Optogenetic- Technologie fĂŒr potentere Medikamente
Die Optogenetik erlaubt es, genetisch identifizierte Zellen durch Licht zu steuern. Gero Miesenböck, Waynflete Professor of Physiology und Director des Centre for Neural Circuits and Behaviour an der UniversitĂ€t Oxford, erforscht an Fruchtfliegen grundlegende Fragen der Gehirnfunktion, beispielsweise die Regulation des Schlaf-Wachrhythmus. Diese Einsichten könnten es ermöglichen, nach massgeschneiderten Substanzen zu suchen, welche die Funktion bestimmter SchlĂŒsselmolekĂŒle in diesen Zellen gezielt beeinflussen. Solche neuen Medikamente haben das Potenzial, potenter und Ă€rmer an Nebenwirkungen zu sein als derzeit erhĂ€ltliche Pharmazeutika.
Professor Miesenböck spricht am 25.8.2017 beim Technologiesymposium in Alpbach.
Interview von Julia Weinzettl
Sie gelten als BegrĂŒnder der Optogenetik, was kann man sich darunter vorstellen?
Prof. Dr. Miesenböck: Optogenetik ist eine Technologie, die es erlaubt, genetisch identifizierte Zellen im intakten Gehirn durch Licht zu steuern. Die zwei essentiellen Bausteine dieser Technologie sind die Genetik, die benutzt wird, um die Zellen so zu verÀndern, dass sie auf Licht empfindlich reagieren, und die Optik, die es erlaubt, die elektrischen Impulse der Nervenzellen durch Licht zu steuern.
Wir haben in unseren Augen lichtempfindliche Zellen. Das Grundprinzip der Optogenetik ist es, Zellen, die normalerweise nicht lichtempfindlich sind, zu Fotorezeptoren zu machen. Dazu transplantieren wir genetisch lichtempfindliche MolekĂŒle, Ă€hnlich den Lichtrezeptoren in unseren Augen, in diese Zellen. FĂŒr unsere Experimente verwenden wir vornehmlich Fruchtfliegen, da wir hier die Möglichkeit haben, viele genau definierte Nervenzelltypen genetisch anzusteuern. Wenn man das ganze Tier beleuchtet, dringt genĂŒgend Licht durch das Ă€uĂere Chitinskelett, um auch Nervenzellen tief im Gehirn zu aktivieren.
Das Tier wird in der Keimbahn genetisch so verÀndert, dass bestimmte Zellen im Gehirn diese Lichtrezeptoren enthalten und somit optisch steuerbar werden.
Das ist der Trick - die Genetik löst das âStecknadel im Heuhaufen Problemâ, unter den 100 000 Zellen bei der Fliege (oder den 100 Milliarden Zellen beim Menschen) die richtigen Neuronen herauszufinden und durch Licht anzusteuern.
Verschiedene Typen von Nervenzellen im Gehirn schalten bestimmte Gene ein und aus. Wir koppeln die Produktion der lichtempfindlichen MolekĂŒle an dieselben genetischen Schalter, welche die IdentitĂ€t der Zellen bestimmen. Dadurch ist es möglich, dass man nur ganz bestimmte Zellen ansteuert, wie zum Beispiel bei der Fliege die Zellen des Flugmotors. Oder beispielsweise auch Zellen, die fĂŒr das Einschlafen oder Aufwachen verantwortlich sind, die fĂŒr das Empfinden, dass eine Handlung zu einer Belohnung oder Bestrafung gefĂŒhrt hat, zustĂ€ndig sind oder auch fĂŒr den Ausdruck des sexuellen Balzverhaltens.
Ist es medizinisch möglich, aufgrund der Beeinflussung der Zellen auch beispielsweise eine SuchtprÀvention vorzunehmen?
Prof. Dr. Miesenböck: Von der direkten medizinischen Anwendung sind wir noch ein StĂŒck entfernt, denn ein wichtiger Baustein dieser Technologie ist die genetische VerĂ€nderung. Das bedeutet, um die Forschungsergebnisse direkt beim Menschen einzusetzen, mĂŒsste man das menschliche Gehirn so verĂ€ndern, dass bestimmte Zellen lichtempfindlich werden. Das ist eine Form der Gentherapie. Doch die zur Optogenetik nötigen genetischen Eingriffe unterscheiden sich wesentlich von den âStandardformenâ der Gentherapie. Deren Ziel ist es, ein defektes menschliches Genprodukt durch ein korrektes Genprodukt derselben Art zu ersetzen.
