Juli 2021
Jetzt nur noch 16 Schrauben und ein bisschen Turnschuhkleber
Die Vorgeschichte: 1. Das Handy geht kaputt. 2. Ich denke darüber nach, es zu reparieren.
Inzwischen ist mein prächtiger Handywerkzeugsatz und auch das Austauschdisplay eingetroffen.
Warnhinweis: Das braucht man alles gar nicht, wie ich später herausfinde.
Unter der Lasche unten links verbirgt sich ein Spezialarmband, mit dem man sich antistatisch erden kann, indem man es mit irgendwas anderem verbindet. Trotz umfangreicher Googlemühen gelingt es mir aber nicht, herauszufinden, was dieses Andere sein könnte. Ich nehme mir vor, während der Reparatur keine Wollpullover oder Luftballons anzufassen und antistatische Gedanken zu denken.
Es gibt zu diesem Zeitpunkt nur zwei Videos, die sich der Zerlegung dieses Handymodells widmen. Keines davon zeigt den Austausch des Displays. Vielleicht ist das Handy noch zu neu und außer mir hatte noch niemand Gelegenheit, seines auf einen Schotterweg zu werfen.
Eine halbe Stunde lang versuche ich mit einem Fön und den verschiedenen mitgelieferten Plastikwerkzeugen, die teilweise Plektren und teilweise Felgenhebern ähneln, die Rückseite des Handys zu öffnen. Erst als ich noch mehr Videos vom Öffnen ganz anderer Handyrückseiten betrachte, erkenne ich, dass man dafür das Skalpell benutzen muss. Damit geht es dann problemlos.
Die nächsten Schritte sind einfach, man muss nur viele winzige Schräublein herausdrehen und darf sie nicht verlieren. Ich bin sofort großer Fan meines neuen hervorragenden Schraubendrehers. Die Bits sind magnetisch! Man kann die Schräublein fast gar nicht verlieren. Sorgsam stecke ich sie in eine Tüte.
Aus unerfindlichen Gründen ist dieses Handy so konstruiert, dass man absolut alle anderen Teile ausbauen muss, um an das eine Teil heranzukommen, das vermutlich ca. 98% allen Reparaturbedarfs verursacht, das Display. Ich verstehe jetzt auch, warum es keine Videos vom Displayausbau gibt, das ist nämlich nicht zerstörungsfrei möglich. Meine Finger bluten von den vielen mikroskopischen Displayglassplittern. Im Inneren des Handys ist sind jetzt meine eigenen Blutflecken, personalisierter wird es nicht.
Von links nach rechts: Die Handyrückseite (Ansicht von innen), der Inhalt des Handys und der Metallrahmen, an den alles angeschraubt wird. Das Display war auf der Rückseite dieses Metallteils. Der eingeklebte Akku musste auch mühsam herausgestemmt werden, ist hier aber nicht mit im Bild. Was auch schon nicht mehr im Bild ist: Die beiden Frontkameras. Aber davon später mehr.
Ich teile der Techniktagebuchredaktion mit: “Telefon ist jetzt ganz zerlegt, ich werde irgendwo ein ‘Maria hat geholfen’-Bild aufhängen müssen, falls es je wieder funktioniert, was ich heute allerdings noch nicht rausfinden kann, weil man Spezialkleber braucht, um es wieder zuzukleben vorn und hinten. Eigentlich ist gar nicht so viel drin, und das, was drin ist, ist nur so irgendwie zusammengesteckt. Aber es ist eindeutig nicht dafür gedacht, jemals zerlegt zu werden. Und wenn man irgendeins von diesen winzigen Dingern vergisst oder kaputtmacht, geht es vermutlich nie wieder.”
Angela: “Vielleicht sollte jemand im nächsten Dom eine Kerze anzünden.”
Mia: “ich hab auch grad überlegt, soll ich noch schnell zum Bildstock fahren?”
Eine Diskussion über die zuständigen Heiligen folgt. Fürs Handy wird Gabriel empfohlen, aber auch Klara von Assisi ist im Gespräch und Feathers McGraw schlägt Hermann Joseph von Steinfeld vor, “weil a) Name und b) er Schutzheiliger der Uhrmacher geworden ist wegen seinem großen handwerklichen Geschick.”
