17. und 18. Juni 2025
Das gibt es also immer noch. Wie in den 90er Jahren!
Ich bin auf einem Mailverteiler einer Partei zu einem spezifischen Thema, von dem ich nicht glaube, dass ich mich dafĂŒr wirklich angemeldet habe.
An diese Liste schreibt am 17. Juni jemand eine kurze Einladungsmail. Es geht um ein Arbeitstreffen (online).
Eine Dreiviertelstunde spÀter möchte sich die erste Person vom Mailverteiler abmelden und teilt das allen mit.
Zwei weitere möchten das auch.
Dann schreibt eine vierte Person: "Hallo zusammen, bitte antwortet nicht auf diese E-Mail â eure Nachricht wird sonst an die gesamte Mailingliste gesendet. Wenn ihr euch abmelden möchtet, klickt einfach auf den Link am Ende dieser E-Mail oder direkt hier ..."
Die nĂ€chste Person zitiert diese Mail vollstĂ€ndig und schreibt in der Zeile darĂŒber: "Mich bitte ebenfalls, danke!"
Drei weitere Menschen möchten die Liste verlassen und teilen das allen mit, aber immerhin, ohne die Mail mit der Anleitung zu zitieren.
Dann kommt wieder jemand Hoffnungsvolles: "Guten Morgen, bitte hört auf, an den Verteiler zu schreiben. Unten ist ein Link, wo ihr Euch austragen könnt. Ich habe das schon gemacht, scheint nicht zu funktionieren. Irgendwie ist das Ding kaputt. Einfach aufhören zu schreiben bitte, oder direkt an die (...) schreiben."
Ein weiterer Abmeldungswunsch an alle, dann schreibt eine Person: "Schwierig, wie ihr hier gerade mit Daten umgeht." Oh, habe ich was ĂŒbersehen? Stehen etwa auch noch alle Mailadressen im CC-Feld? Aber nein, alle Mails gehen nur an die Adresse des Mailverteilers. Die Mailadressen der Leute auf der Liste werden nur bekannt, wenn diese Leute allen auf der Liste schreiben.
Drei weitere "Mich bitte auch!"-Mails, zum Teil mit langen Zitatketten der vorangegangenen "Mich bitte auch!"-Mails.
Dann: "Hallo, was ist denn hier schief gegangen - ich bekomme Mails mit der Bitte um Abmeldung vom Verteiler⊠Die sollen sicher nicht bei mir landenâŠ"
FĂŒnf weitere AbmeldewĂŒnsche, dann: "Könnt Ihr Euch bitte einfach auf der Webseite abmelden?! Ihr produziert Spam ohne Ende."
FĂŒnf neue Protestmails, darunter wieder ein "Datenschutzmissbrauch"-Vorwurf, dann schlĂ€gt jemand vor: "Maybe also learn not to 'reply all' as well?" Zweimal. An alle. ("Reply all" ist gar nicht das Problem, es handelt sich um eine Mailingliste, wie man auch deutlich am Namen sieht. Diese zwei Mails sind nur deshalb auch wieder an alle gegangen, weil der Absender die Liste ins CC gesetzt hat.)
FĂŒnfzehn weitere AbmeldungswĂŒnsche, dann wieder: "Bitte bitte nicht mehr an die ganze Liste. Ich habe heute bereits 30 Mails gelöscht. Bitte hört doch auf damit." An die ganze Liste.
Es kommen noch ein paar Beschwerden, dann findet offenbar doch jemand heraus, wie sich das Problem zentral beheben lÀsst. Jedenfalls ist jetzt Ruhe.
Zuletzt hat Thomas Wiegold 2018 ĂŒber dieses PhĂ€nomen berichtet: "Der Spam bist du". Leider haben wir keine Ă€lteren FĂ€lle dokumentiert, aber ich war dabei und es war vor dreiĂig Jahren schon exakt genauso. Es gibt offenbar genĂŒgend Menschen auf der Welt, und es wachsen genĂŒgend neue nach, dass immer wieder welche zum allerersten Mal in diese Situation geraten. In dreiĂig Jahren wird es immer noch so sein. Wenn nachts im Hof LĂ€rm gemacht wird, brĂŒllen ja auch immer noch Leute aus den Fenstern, dass andere Menschen schlafen wollen.
(Kathrin Passig)
