Im Fall der Optogenetik wĂŒrde man ein fremdes Genprodukt, nĂ€mlich dieses lichtempfindliche MolekĂŒl, einfĂŒhren. Das ist komplizierter als die Reparatur eines defekten Gens.
Das GroĂe Potenzial der Optogenetik liegt zur Zeit in der Identifikation der Zellen, die fĂŒr bestimmte Aspekte unseres Denkens oder Verhaltens verantwortlich sind. Wir erforschen das, indem wir die Zellen ein- und ausschalten und dann die Konsequenzen dieser Intervention auf das Verhalten oder das Denken beobachten.
Was wÀren hier Anwendungsgebiete?
Prof. Dr. Miesenböck: Derzeit arbeiten wir an der neuronalen Steuerung von Schlaf-Wach ZustĂ€nden und haben Zellen im Fliegenhirn, die ganz deutliche Parallelen zum Gehirn des Menschen haben, identifiziert. Wenn wir diese Zellen ein- und ausschalten, versetzen sie das Tier entweder in Dauerschlaf oder halten es stĂ€ndig wach. Wenn man die normale Funktion dieser Zellen und die normalen Signale, die diese Zellen ein- und ausschalten, bestimmt, erhĂ€lt man Erkenntnisse ĂŒber die biologische Rolle des Schlafs.
Die Experimente bringen VerstĂ€ndnis darĂŒber, wo man medikamentös ansetzen muss. In den meisten FĂ€llen weiĂ man heute eigentlich gar nicht, wo die wirksamsten Angriffspunkte fĂŒr medikamentöse Therapien sind und welche Zellen wirklich die Entscheidenden sind. Wenn man wĂŒsste, was die wichtigsten Zellen und die wichtigsten MolekĂŒle in diesen Zellen sind, dann könnte man natĂŒrlich nach maĂgeschneiderten Substanzen suchen, die die Funktion dieser MolekĂŒle in diesen Zellen gezielt beeinflussen. Diese Medikamente wĂ€ren viel potenter und auch Ă€rmer an Nebenwirkungen als derzeit erhĂ€ltliche Pharmazeutika.
An welchen Tieren forschen Sie?
Prof. Dr. Miesenböck: Mein Labor beschĂ€ftigt sich mit Fruchtfliegen. Das Ziel dieser Forschung ist, fundamentale Gehirnprozesse zu entschlĂŒsseln, die allen Tieren gemeinsam sind. Wie erwĂ€hnt gilt dies beispielsweise fĂŒr den Schlaf-Wach Schalter, der in ganz Ă€hnlicher Weise funktioniert wie beim Menschen, aber bei Fliegen um vieles einfacher zu erforschen ist. âEinfacheâ Systeme wie die Fruchtfliege erlauben grundlegende Einsichten in biologische Funktionen, die dann aber generelle GĂŒltigkeit fĂŒr andere Lebewesen haben.
Wie denken Sie wird sich die Optogenetik in zehn Jahren weiterentwickelt haben?
Prof. Dr. Miesenböck: Im nĂ€chsten Jahrzehnt werden wir einen kompletten Zensus der verschiedenen Nervenzelltypen im Gehirn erstellen. Derzeit ist es immer noch eine offene Frage, wie viele Klassen von Neuronen es gibt und welche Rollen diese verschiedenen Klassen von Nervenzellen in den verschiedenen Gehirnfunktionen ausĂŒben. Wir werden mehr ĂŒber diese Rollen wissen, indem wir die verschiedenen Zelltypen gezielt ein- und ausschalten und immer genauere Verhaltensmessungen vornehmen. Die groĂe LĂŒcke - und die wird weder durch Technologie noch durch immer gröĂere Datenmengen zu schlieĂen sein - ist jedoch ein theoretisches VerstĂ€ndnis des Gehirns. Derzeit gibt es nicht einmal ein unvollstĂ€ndiges theoretisches GebĂ€ude, an dem sich unsere experimentellen Forschungen orientieren könnten. Wir stochern noch viel mehr im Dunkeln herum als zum Beispiel die Physiker. Ich glaube natĂŒrlich, dass es auch allgemeine Prinzipien in der Biologie geben wird und vor allem auch in der Neurobiologie. Wir werden beispielsweise wissen, wie bestimmte Schaltkreise gebaut sein mĂŒssen, damit sie bestimmte Operationen, wie ein Signal zu verstĂ€rken, zwei Signale zu vergleichen, ein Signal ĂŒber Zeit hinweg zu mitteln und ĂŒberhaupt Zeit im Gehirn zu kodieren, durchfĂŒhren können. Ich glaube, die fundamentalen Fragen sind: Was sind die kanonischen Schaltkreise, die nicht nur unserem Gehirn, sondern jedem Gehirn ermöglichen, diese Art der mathematischen Operationen vorzunehmen.