Währenddessen erkenne ich, dass ich einige Teile ganz umsonst herausgenommen habe. Sie werden in den Anleitungsvideos nur ausgebaut, weil es darin ums Komplettzerlegen des Handys geht. Eigentlich hätte ich wahrscheinlich nur ein paar Anschlüsse lösen und den Akku heraushebeln müssen. Nebenbei wird mir dasselbe klar wie beim Macbook: Das Gerät besteht fast nur aus Akku und Display. Alles andere sind winzige Plastikteilchen. Schöner war es, als ich mir noch vorgestellt habe, dass das Handy inwendig massiv aus Metall ist, so wie die Brunsviga-Kurbelrechenmaschine.
Dann schreibt Angela: “Kathrin, du kannst dein Telefon jetzt zusammenkleben, ich bin zur nächstgelegenen Pilgerstätte (2,5 km) gepilgert und habe vorsichtshalber zwei Kerzen angezündet.”
Foto: Angela Leinen
Ich muss nur vorher noch ein bis zwei Arten Spezialkleber kaufen. Hinten war das Handy anders verklebt als vorne: hinten mit so einer Art Bauschaum, vorne mit ganz schmalem doppelseitigen Klebeband. In Handyreparaturanleitungen wird für den Spezialkleberkauf auf Amazon verwiesen, aber ich bin gerade in Berlin und wohne nicht weit von Conrad Electronic entfernt. Der Zusammenbau muss heute noch passieren, weil ich morgen wegfahre und nicht die Einzelteile des Handys mitnehmen will. Bis ich wiederkomme, werde ich ganz sicher vergessen haben, an welche Stellen die Schräubchen gehören. Denn natürlich habe ich nicht auf meinen Bruder gehört und die Schräubchen weder in der richtigen Reihenfolge auf einen Streifen Tesa geklebt noch zwischendurch Dokumentationsfotos der einzelnen Schritte gemacht.
Bei Conrad gibt es nicht nur keinen passenden Kleber, der befragte Mitarbeiter meint auch, er hätte diese Frage überhaupt noch nie gehört. Die Kundschaft suche immer nur Kleber, der möglichst für immer hält und nicht Kleber, der sich bei der nächsten Reparatur wieder lösen lässt. Im Baumarkt nebenan ist es genauso. Schließlich kaufe ich ohne Beratung eine Tube senffarbenen Haushaltskleber für Schuhe, “dauerelastisch” und “wärmebeständig bis 70 Grad”, das scheint mir dem Originalkleber noch am nächsten zu kommen. Auf dem Heimweg begegne ich einem Freund, der mir einen kleinen Rest Fugensilikon schenkt. Aber der Schuhkleber wirkt einfacher in der Handhabung.
Ich klebe das Ersatzdisplay mit großzügigen Mengen Schuhkleber fest und setze die ausgebauten Teile in der richtigen Reihenfolge wieder ein. Als ich vor dem Zukleben schon mal vorsichtig auf den Einschaltknopf drücke, zeigt das neue Display an, dass Strom fehlt. Der Vibrationsmotor rührt sich auch schon. Eventuell haben die Kerzen geholfen!
Die Displayschutzfolie ist noch drauf, darum sieht es komisch aus.
Vielleicht ein bisschen zu viel Turnschuhkleber, aber das wuzelt sich beim Gebrauch schon ab, denke ich. Links im Bild: eine Ecke einer “Bank 24”-Karte aus den 90ern, die ich gebraucht habe, um den eingeklebten Akku zu lösen.
Durch das Zukleben ist das Handy etwas dicker geworden und vermutlich jetzt noch weniger wasserdicht als vorher. Es passt nicht mehr ganz in seine Schutzhülle, so dass das Display beim Runterfallen an einer Seite nicht durch den hervorstehenden Hüllenrand geschützt wird, aber egal! Ich weiß ja jetzt, wie der Austausch geht.
Das Handy startet bereitwillig. Ich kann das Rätsel der nicht gebackupten Daten zwar nicht lösen, aber feststellen, dass DropSync im Mai aus unbekanntem Grund den Kontakt zur Dropbox verloren hat. Ich sichere die fehlenden Daten.
Alles scheint zu funktionieren. Ich bin sehr zufrieden mit mir und dem Ergebnis und denke darüber nach, an wen ich das kaum benutzte nagelneue Ersatzhandy verkaufen oder verschenken könnte.
