Wie ein Bösewicht sitze ich in der Bibliothek und atme die Luft am Boden des lichten Raums. Eine hohe Decke, Pfeiler stützen ein Blasen werfendes Dach aus gefasertem Beton. Eine Stimmung gibt es nicht, das Licht zeigt herunter auf die Tische, es beugt meinen Kopf, ein Gewicht legt sich auf meine Nackenwirbel: ein Schal. Ich befinde mich in einer Kaserne. Ich bin freiwillig hier, niemand hat mich kaserniert. Mein Hiersein erfüllt keine Zweck, ich hintergehe die Funktion der Bibliothek - man merkt es daran, dass ich darüber nachdenke, dass ich in dieser Kaserne nach Figuren suche, die einen Körper, eine Geschichte und eine Stimme haben: ein Gesicht. Die Bücher interessieren mich nicht. Die niedrigen Regale bedeuten nichts, das Gebäude ist viel zu groß, die Decke viel zu hoch, als dass es hier um Bücher gehen könnte. Also blicke ich mich laufend um, als wäre mein Aufenthalt in Wirklichkeit geheim. Ich versuche in mich zu gehen, doch beim Gedanken an meine Schädeldecke breche ich durch sie hindurch - wieder in den Raum.
Der Teppichboden hat die Farbe von altem Fleisch und eine Textur wie die Innenseite von Leder. Ich blicke mich zu oft um und verdächtige mich selbst des Verdächtigseins. Ich wälze keine Bücher, der Tastenanschlag meines Computers bringt das Wasser in meiner Flasche zum Schwingen, ich beobachte es sehr genau. Kleine Blasen, Magma aus den Kammern der Erde. Ausgestellt sitzen die Menschen an den Tischen, die ihnen die Stiftung des preußischen Kulturbesitzes bereitgestellt hat. Kürzlich wurde die obligatorische Nutzungsgebühr erlassen und nun sind auch wir im Besitz dieser Stiftung, als Exponate. Seltsam, denn ich bin plötzlich wie ausgeliefert und sehe mich schon selbst mit Backenbart, mit spitzem Helm und Epauletten am Ende einer Kette aus Gewalt, die oft genug bewiesen hat, dass sie das Zeug hat ganze Kontinente in Schutt und Asche zu legen – ich möchte schon aufstehen und… aber überall sitzen zischende Bibliotheksaufseherinnen und ich bin ja bereits verdächtig genug: das Maß ist bald voll. Ich sehe an mir herunter, harte Hände wachsen aus einem schwarzen Pullover heraus. Die Kultur, die Preußen jetzt besitzt ist schwach. Ich diktiere nichts, ich habe keinen Adjutanten oder Attaché. Ich unterzeichne keine Befehle. Ich schreibe nur, um die Wärme der Laptoptastatur mit meinen Händen aufzusaugen. Meine Hände als kleine Salamander im Garten, die schwerelos über die warmen Steine einer Mauer in der Mittagssonne rasen.
An meinem Gürtel ist kein Degen angebracht. Ich denke kaum an andere Länder, ich möchte nirgendwo einmarschieren und niemanden bestehlen. Ich möchte die Sachen der Anderen nicht in Museen sammeln und ich möchte sie auch nicht in gut beleuchteten Vitrinen ausstellen. Ich möchte niemanden verschleppen. Ich möchte das Andere zwar katalogisieren, aber nur solange das Andere und ich unter der selben Anschrift zu finden sind. Ich denke mir andere Länder aus, soviel ist wahr. Ich denke mir Amerika aus und Indien, ich denke mir das Weltall aus, als wäre es ein Land, doch ich reise nicht, sondern benutze nur Ferngläser und Teleskope. Ich bleibe an Ort und Stelle und werde dennoch nicht dick. Ich kenne meinen Platz. An Klaustrophobie leide ich nicht, die Enge meiner Wände Zuhause beruhigt mich und ich wünschte die Dimensionen meines Körpers wären mir ähnlich genau bekannt. Ein paar Meter als Quadrat, ein paar Meter im Kubik. Hier endet, dort beginnt. Du und ich.
Das Innere von Gebäuden beruhigt mich, doch ihr Äußeres erschreckt mich. Ihre Höhe macht mich nervös, doch ihre Tiefe ist wie ein Bett, in das man sich legen kann, wenn man friert. Die Textur von Steinen lenkt mich auf angenehme Weise ab, wie Holz es tut oder Haut. Glatte Oberflächen erinnern mich an mich selbst und ich werde unruhig. Ärger wird es, wenn sie spiegeln. Der Sinn von Glas erschließt sich mir nur bis Sonnenuntergang, der von Stahl fast nie.
Ich vermute die eigentlichen Bücher befinden sich in einem verborgenen Raum unter der Bibliothek, wo sie sicher sind vor Wasser und Licht und der Gewalt unachtsamer Hände. Einen Besitz muss man gut bewachen, das haben die großen Einbrüche der letzten Zeit gezeigt. In einem sanften Moment denke ich mich selbst als Teil eines Juwelenamuletts und dann sehe ich keine Menschen mehr an ihren Computern um mich herum, sondern Smaragde und Safire und Broschen aus glänzendem Metall, die einmal ein Goldschmied in die Form eines Menschen gebracht hat, und jetzt sind wir hier alle in diesem Gewölbe und ein Wachmann kontrolliert unten die Eingänge, damit nichts verloren geht, damit nichts verschwinden kann, wie damals bei Salinger ein Wächter in einem Feld aus Roggen.