Was ist Ihr langfristiges Forschungsziel?
Prof. Dr. Miesenböck: Mein Traum ist, dass man die meisten der VorgĂ€nge, die heutzutage in der DomĂ€ne der Psychologie oder der Kognitionswissenschaften angesiedelt sind, auf biophysikalische Prozesse reduziert. Zu verstehen, welche physikalischen VorgĂ€nge im Gehirn diesen mentalen Ereignissen zugrunde liegen. Die meisten Neurowissenschaftler wĂŒrden zustimmen, dass unser gesamtes SelbstverstĂ€ndnis, unsere emotionale und geistige Welt aus physikalischen VorgĂ€ngen in unserem Gehirn entsteht. Es ist ein materialistisches Weltbild: unsere Intelligenz entspringt physikalischen VorgĂ€ngen in der Materie unsres Gehirns. Aber wie genau dieser Sprung von der unintelligenten Materie zur Intelligenz vor sich geht - das ist die groĂe Frage, die wir zu beantworten suchen.
WĂŒrde diese Erkenntnis nicht die Psychologie eliminieren und alles, was wir ĂŒber zwischenmenschliche Beziehungen gelernt haben, fĂŒr null und nichtig erklĂ€ren?
Prof. Dr. Miesenböck: Ich glaube nicht, dass es sie eliminieren wĂŒrde oder den Reichtum unserer zwischenmenschlichen Beziehungen in irgendeiner Weise beeintrĂ€chtigen wĂŒrde. Im Gegenteil, ich denke, es wĂŒrde uns immens bereichern und unser SelbstverstĂ€ndnis grundlegend verĂ€ndern, wenn wir wĂŒssten, welche physikalischen VorgĂ€nge unserer Psychologie zugrunde liegen.
Prof. Dr. Gero Miesenböck, Waynflete Professor of Physiology und Director des Centre for Neural Circuits and Behaviour an der UniversitÀt Oxford
About:
Gero Miesenböck (* 15. Juli 1965 in Braunau am Inn) ist ein österreichischer Neurophysiologe. Er gilt als einer der Pioniere des wissenschaftlichen Forschungsgebiets der Optogenetik. Miesenböck studierte an der UniversitÀt Innsbruck Medizin. Er wurde 1991 sub auspiciis Praesidentis rei publicae mit der Dissertationsschrift Relationship of triglyceride and high-density lipoprotein metabolism promoviert. Als Postdoktorand arbeitete er von 1992 bis 1998 bei James Rothman am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York City.
1999 erhielt er eine Assistenzprofessur fĂŒr Zellbiologie und Genetik und fĂŒr Neurowissenschaften an der Cornell University in New York; 2004 ging Miesenböck als Associate Professor fĂŒr Zellbiologie und fĂŒr ZellulĂ€re und Molekulare Physiologie an die Yale University School of Medicine in New Haven, Connecticut. 2007 erhielt Miesenböck einen Ruf an die University of Oxford als Waynflete Professor fĂŒr Physiologie. 2011 wurde er GrĂŒndungsdirektor des dortigen Centre for Neural Circuits and Behaviour.
Ab 1999 legte Miesenböck die Grundlagen der Optogenetik, mit deren Hilfe sich Neuronen mittels Licht selektiv aktivieren lassen. Miesenböck befasst sich mit neuronalen Erregungskreisen, die er ĂŒberwiegend am Modellorganismus der Drosophila melanogaster studiert. Hierbei sucht er nach den elementaren Schaltkreisen, die VorgĂ€nge wie Informationsintegration ĂŒber lĂ€ngere Zeitintervalle, die Anwendung von Schwellenwerten bei der Entscheidungsfindung, Fehlersignale oder Informationsspeicherung realisieren. Optogenetische Techniken erlauben dabei, mit hoher Genauigkeit bestimmte Gruppen von Neuronen zu aktivieren, die fĂŒr bestimmtes Verhalten verantwortlich sind, und Erregungskreise von Neuronen zu erkennen und Hypothesen ĂŒber ihre Funktionsweise zu testen.