Am nächsten Tag bemerke ich, dass die Kamera-App nicht mehr startet. Ich betrachte noch mal das Zerlegevideo, um herauszufinden, ob ich vielleicht vergessen habe, die Kameras einzubauen. Und tatsächlich kann ich mich nicht daran erinnern, das daumennagelgroße Stück Plastik, das die Frontkameras enthält, wieder eingebaut zu haben. Meine Erinnerung sagt außerdem, dass unter dem Tisch etwas lag, das ganz ähnlich aussah. Nach der Reparatur habe ich auf und unter dem Tisch gesaugt, um die vielen winzigen Displayglassplitter nicht später in meinen Zehen wiederzufinden. Jetzt liegen die Frontkameras dort also vermutlich nicht mehr. Ich bin nicht mehr vor Ort und werde erst später im Jahr nachforschen können. Ich brauche die Frontkameras zwar fast nie und könnte gut ohne sie leben, aber anscheinend vergewissert die Kamera-App sich vor dem Start, ob sie auch vorhanden sind.
Auf einer Ersatzteile-Website versuche ich herauszufinden, ob es die weggestaubsaugten Frontkameras nachzukaufen gibt. Ich finde sie zwar nicht, aber es fühlt sich super an, bei allen Ersatzteilen zu denken "ah, so billig ist das, und ich weiß genau, wo man es wie einbauen müsste". Das klingt jetzt professioneller, als es in Wirklichkeit ist. Schwierig war nur alles, was mit Kleber zu tun hatte, also das Öffnen des Gehäuses, das Herausnehmen des Akkus und das Wiederzukleben. Der Rest ist Lego. Beim nächsten Handyneukauf werde ich gleich versuchen, was mit vernünftiger Aufmachbarkeit zu bekommen (hier gibt es eine nützliche Übersicht: www.ifixit.com/smartphone-repairability). Aber da ich jetzt zwei teilweise funktionierende Handys und ein intaktes besitze, ist dieser Tag hoffentlich noch weit weg.
Update: Beim Aufschreiben dieses Beitrags fällt mir auf, dass ja vielleicht nur die Standard-Kamera-App so anspruchsvoll ist, was das Vorhandensein von Frontkameras betrifft. Ich starte das reparierte Handy noch einmal und versuche es mit der “Open Camera”-App. Diese App habe ich nur für einen einzigen Zweck installiert: um an Orten mit schlechtem Handyempfang neue Pokéstops einzurichten. Dazu muss nämlich ein Bild hochgeladen werden, und je kleiner und schlechter aufgelöst dieses Bild ist, desto höher sind die Chancen auf Hochladeerfolg. Mit Open Camera lässt sich eine geeignete miese Auflösung festlegen. Wie sich jetzt herausstellt, besteht die App außerdem nicht auf dem Vorhandensein von Frontkameras.
Wie es aussieht, wenn die Frontkameras vorhanden sind und man endlich ein Displayschutzglas bestellt und angebracht hat, in dem sich in der kurzen Zeit schon erstaunlich viel unabwischbarer Dreck gesammelt hat. Fotografiert mit Open Camera auf dem reparierten Handy.
Wie es aussieht, wenn man vergessen hat, die Frontkameras einzubauen. Fotografiert mit dem Makro-Modus am ungeöffneten Handy, den ich am reparierten nicht mehr habe, weil Open Camera nichts vom Vorhandensein einer Makro-Linse weiß. Kommt mir aber nicht so vor, als sei das sehr schade.
Ich habe also zwei funktionierende Handys, und aus einem davon kann mich die NSA nicht beim Nasebohren beobachten. Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden, welches von den beiden ich behalten will. Vermutlich das mit dem eingebauten Fingerkuppenblut.
Update: Ich benutze in den folgenden Monaten das reparierte Handy doch nicht, weil Open Camera kein zufriedenstellender Ersatz ist. Aber als ich im November wieder nach Berlin komme, stellt sich heraus, dass die Frontkameras gar nicht im Inneren des Staubsaugers sind, sondern am Kabel des Föns festkleben, den ich zum Öffnen der Handyrückseite gebraucht habe:
Ich öffne zum zweiten Mal das Gehäuse. Diesmal geht es noch schwerer als beim ersten Mal, weil der Turnschuhkleber besser hält als der Originalkleber. Dann baue ich die Frontkameras wieder ein, verliere ein winziges Schräublein, beschließe, dass es auch ohne geht, klebe alles wieder zu und jetzt ist das Handy wirklich repariert.
(Kathrin Passig)












