minore Epistemologie, minore Anthropologie (Latour/ Viveiros/ Hage) und minore Jurisprudenz (Vismann) befördert haben. Das Musische ist dem Begehren, Verkehren, Verzehren, dem Fegen/ Werben/ Wirbeln und Querulieren, dem Rauschen, dem noise und der noiseuse, der schönen Querulantin, affin. Auf den Staatstafeln , die Aby Warburg 1929 zu den Lateranverträgen entwirft, tauchen eine Reihe solcher musischen Figuren auf, sowohl im Bild der Messe von Bolsena (dort als Querela) als auch in der Arenakapelle (dort als spes), auch in dem protestantischen, antisemitischem und antioströmischem Propagandamaterial tauchen sie auf, dort werden sie besonders niedrig gemacht.
Toujours l'amour, jeden Tag love and law, jeden Tag Wahrheit im Raum und jeden Tag war room, dabei immer auch Gesellschaft den Gesellen und Demos den Dämonen: Das Musische gibt etwas für den bürgerlichen Zitatenschatz her, aber schon darum und weit darüber hinaus ist es ein fatales, prekär drängendes Problem. Wenn wir davon ausgehen würden, dass die Leute heute schlauer, taktvoller oder harmonischer wären, was die Grundlagen, Theorie und den Vergleich von (Rechts-)Ordnungen angeht, würden wir nicht in dieser Abteilung arbeiten.
Theoriemosaik ist ein Titel und eine Initiale. Der Titel übersetzt noch einmal das Programm des Institutes und das Programm der Abteilung. Will ich das auf einen Begriff bringen, der auf den ersten Blick abstrakter wirkt, ist das der Begriff Multiplicity. Weil jeden Tag viel und oft zuviel ist und weil fraglich ist, was sich gerade aus die Seite der Vermehrung schlägt, was sich auf die Seite der Verminderung schlägt, sind für mich zwei Betandteile des Begriffes die wichtigsten: Pli und City. Pli übersetze ich mit Falte - das wiederum in das, was in Bildregeln Kreuzen genannt wurde. City übersetze ich als Stelle, an der Raum zu Ort und Zeit zu Geschichte wurde.
Ino Augsberg hat den Part zum Kreuzen ausführlich kommentiert, also kommentiert, inwiefern das Interesse an Kreuzungen als Beitrag zur Geschichte und Theorie des Faltens verstanden werden kann. Er übersetzt weiter Kreuzen und Falten in den Begriff des Säumens; er übersetzt Falte auch als Kassiber. Kassiber hat mit cash, Speicher und Tresen, Bank und Bar zu tun. Damit geht etwas durch, da passiert etwas - und das wird mit Norm und Form belegt. Vom Scheiden ist ein längerer und mit langen Beispielen versehener Beitrag dazu, welche Techniken etwas trennen, assozziieren und austauschen. Für Leute, die in deutscher Rechtswissenschaft ausgebildet worden, ist das erste Beispiel zu Fritz Schulz wohl dasjenige, das am wenigsten überrascht. Später geht es in dem Text um das Kino, camera obscura und Gitterstäbe (Kassiber!), Schatten und Licht, um Tafeln und Europa als erdig-anthropomorphes Wesen mit einem Stab im Rücken, also um ein polarisiertes Wesen, das etwas spiegeln soll. Diese weiteren Beispiel könnte Leute, die sich mit der Forschung zu Recht und Kulturtechnik oder mit Vismann nur am Rande befassen, am Anfang überfordern, mache überfordert das auch heute. Bis heute weigern sich Gutachter, meine Texte in Reviewverfahren oder Bwerbungsverfahren auch nur anzuschauen, man mus mal lesen, was die Redaktion der Zeitschrift Vom Staat geschrieben hat, als ich denen noch Texte sendete. Meine Texte erscheinen "weitschweifig", das ist u.a. historisch (deutlich bei Dürer, aber auch bei Thomas Hobbes und Descartes) mit der Melancholie, der Meteorologie und der Polarität verknüpft. Aby Warburg stellt mit seinem Atlas und den Staatstafeln klar, dass das Weitschweifige die Angelegeneit des Atlas ist. Es trägt eine Welt im Rücken, also eine Welt, die im Rücken und verrücken zwar begriffen, aber nur schwer handhabbar und händelbar ist. Warburg entwirft Staatrechtslehre als private Praxis öffentlicher Dinge, genau das richtige im Kontext von Auers Interesse an einer Privatrechtstheorie öffentlicher Dinge.
Norm ist eine formierte Stelle, Form eine normierte Stelle, durch die Differenz operationalisiert wird. Norm und Form ist eine Stelle, durch die etwas getrennt, assoziiert und ausgetauscht wird. Dass Norm und Form dann auch effektiv, verbindlich oder wertvoll ist, das bestreite ich nicht. Ich möchte aber nicht einen analytischen Diskurs widerlegen und sagen, andere würde falsch verstehen, was eine Norm sei. Ich will auch nicht unterstellen, was wir darunter verstehen würden. Meine Theorie ist nicht allgemein, sie ist multiple, also perspektivisch und relativ. Ich richte Perspektiven ein, meine Arbeit ist technisch und darin ästhetische Praxis, deren Name nunmal Theorie wurde.
Marietta Auers Theoriemosaik ist ein Ort in Deutschland , wo meine Forschung geduldig und großzügig gefördert statt verhindert wird. Davon gibt es mehrere, so viele nicht. Viele Orte braucht man nicht, einer, ein einziger reicht. Viele Leser braucht man nicht, ein einziger reicht. Viele Kollegen braucht man nicht, ein einziger reicht. Ist nur einmal etwas verdoppelt und gespalten, dann ist alles möglich. Man muss nur an einem Detail etwas teilen und hat dann schon mehr, als man je verdienen könnte. Außerhalb Deutschlands sieht die Situation ohnehin anders aus, aber das leidige Thema kennen wir alle, hat ja auch Vorteile: So komme ich öfters mal rum.